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Ice-T blickt mit uns nach 25 Jahren auf den Hit "Cop Killer" zurück

"Mit Body Count haben wir die Wut der Schwarzen auf weiße Kids übertragen." – Ice-T

von Tim Scott
09 Juni 2017, 10:07am

Illustration von Ashley Goodall

Foto: Mark Seliger / Illustration: Noisey

Im März 1992 wurden Mitglieder der Polizeiorganisation Austin Fraternal Order of Police auf "Cop Killer" aufmerksam, einen Song der Band Body Count. Sänger dieser Metalband aus L.A. war ein gewisser Ice-T, seines Zeichens HipHop-MC. Der Song sorgte aufgrund seines Titels und Themas für Aufsehen, schließlich droht der Sänger darin: "I'm 'bout to bust some shots off, I'm 'bout to dust some cops off". Im Spoken-Word-Intro erklärt er ruhig: "I'd like to take a pig out into the parking lot and shoot them in the motherfucking face."

Eine andere Organisation, die Combined Law Association of Texas, initiierte kurz danach einen Boykott von Time Warner, der Mutterfirma von Body Counts damaligem Label Sire Records. Es folgte eine Welle des Protests von Polizeiorganisationen, Mitgliedern des Kongresses, Präsident Bush und sogar der kontroversen Figur der Iran-Contra-Affäre, Oliver North, der es irgendwie schaffte, den Song mit Charles Manson zu vergleichen.

Letztlich willigte Time Warner auf Bitten von Ice-T ein, den Song nicht mehr zu vertreiben. Es war zwar keine vollständige Kapitulation von Ice, der jedem, der wollte, eine kostenlose Kopie anbot, doch im Wahljahr hatte der Song eine Menge Aufmerksamkeit und Sauerstoff für sich beansprucht.

Der Track wurde mit den Unruhen in Los Angeles im Jahr 1992 in Verbindung gebracht, dabei wurde er bereits 1990 geschrieben und von Ice-T live gespielt, bevor er 1991 aufgenommen wurde. Im selben Jahr wurde der schwarze Motorradfahrer Rodney King von vier weißen LAPD-Beamten wegen eines Verkehrsvergehens angehalten und mehr als 50 Mal mit Schlagstöcken geschlagen. Die aufgenommene Version des Songs, die sich auf den King-Fall bezieht, wurde im März 1992 veröffentlicht. Gerade als die Polizisten, denen der Angriff auf King zur Last gelegt wurde, freigesprochen wurden – was die Unruhen auslöste.


Noisey: Wann hast du bemerkt, wie wütend der Song die Menschen macht?
Ice-T: Na ja, zuerst habe ich gemerkt, dass Leute ihn mögen. Als wir ihn zum ersten Mal gespielt haben, hatten wir gerade angefangen mit der Band und es war unser Hit. Wir sangen über die Cops und die Kids fanden es super. Wenn ich eine Platte mit dem Titel "Fireman Killer" gemacht hätte, dann hätte sie wahrscheinlich nicht die gleichen Reaktionen hervorgerufen, aber etwas über die Verfolgung von Cops brachte alle in Fahrt. Wir sind beim Lollapalooza aufgetreten, haben uns nichts Böses dabei gedacht, es war Rock'n'Roll und wir haben weitergemacht. Aber dann waren sie hinter uns her und da fing der Shitstorm an. Ich habe es das erste Mal mitbekommen, als der Präsident darüber sprach. Ich war zu Hause und jemand sah sich Dan Quayle [den damaligen amerikanischen Vizepräsidenten, Anm. d. Redaktion] im Fernsehen an, rief mich an und sagte: "Hey, der Präsident redet verrücktes Zeug über dich, Mann." Und wir sahen uns die Nachrichten an und uns fiel die Kinnlade runter. Und wir haben uns gefragt: "Was? Wegen einer Platte?" Wir hielten es wirklich für eine Überreaktion.

Und das alles war vor den Unruhen in L.A.
Ja, alle dachten, wir würden eine Platte als Antwort auf die Unruhen machen und haben es so dargestellt, als würden wir auf den Zug aufspringen und zum Mord an Cops aufrufen. Tatsächlich haben wir die Unruhen irgendwie vorhergesagt.

Sind sie euch persönlich angegangen oder eher das Label?
Sie sind das Label härter angegangen, weil sie sich dachten: "Ice ist ein schwarzer Junge, der über die Cops herzieht. Das verstehen wir, aber warum bietet ihr von Warner Brothers ihm diese Plattform?"

Denkst du, die Reaktion wäre anders gewesen, wenn es ein HipHop-Song gewesen wäre und nicht ein schwarzer Typ, der Leadsänger einer Metal- / Punkband ist, die hauptsächlich vor einem weißen Publikum spielt?
Sie haben gelogen, als sie es auf den Song abgesehen haben, da sie ihn als Rapsong bezeichneten. Dadurch gab es sofort eine Reaktion auf Basis von Ethnie. Wenn sie "Rock" gesagt hätten, hätten viele weiße Leute gesagt: "Also ich mag Fleetwood Mac, vielleicht mag ich auch diesen Song." Aber indem du es eine Rap-Platte nennst, bekommst du diese Reaktion. Mit Body Count haben wir die Wut der Schwarzen auf weiße Kids übertragen und weiße Kids waren auf dieselben Sachen sauer wie die schwarzen.

Denkst du, dass es 2017 dieselbe Wut gibt wie 1992?
Nee, diese Kids sind soft. Es gibt gerade keine Wut. Wir müssen uns mit einem sehr wahnhaften Zustand der Welt herumschlagen und das einzige, was die Welt aufweckt, ist Donald Trumps verrücktes Zeug. Er hat bei fast jedem auf der Welt Angst ausgelöst und wir stehen vielleicht vor dem Dritten Weltkrieg. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Nachrichten geschaut. Es wird ernst, aber ich denke, die Musik wird das widerspiegeln. Ich habe es als Pop-Blase des Mists bezeichnet.

Brauchen wir einen weiteren wütenden Song wie "Cop Killer"?
Ich glaube nicht, dass ein Song reicht. Ich habe diesen Song während unserer Vorwahlen geschrieben und mich gefragt, was zur Hölle los ist. Das hat mich inspiriert. Es ist eine der wenigen Platten in Amerika, die jemals verboten wurde. Du könntest ein wenig in der Geschichte nachschauen, um herauszufinden, wie viele Platten tatsächlich aus den Läden genommen wurden. Man sagt, dass du nur Geschichte schreibst, wenn du mit etwas Erfolg hast und mit etwas scheiterst und ich denke, ich habe beides erreicht.

Ice-T auf dem Cover des Rolling Stone. Foto: Mark Seliger

Du wurdest von Eltern, Polizisten und Politikern verfolgt und bist trotzdem auf dem Cover des Rolling Stone gelandet. Oder vielleicht gerade deshalb?
Alan Light, der schon vorher Sachen über mich gemacht hat, bot an, ein paar Seiten über mich zu schreiben, um meine Geschichte zu erzählen und sie aufzuschlüsseln. Dann haben wir das Foto genommen, für das Mark Seliger die Idee hatte, mich in eine Polizeiuniform zu stecken, um die Cops anzupissen. Ich habe gesagt: "Scheiß drauf, machen wir es!" Du kannst es für antagonistisch halten, aber ich fand es lustig.

Hast du mittlerweile irgendwelche Cops als Freunde?
Nicht beim LAPD, aber ich kenne ein paar Leute, dessen Familienmitglieder Cops sind. Mein Nachbar ist einer. Ich lebe in Arizona neben einem Cop.


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Der Song richtete sich nicht gegen alle Cops, sondern gegen dreckige, rassistische Cops.
Ich hasse nicht alle Cops; ich spiele seit 18 Jahren einen Cop in einer Fernsehserie. Als ich jünger war und auf der Straße das Gesetz gebrochen habe, haben wir die Cops nicht gehasst, sondern sie als Gegner angesehen, die wir überlisten mussten. Natürlich hasse ich rassistische Menschen, aber ich hasse sie, ob sie nun Cops sind oder nicht. Cops sind Menschen und wenn sie den Eid schwören, werden sie nicht überirdisch. Es gibt gute und schlechte. Ein Cop kann dein Leben retten, aber er kann es dir auch nehmen. Aber das kannst du über jeden sagen.

Was denkst du, ist das Vermächtnis des Songs?
"Cop Killer" war eine Protestplatte, wie eine Protestplatte aus den 60ern. Sie sollte aussagen, dass wir die Nase voll haben von Polizeibrutalität und ich denke, das gilt auch heute noch, da Leute die Schnauze voll davon haben. Aber es ist auch eine Erinnerung daran, dass Macht leicht korrumpierbar ist.

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Das aktuelle Body Count-Album Bloodlust ist seit 30. März überall erhältlich.

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