Ernährung

Forscher wissen, was dein Lieblingsessen über deine Persönlichkeit aussagt

Du bist, was du isst—an dem Werbespruch, der jahrzehntelang von Ernährungsgurus und Frauenzeitschriften ausgeschlachtet wurde, könnte tatsächlich etwas dran sein.
26.9.16
Foto: YellowBecky | Flickr | CC BY-ND 2.0

„Wenn man mal drüber nachdenkt, dann haben wir seit Anbeginn der Menschheit die meiste Zeit über einfach gegessen, was uns zur Verfügung stand", sagt John Hayes, Professor für Ernährungswissenschaften an der Pennsylvania State University. „Wenn wir nicht gegessen haben, was uns zur Verfügung stand, dann haben wir entsprechend der vorherrschenden Kultur gegessen. Man muss nur mal an die 50er-Jahre denken: Da hättest du vermutlich überwiegend Kartoffeln mit zerkochtem Spinat und Ei gegessen."

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„Heute", sagt er weiter, „bekommst du an jeder Ecke Chicken Tikka Masala."

Verfügbarkeit, Kultur und Gewohnheiten sind wichtige Faktoren, die einen entscheidenden Einfluss darauf haben, was wir essen. Eine Handvoll Studien hat über die vergangenen Jahre aber auch festgestellt, dass Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, was in unserem Magen landet.

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Scharf heißt risikobereit

Laut der Forschungsergebnisse von Hayes (der seit über 20 Jahren ein bekennender Chili-Fan ist) und Nadia Byrnes, einer ehemaligen Absolventin der Pennsylvania State University, bestellen sich Leute, die auf Nervenkitzel abfahren und bei Partys gerne im Mittelpunkt stehen, ihr Hühnchen nach Möglichkeit am liebsten mit der schärfsten Sauce. Hayes und Byrnes haben in zwei unterschiedlichen Studien untersucht, welche Rolle die Persönlichkeit beim Verzehr von scharfem Essen spielt.

In der ersten Studie, die 2013 veröffentlicht wurde, haben Byrnes und Hayes die Ergebnisse aus der Befragung von 97 Personen gesammelt, die die Intensität von Capsaicin (der aktiven Komponente von Chilischoten) bewertet haben. Bei der Analyse der Antworten im Abgleich mit den Ergebnissen aus einem Persönlichkeitstest stellten die beiden Forscher fest, dass Menschen, die verstärkt riskante Situationen aufsuchten (zum Beispiel Leute, die auf kurvigen Straßen gerne schnell fahren), auch mit höherer Wahrscheinlichkeit scharfes Essen mochten und aßen. Sie fanden darüber hinaus auch heraus, dass Menschen, die stärker auf positives Feedback ansprechen (Leute, die gerne gelobt werden und es lieben, zu gewinnen), wahrscheinlich auch eher scharfes Essen aßen.

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Die zweite Studie, die in diesem Jahr erschien, konnte diese Ergebnisse bestätigen und hat außerdem auch einen weiteren Punkt verdeutlicht: Obwohl Menschen, die stärker auf Belohnungen ausgerichtet sind, scharfes Essen essen, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie es auch tatsächlich mögen. Daran wird deutlich, sagt Hayes gegenüber Broadly, dass „Persönlichkeit einen Einfluss darauf hat, was wir mögen, was wiederum einen Einfluss darauf hat, was wir zu uns nehmen; unsere Persönlichkeit kann unsere Nahrungsaufnahme aber auch beeinflussen, ohne unsere Nahrungsvorlieben zu beeinflussen."

Das zeigt auch, wie multifaktoriell unsere Nahrungsmittelauswahl ist, sagt er. „Dabei geht es nicht nur darum, was wir gerne essen, sondern auch um die Kultur und das Umfeld unserer Ernährung."

Genießt euren Gin & Tonic, ihr Psychopathen. Symbolfoto: cyclonebill | Flickr | CC BY-SA 2.0

Ziemlich süß

2011 hat eine weitere Gruppe von Forschern untersucht, ob begriffliche Metaphern—beispielweise fürsorgliche Menschen, die als „süß" bezeichnet werden—tatsächlich einen Einblick in die Persönlichkeitsprozesse eines Menschen geben können. Hierfür wurden fünf verschiedene Studien durchgeführt, durch die unter anderem auch festgestellt werden sollte, ob die Teilnehmer bereit waren, ohne Vergütung an einer weiteren Studie teilzunehmen. Die Forscher fanden dabei heraus, dass Menschen, die Süßes wie Bonbons, Karamell und Schokoladenkuchen mochten, tendenziell dazu neigten freundlich und mitfühlend zu sein—zuckersüß eben!

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„Menschen mit einem hohen Maß an Verträglichkeit mochten süßes Essen lieber als Menschen mit einem niedrigen Maß an Verträglichkeit", schreiben die Autoren, „und—was vielleicht noch wichtiger ist—: Diese Präferenzen für süßes Essen ließen Voraussagen auf die im Labor gemessenen prosozialen Verhaltensweisen zu [die da wären: Hilfsbereitschaft, Bereitschaft zu Teilen und ehrenamtliche Tätigkeiten]."

Bei Menschen mit einer Vorliebe für schwarzen Kaffee, Tonic Water und Rettich ist die Wahrscheinlichkeit dagegen höher, dass es sich um Psychopathen handelt. Österreichische Forscher haben im vergangenen Jahr eine Arbeit veröffentlicht, für die insgesamt fast 1.000 Menschen befragt wurden. Dabei stellten die Forscher fest, dass Menschen, die bitteres Essen und bittere Getränke bevorzugten, wahrscheinlich eher anti-soziale Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Das heißt, sie neigen eher dazu, manipulativ, hartherzig und/oder unsensibel zu sein.

Eine generelle Präferenz für bitteres Essen ist, wie sich herausgestellt hat, ein Prädikator für Machiavellismus, Psychopathie, Narzissmus und gewöhnlichen Sadismus.

„Eine generelle Präferenz für bitteres Essen ist, wie sich herausgestellt hat, ein Prädikator für Machiavellismus, Psychopathie, Narzissmus und gewöhnlichen Sadismus", schreiben die Autoren der Studie. „Die Ergebnisse der Studie legen außerdem nahe, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Faktoren gibt; das heißt, wie sehr eine Person bitteres Essen oder bittere Getränke mag, zeigt, wie düster ihre Persönlichkeit ist."

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen

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Alan Hirsch ist Neurologe und Psychologe der Smell & Taste Treatment and Research Foundation in Chicago und spezialisiert auf die Behandlung von Menschen, die ihren Geschmacks- und Geruchssinn verloren haben. Er versucht seit Jahren, einen Zusammenhang zwischen Geschmackspräferenzen und Persönlichkeitsmerkmalen herzustellen. Obwohl er sich mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen noch ganz am Anfang befindet, hat er bereits zahlreiche Bücher zu diesem Thema geschrieben, unter anderem What Flavor ist Your Personality. Wie Hirsch sagt, haben er und sein Team die Geschmackspräferenzen und Persönlichkeitsprofile von mehr als 18.000 Menschen untersucht und nutzen diese Informationen nun, um einen Zusammenhang herzustellen—von unsere Lieblingssnacks und Frühstücksgewohnheiten bis hin zu unseren Lieblingseissorten.

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„Im Grunde spiegelt alles, was wir tun, unsere zugrundeliegende Persönlichkeit wider—in welche Richtung wir unseren Scheitel kämmen, welche Farbe unsere Krawatte hat, welche Schuhe wir tragen und sogar, was für ein Auto wir fahren", sagt Hirsch gegenüber Broadly. „Die Frage ist nur: Sind wir schlau genug, um herauszufinden, was das bedeutet? Im Prinzip versuchen wird genau das mit Nahrungsmittelpräferenzen."

Warum das, was wir essen, so viel über uns aussagt, sagt Hirsch, könnte möglicherweise durch unsere Chronologie erklärt werden. „Unsere Persönlichkeit entwickelt sich im Alter von null bis sieben Jahren. In derselben Zeit entwickeln sich auch unsere Nahrungsmittelpräferenzen", sagt er.

Im Grunde spiegelt alles, was wir tun, unsere zugrundeliegende Persönlichkeit wider—in welche Richtung wir unseren Scheitel kämmen, welche Farbe unsere Krawatte hat, welche Schuhe wir tragen und sogar was für ein Auto wir fahren.

Er betont auch, dass sich die Teile unseres Gehirn, die für unsere Persönlichkeit verantwortlich sind und unser Geruchs- und Geschmackssystem beherbergen, in derselben Region befinden. „Anatomisch liegen sie sehr nah beieinander", sagt er. „Das macht durchaus Sinn."

Hayes, Co-Autor der Studie über scharfes Essen, ist der Meinung, dass der Zusammenhang zwischen unserer Nahrungsauswahl und unseren Persönlichkeitsmerkmalen mit dem Ausgleich der natürlichen Selektion zu tun haben könnte. „Menschen haben schon immer einem Stamm angehört", sagt er. „Wenn wir uns die Zeit ansehen, als wir noch Höhlenmenschen waren, dann zeigt sich die Evolution nicht an einer Person, sondern an einem Stamm. Wir brauchen Menschen, die zu Hause bleiben und Beeren pflücken und wir brauchen Menschen, die rausgehen und Mastodons jagen. Es ist von Vorteil, wenn wir Menschen aus beiden Gruppen in unserem Stamm haben."

„Das ist Teil des menschlichen Daseins", sagt er weiter. „Die Tatsache, dass sich das in unserer Ernährungsweise widerspiegelt, ist vermutlich gar nicht so verwunderlich."

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Foto: YellowBecky | Flickr | CC BY-ND 2.0