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Green Bank ist der letzte Zufluchtsort für eingebildete WLAN-Kranke

Elektrosensible haben ihr Mekka in West Virginia gefunden. Frei von elektromagnetischen Wellen gehen sie dort den Einheimischen auf die Nerven.

von Johannes Hausen
29 Januar 2015, 10:25am

​Leben im Bann des Teleskops. Bild: Derek Mead

​Kein Handy, kein WLAN, nicht einmal Radio. Der Traum vieler Aussteiger ist für sogenannte ​Elektrosensible eine schiere Notwendigkeit. Denn diese Menschen können nur bei totaler Funkstille ein schmerzfreies Leben führen.

Elektromagnetische Felder verursachen bei ihnen Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Sehprobleme und Sprachbeschwerden. Das glauben sie zumindest. Elektrosensibilität gilt nämlich bisher nicht als wissenschaftlich erwiesen und wird von der Schulmedizin daher nicht als Krankheit anerkannt.

Seit sieben Jahren pilgern Elektrosensible aus ganz Nordamerika in das kleine Dorf Green Bank

Trotzdem—oder wohl eher genau deswegen—pilgern seit etwa sieben Jahren Elektrosensible aus ganz Nordamerika in das kleine Dorf ​Green Bank im US-Bundesstaat West Virginia. In dem 143-Seelen-Örtchen suchen und finden sie Linderung der körperlichen Qualen, die ihnen Mobilfunkmasten, Funkstrahlung und die neuen intelligenten W-Lan-Stromzähler beschert haben.

Denn innerhalb der 34.000 km² großen National Radio Quiet Zone (NRQZ), zu der Green Bank gehört, existieren all diese technologischen Monster moderner Infrastruktur—wenn überhaupt—nur stark eingeschränkt. 1958 bundesbehördlich zur Schutzzone funktechnischer Anlagen erklärt, beherbergt die NRQZ das berühmte ​Green-Bank-Observatorium, benannt nach dem Dorf, in dem es steht.

Grund für die strikte Einschränkung elektromagnetischer Strahlung in Green Bank ist das größte Radioteleskop der Welt.

 Grund für die strikte Einschränkung elektromagnetischer Strahlung in Green Bank ist das größte Radioteleskop der Welt. Bild: Derek Mead

Das größte frei bewegliche Radioteleskop der Welt wird von der National Radio Astronomy Observatory (NRAO) betrieben und scannt mit seinen 100 Metern Durchmesser ca 85 Prozent der Himmelsphäre. Auf der Suche nach den Phänomenen unseres Universums ist das Teleskop dabei noch störanfälliger als alle Elektrosensiblen dieser Welt zusammen. Sogar die Mikrowelle in der Kantine des Observatoriums steht in einem abgeschirmten Käfig und auf dem gesamten Gelände verkehren ausschließlich Diesel-Fahrzeuge—die Strahlung, die von den Zündkerzen der Benziner ausgeht, wäre ein zu großes Risiko.

Wer es nun auf der einzigen vorhandenen Landstraße nach Green Bank geschafft hat, den erwartet ein nahezu strahlungsbefreites Leben in ländlicher Idylle. Bis zum nächsten Mobilfunkmast sind es mehr als 40 Kilometer.  Zugezogene, die vorher an Elektromagnetischer Hypersensitivität litten, berichten von schlagartiger Besserung ihrer gesundheitlichen Beschwerden. 

Einheimische gehen mit Elektrogeräten auf die Neuankömmlinge los

Doch die neu gewonnene Lebensfreude hält nicht lange an. Zunehmend haben die Neu-Green-Banker mit den negativen Strahlungen der Alt-Eingesessenen zu kämpfen. Denn die fühlen sich von den technophoben Sicherheitsvorkehrungen der Neuankömmlinge vor den Kopf gestoßen.

„Sie wollen, dass in allen Läden und Restaurants die Beleuchtung geändert wird und die Lampen ausgemacht werden, wenn sie da sind", deutet der örtliche Sheriff David Jonese im ​Wahingtonian Magazine vorsichtig das Konfliktpotenzial zwischen den ungleichen neuen Nachbarn an. 

Auch Diane Schou berichtet von Meinungsverschiedenheiten, die in Einzelfällen sogar in körperlichen Übergriffen kulminieren. Schou, die aufgrund ihrer Elektromagnetischen Hypersensitivität mehrere Monate in einem Faradayschen Käfig leben musste, kam als eine der ersten Elektrosensiblen nach Green Bank. Sie ist seitdem so etwas wie die Ansprechpartnerin für umzugswillige WLAN-Opfer, die mit einem neuen Leben in Green Bank liebäugeln. 

Die Idylle trügt. Bild: Derek Mead

Als Schou die örtliche Kirche bat, fluoreszierende Lampen abzuschaffen, ging ein wütender Besuch auf sie los. Auch ihre Bitten, statt WLAN-Mikrofonen verkabelte zu benutzen und in ihrer Gegenwart keine Handys mehr zum Fotografieren zu verwenden, schürten die Aggressionen der Dorfbewohner.  Sie näherten sich Schouch und ihren Leidensgenossen absichtlich mit elektronischen Geräten, um ihnen Schaden zuzufügen.

„Es kann der Schluss gezogen werden, dass 'Elektrosensibilität' mit großer Wahrscheinlichkeit nicht existiert."

Unverständnis ernten Elektrosensible aber bei weitem nicht nur in Green Bank. So verkündete die Deutsche Strahlenschutzkommission in einer offiziellen Stellungnahme zum Thema im Mai 2008, dass „der Schluss gezogen werden [könne], dass „Elektrosensibilität" mit großer Wahrscheinlichkeit nicht existiert". Auch die Weltgesundheitsorganisation hatte drei Jahre zuvor festgestellt, dass keine wissenschaftlichen Nachweise für eine Verbindung zwischen den Symptomen der Betroffenen und elektromagnetischer Strahlung gefunden werden konnten.

Derweil hat Schweden als weltweit erstes Land Elektrosensibilität als funktionelle Störung anerkannt und im öffentlichen Raum bewusst W-Lan-freie Räume geschaffen, um Rückzugsorte für Elektrosensible zu schaffen. Angesichts der zunehmenden flächendeckenden W-Lan-isierung des öffentlichen Raums in Großstädten stand das Thema vor wenigen Tagen auch auf der Agenda des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses. Am 21. Januar 2015 stimmten 136 gegenüber 110 Mitgliedern gegen die offizielle Anerkennung von elektromagnetischer Strahlung als Ursache für die Symptome Elektromagnetischer Hypersensitivität.