Sex machina

Eine App macht es Frauen jetzt möglich, sich selbst oral zu befriedigen

Natürlich haben wir sie ausprobiert.
10 April 2017, 7:00am
Foto vía O-Cast

Hätte man mich vor Kurzem noch gefragt, ob meine hypothetischen Kinder irgendwann mal dazu in der Lage sein werden, sich selbst oral zu befriedigen – ich hätte ganz entschieden mit "Nein" geantwortet. Klar, der technische Fortschritt ist beeindruckend, aber so rund 200 Jahre hätte ich dieser Art von Innovation dann doch noch gegeben. Wenn wir dann nicht alle schon von den Auswirkungen des Klimawandels dahingerafft wurden. Umso größer war meine Überraschung, als ich herausfand, dass es diese Technologie schon längst gibt.

O-Cast wurde im März vorgestellt und soll es Frauen ermöglichen, dem sogenannten Lovense Bluetooth Lush Vibrator (der speziell auf Oralsex ausgelegt ist) mithilfe ihres Smartphones und ihrer Zunge genau zu sagen, wie ihr Vibrator sie "lecken" – beziehungsweise wie er sich auf ihrer Klitoris bewegen – soll. Als ich mir die Beschreibung der App zum ersten Mal durchgelesen habe, habe ich die guten Neuigkeiten in einem Ordner mit dem Namen "Erfindungen, die keiner braucht" abgelegt. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Die Vorstellung, dass sich mein Vibrator so bewegen könnte, wie ich es mir von einer Zunge oft genug gewünscht habe, ließ mich nicht los.

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Unzählige Male habe ich mich darüber beschwert, wie unbeholfen viele Männer beim Oralverkehr sind. Nun bekam ich die einmalige Gelegenheit herauszufinden, ob ich denn überhaupt selbst wusste, was mir gefällt. Würde der Oralsex mit mir selbst am Ende vielleicht sogar besser sein als mit einem Mann? Könnte ich dadurch endlich den Mut finden, Männern den Laufpass zu geben, wenn es ihnen an Respekt mir gegenüber fehlt? Vielleicht würde es mir zumindest dabei helfen, in Zukunft klarer kommunizieren zu können, was mich anmacht und was nicht. In jedem Fall ging ich davon aus, dass diese Erfahrung meine Sicht auf die Welt komplett verändern würde.

In den vergangenen Jahren habe ich bestimmt hundert Berichte darüber gelesen, dass Handys voller Keime und Bakterien sind – vor allem Fäkalbakterien. Also habe ich mir vorab die Zeit genommen, um meinen Bildschirm mit einem Handdesinfektionsmittel gründlich abzuschrubben. Dabei musste ich allerdings aufpassen, dass die Flüssigkeit nicht in die Ritzen meines Handys läuft. (Abgesehen davon, dass es äußerst frustrierend gewesen wäre, wenn mein Handy schon in der Vorbereitungsphase kaputt gegangen wäre, wäre es wohl auch relativ schwierig gewesen, meiner Versicherung zu erklären, was passiert ist.)

Als nächstes ging ich auf die Webseite von O-Cast. Dort kann man das Bewegungsmuster einspielen, das später an der Vagina zur Anwendung kommen soll. Eine alte Weisheit besagt: "Man muss einfach nur das Alphabet mit der Zunge schreiben." Das mag zwar ein solides Leitprinzip sein, berücksichtigt allerdings weder die Tempowechsel, noch die Größe der Buchstaben – um bei dem Alphabet-Modell zu bleiben –, die guten Oralsex so unvergesslich machen. Ich begann, meine Zunge sanft auf den Bildschirm zu pressen und abwechselnd große und kleine Kreise zu ziehen. Dabei wurde ich mal schneller, mal langsamer und baute als kleine Zugabe noch ein paar Schnörkel ein.

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Dem ersten Bewegungsmuster gab ich den verführerischen Namen "erster Versuch". Anschließend wurde ich von der Webseite gefragt, ob ich noch ein Foto zu der Datei hochladen möchte. Ich schoss also noch schnell ein Foto von der Chipspackung, die auf meinen Bett lag, bevor ich meine einminütige Zungenakrobatik über die Lovense-Body-Chat-App auf meinem Vibrator lud. Mit der App kann man übrigens nicht nur seine eigenen Bewegungsmuster hochladen, sondern auch die anderer Menschen – zum Beispiel von Pornostars. Die Sequenzen können zwischen fünf Sekunden und fünf Minuten lang sein. Was man in dieser Zeit macht, ist jedem selbst überlassen. Man kann das Bewegungsmuster auch in Endlosschleife laufen lassen, sodass es wiederholt wird, bis man zum Höhepunkt kommt.

An einen Orgasmus war für mich allerdings noch nicht zu denken. Erstmal blödelte ich nämlich rund 20 Minuten mit dem Vibrator rum, der aussieht wie ein unförmiges U. Das breite Ende wird so eingeführt, dass es den G-Punkt berührt, während das schmalere Ende wie eine kleine Antenne aus der Vagina zeigt und in einem runden Bogen auf der Klitoris endet. Endlich war ich so weit. Ich drückte Play, um meinen "ersten Versuch"abzuspielen. Da man über die App auch die Geschwindigkeit steuern kann, fühlte sich das Ganze überraschend gut an: schnell schnell schnell schnell, ein wenig langsamer, ein wenig langsamer, ein wenig langsamer, ein wenig langsamer, schnell schnell schnell schnell schnell schnell, LANGSAM, LANGSAM, LANGSAM, schnell schnell schnell SCHNELL. (Einem Menschen die richtige Geschwindigkeit vorzugeben, ist sehr viel schwieriger.)

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Dann entdeckte ich allerdings eine Funktion, die das Ganze noch interessanter machte: Man kann die Bewegungen über die Lovense-App auch aufnehmen, während man den Vibrator verwendet. Das Ganze funktioniert genauso wie die Funktion von O-Cast und reagiert auch auf die Zunge, obwohl es eigentlich nur für Finger gedacht ist. Ich konnte also eine Sequenz auf dem Bildschirm lecken und in Echtzeit an meiner Vagina spüren. Das hat mich mehr angemacht, als erwartet.

Wer sich jetzt Sorgen macht, dass sich Roboter nicht nur über die Menschheit, sondern auch über die Liebe erheben könnten – eine berechtigte Sorge, wenn man bedenkt, dass mich alle meine Vibratoren mindestens fünfmal schneller zum Höhepunkt bringen als ein Mensch –, der kann beruhigt sein: Die Vorrichtung macht die menschliche Zunge noch nicht komplett überflüssig. Das liegt auch daran, dass der Vibrator nicht so angenehm feucht ist wie ein Mund. Daran kann auch eine dicke Schicht Gleitgel nichts ändern. Außerdem sind Zungen um einiges treffsicherer und arbeiten mit unterschiedlichem Druck. Das schafft der Vibrator nicht – zumindest noch nicht.


Foto: Skeyndor Cosmética Científica | Flickr | CC BY-SA 2.0