Anzeige
Interview

„Genuss ist die beste Suchtprävention“—ein Interview mit einer Drogenberatungsstelle

Sollte ich mich über Drogen informieren, auch wenn ich keine nehme?, und andere Fragen an checkit!, das Partys veranstaltende „Kompetenzzentrum für Freizeitdrogen“.

von Fredi Ferkova
29 Juli 2016, 10:35am

bark (CC BY 2.0)

Dieser Artikel ist zuerst auf Noisey Alps erschienen. Foto: bark (CC BY 2.0)

Nächstes Jahr ist es so weit: checkit!, das „Kompetenzzentrum für Freizeitdrogen" in Wien, wird 20. Seit jetzt schon zehn Jahren betreibt man die Homebase, eine Drogenberatungsstelle, angefangen hat checkit! aber als ein reines Partyprojekt: 1997 war die Zeit der Raves in den Gasometern der Stadt. Ecstasy war damals eine relativ neue Substanz, wissenschaftlich gab es noch wenige Erkenntnisse. "Partybesucher sehen sich nicht als 'klassische' Drogenkonsumentinnen und -konsumenten", sagt mir Karl Kociper, der Leiter der Einrichtung. Dadurch kamen Partykonsumenten auch kaum zu "klassischen" Drogenberatungsstellen. Der Einblick in die Motive, Langzeitfolgen und Konsummuster fehlte somit komplett.

checkit! machte es sich zum Auftrag, wissenschaftlich zu erforschen, welche Substanzen konsumiert werden, und wie deren Zusammensetzung aussieht. Außerdem will checkit! bis heute helfen, folgende Fragen zu beantworten: Wer sind die Leute, die Partydrogen nehmen? Wie entwickelt sich der Markt beziehungsweise welche Drogen sind gerade am Markt? checkit! bietet den Konsumenten dazu Informationen über folgende Themen an: Möglichkeiten zur Risikoreduzierung, Zusammensetzung von Inhaltsstoffen von Substanzen und deren mögliche erwünschte und unerwünschte Wirkungen, sowie Langzeitfolgen des Konsums.

Dazu kann man an zwei Nachmittagen unter der Woche in der checkit!-Homebase vorbeischauen: Es gibt Einzelberatungen, Informations-Folder sowie Gruppen, die sich die Konsumreduktion vorgenommen haben. Auf ihrer Homepage findet man Warnungen von getesteten Pillen und Pulvern, Anlaufstellen und die nächsten Termine für Drug Checking. Dazu packt das checkit! Team seine Sachen zusammen, geht auf Partys und bietet kostenlose Substanzanalysen der abgegebenen Drogen an.

Wir haben dem Leiter Karl Kociper von checkit! ein paar Fragen gestellt.

Der Leiter des „checkit!", Karl Kociper. Foto von Marie Bleyer.

Noisey: Karl, hi, beratet ihr selbst auf der Party—wo ihr ja hauptsächlich Drug Checking anbietet—auch?
Karl Kociper: Ja, natürlich. Im Grunde kann man es sich auf der Party wie eine mobile Drogenberatungsstelle vorstellen. Zusätzlich gibt es das Angebot von Drug Checking und natürlich Informations- und Beratungsgespräche.

Rechtliche Fragen sowie Fragen zum eigenen Konsum oder generell zu Substanzen sind oft Thema. Da haben wir die Erfahrung gesammelt, dass Konsumenten es sehr schätzen, mit uns offen über ihren eigenen Konsum zu sprechen: Sie schenken uns ihr Vertrauen und schätzen die neutrale Gesprächsbasis ohne Vorurteile.

Das erreichen wir, in dem wir nicht mit erhobenem Zeigefinger über mögliche Risiken des Substanzkonsums sprechen, sondern auch die von Konsumenten erwünschten Effekte thematisieren. Wir möchten damit auf Partys das Bewusstsein für risikoarmen und reflektierten Umgang mit psychoaktiven Substanzen fördern.

Ihr habt ja Mittwoch und Donnerstag am Nachmittag geöffnet. Mit welchen Fragen kommen die Menschen meistens?
Mit ganz konkreten Fragestellungen zu ihrem Konsumverhalten. Substanzfragen sind auch häufig.

Gibt es Substanzen, die auffallen? Die immer wieder vorkommen?
Eigentlich nicht. Das Spektrum der Substanzen ist sehr breit gefächert, vor allem seit es die neuen psychoaktiven Substanzen, die sogenannten Research Chemicals gibt. Auffällig ist aber: Die meisten Menschen, die illegale Substanzen konsumieren, nehmen die "Klassiker". Also Substanzen wie Cannabis, MDMA, Speed und Kokain. LSD wird auch manchmal konsumiert. Man könnte sagen Stoffe, die schon lange am Markt sind, sind die beliebtesten.

Gibt es da Trend-Statistiken? Also Substanzen die gerade "cool" sind? Ich denke da an 2CB oder Ketamin.
Durch unser Drug Checking Angebot haben wir Analyse-Daten und wissen, welche Substanzen am Markt sind und welche konsumiert werden. Ketamin ist dabei immer wieder ein Thema, aber bei weitem nicht so oft wie die "klassischen" Substanzen, die ich bereits aufgezählt habe.
Auch in Beratungsgesprächen kommt Ketamin thematisch nicht häufig vor. 2CB analysieren wir auch hin und wieder. Allerdings nehmen wir keinen Trend wahr.

Österreich besäuft sich und raucht Zigaretten im legalen Bereich—wie sieht es im illegalen Bereich aus? Die klassischen Substanzen werden konsumiert—wie viele Menschen sind Konsumenten?
Die Anzahl der Personen, die illegale Drogen konsumieren, ist verglichen mit der Anzahl der Personen, die Alkohol trinken oder Zigaretten rauchen, relativ gering. Im aktuellen Wiener Suchtmittelmonitoring geben etwa vier bis fünf Prozent (je nach Substanz) der befragten Wienerinnen und Wiener an Partydrogen wie Ecstasy, Speed oder Kokain irgendwann in ihrem bisherigen Leben konsumiert beziehungsweise ausprobiert zu haben. Cannabis haben 21 Prozent schon probiert. Natürlich ist dieser Prozentsatz noch wesentlich niedriger, wenn nach dem aktuellen Konsum gefragt wird. So haben laut der selben Umfrage vier Prozent der Befragten im vergangenen Monat Cannabis konsumiert.

Also ist Gras eine Einstiegsdroge? Weil es der erste illegale Akt ist?
Das Konzept der Einstiegsdroge ist veraltet und wird in der Suchtprävention nicht mehr verwendet. Das Wort "Einstiegsdroge" impliziert, dass jeder, der einmal kifft, später bei einer anderen, stärkeren Substanz oder gar bei Heroin landet. Das trifft natürlich nicht zu.

Welche Entwicklungen konntet ihr in den letzten 19 Jahren feststellen?
Die nachgefragten Substanzen haben sich nicht wirklich geändert. Was wir aber feststellen, ist die ständige Veränderung der Inhaltsstoffe, der von uns analysierten Proben. Es gab Zeiten, in denen ein gekauftes Ecstasy häufiger MDMA enthielt und auch Zeiten, in denen in Pillen zum Großteil kein MDMA, sondern andere Substanzen, wie zum Beispiel Research Chemicals zu finden waren. Das ändert sich ständig und betrifft alle illegalen Substanzen.

Und wie ist die Tendenz jetzt gerade? Kriegt man die Substanz, die man gekauft hat? Oder ist eher Blödsinn in den Drogen?
Es ist von Substanz zu Substanz unterschiedlich, wie häufig der erwartete Inhaltsstoff tatsächlich enthalten ist. Deshalb raten wir dazu, Substanzen immer analysieren zu lassen. Momentan finden wir zum Beispiel in Ecstasy-Pillen häufiger MDMA als vor ein paar Jahren. Allerdings sind auch viele hochdosierte Ecstasy-Pillen im Umlauf. Das bedeutet nicht, dass jede Pille, die jemand derzeit kauft, MDMA enthält oder hochdosiert ist—die Tendenz unserer Analysen geht in diese Richtung. MDMA-Konsum, wie jeder Konsum psychoaktiver Substanzen, hat ein gewisses Risiko—bei hochdosierten Ecstasy-Pillen ergibt sich aufgrund der Dosis ein Zusatzrisiko. Wenn man hochdosiert, beziehungsweise überdosiert, steigen die Risiken des Konsums unverhältnismäßig an. Ab einer MDMA-Dosierung von mehr als 1,5 Milligramm pro Kilo Körpergewicht bei Männern und 1,3 Milligramm pro Kilo Körpergewicht bei Frauen kann MDMA vom Körper immer schwerer abgebaut werden. Das heißt, dass MDMA einen längeren Einfluss auf den Gehirnstoffwechsel hat, was neben akuten Bedrohungen wie Überhitzung und Dehydrierung des Körpers zu Schäden im Gehirn führen kann.
Zusätzlich kann man davon ausgehen, dass, je höher dosiert wird, desto mehr geht die gewünschte Wirkung verloren. Die Wirkung wird dann hauptsächlich antriebssteigernd. Dementsprechend gilt: Weniger ist mehr.

Und wie ist das mit Research Chemicals? Welche tauchen in Österreich auf?
Es gibt derzeit keine neue Substanz die immer wieder beziehungsweise häufig auftaucht. Hin und wieder finden wir Research Chemicals in analysierten Proben. Meist werden diese Proben nicht als Research Chemicals gekauft, sondern zum Beispiel: Jemand hat MDMA-Pulver gekauft. Dieses Pulver enthält aber kein MDMA sondern ein Research Chemical, das eine ähnliche Wirkung haben soll.

Dass Leute bewusst Research Chemicals kaufen, ist schon seit ein paar Jahren rückläufig. Es gab einen Peak in Österreich—nicht zuletzt aufgrund der intensiveren medialen Berichterstattung. Spice und ähnliche Substanzen wurden bewusst gekauft und ausprobiert. Aber ich weiß aus persönlichen Beratungsgesprächen, dass viele Menschen, die Research Chemicals probiert haben, diese nicht mehr konsumieren, weil ihnen das Risiko viel zu groß ist. Es gibt noch viele Fragezeichen bei diesen neuen Substanzen—man weiß zum Beispiel nichts über die Langzeitfolgen, den genauen Wirkmechanismus oder wie diese Substanzen überhaupt zu dosieren sind.

Foto: ryan (CC BY 2.0)

Sind Research Drugs also immer angelehnt an die "Klassiker"? Also gibt es nichts, was eine neue Wirkung hervorbringt?
Es gibt vier Wirkungsarten: aktivierend, beruhigend, euphorisierend und halluzinogen. Diese Wirkungen können von unterschiedlichen Substanzen ausgelöst werden. Natürlich gibt es auch Mischformen. Du hast vorhin 2CB angesprochen. 2CB wirkt euphorisierend und halluzinogen. Ganz neue Wirkungen werden Research Chemicals also nicht haben.

Gibt es eigentlich regionale Trends? Ihr seid ja in Wien und auch auf Partys und Festivals außerhalb von Wien unterwegs, oder?
Wir sind hauptsächlich in Wien und Raum Wien unterwegs. Unsere Kollegen von MDA Basecamp aus Innsbruck bieten auch Drug Checking an. Wenn man unsere Analyseergebnisse mit denen unserer Tiroler KollegInnen vergleicht, dann kann man schon leichte Unterschiede in der Zusammensetzung der Drogen feststellen. Aus anderen Bundesländern habe ich dazu keine Informationen, da Drug Checking nur in Wien und Innsbruck angeboten wird.

Lapidar gesprochen: Ab wann muss ich mir um mich oder meinen Freund Sorgen machen? Ab wann muss ich eingreifen?
Zuerst gilt es zu erkunden wie der Konsum aussieht. Wie häufig wird konsumiert, in welchen Situationen und zu welchem Zweck wird konsumiert, wie groß ist die Rolle der Substanz im Alltag beziehungsweise beeinflusst der Konsum den Alltag? Der Konsum unterschiedlicher Substanzen hat zudem unterschiedliche Risiken: zum Beispiel ein unterschiedliches Abhängigkeitspotenzial. Problematisch wird der Konsum, wenn er häufig in hohen Dosierungen stattfindet und eine Funktion einzunehmen beginnt. Daher ist es wichtig für die Suchtprävention, aufzuklären, Wissen zu vermitteln und mit KonsumentInnen ihren Konsum zu reflektieren.

Es macht einen Unterschied, ob jemand ab und zu konsumiert und diese besondere Gelegenheit genießen kann oder ob jemand konsumiert, um sich zum Beispiel von Problemen abzulenken. Um genießen zu können, sollte man wissen, dass Genuss Zeit braucht und nicht nebenbei geht. Es gilt herausfinden, was einem gut tut und was man davon genießen kann. Vieles, wie zum Beispiel eine neue Sportart auszuprobieren, sich ein tolles Essen zu kochen oder mit Freunden besondere Momente zu verbringen, kann Genuss sein. Je mehr unterschiedliche Möglichkeiten zum Genießen man für sich entdeckt, desto besser. Allerdings kann es nicht funktionieren immer beziehungsweise oft das Gleiche zu genießen, da das Besondere dann an Reiz verliert. Abgekürzt könnte man daher sagen, dass Genuss suchtpräventiv wirkt.

Aber das kann man natürlich nicht so einfach bei den Freunden festmachen. Angenommen ich habe keine Ahnung von Substanzen und meine beste Freundin fängt mit Partydrogen an. Soll ich dann mit ihr reden? Oder sie herbringen? Oder wie tue ich da, wenn ich mir Sorgen mache?
Das Gespräch zu suchen, ist immer eine gute Sache. Vor allem dann, wenn man sicher genug fühlt für ein Gespräch, indem man seine Sorge über das Verhalten der Freundin anspricht. Wichtig ist es nicht auf der Vorwurfsschiene zu kommen, sondern neugierig und möglichst unvoreingenommen nachzufragen, sonst wird das Gespräch wahrscheinlich sehr bald zu Ende sein. Wenn man es sich nicht zutraut dieses Thema anzusprechen, kann man auch gerne zu uns kommen und sich mit uns zusammensetzen und beraten lassen.

Sollte ich mich über Drogen informieren, auch wenn ich keine nehme?
Sich zu informieren, ist sowieso nie schlecht. Informationen sind ja nicht nur gut für einen selbst, sondern dann kann ich Informationen in meinem Freundeskreis weitergeben, sollte Konsum von psychoaktiven Substanzen Thema sein. Zu psychoaktiven Substanzen existieren außerdem zahlreiche Mythen, die man widerlegen kann, wenn man seine Informationen aus glaubwürdigen Quellen bezieht. Da bietet es sich an, auf die objektiven Substanzinformationen auf unserer Website checkyourdrugs.at zu verweisen.

Hat eine Desensibilisierung des Drogenkonsums stattgefunden? Ich denke da zum Beispiel an Yung Hurn, der ganz viel über Partydrogen rappt. Und auch so habe ich das Gefühl, dass es OK ist, zu sagen, man nimmt illegale Substanzen. Aber es kann auch eine Blase sein, die mir das Gefühl gibt.
Im Fall von Cannabis kann es schon sein, dass der Konsum nicht mehr so anrüchig wahrgenommen und offener damit umgegangen wird. Das könnte auch auf andere Substanzen zutreffen, je nachdem in welchem Umfeld man sich selbst bewegt. Aber wie du sagst, bewegt man sich immer in einer gewissen Blase und nimmt Dinge wahr, die im Umfeld passieren. Tatsache ist jedenfalls, dass der Konsum von allen illegalen psychoaktiven Substanzen über die letzten Jahre stabil ist, also nicht mehr Menschen konsumieren, obwohl vielleicht offener darüber geredet wird.

Bekommt man die Drogen, die man bei euch zur Analyse abgibt, eigentlich retour?
Der Ablauf der Probenabgabe läuft so: Der Konsument bereitet seine Probe selbst für die Analyse vor. Dazu haben sie ein "Werkzeug" zur Verfügung um ein paar Milligramm der Pille abzureiben. Diese wenigen Milligramm einer Substanz werden bei uns zur Analyse abgegeben und behalten, dann in der Analyse auch verbraucht. Und den Rest der Pille nimmt der Partygast wieder mit. Das heißt, damit kommen die checkit! MitarbeiterInnen niemals in Kontakt.

Wäre es eigentlich nicht schlau von der Polizei, sich fünf Meter neben eurem Stand aufzustellen und einfach zu warten, wer von eurer Station da rauskommt?
Naja. Schlau ... Schlau wäre es nicht, da unsere Arbeit dann nicht funktionieren würde. Die Polizei kennt unsere Arbeit und nimmt sie als sinnvoll wahr. Partygäste müssen also keine Angst vor der Polizei haben, wenn sie sich bei uns informieren oder eine Substanz zur Analyse abgeben wollen.

**

Fredi ist auf Twitter: @schla_wienerin. THUMP auch. Folge uns auf Twitter, Instagram und unserer neuen Facebook-Seite.