Illustration: Noel Ransome

Wie meine Familie wegen des Mordes an meiner Tante durch die Hölle ging

Ich war noch jung, als meine Tante getötet wurde. Die Jahre, in denen das schreckliche Verbrechen ungelöst blieb, haben meinen Verwandten und mir schwer zugesetzt.

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22 Juni 2017, 3:15am

Illustration: Noel Ransome

In den frühen Morgenstunden vom 4. August 2009 machte ein obdachloser Mann bei seiner Suche nach einem Schlafplatz in Montreal einen schrecklichen Fund. Pierre Painchaud wollte dem Regen entfliehen und erblickte hinter einem leerstehenden Autohaus eine kleine, nicht verschlossene Hütte, sie erschien ihn wie eine Erlösung. Erst als er sich in dem Verschlag befand, bemerkte er den Gestank von verrottendem Fleisch. Die Quelle des bestialischen Geruchs war Pina Rizzi, eine so zierliche Frau, dass Painchaud beim Anblick ihrer aus einem zusammengerollten Teppich herausragenden Füße dachte, eine Kinderleiche entdeckt zu haben. Mit seinem Anruf bei der Polizei setzte der Obdachlose dann eine Ereigniskette in Gang, die verschiedene Leben für immer veränderte – unter anderem auch meins. Pina war meine Tante und ich musste jahrelang auf Gerechtigkeit warten.

Pina Rizzi mit David Bowie | Foto: bereitgestellt von der Autorin

Im Sommer 2009 war ich 18 Jahre alt und stand gerade vor dem Beginn meines Archäologiestudiums. An einem ganz normalen Tag bereitete ich mich auf meine Arbeit in einem örtlichen Callcenter vor, nachdem ich mit meiner Schwester in Kambodscha geskypt hatte. Meine Eltern machten mit meinem kleinen Bruder Urlaub auf Jamaika. Von meiner unmittelbaren Familie war ich somit die Einzige, die sich in Kanada befand. Das Telefon klingelte. Ich sah, dass mein Onkel anrief, und ging deshalb mit einem fröhlichen "Hey, Onkel Tony!" ran. Ich verstummte jedoch schnell, als ich die ersten drei Worte hörte, die aus dem Hörer drangen: "Sie wurde umgebracht."

Ohne jeglichen Kontext fing ich sofort an, Fragen zu stellen und meinen Onkel zu beruhigen. Er wollte mit meiner Mutter oder meinem Vater reden. Als ich ihm erklärte, dass die beiden im Urlaub seien, eskalierte die Situation. Er schrie ins Telefon, dass er sich auf einer Polizeiwache befinde und das "sie" – also meine Tante – umgebracht worden war. Nie zuvor hatte ich einen erwachsenen Mann so wimmern hören. Mein Onkel klang wie ein verwundetes Tier. Selbst heute kann ich das Wilde, das Instinktive in seinen Schreien noch hören. Nachdem er mich angewiesen hatte, meine Eltern zu benachrichtigen, legte er auf und ließ mich mit meinen Tränen und der Stille allein. Ich hatte das Gefühl, gleich zu ersticken. Als Erstes kontaktierte ich meine Schwester. In Kambodscha war es zu diesem Zeitpunkt zwei Uhr morgens und ich kam mir vor wie das personifizierte Böse, weil ich sie mit der schrecklichen Nachricht aus dem Bett klingelte. Der schlimmste Anruf stand mir aber noch bevor. Ich hoffte, beim Rückruf meiner Eltern die ruhige, tiefe Stimme meines Vaters zu hören. Stattdessen war jedoch meine aufgebrachte Mutter am anderen Ende der Leitung. Sie dachte, mir wäre etwas zugestoßen.

Ich werde niemals adäquat in Worte fassen können, wie es sich anfühlt, der eigenen Mutter mitteilen zu müssen, dass ihre Schwester ermordet wurde. Mein Vater hat auf seinem alten Handy noch die Mailbox-Nachricht gespeichert, in der ich meine Eltern anflehe, mich zurückzurufen. Meine Stimme ist nicht wiederzuerkennen.


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An den Trip nach Montreal erinnere ich mich nur noch schemenhaft: ein grauer Schleier aus Zug- und Taxifahrten, bis ich schließlich bei meiner Großmutter ankam. Mein Onkel hatte viel getrunken und die alte Standuhr zerstört, als er in einem verzweifelten Wutanfall eine Bierflasche dagegen warf. Er sah mich die ganze Zeit über kaum an und stürmte oft für mehrere Stunden nach draußen. Meine bereits gebrechliche Großmutter wirkte wie verloren und war unglaublich traurig, als wir von Nachbarn und langjährigen Freunden mit Beileidsbekundungen sowie gut gemeinten Essensgeschenken überhäuft wurden.

Die beiden Kriminalbeamten kennenzulernen, die sich des Mordfalls meiner Tante annahmen, war surreal – wie die zufällige Begegnung mit einem Filmstar oder berühmten Sportler. Ich hatte Angst, einen Fehler zu machen. Wie lange schüttelt man ihre Hände? Lächelt man dabei? Die beiden Polizisten legten ihre Hände mitfühlend auf meine Schulter, stellten ganz ruhig ihre Fragen und blickten mir in die Augen, als sie ihre Notizen machten.

Die Beamten erklärten uns, was sie zu diesem Zeitpunkt bereits wussten. Sie fütterten uns ganz vorsichtig mit Informationen und baten uns darum, gewisse Details (wie etwa den sexuellen Aspekt des Verbrechens) für uns zu behalten. Ein ungefährer zeitlicher Ablauf war die einzige Verbindung zu den letzten Momenten meiner Tante. Die Tatsache, dass die brutale Gewalt des Täters selbst die erfahrenen Polizisten schockierte, machte es für mich noch.

Wenn keine neuen Beweise auftauchen und die Ermittlungen ins Nichts führen, wird ein Fall irgendwann als "ungelöst" zu den Akten gelegt. Allein der Gedanke daran war für meine Familie wie ein Schlag ins Gesicht.

Mein Vater sollte die Leiche identifizieren. Obwohl er das Jaguar-Tattoo auf der Hüfte meiner Tante erkannte, brauchte es noch einen DNA-Test, um ihre Identität endgültig zu klären. So schlimm war sie zugerichtet worden. Nach zwei qualvollen Wochen folgte die Beerdigung, allerdings ohne Leichnam. Der Gerichtsmediziner musste nämlich noch weitere Untersuchungen anstellen. Irgendwann wurde die Asche meiner Tante dann doch von Freunden und Familienmitgliedern auf der ganzen Welt verstreut.

Die Medien brauchten nicht lange, um uns zu finden. Mein Onkel arbeitete ja seit fast 30 Jahren bei einem Fernsehsender und meine Tante war durch ihre Tätigkeit als Visagistin in Hollywood und in der internationalen Fashion-Community bekannt. Meine Eltern gaben aber nur ein Zeitungsinterview, in dem sie die Öffentlichkeit darum baten, sich bei der Polizei zu melden, wenn man Informationen zur Tatnacht hatte. Niemand meldete sich.

Wenn keine neuen Beweise auftauchen und die Ermittlungen ins Nichts führen, wird ein Fall irgendwann als "ungelöst" zu den Akten gelegt. Allein der Gedanke daran war für meine Familie wie ein Schlag ins Gesicht, denn das Trauma wäre durch die ungeklärten "Was wäre wenn?"-Fragen nur noch schlimmer. Vor allem meine Mutter hatte Angst vor diesem Szenario. Die beiden Kriminalbeamten versicherten uns jedoch, dass sie den ihnen nahe gehenden Fall niemals ad acta legen würden. Ihre regelmäßigen Mails waren ein Anzeichen dafür, dass die Fallunterlagen tatsächlich immer auf ihren Schreibtischen präsent waren. Für uns war das zumindest ein kleiner Trost.

2013 stellte ein Anruf aus Montreal unsere Welt erneut auf den Kopf. Die Polizei hatte jemanden festgenommen. Jean-Philippe Tremblay war ein kanadischer Ex-Soldat, der zum Zeitpunkt des Mordes in einer nahegelegenen Kaserne wohnte. Er wurde wegen eines anderen Vergehens verhaftet und nach dem Verhör in der örtlichen Polizeiwache ließen seine Fingerabdrücke die Kriminalbeamten in Montreal aufmerken. Die gleichen Fingerabdrücke hatte man nämlich 2009 am Tatort gefunden. Tremblays DNA war auf mehreren Beweisstücken und auf dem Körper meiner Tante entdeckt worden. Wir wurden gefragt, ob wir ihn kannten und ob er ein Freund meiner Tante war. Wir verneinten alles. Aber der gesichtslose Täter, der mich in meinen Albträumen heimsuchte, besaß nun die Züge eines kleines Ex-Soldaten, eines erbärmlichen Bösewichts.

Mordermittlungen durchzugehen, ist vergleichbar mit Dantes Abstieg in die Hölle. In unserer Version bestand Satans Reich aus Dokumenten, Anrufen und Verhandlungsprozedere.

Nach einem kräftezehrenden Vorverfahren legte ein Richter fest, dass Tremblay wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt werden würde. Diesen Frühling begann schließlich das Hauptverfahren mit zwölf Geschworenen. Meine Familie und ich versuchten ständig, jeden Gesichtsausdruck und jede Regung der Geschworenen zu deuten. Ohne Erfolg.

Nach den Eröffnungsplädoyers und der Präsentation der Beweislage von Seiten der Staatsanwaltschaft waren die Zeugenaussagen der Experten an der Reihe – also der Tatortermittler, der Fotografen und der Pathologin. Dabei wurden immer wieder grauenhafte Bilder, Zeichnungen und unzählige Beweise gezeigt. Das Leben meiner Tante war auf DNA-Spuren, blutige Kleidung und ein Stück Kaugummi reduziert worden. Die Frau, die ich kannte, gab es nicht mehr.

Die Staatsanwaltschaft spielte zudem die fast neunstündige Videoaufnahme von Tremblays Geständnis vor. Er beschrieb im Verhörzimmer, warum er schon sein ganzes Leben lang selbst ein Opfer sei. Er stellte sich dumm, als ihn die Beamten zu meiner Tante befragten: "Pina Rizzi? Der Name sagt mir nichts." Die Geschworenen hörten und sahen, wie sich der Ex-Soldat immer mehr in seinen Lügen verlor. Schließlich gab er zu, meine Tante getötet zu haben, schob ihr allerdings die Schuld dafür zu. Er habe ja nur aus Notwehr gehandelt.

Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigten, wie Pina die Hütte zunächst lebend verlässt und zur anderen Seite des Parkplatzes läuft. Tremblay rennt ihr nach, schleift sie zurück und schließt die Tür. Dieses Video war besonders schwer zu ertragen, weil ich nun wusste, dass meine Tante gehen wollte. Wenn Tremblay sie losgelassen hätte, wäre meiner Familie viel Leid und Kummer erspart geblieben.

Pina Rizzi | Foto: bereitgestellt von der Autorin

Die Pathologin erklärte im Zeugenstand, dass stumpfe Gewalteinwirkung (sehr wahrscheinlich mit einem Stein oder Ziegel) auf den Kopf und das Gesicht meine Tante bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Selbst ihr Adamsapfel war zerstört worden. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, als durch die Abwehrverletzungen eine Sache klar wurde: Meine Tante war noch bei Bewusstsein, als Tremblay auf sie losging. Die letzten Momente ihres Lebens waren von Panik, Gewalt und Blut geprägt.

Mordermittlungen durchzugehen, ist vergleichbar mit Dantes Abstieg in die Hölle. In unserer Version bestand Satans Reich aus Dokumenten, Anrufen und Verhandlungsprozedere. Die verschiedenen Vorschriften in einem Gerichtssaal sollen eigentlich den Respekt vor der Institution wahren. Für die Anwesenden, vor allem für meine Familie und mich, wirkten sie jedoch erdrückend.

Ich schreibe über meine Tante und den Gerichtsprozess, um sie niemals zu vergessen. Und um der Welt mitzuteilen, was diese Erfahrung mit meiner Familie gemacht hat.

Am 16. Juni 2017 befanden die Geschworenen Jean-Philippe Tremblay schließlich für schuldig. Diese Entscheidung zog automatisch eine Haftstrafe von 25 Jahren nach sich. Ich musste das Ganze erstmal verarbeiten. Es hat so lange gedauert, Gerechtigkeit zu erfahren, dass ich mich nach dem Urteil total leer fühlte. Die Sache hatte sich so in die Länge gezogen, dass dieses Gefühl der Leere auch nach dem Abschluss des Verfahrens nun vorerst überwiegt. Ich kann meine Tante nie wieder anrufen, wenn ich jemanden zum Reden brauche. Und sie war nicht bei meinen Studiumsabschlüssen dabei. Solche Erfolgsmomente sollten eigentlich schöne Erinnerungen darstellen. Für mich sind sie jedoch für immer mit etwas Negativem behaftet. Irgendetwas wird für immer fehlen.

Tremblay hat nicht nur einen Mord begangen. Nein, er hat mir und meiner Familie auch glückliche Erinnerungen und Momente genommen. Ich schreibe über meine Tante und den Gerichtsprozess, um sie niemals zu vergessen. Und um der Welt mitzuteilen, was diese Erfahrung mit meiner Familie gemacht hat. Ich hätte niemals gedacht, dass mir so etwas passiert. Eigentlich eine total abgedroschene Aussage. Bei mir passt sie jedoch perfekt.

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