Menschen

Warum ich mich durch die Pandemie schummle

Bis man mir die Regeln so erklärt, dass ich sie verstehe, werde ich sie brechen. Wenigstens ein bisschen.
13.4.21
Ein Pärchen auf dem Tempelhofer Feld. In der Ferne steigen riesige Viren auf. Weil die Politik keine Hoffnung verspricht, nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand und schummeln uns um die Corona-Regeln herum.
Pärchen: IMAGO / Frank Sorge | Tempelhofer Feld: IMAGO / Stefan Zeitz | Viren: IMAGO / Science Photo Library | Collage: VICE
In dieser Serie berichten wir über das Lockdown-Leben: Über Stimmungen und Hoffnungen und über alles, was wir vermissen.

Ich weiß noch, wie das Grummeln begann, lange bevor eine bundesweite "Notbremse" inklusive Ausgangsbeschränkungen nötig war. Ich saß eines Morgens zwischen zweitem Kaffee und erstem Videocall in meinem Zimmer und beschloss, wütend zu sein. Ich schickte einem Freund eine Nachricht bei WhatsApp, in der stand, dass ich fortan aufhören würde, mich an die Corona-Regeln zu halten. Nicht komplett, ich bin ja nicht wahnsinnig. Aber doch so weit, dass mein Leben wieder lebenswert würde.

Das war im Januar. Zwei Monate lang war ich da bereits in der Kälte spazieren, hatte alleine gegessen und einsam die Weihnachtsfeiertage ausgesessen. Aber an diesem Morgen, kurz bevor ich in der Videokonferenz den einzigen Kontakt zu Menschen an diesem Tag haben würde, der mir Freude macht, wusste ich, dass es mir reicht. Von nun an würde ich die Regeln biegen, gerade so weit, dass ich sie nicht brechen muss. Und wenn doch, dann zumindest so, dass ich mir anschließend noch in die Augen gucken könnte.


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Ich würde schummeln. Und ich bin überzeugt, dass das menschlich ist. Ich erteilte mir aus meiner Wut heraus Absolution für meine Entscheidung, von der ich natürlich wusste, das sie moralisch nicht gerade unangreifbar wäre. Aber der Mensch ist ein Schummler. Wenn wir Regeln nicht verstehen oder akzeptieren, dann helfen wir uns, indem wir einen Weg suchen, diese Regeln zu umgehen.

Wie damals, 2007, im Hebräisch-Unterricht in der 13. Klasse. Es war die letzte Klausur vor den Zeugnissen, eine Vier würde reichen, damit ich mein Hebraicum bekomme. Ich war ein schlechter Hebräisch-Schüler, ich schrieb fast ausschließlich Fünfen und Sechsen. Aber mit dieser Klausur konnte ich alles herumreißen, mit einer Vier. Eine Vier war machbar. Alt-Hebräisch hätte dann als meine dritte Fremdsprache auf dem Zeugnis gestanden, neben Englisch und Latein. Und das ohne dass ich Hebräisch gekonnt hätte, vom Alphabet einmal abgesehen. Damit ich rumreißen konnte, musste ich aber schummeln.

Zum Glück ging das in diesem Jahr recht problemlos. Kurz zuvor waren für die gesamte Stufe sogenannte Palm-Taschenrechner angeschafft worden, kleine Computer, die wenig mehr konnten als Text anzeigen und eben ein bisschen komplexere Mathe-Aufgaben lösen. Sehr bald danach wurden sie vom billigsten Smartphone überholt. In der Klausur nun sollten wir aus der Bibel übersetzen, wie in jeder Klausur. Ich lud mir also das gesamte alte Testament auf meinen hochmodernen Taschenrechner. Als ich dann das Arbeitsblatt vor mir liegen hatte, suchte ich die Bibelstelle, die ich übersetzen sollte, im Text auf dem Palm heraus und schrieb sie ab - nur übersah ich, dass die Stelle auf dem Arbeitsblatt gekürzt war. Ich übersetzte viel zu viel. 

Mein Lehrer mochte mich, er gab mir eine Fünf Minus statt eines Betrugsversuchs und trotzdem kein Hebraicum. Ich bin sicher, dass ich dieses heute hätte, wenn wir damals, zum Beispiel, eine Reise nach Israel gemacht hätte. Wenn die Schule Menschen zeigen würde, dass so eine Sprache wirklich geil sein kann, wenn man sie für Dinge benutzt, die nicht nur christlich sind. Denn ich fand die Kultur dahinter spannend, nur die Bibel nicht.

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Ich meine: Wir schummeln nur dann, wenn nicht genug dagegen spricht. Wenn wir nicht wissen, warum wir es nicht tun sollten. 

Anfang Januar verstand ich nicht mehr, was da in Deutschland geschah. Lange hatte ich versucht, den Erklärungen zu folgen, die Regeln akzeptiert, viel geschluckt. Ich war einer der Regelkonformen. Ich strengte mich an. Ich nervte Freunde, die schon vorher ausgestiegen waren. Ich verabscheute diejenigen, die das Virus komplett ignorierten oder leugneten, das tue ich bis heute. Aber ich verstand selten das Konzept dahinter. Am Anfang war das noch OK. Ich dachte, na ja, ich bin ja kein Virologe oder Epidemiologe. Ich musste ja selbst erst lernen, was Aerosole oder Schmierinfektionen sind und wie Masken funktionieren.

Doch irgendwann hatte ich ein paar Folgen Drosten-Podcast gehört und das alles zumindest so gut verstanden wie die Politikerinnen und Politiker. Dann wurde es schwieriger, die Maßnahmen nachzuvollziehen. Denn klar, auch die Virologen haben gesagt, dass sie nur Ratschläge geben können. Was damit gemacht werde, sei dann eine politische Frage. 

Doch ich sah vor allem kein Ende der politischen Fragerei. Die Impfstoffe waren nicht da, die Inzidenzen stiegen. Alle paar Wochen wurden uns Erleichterungen versprochen, die dann nie kamen, weil es an irgendetwas gescheitert war, worüber bereits Monate vorher diskutiert worden war. 

Wenn es also nie Verbesserungen gibt und die Gesellschaft für immer in diesem Schwebezustand gefangen bliebe - dann muss man doch schummeln, um nicht einzugehen. Und warum auch nicht? Wenn unser aller Verhalten, unsere Opfer ohnehin keine Verbesserungen bringen, dann können wir uns doch davor drücken. Dann können wir aussteigen.

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An einem wutgrummelnden Morgen schrieb ich also meinem Freund Adrian, dass ich vorhatte, mich nicht mehr so streng an die Regeln zu halten. Ich glaube, diese Entscheidung war purer, trauriger Trotz. Mir blieb einfach nichts anderes übrig, um meine Unzufriedenheit auszudrücken. 

Normalerweise kann man demonstrieren gehen, wenn man unzufrieden mit der Politik ist.  Aber wer heute gegen Coronapolitik demonstrieren geht, hat direkt Neonazis, Rassisten, Antisemiten und QAnon-Wahnsinnige an der Backe. Mit denen will ich nicht laufen, aber ich will auch nicht länger die andere Backe hinhalten. 

Also ist mein Ausweg: Stille, kindische und unvernünftige Renitenz.

Ich wollte mir meine Regeln trotzdem selbst definieren. Ich wollte unvernünftig sein, aber nicht dumm. Man darf nur einen Haushalt auf einmal treffen? Ich treffe jeden Tag einen, manchmal mehrere, aber nie gleichzeitig. Oder fast nie. Das fühlt sich schon sehr bald sehr gut an. 

Freitags trinke ich mit Adrian Wein am Maybachufer, Samstag Bier mit Manuel in Mitte und Sonntags gehe ich mit Miriam auf dem Tempelhofer Feld spazieren. Eines Tages dann die neueste Maßnahme: Wir dürfen draußen nicht mehr trinken. Natürlich tun wir es trotzdem, schon weil die Alternative noch viel schummeliger wäre: Dann würden wir uns drinnen treffen. Aber so lange wir uns draußen treffen, ist es auch in Ordnung, wenn wir mal zu dritt oder viert sind. Legal sind sogar fünf Personen aus maximal zwei Haushalten. Wir sind also weniger Menschen, dafür aber mehr Haushalte. Alles andere wäre unrealistisch. Zumal die Treffen in Innenräumen ab 21 Uhr mittlerweile verboten sind. Zum Glück liegt auch der Balkon von Manuel eigentlich draußen.

Außerdem definiere ich manche Menschen zu Nicht-Personen, also Leuten, die nicht in meine Regeln fallen. Bis zum Sommer war ich noch mit meiner Freundin zusammen. Wäre ja Wahnsinn, wenn ich sie als Kontaktperson mit eigenem Haushalt gezählt hätte. Als es die Freundin nicht mehr in meinem Leben gibt, sind daten und knutschen trotzdem noch OK, auch nach 21 Uhr, weil man ansonsten ja auch kaputtgehen würde. Zur gleichen Zeit gehen Kinder übrigens weiterhin in die Schule und Angestellte in Büros, Fabriken und Schlachtanlagen. Das alles quasi auf Einladung der Politik, die mittlerweile auch weiß, was Aerosole sind.

Auch meine Geburtstagsfeier Mitte März habe ich mir erschummelt. Ich habe ein gutes Dutzend Leute angeschrieben und zum Marsch gen Brandenburger Tor eingeladen. Wir hatten jede Menge Wein, Longdrinks und Bier dabei und als wir ankamen, waren wir durchgefroren, müde und wussten nicht, was man am Brandenburger Tor überhaupt machen könnte, weswegen wir zu einem Kumpel gefahren sind, um wenigstens im Warmen nichts zu tun zu haben. 

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Genau das hatte ich eigentlich vermeiden wollen, als ich mir die Schummelei einfallen ließ, weil die Aerosole in geschlossenen Räumen ja bekanntlich am lautesten knallen. Aber nach dem langen Spaziergang, der Kälte und dem vielen Alkohol hatten wir unsere Bedenken hinfortgeschummelt.

Und sowieso schummle ich mich gern davon. Wenn ich einen Corona-Test mache, kann ich danach mit dem Zug unbeschwert überall hinfahren, wo mir die Decke gerade nicht auf den Kopf zu fallen droht. Zum Vater in Bonn, dem Bruder in Wien oder der Freundin in Hamburg. Warum denn nicht? Corona ist überall, da stört es weder mich noch die Menschen woanders, ob da eine Person mehr ist, die es bekommen und übertragen könnte. Das wäre aber auch nicht verboten, man hält uns nur an, es nicht zu tun. Das ist mir egal, ich halte es in meinem Haushalt nicht mehr aus. 

Heute ist Mitte April. Das Wetter draußen wird wärmer, die Infektionsschutzgesetze strenger und willkürlicher. Gestern haben Aerosolforscher einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie erklärten, dass die Gefahr, sich anzustecken, draußen niedrig sei und eine Ausgangssperre daher kontraproduktiv. Gleichzeitig posten missgünstige Leute Fotos von Menschen, die das schöne Wetter nutzen, um ihren Corona- und Winter-Blues ein bisschen bunter zu tünchen. Die Versprechen der Politik, dass bald alles besser werde, wechseln sich derweil immer noch in gnadenloser Regelmäßigkeit ab mit dem Brechen eben dieser Versprechen. Heute hat sie die nahezu bundesweite Ausgangssperre verkündet.

Wir schummeln also. Einfach, um das alles zu ertragen. Denn so, wie sich in der Kommunikation der Politik eine phlegmatische Inkonsequenz durchsetzt - was Lösungen betrifft aber auch ihr Personal -, müssen wir weiterhin versuchen, den Mittelweg zu finden. Wir versuchen, zu leben, ohne anderen mehr zu schaden als notwendig. Wir müssen die Balance halten zwischen Vernunft und Lebensfreude. Die Inkompetenz der Laschets und Spahns hat uns gebrochen, hat unser Wohlwollen aufgerieben, unser Vertrauen in ihre Weisungen mit ihren laschen, schwitzig-feuchten Händen zerquetscht.  Deshalb müssen wir uns jetzt selbst führen. Weil wir aber nur uns selbst führen können, keine Schulen schließen oder Impfzentren bauen, müssen wir gucken, dass wir nicht verrückt werden. 

Das Wutgrummeln ist nicht mehr weggegangen, auch durch das Schummeln nicht.  Ich vermisse es, ins Restaurant zu gehen oder in die Kneipe, ins Kino oder einfach nur auf die Couch eines Kumpels. Es geht mir nicht gut. Ich fühle mich einsam und wahlweise über- oder unterfordert oder beides auf einmal. Aber ich freue mich zumindest wieder auf die Wochenenden. Denn seit ich schummle, fühlen sich die arbeitsfreien Tage wenigstens wieder so an.

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