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Clubkultur

“Friedlich Reiern”, Gentrifizierung wegbassen: Die Fuckparade ist eine Demo wie keine andere

Kann Musik die Welt verändern? Wir haben diese Frage mit Ravern, Punks, Gabber-Freaks und Schneewittchen diskutiert.

von Natalie Mayroth
20 Oktober 2016, 3:25pm

All photos by the author.

"Musik kennt keine Grenzen! Aber wir!" Am Sonntag zog die 20. Fuckparade durch Berlin. Statt in Mitte trafen sich Raver und Punks in Friedrichshain. Einst als "Hateparade" vor zwei Jahrzehnten aus Protest zur kommerziellen LoveParade entstanden, wurde sie unter anderem durch den "Techno Viking" bekannt. Damals wie heute ging es mit Bass gegen Gentrifizierung, Verdrängung von Clubs und Kommerzialisierung auf die Straßen. "Es ist und bleibt immer noch eine Demo und keine Schönwetter-Party!", schrieb die Orga auf Facebook. Statt in Mitte trafen sich Raver und Punks samt Techno-Wagen dieses Mal allerdings in Friedrichshain. Rund 2.500 Menschen kamen dabei zusammen, um die Subkultur zu feiern.

Doch glaubten sie überhaupt selbst an eine Wirkung der Fuckparade—oder geht es nur um eine weitere Party? Wie ist der Zustand der Szene und kommen hier Linke und Rechte, wie es heißt, mit gleichem Musikgeschmack zusammen? Wir haben uns unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern umgehört.

Melanie, 28 (links)

Alle Fotos von der Autorin

Thump: Melanie, warst du schon öfter hier?
Das ist mein sechste Fuckparade. Ich gehe jedes Jahr hierher, es ist ein Pflichttermin. Weil ich gegen Nazis bin, gegen Gentrifizierung und alles was dazugehört.

Aus welcher Szene kommst du?
Ursprünglich komme ich aus der Breakcore-Szene. Das ist wie Drum'n'Bass, aber viel geiler. Dann bin ich auf Gabba- und Techno-Veranstaltungen gegangen und jetzt hänge ich überall mit drinnen.

Im Netz habe ich Gerüchte über "Gabber-Nazis" auf der Fuckparade gelesen. Ist da was dran?
Das ist Bullshit. Wir sind alle linksorientiert, der eine mehr, der andere weniger, die anderen sehr viel mehr, aber wir sind alle gegen Nazis.

Du sagst, du bist gegen Gentrifizierung. Was stört dich daran?
Vor allem, dass die ganze Zeit Clubs geschlossen werden. Das Tacheles ist jetzt schon seit ein paar Jahren zu—oder das Morlox. Das Tacheles war nicht nur ein Club, es war ein Kulturhaus, da war alles drinnen. Es zu verkaufen, nur weil Leute zu viel Geld haben, finde ich scheiße.

Kewin, 23 (Mitte), und Tristan, 32

Kewin, ist das deine erste Fuckparade?
Ja, ist meine erste. Meine Freundin Miranda hat mich mitgenommen.

Gefällt es dir?
Das ist meine Musik: Breakbeat und Hardcore/Hardtekk. Es ist richtig Partyatmosphäre. Mir gefällt es und das Wetter ist perfekt für ein Event wie dieses.

Und Tristan, wie oft warst du schon hier?
Das müsste meine sechste Fuckparade sein, aber es ist ein Zufall: Ich war eigentlich etwas krank zu Hause, doch als ich die Mucke gehört habe, dachte ich mir, ich bin gar nicht so erkältet.

Deine Musik also?
Ja, traditioneller Techno.

Wie hat sich die Techno-Szene in Berlin seit deiner ersten Fuckparade verändert?
Die Fuckparade ist ein Zeichen dafür, dass es grundsätzlich so bleibt, wie es war und ist. Für viele ist das ein Privileg aus den 90ern und nichts, das sie machen, weil es cool ist, sich mal auf Ebay irgendwas zu bestellen, sondern sie so rumlaufen, wie sie es täglich tun und heute ist einer der wenigen Tage, wo sie dafür nicht angeprollt werden, sondern beneidet.

Auf Technopartys in Berlin zu gehen, kann schon schnell elitär werden.
Grundsätzlich würde ich sagen, ist es in den guten Clubs gar nicht so elitär. Man fällt erst ab dem Zeitpunkt auf, an dem man versucht, sich so zu kleiden (wie die anderen). Wenn man verkleidet aussieht, kommt man nicht rein. Das Elitäre ist eher etwas Familiäres.

Doch hier ist es gebrochen.
Die Sonne kommt nicht von oben, sie scheint aus jeder der Hackfressen hier. Man braucht nicht viel Glitzer, um zu glitzern.

Wie stehst du sonst zu Demos?
Ich demonstriere für Schwulenrechte, für Frauenrechte und für Randgruppen, doch das hier ist keine Demonstration gegen irgendetwas, sondern dafür.

Robin, 24

Ich bin einfach auf euren Wagen geklettert, wo bin ich hier?
Du bist beim Terrarista Tribe gelandet, bei dem Wagen mit der Druckkammer-Anlage. Weil wir die Boxen gestellt bekommen haben, können wir dieses Jahr auf der Fuckparade zwei Wagen besetzen.

Wer oder was ist Terrarista Tribe?
Wir sind eine Community, die zusammen Solipartys und Demo-Aktionen und Konzerte macht. Mit dem Gewinn unterstützen wir Menschen in verschiedenen Situationen wie zum Beispiel Leute aus anderen Ländern, die hier gestrandet sind oder gerade finanziell oder mental Hilfe brauchen.

Du legst jetzt gleich noch auf?
Ich spiele meine eigene Musik, genauso wie meine Freund Yons. Wir produzieren zusammen. Psychedelic, Trance, vielleicht auch ein bisschen Breakcore, Ambient, ein bisschen Zerstörung, ein bisschen Black Metal. Ich versuche es virtuos zu gestalten, aber eigentlich wurde ich für psychedelische Musik gebucht.

Warum machst du bei bei der Fuckparade mit? Glaubst du, dass es etwas bringt, zu demonstrieren?
Selbstverständlich! Denn wir tun unsere Meinung kund und verstecken uns nicht. Wir machen das, was wir lieben. Wir sind nicht gegen alle politischen Systeme, aber wir haben Bock zu feiern, machen Mucke und demonstrieren dafür, dass Leute mehr Rechte und Freiräume haben. Und so können wir es anderen zeigen.

Robin ist mit seinem Alias ŎȓǫḂǫȓŎ auch auf Soundcloud vertreten.

Yons, 22

Yons, du legst auch gleich auf. Wie kommt man dazu, auf der FuPa zu spielen?
Das hier ist eine super Möglichkeit, den ganzen anderen Menschen, die hier in Berlin wohnen, eine andere Musik zu zeigen. Deswegen bin ich gern dabei.

Mir wurde erklärt, es gehört zum guten Ton, in Berlin auf Demos zu gehen. Wie stehst du dazu?
Definitiv, man muss sich auch einbringen, mit dem, was man moralisch vertritt. Vor zwei Jahren war ich recht viel am O-Platz, als Refugees dort gewohnt haben. Die Polizei kam einfach und hat sie nachts bei minus 10 Grad aus den dürftigen Zeltunterkünften geholt. Da stand ich dann auch zwei Tage und habe Nachtwachen übernommen.

Das heißt, zu demonstrieren, ist nicht umsonst?
Andere Menschen können nur überzeugt werden, wenn du sie beeindruckst. Wenn sie von dir beeindruckt sind, dann fangen sie vielleicht an, nachzudenken und wollen etwas verändern. Ich glaube, das ist der beste Weg für eine Verbesserung. Es bringt nichts anderen Vorschriften zu machen.

Und das klappt mit Gabber und Techno?
Man kann Leute zumindest aufmerksam machen und vielleicht gefällt ihnen auch die Musik. Außerdem ist Psychedelic (Hardcore) meine Leidenschaft, bei der Musik geht mein Herz auf, die Töne berühren mich.

Lara, 16, und Tino, 32 (links)

Woher kommt ihr?
Lara und Tino: Aus Dresden und der Nähe.

Wie gefällt es dir auf der Fuckparade, Lara?
Lara: Ganz gut, ich bin mit meinen Freunden gekommen. Ich war davor noch nie wirklich auf einer Demo oder der Loveparade, das ist auch meine erste Fuckparade.

Weißt du, um was es hier geht?
Lara: Das ist die Gegenveranstaltung zur Loveparade.

Warum muss man auf die Fuckparade und kann nicht einfach montags in Dresden auf die Demo?
Tino: Montags ist Peggy da. Nee, das ist braune Scheiße. In Dresden hatten wir dieses Jahr sogar das erste Mal die Tolerade, die ist ähnlich wie die Fuckparade. Da es die Loveparade nicht mehr gibt und die Clubkultur stirbt, ist es Pflicht zur FuPa zu kommen. Es gibt sie schon so lange und ist ein geiles Ding, noch eine richtige Demonstration.

Warum stirbt die Clubkultur? Es machen doch auch neue Läden auf.
Tino: Viele Clubs schließen oder werden geschlossen, ob in Berlin, Leipzig oder Dresden. Es machen schon auch neue Clubs auf, doch denen fehlt der alte Flair vom Industriegelände oder sie kosten 17 Euro Eintritt. In Dresden zahlt man mittlerweile auch 8 bis 10 Euro, das ist schade, deswegen gehe ich jetzt auch mehr auf Free Techno-Partys, da habe ich diesen ganzen Zwang nicht und treffe meine Leute.

Als war verstehst du dann die Fuckparade? Der Name klingt schon hart.
Tino: Es muss so abstoßend klingen, damit auch die Leute hingehen, die auch wissen, warum sie dahin gehen und was für Musik dort läuft.

Hoffst du, den "Techno Viking" zu treffen?
Tino: (Lacht) Ich denke, den werde ich nicht mehr treffen, der hat sich ganz schön abgesondert. Ich habe das ein bisschen verfolgt, wie berühmt er geworden ist, doch er hat dagegen geklagt. Es ist schade, denn der Typ ist cool, er hat die FuPa geprägt.

SXF Thunderscream, 30 (links)

Was machst du auf der Fuckparade?
Hören, wie meine Musik ankommt, die Styles genießen und gucken, ob die Demonstration funktioniert. Ich hoffe, dass die Subkultur in Berlin bald wieder akzeptiert wird. Ich produziere ja selbst: Hardcore, Gabber, Terror, Trance, Hardtrance.

Und wo kann man das in Berlin hören?
Die meisten Clubs von uns mussten wegen Gentrifizierung zu machen, so wie das MFE (Ministerium Für Entspannung), das Tacheles oder der Hangar Ostkreuz. Die Kommerzialisierung lässt Hardcore und Gabber-Clubs keinen Raum. Der letzt Subkulturfreiraum, denn wir noch haben wurde eingeengt auf zwei Clubs—M-Bia und Void, und wenn die auch noch dicht machen, dann gibt es gar nüscht mehr in Berlin.

Wie lange bist du schon in der Gabber-Szene?
Seit 1998. Ich bediene mehrere Szenen, aber mein Herz schlägt für den Old School Techno: Hardtrance, Happy Hardcore und auch diesen Thunderdome-Gabber-Style aus den 90ern.

Ich habe im Netz von Gabber-Nazis gelesen. Gab es Rechte, die sich in den letzten Jahren unter die Demo gemischt haben?
Für mich gibt es linke und rechte Nazis, doch es ist wichtig, dass man die Musik lebt, dass man zusammen feiern kann und sich gegenseitig akzeptiert und Toleranz da ist. Ich bin der Meinung, jeder ist willkommen, wir schließen nicht aus.

Und bringt die Demo was?
Alles, was man macht, bringt was. Unsere Message ist, Anti-Kommerz, Anti-Kapitalismus und freie Einkommen für alle. Ich bin weder rechts, noch links, ich bin Realist—und deshalb Raver.


Colleen, 25

Colleen, interesssantes Outfit, was machst du hier?
Ich feiere meinen Junggesellinnenabschied und meinen 25. Geburtstag. Meine tollen Freundinnen, dachten, es wäre schön, wenn Schneewittchen hier ein paar Sachen verkauft: Rosen, Gummibärchen, Lollipop-Kondome ...

Und wie geht ein Junggesellinnenabschied mit der FuPa zusammen?
Wir haben uns vor ein paar Jahren alle auf Techno-Partys kennengelernt, das passt zu uns.

Dann ist es doch kein Zufall, dass du hier bist?
Ich wusste nichts davon, bis ich hier stand. Ich wollte immer schon mal auf die Fuckparade, aber ich habe heute nicht damit gerechnet. Wir gehen weniger auf Demos zusammen als auf Szenefestivals. Oh, wir brauchen Ohropacks.

Weil die Musik zu laut ist?
Nein, mein bester Freund ist auch dabei und der schnarcht. Je lauter die Musik, desto besser.

Die Demo lief an dem Abend noch bis gut vor 22 Uhr weiter, es blieb laut Polizei friedlich, dennoch wurden zahlreiche Personen kontrolliert und 27 Ermittlungsverfahren eingeleitet, größtenteils wegen des Verstoß des Betäubungsmittelgesetzes. Die Fuckparade hat also auch der Polizei wieder was gebracht. Hier noch mehr Fotos:

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