Mein Leben als Sexarbeiter_in mit verschwimmender Geschlechtsidentität

Jane Way erzählt uns von Porno-Rollen als CIS-Frau, von Kunden, die Geschlechter fehldeuten, und von der Frustration, die ihre uneindeutige Identität mit sich bringt.

Alle Fotos: NW Studios

Der Gedanke ist schon immer da gewesen. Ich habe mich ja von Anfang an so gefühlt, egal ob ich meine Geschlechtsidentität nun in Worte fassen konnte oder nicht. Vor meinem Coming-out war ich mir noch gar nicht wirklich bewusst, wie unsere Gesellschaft solche abweichenden Identitäten unterdrückt. Man zwang mich in ein bestimmtes Geschlecht, mit dem ich mich nicht identifizierte. Und mir war gar nicht klar, dass ich mich nicht nach dem Geschlecht richten muss, das meine Eltern für mich ausgewählt hatten. Ich bin in einem ziemlich konservativen, katholischen Haushalt aufgewachsen.

Heute steht das Thema der nicht-binären Geschlechtsidentität bei mir klar im Vordergrund, weil Sex und Geschlecht so eng miteinander verbunden sind, gerade auch in Bezug auf Pornos und Sexarbeit. Mich explizit damit zu beschäftigen, gibt mir ein Gefühl der Gemeinschaft. Das motiviert mich und ist für meine Karriere und meinen Weg wie eine Art Kompass.

Ich bin gerade 22 geworden. Mein Coming-out hatte ich mit 17. Damals war ich gerade frischgebackene Studentin. Ich spiele Banjo und bei einem meiner Konzerte war meine Mutter im Publikum. Nach einem Lied sagte ich: "Ach übrigens, ich gehöre zu diesen 'Er*Sie'-Leuten." So weihte ich meine Mutter ein.

"Mir fallen viele Kunden weg und ich sorge häufig für Verwirrung."

Seit knapp vier Jahren bin ich im Bereich der Sexarbeit tätig. Escort-Aufträge mache ich seit gut zwei Jahren, davor habe ich Pornos gedreht. Weil ich in Bezug auf meine Geschlechtsidentität so offen bin, musste ich mir von Kunden und anderen Escorts schon Einiges anhören. Um Geld zu verdienen, nahm ich oft ein Geschlecht an, mit dem ich mich nicht identifiziere. Bei den Porno-Filmen wurde ich für viele Cis-Frauen-Rollen gecastet und die Mehrheit der Escort-Kunden bezeichnet mich als "sie". Einige Escorts hassen mich, weil ich sie bezüglich meiner Pronomen korrigiere. Viele Leute haben etwas zu meiner Geschlechtsidentität zu sagen. Dabei verstehen sie nicht, was ich alles verliere, weil ich offen nicht-binär lebe: Mir fallen viele Kunden weg und ich sorge häufig für Verwirrung. Wenn im Escort-Service oder in der Sexarbeit allgemein von "Transgender" die Rede ist, hält dich jeder direkt für eine Trans-Frau. Viele ältere, ignorante oder politisch unkorrekte Kunden erwarten dann Titten und einen Schwanz. Transgender ist jedoch auch nicht-binär. Und gerade in der Porno-Branche geht es sehr binär zu.


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Vergangenes Wochenende habe ich für TSNaturals.xxx gedreht, eine der ersten Trans-Porno-Seiten, die nicht-binäre Darsteller im Transgender-Kontext präsentieren. Ich passe da mit meinem natürlichen Körper ohne Schönheitsoperationen genau rein. Vor allem in Solo-Szenen als Transgender-Körper gefilmt und präsentiert zu werden, ist total revolutionär. Ich würde gerne mehr solche Sachen drehen. Auch wenn ich manchmal als Cis-Frau aufgetreten bin, um über die Runden zu kommen, will ich zeigen, dass bei meinem Körper die Geschlechtsidentität verschwimmt, obwohl ich feminin auftrete. Meine Selbstbefriedigungsszenen sind immer noch Trans-Pornografie, weil ich Transgender bin. Vor allem im Bereich der Sexarbeit werden nicht-binäre Angelegenheiten noch häufig unter den Teppich gekehrt. Das will ich ändern.

"Früher habe ich auch Pornos gedreht, die ich hasste."

Die Porno-Industrie hat noch einen langen Weg vor sich. Manchmal lehne ich Aufträge ab, wenn die Rolle zu sehr in die Cis-Richtung geht – zum Beispiel wenn ich Sachen sagen soll wie: "Ich bin ein ungezogenes Mädchen." So ein Video sollte ich letztens drehen, aber ich fühlte mich dabei einfach nicht wohl und dachte mir nur: "Ich kann das nicht, das bin nicht ich." Inzwischen kann ich solche Aufträge links liegen lassen, früher war das noch nicht so. Da habe ich auch Pornos gedreht, die ich hasste, aber Sexarbeit ist eben auch Arbeit. Schlechte Tage gibt es immer mal. Trotzdem liebe ich meinen Job.

Meine Pronomen sind auf meiner Website aufgelistet. Kunden und bestimmte Auftraggeber verbessere ich nicht, wenn sie mich falsch ansprechen. Wenn man mir 350 Dollar die Stunde für Intimitäten zahlt, dann hat man keine Lust auf einen Crashkurs in Sachen nicht-binäre Identitäten. Meine Kunden bezahlen mich für meine Zeit und unsere Verbindung. Erzwingen will ich nichts – vor allem nicht bei einem diskreten Privattreffen. Wenn sich jedoch die Gelegenheit ergibt, dann nutze ich sie natürlich. Bevor meine besten Kunden Reviews schreiben, fragen sie mich immer, welche Pronomen sie benutzen sollen. Sie verhalten sich respektvoll und wollen über dieses Thema reden. Wenn ich da Aufklärungsarbeit verrichten will, dann soll das aber von meiner Zeit und nicht von ihrer Zeit abgehen. So läuft das Geschäft nun mal. Sie legen ihr Geld auf den Tisch, um alles rauszulassen und Spaß zu haben. Viele meiner Kunden sind älter. Die haben dann noch weniger Bock darauf, von einem Menschen belehrt zu werden, der 30 Jahren jünger ist.

Bei Pornos läuft es etwas anders ab, da gibt es ja vorgegebene Dialoge und Handlungen. Das ist also Schauspielerei und harte Arbeit. Und es macht mir Spaß. Bei persönlichen Escort-Aufträgen versuche ich allerdings, so authentisch wie möglich rüberzukommen. Das ist für manche Menschen ein Turn-Off, vor allem für die, die sich anders geben. Ich will mich aber nicht verstellen. Die Kunden, die diese Authentizität schätzen, kommen immer wieder zurück. Und für den Rest gibt es Millionen andere Escorts, die mehr ihren Vorstellungen entsprechen.

"Meine verschwimmende Geschlechtsidentität kann frustrierend sein, weil sie ständig hin- und herschwankt."

Unterwäsche trage ich nur selten. Selbst als Escort setze ich wenig auf Dessous. Ich trete zwar ziemlich feminin auf, aber ich weiß auch meine männliche Seite zu schätzen. Wenn mein Partner und ich eine BDSM-Session einlegen, weist er mich manchmal an, zum Abendessen ein Kleid ohne Unterwäsche anzuziehen. Dann muss ich das Safeword sagen, weil ich mich im Kleid nicht wie ich selbst fühle. Aufgrund meines Autismus bin ich total empfindlich, was die Beschaffenheit von Stoffen angeht. Ich kann also nur bestimmte Klamotten tragen. Ab und an trage ich auch Mascara, obwohl ich kein großer Make-up-Fan bin. Derzeit habe ich gemachte Nägel, aber wenn ich mich mal sehr maskulin fühle, dann reiße ich mir die Nägel auch spontan ab. Meine verschwimmende Geschlechtsidentität kann frustrierend sein, weil sie ständig hin- und herschwankt – also jetzt nicht zwangsläufig jeden Tag, aber von Woche zu Woche.

Wenn sich nicht-binäre Menschen, die nach der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden, einer Schönheits-OP unterziehen, dann geht man direkt von einer Sache aus: Die machen das, um maskuliner oder androgyner auszusehen. Ich will gegen diesen Irrglauben vorgehen und lasse mir deswegen im November die Brüste auf Triple-D vergrößern. Ich finde das für meine Geschlechtsidentität genauso "zulässig" wie eine Brustverkleinerung. Es ist egal, ob ich mit meinen großen Brüsten in einem engen Kleid total feminin aussehe. Ich bin trotzdem keine Frau, denn ich fühle mich nicht so.

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