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Der Fall Unge: Warum ein berühmter YouTuber plötzlich Verschwörungstheorien raushaut

YouTube-Star Simon Unge wirkt in seinen neuen Videos völlig Banane. Er spricht von Chemtrails und geheimen DNA-Versuchen. Doch dahinter steht ein bekanntes Erfolgsrezept.

von Sebastian Meineck
15 März 2018, 10:58am

Unge warnt inzwischen nicht nur vor giftiger Milch | Bild: Screenshot | YouTube | Unge

Simon Unge weiß Bescheid: Wir alle leben in einer Computersimulation. Chemtrails verseuchen die Elbe. Friseure erschaffen neue Menschen aus abgeschnittenen Haaren. Milch ist Gift. Aaalles klar! Innerhalb weniger Tage hat der YouTube-Star eine Verschwörungstheorie nach der anderen rausgehauen und dabei stets noch einen draufgesetzt.

Seine neuesten Videos über Chemtrails und Friseure sind klar als Satire erkennbar, die Videos davor scheinen zumindest ernst gemeint. Unges absurdes Video "Milch ist Gift" hatte am 5. März zu spöttischen Reaktionen in den sozialen Medien geführt und landete ganz oben in den deutschen YouTube-Trends. Es folgte ein Video, in dem Unge Massentierhaltung mit dem Holocaust verglich. Wenig später war es wieder offline. Warum, das wollte der YouTuber auf Motherboard-Anfrage nicht verraten.

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Es ist unklar, ob Unge seine umstrittenen Videos von Anfang an als Satire geplant hatte. Möglich ist auch, dass der YouTuber vom öffentlichen Spott über seine Milchkonsumkritik überrumpelt wurde und das ganze nun trotzig übersteigert. Fest steht: Unge nutzt ein zynisches Erfolgsrezept, das mit der Leichtgläubigkeit und dem Voyeurismus seiner YouTube-Zuschauer spielt. Stolz schreibt er unter sein zweites Milch-ist-Gift-Video, er habe in nur einem Tag das Internet "getrollt und getriggert".

Wie die Hater-Community schimpft und wütet

Das Erfolgsrezept funktioniert so: Unge erreicht mit diesen Videos nicht, dass Zuschauer ihn schätzen und lieben, sondern dass sie ihn für einen Idioten halten – und zwar für einen unberechenbaren Idioten, dessen neueste Entgleisungen Hunderttausende nicht verpassen möchten. Die Videos mit absurden Aussagen sind dabei nur ein Teil der Show. Ein anderer Teil sind Kommentarspalten- und Twitter-Diskussionen, in denen Zuschauer ihn verspotten; es sind Reaktionsvideos anderer YouTuber und letztlich auch Medienberichte über Unges verbale Entgleisungen.

Der Grund für den Erfolg sind die Mechanismen sozialer Medien. Die Videos würden nicht so gut funktionieren, könnten sich Zuschauer nicht stets aufs Neue darüber ärgern, wütende Kommentare hinterlassen und ihre Freunde fragen, ob sie den Typen da auch für bekloppt halten. Statt einer Fan-Community entsteht auf diese Weise eine Hater-Community. Die Hater sind zwar unfreundliche, aber erstaunlich treue Zuschauer.

Unge hat die Satire teilweise gekennzeichnet, behandelt aber seine Social-Media-Kanäle nicht alle gleich. Die provokanten Verschwörungsvideos erscheinen auf seinem YouTube-Kanal "unge", begleitet mit der ironischen Videobeschreibung: "Alle Inhalte dieses Kanals sind mein völliger Ernst. Man sollte generell immer alles glauben was im Internet erzählt wird". Auf Twitter ist die Satire dagegen nicht so klar erkennbar. Dort bleibt Unge in der Rolle des Verschwörungstheoretikers und schreibt Dinge wie: "Aluhüte schützen absolut nicht vor den Chemtrails… Die sind für bestimmte Strahlen und Wellen aber wirklich unverzichtbar."

Ganz anders ist das Bild auf Unges anderen Kanälen: Auf seinem Twitch-Kanal scheint Unge ganz der Alte zu sein, ebenso auf seinem zweiten YouTube-Kanal "Ungespielt". Auch auch Nachfrage seiner Fans im Twitch-Livechat will Unge nicht näher auf das Ding mit den Verschwörungstheorien eingehen. "Ich will die Leute auf dem Ungespielt-Kanal nicht mit dem Unge-Kram nerven, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe", sagt er in einem mittlerweile nicht mehr verfügbaren Live-Video.

So setzt sich Unge als Kunstfigur in Szene

Der YouTuber Drachenlord triggert wie kein anderer negative Reaktionen seiner Zuschauer | Bild: Screenshot | YouTube | Drachenlord

In Deutschland gibt es nicht viele YouTuber, die eine so ambivalente Beziehung zu ihrer Hater-Community lange durchhalten. Das älteste Beispiel ist wohl der YouTuber Drachenlord. Bei ihm ist tatsächlich nicht klar, ob er die negativen Reaktionen seiner Zuschauer bewusst oder unfreiwillig triggert. Deutlich leichter als Kunstfigur zu entlarven ist der YouTuber Lil Lano, der sich seit Ende 2017 als Trap Rapper und Druffi inszeniert. "Bei diesem Video handelt es sich um ein Kunstprojekt", steht unter seinen Videos.

In diesem absurden Video preist die Kunstfigur Lili Lano sechs Minuten lang rote Pappbecher an | Bild: Screenshot | YouTube | Lil Lano

Der bisher erfolgreichste deutsche YouTuber dieses Genres ist dagegen Tanzverbot. Noch immer grübeln Beobachter, wie viel Tanzverbot von seiner Rolle als cholerisches Kellerkind mit Fast-Food-Faible schauspielert und wie viel davon authentisch ist. Mit Merch-Shop, Management und Musikvideo ist Tanzverbot jedenfalls längst Mainstream. Tatsächlich hat Tanzverbot auf Unges Verschwörungsvideos mit wütenden Beschimpfungen reagiert ("Unge verarscht euch!"). Das ist schon fast als Ritterschlag zu verstehen, der zeigt, dass Unge nun auch zum Kreis der Trigger-Videomacher gehört.

Tanzverbot regt sich gekonnt über Unge auf | Bild: Screenshot | YouTube | Tanzverbot

Zuschauer werden gezielt getäuscht

Wer YouTube-Erfahrung genug hat, um den Spaß zu durchschauen, fühlt sich von solchen Aktionen im besten Fall unterhalten. Andererseits spricht aus Unges neuen "Trigger"-Videos eine eher zynische Haltung gegenüber seinen Zuschauern. Denn Unge veröffentlicht die neuen Videos nicht auf seinem mehr als zwei Millionen Abonnenten starken Hauptkanal, sondern auf seinem zuvor stillgelegten Zweitkanal. Das heißt: Er will seine aktuellen Abonnenten offenbar nicht abschrecken. Aber er hat wohl kein Problem damit, die anderen Fans gezielt zu täuschen und vorzuführen. Der Erfolg solcher Trigger-Videos basiert ja darauf, dass zumindest ein Teil der Zuschauer den Äußerungen glaubt.

Und wie ein Blick in die Kommentarspalten zeigt, scheinen einige die Masche zumindest nicht sofort zu durchschauen. Ein Nutzer schreibt etwa: "Meine Fresse.... man kann auch komplett übertreiben", und ein anderer: "Also ich bin mir nicht mehr sicher, ob der Spaß macht." Auch Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo hält Unges Scherze für "schwer erkennbar" und geht von einer "Restchance" aus, dass Unge doch an Chemtrails glaube.

Was Unge von beispielsweise Tanzverbot oder Drachenlord unterscheidet: Er zeigt sich nicht bloß als schräger Vogel. Für seine Provokationen zieht Unge bekannte Verschwörungstheorien heran, über die sich tatsächlich viele Menschen den Kopf zerbrechen. Dabei nimmt er billigend in Kauf, einige Zuschauer massiv zu verunsichern. Unge verbreitet wissentlich und beharrlich Desinformation, die nur dazu dient, Reichweite zu gewinnen.

Es wäre arrogant zu behaupten, dass jeder normale Mensch eine solche Kunstfigur durchschaut. Nicht jeder hat Zeit und Lust, genau hinzusehen, und Unge hat sich über Jahre einen Ruf als authentischer Typ erarbeitet. Hätte Unge nur vorführen wollen, was ein Internet-Promi mit Desinformation alles anrichten kann – dafür hätte ein Video genügt. Inzwischen verbreitet sich auf Twitter ein Wortspiel als Reaktion auf Unges nicht gerade bildungsfördernde Videos: #ungebildet.

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