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Verbrechen

Eine Frau hat online dazu aufgefordert, die Neue ihres Ex zu vergewaltigen

So schockierend der Fall, bei dem tatsächlich mehrere Männer vor dem Haus des Opfers auftauchten, auch ist: Er ist nicht der erste seiner Art.

von Sirin Kale
22 Juli 2016, 7:00am

Photo by Guille Faingold​ via Stocksy

Die 29-jährige Michelle Suzanne Hadley steht in Ontario, Kanada, vor Gericht, weil sie beschuldigt wird, Straftaten begangen zu haben, die sich selbst ein Psychothriller-Autor nicht so einfach ausdenken könnte. Hadley soll die schwangere Frau ihres Ex-Freundes angeblich nicht nur gestalkt und bedroht haben, sondern gab sich darüber hinaus online auch als sie aus und postete eine Anzeige auf Craigslist, in der sie Männer dazu aufforderte, in ihr Haus einzubrechen und sie zu vergewaltigen. Besonders erschreckend ist auch, dass Hadley die Männer, die sich auf die Anzeige meldeten, mit Fotos und Details über den Alltag des Opfers versorgt und ihnen ihre Adresse mitgeteilt haben soll. Außerdem soll sie ihnen Anweisungen gegeben haben, wie sie sie missbrauchen sollen—selbst wenn sie schreit oder sich wehrt.

Laut der offiziellen Erklärung des zuständigen Bezirksstaatsanwaltes von Orange County sollen tatsächlich mehrere Männer vor dem Haus des Opfers aufgetaucht sein, um sich an ihm zu vergehen. Einer von ihnen hat die Frau sogar körperlich angegriffen. Als sie um Hilfe schrie, floh der Mann. Die Identität des Opfers wird geheim gehalten.

Michelle SuzanneHadley war zwei Jahre lang mit dem Mann des Opfers, einem US-Marshall, zusammen. Die Beziehung endete 2015. Zwischen dem 6. Juni und dem 13. Juli diesen Jahres soll Hadley dem Opfer E-Mails geschrieben haben, in denen sie drohte, die Frau und ihr ungeborenes Kind zu töten. Außerdem stalkte sie die Frau ihres Ex. Laut Aussage der Staatsanwaltschaft, soll Hadley trotz der einstweiligen Verfügung, die es ihr untersagte, das Opfer zu kontaktieren, angefangen haben, Anzeigen auf Craigslist zu posten, in denen sie Männer dazu aufforderte, das Opfer zu missbrauchen. Selbst nachdem sie von der Polizei kurzzeitig festgenommen wurde, machte sie weiter.

Die Anklage erhob in zehn Punkten Anklage gegen Hadley, darunter auch versuchter vorsätzlicher Missbrauch, Stalking und Stalking trotz einstweiliger Verfügung. Wenn sie für schuldig befunden wird, droht ihr eine lebenslange Haftstrafe.

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So erschreckend der Fall auch sein mag, die Tatvorwürfe gegen Hadley sind nichts Neues: In Großbritannien wurde die 30-jährige Joanne Berry zu sechs Jahren Haft verurteilt, nachdem sie Männer aus Online-Chatrooms dazu aufgefordert hatte, ihre Kollegin zu vergewaltigen. Obwohl tatsächlich jemand vor dem Haus des Opfers auftauchte, kam die Frau glücklicherweise aber nicht zu Schaden. Und 2010 wurde der ehemalige Marinesoldat Jebidiah James Stipe zu 60 Jahren Haft verurteilt, weil er sich online als seine Ex-Freundin ausgegeben hatte und eine Anzeige auf Craigslist schaltete, in der er Fremde dazu aufforderte, „ihre" Missbrauchsfantasie zu erfüllen—was dazu führte, dass sie vergewaltigt wurde. Vor dem Übergriff hatte sich das Opfer auf Craigslist noch wegen der Anzeige beschwert.

Symbolfoto: unsplash.com | CC0

„Das ist ganz klar ein äußerst verstörender Fall", sagt Professor Clare McGlynn von der Duham University, eine ausgewiesene Rechtsexpertin für Vergewaltigungsfälle. Ich frage sie, wie das Gesetz mit Verbrechen dieser Natur umgeht, bei denen der Angeklagte beschuldigt wird, andere zu einem Gewaltverbrechen angestiftet zu haben, ohne dass er selbst daran beteiligt war. „Sobald man eine Anzeige aufgibt und zum Missbrauch auffordert, begeht man ganz klar eine Straftat. Es ist verboten, andere zu einer Straftat anzustiften."

Was den Angreifer angeht—den Mann, der dachte, dass er sich an einer einvernehmlichen Fantasie beteiligte—, sieht die Situation von Seiten des Gesetzes düsterer aus. „Hinsichtlich des Vergewaltigers beziehungsweise des potenziellen Vergewaltigers ist es so, dass es zu keiner Verurteilung kommt, wenn die Jury glaubt, dass der Angeklagte davon ausging, dass es sich um einen einvernehmlichen Akt gehandelt hat", erklärt McGlynn. „Dennoch muss sich die Jury die Frage stellen, ob es unter den gegebenen Umständen vernünftig ist, von einem gemeinsam Konsens auszugehen, nachdem es verbale und physische Hinweise darauf gab, dass es nicht einvernehmlich war."

Eine führende britische Staatsanwaltschaft, die die Verurteilung in einem ähnlichen Fall sicherstellte, drückte ihre Bestürzung über den Fall in Ontario aus. Sie möchte jedoch anonym bleiben, wenn sie Fälle kommentiert, in denen sie selbst nicht ermittelt. „Ich dachte, dass es sich [bei dem Verbrechen, in dem wir ermittelt haben] um einen Einzelfall gehandelt hätte", sagen sie gegenüber Broadly. „Es ist sehr bedauerlich, dass dies nicht der Fall zu sein scheint."

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Ihrer Ansicht nach kommt es immer öfter zu solchen Verbrechen. „Bei Gewaltdrohungen und Belästigung handelt es sich immer um Verbrechen—egal ob sie im Internet stattfinden oder von Angesicht zu Angesichts."

Sie sagen weiter: „Menschen, die solche Verbrechen begangen haben, scheinen zu glauben, dass ihnen das Internet einen Unsichtbarkeitsumhang wie bei Harry Potter verleiht. Das ist jedoch nicht der Fall."

Ich habe Dr. Viktoria Nash vom Oxford Internet Institute gefragt, ob Webseiten wie Craigslist genug tun, um solche Verbrechen zu verhindern. Sollten wir aufhören, anonyme Plattformen wie Craigslist und Reddit zu nutzen und uns lieber an Modelle wie Facebook halten, bei denen Nutzer ihren echten Namen und überprüfbare persönliche Details angeben müssen?

Nash betrachtet das Ganze mit Skepsis und betont, dass Anonymität unabdingbar für die Geschäftsmodelle vieler Webseiten ist. „Der Druck von Leuten, die sich dagegen wehren, ist überaus groß. Das Internet wird als wichtiger Raum zur freien Meinungsäußerung betrachtet, genauso wie für anonyme Aussagen, Experimente und Identitätsspiele."

Sie vermutet, dass einige Täter die Auswirkungen ihrer Verbrechen gar nicht ganz verstehen—oder die langjährige Freiheitsstrafe, die sie erwartet. „Dabei spielt wohl auch die vermeintliche Distanz eine wichtige Rolle. Dinge, die man online tut, scheinen von einem selbst und den Menschen, denen man dadurch zu schaden versucht, vollkommen losgelöst zu sein." Aus diesem Grund erwarten viele Täter nicht, erwischt zu werden oder gehen nicht davon aus, dass ihr Handeln einen Einfluss auf die „reale Offline-Welt" hat.

Doch wie die anonyme britische Staatsanwaltschaft klarstellt, ist das weit gefehlt. „Unsere Polizei leistet sehr gute Arbeit dabei, Menschen ausfindig zu machen, die solche Dinge tun. Das wird in Zukunft hoffentlich auch weitere potenzielle Täter abschrecken."


Foto: unsplash.com | CC0

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