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Für Mädchen und Frauen im Iran ist Mode eine Form des Widerstands

Immer mehr iranische Frauen nehmen ihren Hidschab aus Protest ab. Eine Frau, die unter dem Scharia-Regime aufgewachsen ist, blickt zurück.

von Ari Honarvar
08 Februar 2018, 8:28am

Iranische Frauen bei einer Straßendemo am 1. Mai 1979 | Foto: Christine Spengler/Getty Images; bearbeitet

1979, als ich sechs Jahre alt war, verloren die Frauen im Iran das Recht, in der Öffentlichkeit zu singen und Fahrrad zu fahren. Der Revolutionsführer Ajatollah Chomeini hatte die Herrschaft übernommen und die strengste Auslegung der Scharia zum Gesetz erklärt. Damit halbierte er die Frauenrechte: Weibliche Nachkommen konnten nur noch die Hälfte dessen erben, was ein männlicher Nachkomme bekam. Vor Gericht galt die Aussage zweier Zeuginnen so viel wie die eines einzelnen männlichen Zeugen. Richterinnen wurden ihres Amtes beraubt.

Alle Frauen mussten fortan Hidschab tragen. In Bussen galt die Geschlechtertrennung – Frauen durften nicht im vorderen Bereich sitzen. In Schleier gehüllt saßen sie zusammengepfercht hinten und schwitzten, nur weil sie zwei X-Chromosomen hatten. Seither haben die Behörden die Sittengesetze gelockert, aber Kopftücher sind für iranische Frauen weiterhin Pflicht. Im Mai 2017 startete die Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad aus dem selbstgewählten US-Exil die "White Wednesdays": Jeden Mittwoch ruft sie ihre Mitiranerinnen auf, gegen die Vorschrift zu protestieren, indem sie ein weißes Kopftuch anlegen oder ihren Hidschab abnehmen. Die Kampagne läuft zwar seit einem Dreivierteljahr, doch erst in den vergangenen Wochen ist die Protestwelle richtig ins Rollen gekommen.

Am 27. Dezember 2017 kletterte eine 31-jährige Iranerin namens Vida Mohaved auf einen Kabelverteilerkasten in der Enghelab-Straße in Teheran ("Enghelab" bedeutet "Revolution"). Sie war unverhüllt, ihren weißen Hidschab schwenkte sie zum Zeichen des Protests an einem Stock. Kurz darauf wurde sie festgenommen, doch Fotos von ihrer Aktion machten in den sozialen Medien die Runde. Inspiriert von Mohaveds Aktion tat es ihr Narges Hosseini am 29. Januar 2018 gleich, diesmal mit einem knallroten Hidschab. Sie ist noch immer inhaftiert, ihre Kaution liegt bei umgerechnet etwa 110.000 Euro. Statt die Frauen des Iran einzuschüchtern, entfachte Hosseinis Festnahme eine Protestwelle, wie sie das Land noch nie gesehen hatte. Die Frauenproteste überschnitten sich zum Teil mit den landesweiten, wirtschaftlich-politischen Demonstrationen, die nur Tage nach Mohaveds erstem Hidschab-Protest ausbrachen. Mindestens 29 weitere Frauen sind seither festgenommen worden, der Hidschab-Widerstand hat andere Großstädte wie Shiras und Isfahan erreicht. Frauen und auch Männer im vollen Tschador haben sich angeschlossen und schwenken Kopftücher als Symbol des Protests. Manche Widerständlerinnen verbrennen inzwischen sogar ihren Hidschab.

Auf dem Schulhof kursierten Gerüchte, denen zufolge man Frauen die Lippen mit Rasiermessern abschnitt, wenn sie Lippenstift trugen.

Der Iran scheint am Wendepunkt der Sittengesetzte angekommen zu sein. Doch die jüngsten Proteste reihen sich in eine lange Geschichte des weiblichen Widerstands im Iran. Als die Sittengesetze 1979 eingeführt wurden, kamen viele Frauen zusammen, um sich dagegen zu organisieren. Darunter waren nicht nur Frauen, die bis dato unverhüllt durchs Leben gegangen waren, sondern auch Hidschabis, die den Verhüllungszwang ablehnten. Am 8. März 1979, dem Weltfrauentag, gingen in Teheran mehr als 100.000 Menschen auf die Straße. Doch es sollte das letzte Mal sein, dass Frauen unverhüllt für ihre Rechte marschierten. Danach wurde es zu gefährlich.

Ich war damals kaum alt genug, sie zu verstehen, aber die neuen Gesetze ließen mich vor Wut zittern. Ich wollte kein solches Schicksal. Ich wollte dieselben Rechte haben wie mein bester Freund. Also nutzte ich meinen Kurzhaarschnitt, um mich als Junge auszugeben. Eine Zeit lang trug ich Jungenkleidung und genoss dieselben kindlichen Freiheiten wie vor der Revolution. Doch bald erkannten mich Menschen wieder und ich musste meine Verkleidung ablegen.

Diese "Geschlechtergesetze" waren oft vage, die Strafen schienen willkürlich und darauf ausgelegt, Frauen Angst zu machen. Verstöße konnten Bußgelder nach sich ziehen – aber auch Steinigungen. Auf dem Schulhof kursierten Gerüchte, denen zufolge man Frauen die Lippen mit Rasiermessern abschnitt, wenn sie Lippenstift trugen. Persönlich begegnete ich nie einer Frau, die derart verstümmelt wurde.

Die kleine Schwester meines besten Freunds wurde von der Sittenpolizei ausgepeitscht, weil sie in der Öffentlichkeit einen Rock getragen hatte. Sie war erst ungefähr fünf und litt jahrelang unter diesem Trauma. Etwa die Hälfte der Klassenkameradinnen meiner Schwester saß damals im Gefängnis – sie hatten konterrevolutionäre Schriften besessen oder kritische Ansichten geäußert. Eine Mitschülerin meiner Schwester wurde festgenommen und ohne Strafprozess hingerichtet. Das kam häufig vor. Sie war 16.

Einige Zeit später begegnete mein Vater dem Vater des ermordeten Mädchens und fragte nach dem Grund für die Hinrichtung. Der Mann schüttelte nur den Kopf und sagte: "Das hat man uns nie gesagt."

Viele alltägliche Aktivitäten und Verhaltensweisen, wie lachen oder rennen, galten bei Frauen als unsittlich und wurden bestraft. Wie die meisten meiner Altersgenossinnen wusste ich, dass in unserem Land etwas gewaltig falsch lief. Trotzdem presste ich die Lippen zusammen, wann immer ein Lachen in mir hochblubberte, und zwang meine Füße zu gehen, auch wenn sie darum flehten, rennen zu dürfen.

Weltfrauentag im Iran | Foto: Christine Spengler/Getty Images

Etwa ein Jahr nach dem Regimewechsel griff der Irak den Iran an und entfesselte einen Krieg, in dem eine Million Menschen starb. Jeden Morgen wachte ich mit der Angst auf, Bomben könnten auf uns fallen. Es fühlte sich an, als sei der frühe Tod eine Lotterie und als hätte man uns allen gegen unseren Willen einen Lottoschein gekauft.

Angst beherrschte mein Leben. Ich hatte Angst davor, ins Visier der Sittenpolizei zu geraten. Ich hatte Angst, auf dem Weg zur Schule Leichen an Baugerüsten hängen zu sehen. Doch die größte Angst machte mir, dass ich nicht wusste, welches schreckliche Schicksal ich am meisten fürchten musste.

Als ich das Teenageralter erreichte, rebellierte ich wie viele andere Mädchen so gut ich konnte gegen die strengen islamischen Gesetze. Manche von uns lernten, wie man Molotow-Cocktails herstellt, andere schlichen sich nachts raus, um Parolen gegen das Regime an Wände zu schreiben. Auf beides stand der Tod als Strafe.

Doch bei Tageslicht war Mode unsere kollektive Geheimwaffe. Die Sittengesetze schrieben uns nicht nur weite, unförmige Kleidung vor, sondern sogar die Farben, die der Stoff haben durfte – aus Galgenhumor scherzten wir immer, dass das Regime uns Frauen zu Pinguinen machen wolle. Manchmal rollten wir also unsere Hosenbeine hoch, um bunte Socken zu zeigen, oder schoben die Ärmel zurück, um unsere Handgelenke freizumachen. Aber hauptsächlich schoben wir den Hidschab auf dem Kopf zurück, um etwas von unserem Haar zu zeigen. Wer einen Pony hatte, fischte ihn mit den Fingern unter dem Kopftuch hervor.

Wie viel Haar wir zeigten, hing davon ab, wie mutig wir uns fühlten. Manchmal waren es ein paar Strähnen. Manchmal schob ich meinen Hidschab so weit zurück, dass er kurz davor war herunterzufallen.

Wir entwickelten schnelle Reflexe. Wenn wir Streifenwagen der Sittenpolizei sahen oder strenge Blicke von konservativ wirkenden Menschen abkriegten, brachten wir den Hidschab blitzschnell wieder in Position. Ganz gleich, wie viele Horrorstorys von Festnahmen und Vergewaltigungen wir hörten, wir machten weiter mit unserem Widerstand. Vielleicht waren wir in diesem Alter besonders stur, weil alle Teenager sich ein bisschen so fühlen, als seien sie unverwundbar. Hauptsächlich aber hatten wir es satt, unser Leben in Unterdrückung abzusitzen.

Wenn Frauen im Iran ein Mode-Statement machen, verstoßen sie damit gegen das Gesetz und riskieren ihr Leben. Für sie ist Kleidung ein Werkzeug im Widerstand.

Dank der unermüdlichen Arbeit von Frauenrechtlerinnen sind die Gesetze im Laufe des letzten Jahrzehnts ein wenig gelockert worden. Frauen tragen bunte Farben und bestickte Stoffe. Die Iranerinnen nutzen jedes bisschen Spielraum, das sie den Sittengesetzen abgerungen haben, um sich kreativ auszudrücken. Manche weigern sich, im Auto ein Kopftuch anzulegen, weil das Auto schließlich ihr Privatbesitz und damit keine Öffentlichkeit sei.

Doch auf diesen erstarkten Widerstand reagieren die Behörden und selbsternannte Sittenwächter gewaltsam. Seit Monaten verüben Männer vermehrt Säureangriffe auf Frauen, die nicht ordnungsgemäß verhüllt sind. Sie schütten den Frauen die Säure ins Gesicht, um sie für immer zu entstellen. Und trotzdem kämpfen persische Frauen weiter um ihre Rechte.

Ich lebe heute in den Vereinigten Staaten, doch wann immer ich über die heutige Lage der Frauen im Iran nachdenke, erinnere ich mich, wie sich mir die Kehle zuschnürte, wenn ich mir den Hidschab unterm Kinn band. Ich erinnere mich daran, wie unbehaglich der dunkle, schwere Stoff an heißen Tagen war. Ich erinnere mich, wie ich neidisch Jungs in kurzen Ärmeln beobachtete und darüber nachdachte, wie unfair es war, dass sie diese Freiheit hatten und ich nicht.

Natürlich respektiere ich das Recht einer jeden Frau, ihr Haar zu bedecken, wenn sie das möchte. 1936, etwa 40 Jahre vor der konservativen Revolution, zwang der Herrscher Reza Schah alle Hidschabis, ihren Schleier abzulegen. Damit wollte er das Land modernisieren. Meine Großmutter war entschieden gegen diesen Eingriff in ihre Rechte und bedeckte ihr Haar stattdessen mit einem Hut. Frauenrechte sind erst Frauenrechte, wenn sie Selbstbestimmung bedeuten, und nicht progressive oder konservative Vorschriften, die Männer uns machen.

In den meisten Gegenden der westlichen Welt riskieren Frauen höchstens kritische Blicke oder Spott, wenn sie ein Mode-Statement machen. Im Iran verstoßen Frauen damit gegen das Gesetz und riskieren ihr Leben. Für sie ist Kleidung ein Werkzeug im Widerstand. Letztendlich geht es nicht nur um unser Recht, unser Haar zu zeigen. Es geht um unser Recht, vollwertige Menschen zu sein.