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Ich habe wie eine Touristin das Wiener Nachtleben ergoogelt

Vielen Dank an die Grazer und Mödlinger, die auf TripAdvisor Praterdome zum besten Club in Wien gemacht haben.

von Fredi Ferkova
27 März 2018, 1:15pm

Foto von der Autorin

Was sind junge Touristen in Wien? Arm. Und verloren. Die Frage, wie man überhaupt in die prekäre Lage kommt, ein junger Wien-Tourist zu werden, wird in diesem Artikel unbeantwortet bleiben. Laut qualitativen Umfragen im Travelshack sind viele Millennials auf einer generellen Europa-Durchreise und haken Wien nebenbei auf der Städteliste ab. Auch eine Möglichkeit: Die Studiengangs-Streberin aus Dortmund findet, dass Wien die perfekte Stadt für ein romantisches und historisch-lehrreiches Wochenende ist. Aber so Menschen fallen nicht in die Kategorie "Jung", sondern mehr in die Kategorie "Ich kann nicht mehr erwarten, bis ich endlich mein Seelenalter 45 Jahre erreiche."

VICE hat einen Guide mit Tipps für Wien geschrieben, den findet ihr hier. Aber gehen wir mal davon aus, dass junge Zugereiste, die man im Travelshack oder im Loco antrifft, den Guide nicht gelesen haben. Zwar gibt es noch so etwas wie Reiseführer – aber ganz ehrlich, kein Mensch unter 50 kauft sich um tatsächliches Geld einen analogen TripAdvisor. Wir leben im Zeiten des Cyberspace. 100.000 Informationen rauschen am Datenhighway an uns vorbei und kein junger Mensch trifft ohne das Internet Entscheidungen.

Aber das elektronische Superhirn ist auch nicht unfehlbar. Ein Problemfeld ist, dass psychisch ausgeglichene und junge Menschen keine Rezensionen ins Internet schreiben. Oder, dass der kollektive Geschmack recht bei Katzen (R.I.P. Keyboard-Cat) hat, aber eben nicht so sehr bei Dingen wie Musik. Siehe Charts. Deshalb versetze ich mich in die Lage eines Touristen, lösche meinen Cache und google drauf los. Wir sollten wissen, welches Bild wir in der Google-Welt abgeben. Ich habe die fiktive Figur Olga erfunden, damit ich mich im Cyberspace nicht verliere und ein klares Ziel vor den Augen habe. Olga will saufen, aufreißen und einmal cool fortgehen. Olga ist zirka 21, hat nicht unendlich viel Kohle und erwartet sich nichts vom Leben außer saufen, aufreißen und cool fortgehen.


Man kann auch spannendere Orte bereisen:


Suchwörter: "Best Bars Vienna Young People"

Foto von Isabella Khom

Irgendwie habe ich instinktiv "young people" dazugeschrieben, weil es eben auch Bars mit 15-Euro-Cocktails, gediegener Klaviermusik und alten Menschen gibt. Überall auf der Welt, aber ganz besonders in Wien, wo der Altersdurchschnitt der Touristen bei 65 liegt. Ich klicke zwei Links an, die einen jugendlichen und geordneten Eindruck machen. Auf der ersten Seite gibt es folgende Vorschläge: MuseumsQuartier, Dachboden und Schikaneder. Weitere Plätze gingen an Sand and the City und Viennas Pub Crawl, was mir psychisch zu viel wurde, deshalb konzentrieren wir uns mal auf die ersten drei.

Es gibt keine Bar im MusemsQuartier, die mir als Wienerin ad hoc einfällt und in die tatsächlich Leute hingehen. Wenn, dann kosten sie der Olga zu viel, weil im MuseumsQuartier nichts billig ist. Nicht mal der Toilettengang. Außerdem ist das MQ im Sommer – also zirka zwei Monate im Jahr – top, im Winter flop. Dachboden ist die Bar vom 25hours Hotel, die auch nicht besonders für günstige Getränke und studentische Menschen Marke "Schmusinator 3000" bekannt ist. Das Schikaneder wird unter anderem als alternativ und mit dem wahren Satz "makes every Hipster happy" vorgestellt. Wie sehr sich allerdings das Schikaneder selbst als alternativ und Hipster-Heimat sieht, konnte man an der reingebuchten JVP-Veranstaltung sehen.

Die zweite Google-Ergebnis-Seite ist von Airbnb und da jeder Millennial mehr an Airbnb-Bewertungen als an ein intaktes Pensionssystem glaubt, hat Olga das angeklickt. Empfohlen wird die Strandbar Hermann, Phil und das Europa. Die Strandbar Hermann ist tatsächlich stabil und Instagram-würdig, aber auch nur im Sommer vorhanden. Außerdem sind dort ehemalige Krocha unterwegs, was die Angelegenheit nicht immer sehr sympathisch macht. Das Phil wird auch von Wienern angepriesen, allerdings ist es mehr ein Café als eine klassische Bar. Und das Europa ist tatsächlich die Heimat von allen 30er-Feiern in Wien und auch der Ort der Tinder-Dates, die niemals ein zweites Treffen bekommen. Ein perfekter Ort für Olga.

Olga sollte in diese Bars: Im Europa kann sie nicht falsch sein, da die Saufmotivation der Menschen vielfältig ist. Das Rhiz in den Stadtbahnbögen vereint Musik und Bar ohne gezwungen zu wirken. Eindeutiger Favorit ist das Mon Ami in der Nähe der Mariahilferstraße, weil es quasi die pubertäre Schwester vom Europa ist. Wenn Olga hartgesotten ist und die Kultur kennenlernen will, sollte sie zum Beispiel in Fredis Feuerhalle. Ein charmantes, abgeranztes Wiener-Beisl mit älteren Österreichern und ihren eh unverständlichen Parolen. Und wenn man doch fliehen möchte, dann besucht man die Margaretenstraße. In dieser Hood findet man sicher eine coole Bar.

Suchwörter: "Best Clubs in Vienna"

Praterdome | Foto von der Autorin

Festhalten, die Reihung der besten Wiener Clubs auf TripAdvisor wird hart für alle Wiener. Der beliebteste Club auf TripAdvisor und somit der Club, in dem zumindest potenziell Touristen waren und den sie als exemplarisch für das Wiener Nachtleben sehen, ist der Praterdome. Ich weiß. Ein Blick in die Bewertungen zeigt: Grazer, Mödlinger und ähnliche Exoten haben den Club gut bewertet und mit Rezensions-Überschriften wie "Erfüllt seinen Zweck zum Feiern" versehen.

Nichts ist so neu und aufregend für Menschen aus Rest-Österreich wie eine fucking Großraum-Disco. Auf dem zweiten Platz ist die Why Not-Gay Bar, was ich aus hormonellen und biologischen Gründen nicht bewerten kann. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es durchaus ein stabiler Ort zum Feiern ist. Vor allem, wenn man nicht von da ist. Sonst sieht man angeblich immer die selben Gesichter. Und am dritten Platz das Fluc. Genau: Fluc und Praterdome sind in einer Liste. Wenn Olga nur wüsste.

Die Seite Viennawürstelstand geht nicht den Bewertungsweg, sondern den Vorstellungsweg. Und rankt das Elektro Gönner auf den ersten Platz, das Flex auf den zweiten und das Loft auf den dritten Platz. Sonst kommen das Celeste, der Club U und die Grelle Forelle vor. Außerdem beinhalten die Texte Informationen zu den Getränkepreisen, der Musikrichtung und dem Klientel. Meine Theorie, dass Bewertungssysteme nicht das Gelbe vom Ei sind und es sehr wohl einen Redakteur braucht, verhärtet sich zusehends. Auf jeden Fall besser, als Mödlinger, die aus simpler Nachtschicht-Nostalgie Großraumdiscos in die Top 3 fetzen. Allerdings ist das Elektro Gönner mehr Bar als Club, also viel mehr Bar. Flex und Loft haben tatsächlich ihren Charme.

Olga sollte in diese Clubs: Machen wir es kurz und schmerzlos. Für Techno geht Olga in die Grelle Forelle, oder schaut gleich auf ohschonhell. Für Pop und Erstsemestrige checkt sie das Programm im Loft oder im Celeste. Für Rock könnte sie am Freitag das U4 versuchen und sollte sie mehr auf HipHop stehen, checkt sie das Programm vom Titanic oder im Fluc.

Suchwörter: "Hook up Vienna Club"

Das Travelshack aka. Schmuseshack. Foto von Alessa Däger

Dieses Thema ist schnell abgehandelt. Wenn man nämlich diese Schlagworte in die Google-Maschine tippt, kommt eine TripAdvisor-Bewertung, die das Travelshack vorstellt. Und auch die offizielle Travelshack-Seite wird bei diesen Schlagworten am dritten Platz ausgespielt, was einfach richtig eingesetztes SEO ist. Chapeau. Und ja, das wird jeder Wiener bestätigen können: Die mit BHs geschmückte Bar ist wahrlich ein feuchtfröhlicher Traum. Wer noch mit keinem Backpacker im Travelshack geschmust hat, hat etwas im Leben verpasst. Und ich meine nicht zwingend Geschlechtskrankheiten.

Da kann Olga schmusen: Kategorie Aufriss-Schuppen ist auch das Sass, sonst schmust man eh auch im Loft oder Celeste viel. Wer es gern edler mag, sollte ins Real life Tinder of the rich and famous: Volksgarten. Das Charlie P’s ist auch ergiebig, da man dort gefühlt nur wegen dem Schmusen hingeht.

Suchwörter: "Weed Vienna"

Die Seiten, die sich mit internationaler Weed-Beschaffung beschäftigen, bieten politisch-historische Analysen. Empfohlen wird auf dieser Seite die Gegend um das Flex. Auch die Camera wird vorgeschlagen, sowie der Stadtpark. Diese Seite empfiehlt auch die Gegend ums Flex und das Museumsquartier. Auch wird gesagt, dass man bei allen großen Zugstationen an Gras kommen kann. Westbahnhof und Praterstern zum Beispiel. In der Camera war es früher mal wild, ich glaube aber nicht, dass man jetzt so leicht an Weed rankommt. Und als Wienerin bin ich gerade sehr verwundert, dass auch Dealer im MuseumsQuartier abhängen sollen.

Olga sollte hier suchen: Olga sollte ihr Leben überdenken und nicht auf ihrem Städtetrip gestresst Weed suchen und es von irgendwelchen zwielichtigen Menschen auf der Straße kaufen. Oder generell im Leben kiffen. Vor allem sollte sie nicht das Zeug kiffen, das sie an den vorgeschlagenen Orten bekommt. Olga sollte clean und legal bleiben und sich desaströs in einem der Clubs volllaufen lassen, wie alle normalen Menschen mit 21.

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