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Wie das Grundeinkommen dein Leben verändern kann

Wir haben mit Menschen gesprochen, die die Utopie des leistungsfreien Einkommens in der Praxis testen.

von Daniel Mützel
02 Juni 2016, 3:03pm

Bild: privat.

„Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?" fragte ein 400-Meter-langes Banner vergangenen Montag auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Die Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen (BbG) wollte mit der Aktion—im Vorfeld zur Schweizer Volksabstimmung am 5. Juni—die Debatte um das BGE auch in Deutschland weiter anheizen. Am Montag reichte die Initiative den Aufruf „grundeinkommen abstimmen" an den Bundestag weiter—mit 105.000 gesammelten Unterschriften.

Nun, was würdest du tun? Keine leichte Frage. Die Debatte darüber wird meist—mangels praktischer Erfahrung—auf der theoretischen Ebene geführt. Befürworter argumentieren mit höherer finanzieller Unabhängigkeit, weniger Abstiegsängsten und dem Freiwerden kreativer Potentiale, sobald die eigene Existenz abgesichert ist. Skeptiker wenden ein, dass mit dem leistungslosen Einkommen auch der Schlendrian einkehrt, Anreize ausbleiben, auch unangenehme Arbeit anzunehmen, und überhaupt, wer soll das eigentlich alles bezahlen.

Um die Debatte in der Bundesrepublik weiter in Schwung zu bringen und darüber hinaus die Utopie vom Geld ohne Arbeit ganz einfach mal in der Praxis auszutesten, hat sich die Plattform „Mein Grundeinkommen" gegründet. Über eine Crowdfunding-Kampagne sammelt sie Spenden von Unterstützern, um Menschen ein Grundeinkommen zu finanzieren. Sobald eine Summe von 12.000 Euro zusammen kommt, wird per Los bestimmt, wer ein Grundeinkommen für ein Jahr—12 Mal monatlich 1.000 Euro—erhält. 43 Grundeinkommen konnten so bisher finanziert und verlost werden. Ihr Initiator, Michael Bohmeyer, der sich selbst als „Spinner" und „Aufbruchsgeist" bezeichnet, ist überzeugt: Ein Grundeinkommen mache die Menschen nicht lethargischer, sondern würde im Gegenteil erst den Raum für Kreativität und Schaffensdrang entstehen lassen.

Mit seiner Plattform hofft der Berliner vor allem das Argument angeblich sinkender Arbeitsmotivation konterkarieren zu können. BGE-Skeptiker sind hingegen der Meinung: Wenn jeder machen kann, was er will, mache am Ende niemand mehr etwas, zumindest nichts gesellschaftlich Sinnvolles und die Montagebänder der Fabriken könnten vielleicht schon am nächsten Tag menschenleer sein.

Andere argumentieren, dass die Fließbänder ohnehin bald menschenleer sein werden, weil sie künftig von Robotern bedient werden. Die digitale Revolution macht menschliche Arbeit zunehmend überflüssig, daher müsse die Existenzsicherung der Menschen von ihrer Arbeit entkoppelt werden.

Drei Gründe, warum das bedingungslose Grundeinkommen die Zukunft ist

Einer der glücklichen Gewinner von „Mein Grundeinkommen" ist die Jungunternehmerin Judith. Die Betreiberin eines veganen Eiscafés in Rostock kann mit dem Argument, die Leute hätten keine Lust mehr produktiv zu sein, wenig anfangen, wie sie Motherboard am Telefon erzählt. Als sie im Dezember letzten Jahres bei der Verlosung das glückliche Los von 1.000 Euro monatlich gewann, war sie plötzlich „super aufgeregt, aber irgendwie auch total ruhig". Denn das Zusatzeinkommen bedeutete für sie als Selbstständige nicht nur finanzielle Absicherung, sondern wirke sich auch positiv auf ihre unternehmerische Tätigkeit aus: Da sie ihren Eisladen erst im März letzten Jahres aufmachte, verschaffe das Grundeinkommen „jungen Unternehmen ordentlich Luft": Durch die finanzielle Unabhängigkeit könne sie die Erträge nun dazu nutzen, Kredite abzubezahlen, Mitarbeiter besser zu entlohnen, das Geschäft weiter zu etablieren. An ihrem Lebensziel, veganes Eis herzustellen und damit Menschen ein Stück weit zu zeigen, dass veganes Leben ohne Verzicht möglich ist, so sagt sie, ändere das BGE erstmal gar nichts. Im Gegenteil, hätte sie schon vorher die finanzielle Absicherung gehabt, hätte sie den Schritt der Unternehmensgründung schon früher gewagt. „Ich kann mir vorstellen, dass es anderen Jungunternehmern genauso geht."

Jesta, Slow Business Coach und 34. Gewinnerin des Grundeinkommens, nahm ihren Gewinn gar zum Anlass, ein eigenes Arbeits-Experiment auf die Beine zu stellen: Nach dem Prinzip des „offenen Preises" bietet sie ihre Coaching-Dienste seitdem zu einem Entgelt an, das ihre Kunden, je nach Zufriedenheit und Budget, mitbestimmen können. Die möglichen Grenzen ihres Experiments kennt sie, aber sie „will's einfach ausprobieren."

Sie ist fest davon überzeugt, dass die Menschen erst dann ihre kreativen Potentiale nutzen können, wenn sie nicht mehr um ihre Existenz bangen müssen. Das BGE als gesamtgesellschaftliche Veranstaltung ist für sie daher zweifellos der way to go: „Ich verfechte es, wo ich kann. Privat als auch in meiner Arbeit."

Die Liste der euphorischen Gewinner, die von ihren positiven Erfahrungen erzählen, ist lang. Da ist der Bericht der Promotionsstudentin Lisa, die beim Tierarzt jobbt und gerade so über die Runden kommt, oder von Olivia, die sich trotz Anstellung seit 15 Jahren keinen Urlaub mehr leisten konnte oder von Marc, dessen seltene Krankheit ihn jahrelang gegen die Windmühlen der Kassenbürokratie ankämpfen ließ, bis ihm das Grundeinkommen die notwendige Behandlung ohne lästigen Behördenkrieg ermöglichte.

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Bild: Lisa, mein-grundeinkommen.de

Auch viele andere Berichte sind gespickt mit Erweckungserlebnissen und fast überschwänglichen Glücks-Bekundungen, endlich in Freiheit und ohne Sorge leben zu können. Der Tenor der Gewinner (und der erstaunlich aktiv kommentierenden Community) zieht sich wie ein roter Faden durch ihre persönlichen „Dankesbriefe", die sie auf der Website veröffentlichen: gesteigertes Sicherheitsempfinden, weniger Angst vor finanziellem Abstieg, frei werdende Energien für eigene Ideen, mehr Raum um Dinge anzupacken.

Bohmeyers Konzept scheint aufzugehen—zumindest für die bisherigen 43 glücklichen Gewinner. Denn ob bei dem Gewinnspiel nicht auch ein bestimmter Schlag von Menschen mitmacht, die bereits von der Idee überzeugt waren, bevor sie ihre praktische Erfahrung machten, ist nicht unwahrscheinlich. Auch wenn es ein historisches Experiment ist und die bisherigen Ergebnisse zweifellos interessant sind, ist die momentante Anzahl von 43 natürlich nicht repräsentativ. Inwieweit die Erfahrungen der bisherigen Gewinner auf die gesamte Gesellschaft übertragbar sind, bleibt eine offene Frage.

Nichtsdestotrotz gibt es auch immer häufiger Stimmen aus den Chef-Etagen der Wirtschaft, die der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen politisches Gewicht verleihen. Neben dem Gründer der Drogerie-Kette DM hat sich mittlerweile auch der Telekom-Chef Timotheus Höttges angesichts der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt für das BGE ausgesprochen.

Ob die Grundeinkommens-Debatte in Deutschland weiter an Fahrt aufnimmt, wird sich nicht zuletzt am Sonntag in der Schweiz entscheiden, wenn die Eidgenossen über die landesweite Einführung eines Grundeinkommen abstimmen. Bislang liegt das BGE-Lager bei 24 Prozent, aber wer weiß, vielleicht lassen sich die Skeptiker am Ende doch noch von der Frage überzeugen, was sie wohl tun würden, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre.