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Video: Bushido hat Beatrix von Storch zerlegt

"Was soll das heißen, integrierter Deutscher? Ich bin Deutscher! Lass mal integriert weg."

von Matern Boeselager
08 September 2017, 2:52pm

"Ich muss Ihnen ehrlich gestehen: Ihre Plakate sind die einzigen, die mir wirklich im Kopf bleiben." Als Bushido das Streitgespräch mit Beatrix von Storch so eröffnet, ist das erstmal ein Schock: Scheiße, er wird es wirklich tun. Er wird die AfD cool machen.

Seit Beatrix von Storch das Treffen vor ein paar Tagen auf ihrem Twitter-Kanal geteasert hat, war den deutschen Medien- und Politikfuzzis der Arsch kollektiv auf Grundeis gegangen. Denn wenn Bushido sich in Politik einmischt, dann meistens eigentlich nur, um maximal zu provozieren. Zum Beispiel, als er am Tag nach dem Attentat auf Charlie Hebdo ein Selfie im "Paris"-Sweater mit der Bildunterschrift "Bald geht's wieder rund …" kombinierte. Oder als er im Juni letzten Jahres zum zweiten Mal erklärte, er würde die AfD wählen.

Denn obwohl Bushido einer der einflussreichsten Prominenten in Deutschland überhaupt ist (auf Facebook folgen ihm fast zwei Millionen Menschen), hat er oft genug gesagt, dass er null Bock hat, für seine Worte Verantwortung zu übernehmen. Dass genau dieser Typ jetzt die AfD-Vizechefin getroffen hat, sorgte für kollektives Luftanhalten.

Falls Bushido aber jemals echte Sympathien für die AfD hatte, hat er das in diesem Video nicht gezeigt. Ganz im Gegenteil: Der Rapper hat sogar zeitweise einen guten Job dabei gemacht, die AfD-Vize auseinanderzunehmen. Und zwar mit ihren eigenen Worten: "Der Islam bedeutet Steinzeit … Mit dem Islam darf es keine Kompromisse geben. Wir müssen und werden unsere Kultur verteidigen gegen den Islam", zitiert der muslimische Rapper aus einem Interview von Storchs in der Jungen Freiheit. Und fragt dann: "Habe ich Ihnen etwas getan? Müssen Sie mich bekämpfen?"

"Das ist eine völlige Verdrehung", setzt von Storch an, und erklärt dann, dass der Islam eben "in seinen allermeisten Auslegungen" einen "politischen Herrschaftsanspruch" habe. Ihr erstes Beispiel für den zersetzenden Einfluss des Islam in Deutschland: "Dass jetzt in den Kindertagesstätten die Essenskultur umgestellt werden muss." Dann passiert Folgendes:

Bushido: "Meinen Sie jetzt die Essenskultur auf Schweinefleisch bezogen?"
Von Storch: "Das sind Beispiele, dafür, dass wir uns anpassen müssen."
Bushido: "Aber was ist denn mit Veganern? Mit christlichen Veganern? Das ist doch noch viel komplizierter!"
Von Storch: "Der Unterschied ist nur, dass die nicht den Anspruch haben, dass die ganze Küche umgestellt wird …"
Bushido: "Doch. Die Küche muss umgestellt werden für einen Veganer, für einen Vegetarier, für einen Juden – die essen nämlich auch kein Schweinefleisch. Da ist der Islam doch kein Problem!"
Von Storch: "Wir haben das Problem mit den Muslimen am intensivsten. Und wir fangen an, das Schweinefleisch direkt zu streichen. Das hat dramatische Folgen für Teile der deutschen Bevölkerung! Das gehört irgendwie mit auch zu unserer Kultur."
Bushido: "Mh, also die Kultur mit Schweinefleisch zu definieren … Es ist doch bewiesen, dass Schweinefleisch sowieso ungesund ist."
Von Storch: "Ich ess es auch nicht gerne! Also ich ess es, aber nicht besonders gerne."

Zack. Bushido hat es nach knapp zehn Minuten geschafft, den Unsinn, mit dem die AfD auf Stimmenfang geht, bloßzulegen. Natürlich ist das Schweinefleisch in der Kita kein zentrales Thema der AfD im Bundestagswahlkampf. Aber es zeigt perfekt die Methode AfD: Keine Parole ist zu dumm, wenn sie nur Ressentiments gegen Muslime schürt. Da kann man auch einfach behaupten, weniger Schweinefleisch in der Kita habe "dramatische Folgen" für die Deutschen, selbst wenn man das Zeug selbst nicht gerne isst.

Bushido lässt ihr das nicht durchgehen: "Ganz ehrlich, Frau von Storch: Sie bieten nicht wirklich eine Lösung an", fasst er zusammen. "Sie haben ein Gespür für einen gewissen Unmut, der sich im Volk breitgemacht hat, und nutzen den aus, um Ihre Prozente zu machen. Das finde ich persönlich sehr, sehr gefährlich."

Auch danach schafft es von Storch nicht mehr wirklich, ihre Punkte zu setzen. Als sie erklärt, ein großer Teil der Flüchtlinge (bei von Storch immer in Anführungszeichen) sei ausreisepflichtig und "müsse wieder gehen", fällt Bushido ihr mit "Wie kann man sowas sagen? Wie kann man als Mensch einem anderen Menschen die Hilfe verwehren?" ins Wort. Das ist zwar simpel gedacht und emotional. Als Antwort kommt von der AfD-Frau nur: "Die Gesetze haben das geprüft!" Und damit hat sich von Storch wieder erfolgreich in die Rolle der kaltherzige Alman-Tante manövriert. Die Rolle ihres Lebens, möchte man fast sagen.

Der weitere Verlauf der Diskussion ist nicht unbedingt besonders erhellend: Bushido ist meistens ein bisschen zu verliebt in seine eigene Stimme und wiederholt sich dauernd, oft reden die beiden auch einfach aneinander vorbei. Ein bisschen skurril wird es dann, als die Erzkonservative von Storch, die sonst eher auf dem tief homophoben "Marsch fürs Leben" zu sehen ist, plötzlich anfängt, den CSD hochzuhalten, weil es den ja in muslimischen Ländern nicht gebe. Oder als Bushido erklärte, "schwul" als Schimpfwort zu benutzen, sei zwar falsch, er werde es aber trotzdem wieder tun, wenn er Bock darauf habe.

Auch kein Highlight, falls Bushido sich mal als Journalist bewerben will: als er behauptete, dass kein Homosexueller je die AfD wählen würde und dann völlig überrascht war, als von Storch ihm genüsslich erklären konnte, dass die AfD eine homosexuelle Spitzenkandidatin habe. ("Wer denn?" "Frau Alice Weidel." "Kenn ich nicht. Die gibt's wirklich? Und die hat sich auch geoutet, oder sind Sie jetzt die Erste gewesen?")

In zwei entscheidenden Momenten schaffte es der Rapper aber trotzdem, die Rechtspopulistin zusammenzufalten: einmal, als sie erklärte, Morde im Namen Gottes begehen, das sei nur etwas, "was die Muslime tun". Bushido griff sich an den Kopf und rief: "Nicht 'die Muslime', bitte. Differenzieren Sie. Differenzieren Sie!" Und später, als sie forderte, dass sich eben "die" integrieren müssten und nicht "wir", wurde Bushido noch einmal wütend: "Sie sagen immer: nicht 'wir', sondern 'die'. Wenn den Leuten das jahrelang eingebläut wird, wenn die gehirngewaschen werden, dann ist doch klar, dass der Islam immer sofort negativ behaftet ist!"

Ein wirklich tiefgründiges Gespräch ist nie daraus geworden, und Bushido ist immer noch kein Musterbeispiel für einen aufgeklärten, intelligenten Bürger. Am Ende erklärte er pampig, er ginge eh nicht wählen, weil es ihm egal sei. "Alle Parteien, die da sind, haben meine Stimme nicht verdient."

Aber trotzdem: Es hätte schlimmer werden können. Bushido hat der AfD eine enorme Bühne gegeben, aber Beatrix von Storch hat auf dieser Bühne eine schreckliche Figur gemacht. Zum einen, weil sie schon sehr aus der Rolle fallen müsste, um sympathisch zu wirken. Und zum anderen, weil Bushido am Ende doch nur einen auf der Bühne duldet: eben Bushido.

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