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"International Slut": Li Maizi ist die lauteste feministische Stimme Chinas

"Wir sind alle Schlampen und wer sich so anzieht, muss sich nicht wundern, wenn er vergewaltigt wird? Schwachsinn!"
27.3.17
Li Maizi on the Million Women Rise march. All photos by Tamara Micner

Im März versammelten sich tausende Demonstranten in London, um im Rahmen der Proteste zu "Million Women Rise" gegen geschlechtsspezifische Gewalt zu demonstrieren. Unter ihnen war auch die chinesische Feministin Li Maizi. Gemeinsam mit ihren Freunden ist sie in die englische Hauptstadt gekommen, um mit ihren Mitstreiterinnen auf die Straße zu gehen.

Gegen Mittag haben sich die 15 chinesischen Studenten, Aktivisten und Künstler vor einem Londoner Kaufhaus verabredet. Auf den handbemalten Plakaten und bestickten Bannern, die sie dabei haben, stehen Parolen wie "International Sluts United" und "Ich möchte deine feministische Stimme hören".

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Li kommt aus Beijing. Es ist ihr erster Besuch in Großbritannien, den sie auch dazu genutzt hat, um vor drei britischen Universitäten zu sprechen und auf die Arbeit feministischer und queerer Aktivisten in China aufmerksam zu machen. Sie st eines der bekanntesten Gesichter dieser Bewegungen.

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Als Mitglied der Feminist Five landete Li 2015 gemeinsam mit Wang Man, Wei Tingting, Wu Rongrong und Zheng Churan für 37 Tage in Haft. Grund dafür war, dass sie am Weltfrauentag Sticker gegen sexuelle Belästigung im öffentlichen Nahverkehr von Beijing, Guangzhou und Hangzhou verteilen wollten. Dazu kam es allerdings nie. Die Regierung hatte die jungen Aktivisten bereits vorab festgenommen, da der Weltfrauentag mit zwei anderen großen Regierungskonferenzen zusammenfiel, die in der Regel mit noch strengeren Einschränkungen gegen die öffentliche Meinungsfreiheit einhergehen.

Zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung war Li gerade 25 Jahre alt. Sie musste mehr als 50 Befragungen über sich ergehen lassen. Außerdem mussten ihre Eltern zehn Tage lang in das Haus ihrer Tante ziehen. Geld und emotionale Unterstützung bekamen ihre Eltern lediglich von Lis Freunden.

Obwohl wir aus einem ganz anderen Umfeld stammen, müssen wir Solidarität zeigen.

"Als ich wieder freigelassen wurde, war ich so wütend wegen dem, was sie meinen Eltern angetan haben", sagt sie. Li musste lange Überzeugungsarbeit leisten, um ihren Eltern ihr politisches und gesellschaftliches Engagement nahezubringen. Sie waren einfache Bauern, bevor sie in die Stadt zogen, um in einer Lebensmittelfabrik zu arbeiten. Ihr Vater ist mittlerweile arbeitslos.

Li Maizi (rechts) mit anderen chinesischen Demonstranten auf dem Million-Women-Rise-Protest. Alle Fotos: Tamara Micner

Li hat einen kurzen asymmetrischen Haarschnitt und einen Undercut. Ihr Leben als Aktivistin macht ihr Spaß – was nicht bedeutet, dass sie das Ganze nicht sehr ernst nimmt. Während der Demonstration führt sie die Sprechchöre ihrer Gruppe an, obwohl sich ihre Pollenallergie bemerkbar macht. (Die Luftverschmutzung in Beijing macht ihr hingegen nichts aus.) Sie ist froh, als ihr ein ehrenamtlicher Helfer ein Mikrofon reicht. Auch in den sozialen Medien ist Li extrem aktiv. Im Ausland nutzt sie das verfügbare WiFi oder die mobilen Hotspots von den Handys ihrer Freunde. Auf Fotos post sie gerne wie Rosie the Riveter; zur Gay Pride Parade in New York kam sie im vergangenen Jahr oben ohne. Sie selbst identifiziert sich als lesbisch und bezeichnet sich gerne als "international slut".

Als sie in Haft saß, gab es eine internationale Kampagne von Unterstützern aus der ganzen Welt. Das hat ihr gezeigt, wie wichtig es ist, Solidarität zu zeigen. Li selbst unterstützte vor Kurzem eine irische Aktivistin, die sich – inspiriert von den polnischen Protesten – für das Recht von Frauen auf Abtreibung einsetzte. "Obwohl wir aus einem ganz anderen Umfeld stammen, müssen wir Solidarität zeigen", ist sie überzeugt.

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Schließlich sind Aufklärung über Geschlechtsspezifische Gewalt, reproduktive Rechte und der Kampf gegen "Slut-Shaming" für sie feministische Kernziele, die alle Frauen auf der Welt betreffen. Die Verbindung zwischen Slut-Shaming und Gewalt gegen Frauen sieht sie allerdings insbesondere in China als "ernstzunehmendes Problem".

"Wir müssen darüber sprechen", sagt sie. "Slut-Shaming hält uns davon ab, über unsere Erlebnisse [mit Gewalt] zu sprechen. Wir sind alle Schlampen und wer sich so anzieht, muss sich nicht wundern, wenn er vergewaltigt wird? Schwachsinn!"

Als die Vergewaltigungsfälle an der amerikanischen Stanford University bekannt wurden, demonstrierte Li ihre Solidarität mit den Opfern. Während Aktivist_innen in den USA, Deutschland und anderen Teilen der Welt offen auf die Straße gehen und protestieren können, wird ihr und ihren chinesischen Mitstreiter_innen diese Chance verwehrt.

"In China werden solche Geschichten totgeschwiegen. Die meisten Menschen versuchen, allein damit fertig zu werden", erzählt sie. Sie glaubt allerdings, dass es nach und nach sicherer wird, über solche Erlebnisse zu sprechen.

Li Maizi identifiziert sich selbst als homosexuell und bezeichnet sich als "international slut".

In ihrer Heimat sei es zwar problemlos möglich, die Politik anderer Lände zu kritisieren. Sobald man sich dem eigenen Land gegenüber kritisch äußert, wird es allerdings schwierig. Die chinesische Regierung hätte zwar die geschlechtsspezifische Gewalt in Indien kritisiert (darunter auch die Gruppenvergewaltigung in Neu Delhi im Jahr 2012), gleichzeitig aber ähnliche Vorfälle, die es in China gibt, totgeschwiegen, sagt Li. Gleichzeitig ist China auch in Sachen reproduktive Rechte recht speziell. Unverheiratete Frauen beispielsweise werden zu Schwangerschaftsabbrüchen ermutigt, weil sie ihr uneheliches Kinde nicht offiziell melden können. Außerdem gibt es immer wieder Meldungen über Zwangsabtreibungen bei verheirateten Frauen, die bereits zwei Kinder haben. Grund dafür ist die Zwei-Kind-Politik des Landes.

Lis Karriere als Aktivistin begann 2012. Sie studierte damals gerade Verwaltungslehre an der Chang'an Universität in Xi'an. Ihr Engagement fing unter anderem damit an, dass sie eine Herrentoilette in ihrer Universität besetzte und einen "Blutbräute"-Protest organisierte. Angelehnt an die Aktionen von Feministinnen in der Türkei, zogen sich Li und zwei andere junge Frauen rot verschmierte Hochzeitskleider an und liefen 20 Minuten lang über die Qianmen-Straße (ganz in der Nähe des Tian'anmen-Platz). Mit ihrer Aktion wollten sie auf häusliche Gewalt aufmerksam zu machen. Auf ihren Schildern stand: "Liebe ist keine Entschuldigung für Gewalt."

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Nach ihrer Freilassung 2015 dachte sie kurz darüber nach, ihr Leben als Aktivistin hinter sich zu lassen. Sie entschied sich weiterzumachen, auch wenn ihr diese Entscheidung nicht leicht fiel. "Ich hatte keine Wahl. Wenn man einfach nur zusieht und nichts tut, fühlt man sich absolut machtlos."

Als junge homosexuelle Frau, die bereits in Haft saß und nicht im privaten Sektor arbeiten möchte, muss Li allerdings immer wieder überlegen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Ein Problem, das viele junge Aktivistin in China kennen.

"Das ist ein echtes Problem", sagt sie. "Es gibt so viele Prinzipien, die einem sagen, wie man eine Feministin ist und wie man feministisch lebt, aber was bleibt, ist die Frage: Wie soll man das alles finanzieren?"

Liebe ist keine Entschuldigung für Gewalt.

Während dem vierstündigen Marsch ruft die Gruppe immer wieder Parolen in Mandarin und Englisch und zieht damit die verwunderten Blicke anderer Demonstranten und chinesischsprachiger Passanten auf sich. Inmitten der Sprechchöre gegen geschlechtsspezifische Gewalt und für sichere Straßen, rufen Li und ihre Freunde: "Solidarity, power", "Chinese sluts!" und "Women of China: power, power, power!"

Ihr Besuch in England kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Die chinesische Regierung hat vor Kurzem die Webseite Feminist Voices gesperrt. Das alternative Medium hat mehr als 100.000 Follower auf Weibo (einer Microblogger-Seite, die mit Twitter verlinkt ist) und ist mittlerweile schon seit mehr als einem Monat offline. Li vermutet, dass die Seite erst nach Ende der jährlichen Sitzung der Regierung wieder reaktiviert werden wird.

Sie hat allerdings auch beobachtet, dass immer mehr Frauen in China versuchen, ihre eigenen Communities auf Weibo aufzubauen – ein echter Fortschritt. Zudem wächst das Bewusstsein der Menschen dafür, dass geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt falsch sind. Auch wenn das Gesetz gegen häusliche Gewalt, dass im vergangenen Jahr nach jahrzehntelangem Kampf verabschiedet wurde, bisher noch nicht richtig zu greifen scheint.

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Nach ihrem ersten Besuch in Großbritannien hofft Li, im nächsten Jahr wiederkommen zu können. Sie möchte dabei helfen, eine Ausstellung über zeitgenössische feministische Kunst in China zu organisieren. Unterstützt wird sie dabei von Jiemei (mandarin für "Schwestern"), einem neuen feministischen Kollektiv aus Aktivisten, Künstlern und Akademikern in Großbritannien.

Als die Demonstration den Trafalgar Square erreicht und sich die Gruppe langsam auflöst, setzen sich Li und ihre Freunde zum ersten Mal an diesem Nachmittag hin, um zu essen, zu rauchen und ein paar Fotos zu machen. Ihr letzter organisatorische Akt wird es heute sein, einen Tisch zu reservieren: Sie wollen Fondue essen gehen.