Thump

Die sieben Phasen eines jeden DJ-Lebens

Das Dasein als DJ ist ein Drama Shakespeare'schen Ausmaßes. Wir haben alle sieben Akte für dich analysiert.
9.6.17

Die alten Griechen waren schon clever. Sie haben nicht nur Kilometerzähler, Wecker und die Olympischen Spiele erfunden, nein, von ihnen stammt auch das Konzept der "sieben Lebensakte".

Danke, Leute.

Aber wir können noch wem anders danken: William Shakespeare, dem bekannten Dramatiker und Ohrring-Fan, der in seinem Stück Wie es euch gefällt die mittlerweile berüchtigte "Die ganze Welt ist eine Bühne"-Nummer abgezogen hat. In diesem Stück teilt Shakespeare das Leben in sieben Phasen ein: Kind, Bub, Verliebter, Soldat, Richter, Pantalon und Greis.

Wir haben zwar keine Ahnung, was ein "Pantalon" ist, aber das Konzept wurde bereits auf andere Lebensbereiche übertragen, von Todestrauer bis zurück Kindheit. Scheinbar erschafft es im gewaltigen Netz der Komplexität des Lebens eine Art von Allgemeinheit, eine Universalität. Und es lässt sich auch super auf DJs beziehen! Welch ein Glück!

Auch wenn DJing ein recht neues Betätigungsfeld ist – ein Job, den es erst seit den 1970ern gibt – schätzen Wissenschaftler, dass es mittlerweile mehr DJs als Atome im Universum gibt. Also, hier sind sie, die sieben Phasen des Daseins als DJ:

1. Kleinkind

Heutzutage fragen Säuglinge die Hebamme direkt nach der Geburt, wann das Set von Peggy Gou anfängt. Sie streben nach dem Glanz und Glamour des DJ-Lebens, selbst wenn sie ein eher rudimentäres Verständnis davon haben, was sie eigentlich mit einem DJM-900NXS2 anfangen sollen. Zu diesem Zeitpunkt halten sie das Ganze für eine tolle Idee und trotz mangelnder Technik, keinen Bookings und ohne jede Fähigkeit zur Koordination haben sie das erste Gehalt ihrer Tresor-Residency bereits verplant. Der Funke ist also da und wird bald entfacht, egal welche Musik das ambitionierte Kind auch immer verschlingt. Jeder DJ, der dir erzählt, dass er die Underground-Resistance-12"es seines Bruder gehört hat, während seine Altersgenossen noch Rolf Zuchowski vergöttert haben, ist ein verdammter Lügner. Trotzdem finden sie bald heraus, dass sie besoffenen Leuten jede Musik schmackhaft machen können, wenn sie nur laut aufgedreht wird. Sie sind also schon auf halbem Weg zum Dasein als DJ-Superstar. Auf zur nächsten Stufe!

2. Kindheit

Für die meisten ist die Kindheit von Spielen und Erziehung geprägt. Unschuld und Staunen gehen Hand in Hand, das ist auch bei der Erfahrung als DJ nicht anders. In einem Moment skippt das Kind vielleicht noch zwischen YouTube-Tabs auf dem iPad der Mutter hin und her, doch ehe es sich versieht, steht es beim Schulball hinter dem mobilen DJ-Pult. Dort wird ihm klar, dass es lieber da steht, als sich zusammen mit den Schulkameraden zum Affen zu machen. Und vergessen wir nicht die Klavierstunden. Ganz ehrlich, jede DJ-Biografie, die jemals auf der Rückseite eines Tech-Riders bei einem rumänischen Festival verfasst wurde, wird dir weismachen, dass der besagte DJ eine jahrelange klassische Ausbildung genossen hat. Oh, und ein Elternteil hat wahrscheinlich in der Musikindustrie gearbeitet. "Mein Vater war Session-Drummer, also gab es immer Musik im Haus und Musiker, die Heroin genommen haben und alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war." In diese Richtung eben.

3. Jugend

Der durchschnittliche Teenager durchlebt einige Jahre voller gewaltiger Stimmungsschwankungen, verschenkten Möglichkeiten und quälend miesen Lebensentscheidungen; für andere ist sie wirklich schlimm. Manche flüchten sich sogar in ein Dasein als Goth. Teenager sind zumindest geübt im Experimentieren und suchen unentwegt danach, wer sie sind und wie sie sich selbst von vorherigen Generationen abgrenzen können, die natürlich alle total uncool sind. Für den Teenager-DJ bedeutet dies, dass er so tut, als würde alles was neu klingt auch gut klingen. Hauptsächlich weil es keine alte Musik ist. Auch wenn diese neue Musik offensichtlich nicht so gut ist wie die alte Musik.

Zu diesem Zeitpunkt besteht die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit zu spielen. Ob es eine Spotify-Session bei einer WG-Party ist, zu der der Teenager glücklicherweise eingeladen wurde, oder ein Warm-up-Set vor einem traurigen Auftritt beim Yurtfest, einem Ska-Festival, das vom besten Kumpel seines Onkels veranstaltet wird: Der Teenager-DJ gibt sich größte Mühe, jedem zu sagen, wie "gesegnet" er von der Erfahrung ist und wie "demütig" er ist, weil er tollen Menschen tolle Musik vorspielen darf.

4. Junger Erwachsener

Der DJ im jungen Erwachsenenalter ist der Merkwürdigkeit des Teenagerdaseins entwachsen und taucht sich nicht länger in einen Cocktail aus David-Beckham-Parfüm und Clearasil. Er spielt auch keine Bob-Marley-Progressive-House-Bootlegs mehr – er ist gereift. Er ist nicht länger ein unbeholfener, schlaksiger Teenager, nein, der junge erwachsene DJ hat die Kontrolle. Wie eine Frau in einer Shampoo-Werbung weiß der DJ im jungen Erwachsenenalter, was er vom Leben will und wird es bekommen.

Wenn ein DJ es bis hierhin geschafft hat, weiß er voraus sich das Wort Berghain zusammensetzt und hat die hormonellen Herausforderungen der Adoleszenz gemeistert. Das bedeutet hinsichtlich des DJ-Daseins, dass er nicht länger wahllos irgendwelche Tracks spielt und es unwahrscheinlicher ist, dass er alles hinschmeißt und weinend vom Gig nach Hause läuft.

DJs im jungen Erwachsenenalter sind voller Energie: Sie können ein ganzes Wochenende wach bleiben, sich durch Clubs, Raves und Bars arbeiten, alles aufsaugen, was die Welt zu bieten hat, dann nach Hause kommen, ein schönes Bad nehmen und Montagmorgen lachend aufstehen. Junge Erwachsene sind unzerstörbar und perfekt gemacht für den DJ-Lifestyle.

Foto: bkush / Flickr / CC By 2.0

5. Erwachsenenalter

Wenn der erwachsene DJ nicht alles für einen sicheren Job als Systemanalyst hingeschmissen hat, bekommt er womöglich regelmäßige Gigs in Clubs mit zweistelligen Besucherzahlen, wo zumindest einer der CDJs noch anständig funktioniert. Wenn er es richtig angestellt hat, wird er vielleicht sogar mit echtem Geld bezahlt. Vielleicht schafft er es sogar, auf der dritten Bühne bei einem kleinen europäischen Festival zu spielen, das von einem Eiscremehersteller gesponsert wird. Was toll ist, denn dann kann die Person ein Foto eines litauischen Sonnenuntergangs mit einem gebrandeten Hashtag posten, um jeden wissen zu lassen, dass sie ein echter DJ ist.

Erwachsene DJs sind selbstbewusst genug, um sich aus ihrem vertrauten Genre zu bewegen und erwägen häufig kurz, nur noch mit Vinyl Belearic-Raritäten aufzulegen. Die meisten merken jedoch, dass das ziemlich anstrengend klingt, weshalb sie sich etwas Einfacherem zuwenden.

Zu diesem Zeitpunkt wird dem DJ klar, dass Formate wirklich nicht so wichtig sind und er beginnt sich darauf zu konzentrieren, wie schwarz sein T-Shirt ist. Das ist vielleicht die eindeutigste Unterscheidung zwischen erwachsenen DJs und jüngeren DJs: Wenn du immer noch über Formate streitest, bist du kein Erwachsener.

6. Ruhestand

Spiel deinen letzten Gig, verstau deine Decks auf dem Dachboden, versuch deine alten Platten zu verkaufen, merk, dass keiner sie haben will und mach es dir in deinem Leben nach dem DJ-Dasein bequem. DJs im Rentenalter kommen selten in den Genuss des einen letzten Gigs. Oft verlaufen ihre Karrieren einfach im Sand und der schlecht besuchte Nachmittagsgig auf einer windigen Terrasse in einem örtlichen Hotel, den ein Kumpel als Gefallen besorgt hat, erweist sich als letzter Auftritt als DJ überhaupt. Traurig!

Manche leben den Traum weiter und bringen verzogenen Teenagern bei, wie sie mit Ableton 80er-Pop-Hits entfremden. Andere akzeptieren ihr Schicksal und beschränken ihr Wirken auf den Besuch gelegentlicher Hochzeiten, bei denen sie nach ein paar Bier versuchen, eine Unterhaltung mit dem Hochzeits-DJ zu beginnen. Über Gigs, Decks, Sets, Partybesucher, Tracks, alles, was irgendwie mit DJing zu tun hat. Es gibt unzählige Tragödien auf der Welt und im Laufe eines Lebens sehen wir zweifellos viele zerstörte Hoffnungen und Träume. Doch der Anblick eines ehemaligen DJs, der bei einer Hochzeit wehmütig auf einen Laptop starrt, auf dem Rihanna läuft, versprüht eines besonders emotionalen Pathos.

7. Seniorenleben

Dem DJ-Senior reicht das Schwelgen in Erinnerungen und er hat kein Problem damit, alle neuen Trends, Drogen, Tänze, Clubs, Produzenten und Genres abzulehnen und diese demgegenüber, was auch immer damals angesagt war, als minderwertig anzusehen. Der DJ-Senior ist zwar nicht gesetzlich dazu verpflichtet, den Ausdruck "zu meiner Zeit" zu verwenden, wenn er über seine Karriere als DJ spricht, er wird jedoch dazu ermutigt. Von Zeit zu Zeit erwähnt er vielleicht Rotary-Mixer oder verweist auf die 'Post-tropical'-Zeit seiner Karriere, im Prinzip ist aber alles vorbei.

Der unaufhaltsame Gang in Richtung Grab, lediglich mit der Aussicht auf Gebrechlichkeit und Tod, mag vielleicht beängstigend erscheinen. Auch für Shakespeare ist das Seniorenalter natürlich "der letzte Akt, mit dem die seltsam wechselnde Geschichte schließt". Er zeichnet jedoch ein Bild vom Alter, das eigentlich viel mehr mit Clubbing zu tun hat, als man erwarten würde. Für ihn ist diese letzte Stufe "zweite Kindheit, gänzliches Vergessen" – was eigentlich genauso klingt wie mein erster Rave. Das ist also ein Ende, mit dem ich klar komme.

Dieser Artikel ist zuerst auf THUMP erschienen.

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