Menschen

Die 5 besten Orte zum Heulen in der Öffentlichkeit

Die Erde wird wärmer und irgendwann gehen uns die griechischen Buchstaben für die neuen Corona-Varianten aus: Gründe zum Weinen gibt es genug.
14.7.21
Die Autorin sitzt vor der Laptop-Kamera vor lila Hintergrund, weil sie beschlossen hat öffentlich zu heulen.
Foto von der Autorin | Bearbeitung: VICE

Dank Gordon Ramsay weiß ich jetzt: Ich bin sehr emotional. Wenn mir das nächste Mal ein Date sagt: "Ich kann dich einfach nicht lesen." Oder: "Du bist sehr distanziert." Dann will ich sagen: "Gar nicht!" Ich heule bei jeder Kochsendung, wenn die Ente angekokelt aus dem Ofen kommt. Auch wenn sie perfekt gebraten aus dem Ofen kommt, weine ich ein bisschen, weil sich alle so sehr freuen.

Ich weine oft, zum Beispiel wenn Fußballspieler weinen oder meine Großmutter weint oder wenn ich einem Freund sage, dass ich ihm manchmal ein Lied schicken will und es dann nicht tue, weil wir uns gerade nicht mögen. Ich weine, wenn ich wütend bin, und ich weine auch, wenn ich sehr versuche, es nicht zu tun.

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Mehr Zeit als mit Weinen verbringe ich wahrscheinlich damit, es zurückzuhalten. Schon als Kind schämte ich mich für Tränen. Als ich in der zweiten Klasse war, fuhren mich mal die Eltern eines Mitschülers in die Schule. Beim Einsteigen klemmte ich mir die Hand in der Autotür ein. Geweint habe ich erst, als ich mich später alleine auf dem Schulklo versteckte. Als ich 13 war, machte mein erster Freund mit mir Schluss und ich saß mit Sonnenbrille beim Abendessen, um meine verquollenen Augen zu verstecken. Rückblickend wahrscheinlich peinlicher als Heulen.

Weinen war aber immer mehr als eine Peinlichkeit. Es bedeutete auch, dass ich weniger ernst genommen werde. Der Mann einer Freundin meiner Eltern, der früher manchmal zu Besuch war, diskutierte mit mir über Frauenquote und Asylpolitik, bis mir vor Wut die Tränen in die Augen schossen und er sich als Mann in seinen Fünfzigern daran aufgeilen konnte, dass er einer 15-Jährigen rhetorisch überlegen war. Weinen wird als weiblich und schwach abgestempelt. Weiblichkeit diskreditiert. 


Auch bei VICE: Was kostet ein neues Gesicht?


Deshalb ist es wahrscheinlich meine größte Angst, vor anderen Leuten zu heulen. Passieren tut es mir seit Beginn der Pandemie die ganze Zeit. Vielleicht habe ich das Weinen mittlerweile gelernt. Wenn die Welt so hart ist, werde ich ganz weich. Während alle Klimaanlagen die Erde immer wärmer machen, Milliardäre schon daran arbeiten, sich aus dem Staub zu machen, und uns vielleicht irgendwann die griechischen Buchstaben für die neuen Corona-Varianten ausgehen, finde ich: Wir haben alle Grund zum Heulen. Hier erkläre ich euch, wo das am besten geht.

Auf dem Platz vor meinem Haus im Sommer nach 21 Uhr

Der Platz ist fast ein bisschen wie ein Wohnzimmer, deshalb darf man hier Bier trinken, zu laut mit den Eltern am Telefon streiten und auch ein bisschen weinen. Ich höre "Elegy to the Void" von Beach House. Ich weiß nicht warum, denn ich fühle mich alles andere als leer. Ich bin randvoll mit Tränen und jetzt laufe ich über. Ich denke an meine Probeschicht in einem Restaurant vor fünf Jahren und das Tablett mit vollen Wassergläsern, das ich vor allen Gästen fallen gelassen habe. So ähnlich habe ich mich gerade auf diesen Platz manövriert.

Es ist mir fast ein bisschen peinlich, aber ich trage einen Hoodie, der mir nicht gehört, und fühle mich wie ein Undercover-Promi. Irgendwann kommt ein Typ, der sich als mein Nachbar vorstellt, und bietet mir einen Pappbecher mit Prosecco an, weil "der muss leer werden". Ich kenne ihn, weil ich hier alle irgendwie kenne. Kurz überlege ich, den Becher zu nehmen, damit ich mich an etwas festhalten kann. Dann stelle ich mir vor, wie ich den Pappbecher mit Prosecco halte. Ich glaube, Pappbecher mit Prosecco machen mich traurig, lehne ab und versuche zu lächeln. Nachdem er noch einige Male versucht, mich zu überzeugen, geht er zurück zu seinen Freunden und holt mir ein Taschentuch. Später fährt ein Tindertyp, den ich vor einem Jahr zweimal getroffen habe, vorbei und ich winke ihm zu und hoffe, dass er weiterfährt. Aber dann will er mich sehr lange umarmen und ich versuche, mich nicht zu schämen.

In der U-Bahn

Nicht alle öffentlichen Verkehrsmittel eignen sich zum Weinen. Im Bus würde ich nicht weinen. Ich hasse Busfahren und dabei auch noch zu weinen, wäre einfach nur unpraktisch. Außerdem sind meine Busreisen oft so kurz, dass ich unter einem ziemlichen Zeitdruck stehen würde. In der U-Bahn weint es sich viel besser – in der U7 zum Beispiel, weil ich die immer nehme. Hier bin ich zwar nicht alleine, aber irgendwie auch schon. 

Es gibt Dinge, die passieren uns nicht, die passieren anderen Leuten. Wenn mir dann doch so was passiert, dann bin ich so überrascht, dass ich erst mal gar nicht merke, dass ich in die Rolle der Hauptfigur gezerrt werde. Ich lebe gerade das Leben, von dem alle sprechen. Das Jetzt ist so riesig, dass es fast so scheint, als gäbe es kein Davor oder Danach. Es fühlt sich an wie Verantwortung. So fühlte ich mich, als ich das erste Mal 24 Stunden am Stück wach blieb, um mich mit meinen Freunden bei einem Schulausflug aus der Herberge zu schleichen und barfuss durch einen Wald zu rennen, oder als ich während eines Abrams-Films 2011 das erste Mal knutschte. So fühlt es sich auch an, wenn etwas Schlimmes passiert. Das Jetzt wird so überwältigend groß, weil man so viel Platz braucht, es zu verstehen. Anonym neben anderen schlecht gelaunten Mitfahrenden unterwegs sein, ist dann irgendwie beruhigend. So fühlt sich das Jetzt zwar nicht kleiner an, aber wenigstens hat es Gesellschaft. Ich höre dasselbe Cocteau-Twins-Lied auf Dauerschleife und verpasse absichtlich meinen Halt.

In der Obst- und Gemüseabteilung im Supermarkt 

Im Supermarkt, in dem mich immer einkaufe, ist es sehr hell. Nicht so hell wie Tankstellenshops um 3 Uhr morgens, aber hell genug, um die Nektarinen und Cherrytomaten und Zucchini so auszuleuchten, dass die kleinen Wassertropfen auf ihnen glänzen, als würden sie nach einem kurzen Regenschauer in der Sonne auf einem Feld liegen. Wir sehen gleich aus, ich und diese Cherrytomaten. Klein und rot und mit Tränen. Das Gute an der Obst- und Gemüseauslage ist, dass sie ganz am Anfang kommt. Beim Käse habe ich mich dann schon wieder abgeregt, weil ich mit verschwommener Sicht die Preisetiketten nicht lesen könnte.

Im Urlaub

Im Urlaub schreit alles nach guter Laune. Der dritte Limoncello-Spritz, heimlich das Arbeitspostfach checken und sich darüber freuen, dass das gerade komplett egal ist, und plötzlich merken, dass die Augenringe weggehen, wenn man mal bisschen mehr schläft. Das reicht aber meistens nicht für gute Laune, denn es ist viel zu schön, das, was man tun soll (gut gelaunt sein), nicht zu tun. Deshalb fühlt sich ein Wutanfall zwischen Liegestühlen so wunderschön verboten und gleichzeitig unumgänglich an. Wenn ich im Urlaub mal nicht streite, dann sind alle ganz verwirrt und irgendwie verloren, weil jetzt jemand anderes einen Streit lostreten muss. Heulen im Urlaub ist ganz effizient, denn, wenn ich mal damit angefangen habe, schäme ich mich fast ein bisschen dafür, dass ich den Urlaub nicht genieße, dass ich mein Tränenkontingent, wenn es so was gibt, in einem aufbrauche. 

Bei schönem Wetter, kurz vor Sonnenbrand weint es sich gut. Hier am Strand sehe ich Dinge, von denen ich weiß, dass sie größer sind als das, was gerade wehtut. 700 Billionen Kubikmeter Strand gibt es auf der Welt. Meine schlechte Laune passt nicht mehr in mich rein, aber würde ich sie an den Künsten dieser Welt ausrollen, würde sie vielleicht gar nicht reichen. 700 Billionen Kubikmeter Sand sind schon viel. 

Und hier im Internet vor euch

Hier sind wir ja unter uns. Dinge im Internet bringen mich oft zum Weinen. Dokus über Sänger, die ich nicht kenne, und über solche, die ich kenne. Das Ende von fast jedem Film. Texte, in denen Autoren über ihre Eltern schreiben. Schrecklich theatralische Ted Talks. Ein Video, in dem Solange und Dev Hynes sehr glücklich tanzen. Influencerinnen auf Instagram oder YouTuber in ihren Videos heulen die ganze Zeit. In der Bildunterschrift schreiben sie, dass sie real seien, Schwäche zugeben wollen. Ich finde das doof. Ich weiß nicht, was ich mit öffentlichen Tränen zugebe. Schwäche ist es nicht. Mein Menschsein ist es auch nicht. Und ich bin dabei auch nicht authentisch. Ich weiß nicht, warum ich damit überhaupt irgendwas zugeben muss. Vielleicht reicht es einfach, dass ich weinen muss und es mir mal nicht peinlich ist. Ich weine auch nicht, um Mitleid zu bekommen. Wahrscheinlich ist es eher das Gegenteil. Eigentlich will ich nur wissen, dass die Welt nicht aufhört zu funktionieren, wenn ich es gerade nicht tue. Die Proseccobecher werden trotzdem leer, die U-Bahn fährt weiter und das Obst in der Auslage glitzert vor sich hin.

Alle fahren immer ans Meer, wenn es ihnen nicht gut geht. Für die Meeresluft, das Salzwasser. Ich frage mich, ob meine Wangen den Unterschied merken. Im anderen Zimmer rauscht die Waschmaschine. Oder das Meer. Ich gehe mal, einen Liegestuhl reservieren.

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