Analyse

Warum stoppt YouTuber PewDiePie das größte Meme des Jahres erst jetzt?

Viele Wochen nach dem Terroranschlag von Christchurch will Felix Kjellberg #SubscribeToPewDiePie beenden. Es ist das richtige Statement, aber es kommt viel zu spät.

von Sebastian Meineck
29 April 2019, 1:38pm

Foto: Screenshot via YouTube aus dem Video "Ending the Subscrbie to Pewdiepie Meme" von PewDiePie

Dieses Video meint er todernst, daran lässt Felix Kjellberg, bekannt als PewDiePie, keinen Zweifel. Meist inszeniert er sich als hyperaktiver Clown und brüllt ins Mikro. Doch in seinem neusten Video lächelt der meistabonnierte YouTube-Influencer der Welt ausnahmsweise mal nicht. "Die Bewegung rund um 'Abonniert PewDiePie' hätte damals enden sollen", sagt er mit festem Blick in die Kamera.

"Damals", damit meint Kjellberg den Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch am 15. März, bei dem ein Rechtsterrorist 50 Menschen tötete. Den Anschlag filmte der Terrorist in einem Live-Video und sagte dabei auch den Satz: "Subscribe to PewDiePie". Zu diesem Zeitpunkt war der Satz schon seit Monaten ein weltweites Meme.

Hinter #SubscribeToPewDiePie steht das monatelange Wettrennen um den meistabonnierten YouTube-Kanal der Welt. Bereits 2018 zeichnete sich ab, dass der indische Bollywood-Kanal T-Series bald mehr Abonnentinnen haben würde als PewDiePies Kanal. Der schwedische Influencer machte einen Running Gag daraus, dass ihm Zuschauer beim Kampf um Platz 1 helfen sollten. Und die Fans überboten sich gegenseitig damit, PewDiePies Abozahl mit immer absurderen Aktionen nach oben zu treiben.

In Estland protestierten Fans auf der Straße mit "Abonniert PewDiePie"-Schildern. Cheerleader des litauischen Basketballvereins Žalgiris Kaunas führten einen Abonniert-PewDiePie-Tanz auf. Fans hackten weltweit Webcams und Drucker, um Opfer zum Abonnieren zu nötigen. PewDiePie selbst fachte den Hype mit satirischen Musikstücken an: In einem Video stilisierte er das Wettrennen als epischen Superheldenkampf.

Was Rechtsextreme an PewDiePie feiern

"Und dann ist etwas passiert, das wohl niemand hätte vorhersagen können", sagt PewDiePie in seinem neusten Video vom 28. April: "Der Christchurch-Attentäter sagte 'Subscribe to PewDiePie'".

Tatsächlich lässt sich von dem gehypten Meme keine direkte Linie zu rechtsextremem Terror ziehen. Hinter der zusammenhanglosen Äußerung des Attentäters stand offensichtlich der Wunsch nach noch mehr Medienberichten. Es gehörte zur ausgefeilten Strategie des Terroristen, Öffentlichkeit und Medien gezielt mit Äußerungen aus der Meme-Kultur zu triggern und auf irreführende Fährten zu locken. Das zeigt auch eine Analyse des sogenannten Manifests, das der Attentäter veröffentlichte. Terrorismus hatte schon immer das Ziel, möglichst viele Menschen in Schrecken zu versetzen; die Äußerungen des Rechtsterroristen von Christchurch sind demnach als besonders moderne Terror-Strategie zu verstehen.

Trotzdem ist es nicht völlig willkürlich, dass sich ein Rechtsextremer ausgerechnet auf PewDiePie bezieht. Denn Kjellberg selbst hat in seinen Videos schon mehrfach rassistische, teils antisemitische Anspielungen gemacht. Auf die kritischen Reaktionen von Nachrichtenmedien folgten stets Statements, in denen sich Kjellberg von Rassismus distanzierte. Der bekannteste Vorfall ereignete sich im Jahr 2017, als der Influencer über einen Internet-Dienstleister zwei Menschen dafür bezahlte, ein Schild in die Höhe zu halten. Auf dem Schild stand ein Satz, der allen Juden den Tod wünschte.

"Ich wollte damit zeigen, wie verrückt die moderne Welt ist, besonders einige Dienstleistungen, die es im Internet gibt", erklärte Kjellberg danach auf Tumblr. Aber für viele hatte das nichts mehr mit Satire zu tun. Disney und YouTube, die bisher mit ihm zusammengearbeitet hatten, beendeten gemeinsame Projekte mit PewDiePie.


Auch auf VICE: Das Anti-Dschihadisten-Trainingscamp


In seinem aktuellen Video zum Ende von #SubscribeToPewDiePie sagt Kjellberg erneut: "Um es absolut klar zu machen: Nein, ich bin kein Rassist. Ich unterstütze keine Form von rassistischen Äußerungen oder Hass gegenüber irgendwem." Aber warum äußert er sich erst Wochen später auf YouTube zu dem Christchurch-Anschlag? "Dass mein Name mit etwas so unaussprechlich Abscheulichem in Verbindung gebracht wurde, hat mich mehr getroffen, als ich gezeigt habe", sagt er. "Ich wollte das nicht direkt ansprechen, um dem Terror keine Aufmerksamkeit zu geben. Es sollte nicht um mich gehen". Der Influencer habe sich zunächst nur auf Twitter geäußert.

Das Video-Statement kommt viel zu spät

Wer Kjellbergs YouTube-Video "Ending the Subscribe to Pewdiepie Meme" allein betrachtet, sieht einen verantwortungsvollen Influencer, der eine medienethisch vorbildliche Entscheidung trifft. Ohne Witze, ohne Musik und ohne die üblichen Sprüche richtet sich Kjellberg eindringlich an seine Fans. Aber das Video kann nicht für sich alleine betrachtet werden.

Denn Kjellberg erklärt das Abo-Wettrennen erst jetzt für beendet, nachdem sein Kanal den Wettkampf schon längst verloren hat. Monatelang hatte er davon profitiert, dass seine Abozahlen und damit auch sein Marktwert rasant steigen – auch nach dem Christchurch-Anschlag. Eine bessere Marketing-Kampagne hätte eine PR-Agentur auch mit einem Millionenbudget nicht aushecken können. Heute ist sein Kanal zwar nicht mehr der meistabonnierte – aber der größte YouTube-Influencer ist Kjellberg immer noch, denn auf T-Series sind vor allem Ausschnitte aus Bollywood-Produktionen zu sehen.

Kjellberg hatte das Meme nicht für beendet erklärt, als Fans Webcams knackten und in die Privatsphäre von Fremden eindrangen. Auch nicht, als in New York ein Denkmal zum Zweiten Weltkrieg mit "SubscribeToPewDiePie" beschmiert wurde. Oder als der Slogan an der Mauer einer britischen Schule erschien – zusammen mit einem Hakenkreuz. Kjellberg twitterte noch Anfang April, Wochen nach dem Anschlag in Christchurch, erneut über das Kopf-an-Kopf-Rennen mit T-Series. Es zeugt nicht gerade von medienethischer Größe, eine umstrittene Meme-Kampagne erst dann für beendet zu erklären, wenn die Luft sowieso schon raus ist.

Immerhin: Das Video wirkt. In der Kommentarspalte überwiegt Zustimmung. "Der Respekt, den ich für dich empfinde, ist einfach krank", schreibt ein Nutzer. Ein anderer schreibt: "Wenn du möchtest, dass wir mit dem Meme aufhören, dann tun wir das. Danke, dass du uns das so mit so viel Ruhe gesagt hast". Solche Fan-Reaktionen sind nicht selbstverständlich. Denn außer Kontrolle geratene Memes lassen sich nicht so einfach bändigen – wie der Erfinder von Pepe, dem Frosch, schmerzlich feststellen musste. Gut möglich, dass nicht alle Meme-Fans #SubscribeToPewDiePie so einfach aufgeben.

Folge Sebastian auf Twitter und VICE auf Facebook , Instagram und Snapchat