Hinter den Kulissen des ersten Virtual Reality Boiler Rooms

Ich war als Komparse bei den Dreharbeiten dabei und habe mich gefragt: Was wurde nur aus dem "Versprechen der Nacht"?

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Apr. 5 2017, 10:01am

Der Autor beim Dreh, fotografiert von Alexandra Bondi de Antoni

8:30, der Wecker klingelt und in meinem Bauch zieht es. Ich fühle mich irgendwie nervös. Bin ich aufgeregt, weil ich in wenigen Stunden als Komparse an der Produktion des ersten Virtual Reality Clubs überhaupt teilnehmen werde – und so was vorher noch nie gemacht habe? Oder bereitet mir der Gedanke an eine VR-Zukunft des Clubbings Bauchschmerzen? Sind vielleicht die 1 kg Spareribs vom Vortag Schuld an meinem Leiden? Auf keinen Fall, nie im Leben!

Wie ich es geschafft habe, Komparse bei diesem historischen Dreh zu werden? Es war denkbar einfach. Boiler Room suchte per Facebook nach Teilnehmern, die sich per Mail mit einem Foto in ihrem Lieblingsdiscooutfit bewerben sollten.

Nichts leichter als das:

Foto: privat

In Wahrheit hatte ich dieses Outfit nur einmal bei einer Mottoparty an, aber was soll's? Für 15 Minuten Ruhm tue ich alles! Und es hat auch geklappt, zwei Stunden nach meiner Mail erhielt ich prompt die Zusage. Man lässt mich zudem wissen, dass Fjaak ein Live-Set spielen werden, das von mehreren 360° Kameras gefilmt wird. Cool!

So lange wie mein erhoffter Ruhm wird auch das Set von Fjaak dauern. Das erfahre ich als wir ein paar Tage später in einem Raum des Arena Clubs in Berlin sitzen und die Producer vom Boiler Room uns Instruktionen geben. Uns bzw. wir, das sind dutzende andere Komparsen, die wirklich so "nach Berlin aussehen", wie es die Ausschreibung für die Komparsen verlangte.

Jeder Teilnehmer kriegt einer Nummer. Dann werden wir nach draußen geschickt, Berlin zeigt sich an diesem Februartag zum Glück von seiner sonnigen Seite. Nach einem kurzem Studium der Teilnehmer frage ich mich, ob der VR-Zuschauer wirklich ein realistisches Cluberlebnis bekommen wird. Alle, mich eingeschlossen, wirken eigens für das Videoshooting aufgebrezelt. Wird sich der Zuschauer später diesem Aufwand bewusst sein? Soll er das überhaupt? Eigentlich nein.

"You wanna be in the first group? Is that ok?" heißt es auf einmal von der Seite. Warum nicht. Erste Gruppe, klingt doch gut. Wir dürfen auch als erste in den Club rein. Dort teilt uns einer der Produktionsleiterinnen mit, dass wir die "Chillout Group" sind. Einige sind darüber nicht so begeistert, wie sich ihren Gesichtsausdrücken leicht entnehmen lässt.

Egal, erst mal an die Bar. Drei Bier sind maximal drin, dafür gibt es extra Getränkemarken. Da es mittlerweile schon mittags ist und ich in Clubstimmung kommen will, gönn ich mir schon mal eins.

Nach einem kurzem Studium der Teilnehmer frage ich mich, ob der VR-Zuschauer wirklich ein realistisches Cluberlebnis bekommen wird.

Während des ersten Schlucks schau ich mir das Set-Up von Fjaak an. Sieht geil aus. Aber ich muss ja in der Chillout Ecke abhängen. Dort angekommen, kriegen wir genaue Instruktionen, wie wir zu sitzen haben. Ich hab die sprichwörtliche Arschkarte gezogen, denn ich muss mit dem Boden Vorlieb nehmen. Auf einem Teppich. Wer kennt sie nicht, die ganzen Leute, die im Club auf dem Boden herumlümmeln, auf einem Teppich?

Einer meiner Leidgenossen neben mir ist George aus Oxford. Wir kommen schnell ins Gespräch, teilen den gleichen Musikgeschmack. Glenn Astro und Max Graef? Check. Rhythm Section International? Klar man. Warum er hier ist, frage ich ihn. Ein Kumpel hatte sich angemeldet und ihn als sein +1 mitgenommen. Beide studieren Musik in Berlin, an einer privaten Schule. Sie erzählen mir vom Brexit. "Immerhin werde ich dadurch das erste Mal erfahren, wie man ein Visa beantragt", sagt Georges Freund in einem sarkastischen Ton.

Dann geht's los, Take One. Jede Minute gibt es eine Durchsage, bei welcher Minute wir uns befinden. Denn die "Chillout Group" hat die Anweisung bekommen, nach 13 Minuten aufzustehen und auf die Tanzfläche zu gehen. Einige halten sich jedoch nicht daran und erheben sich schon nach vier Minuten wieder.

Während des Sets läuft ein als Hund verkleideter professioneller Tänzer auf allen Vieren durch die Chillout-Ecke. Er soll einen Fetischhund darstellen, trägt aber ein Kostüm, das mehr nach Karneval aussieht.

Zwei Bier, drei Toilettengänge und vier Takes später spüre ich jede Faser meines 31-jährigen Körpers. Es stimmt, was alle sagen: Schauspielern ist sauanstrengend. Selbst als Statist.

Langsam kann ich das Set von Fjaak auswendig. Und kein Witz: In der Chill-Ecke ist es besonders anstrengend. Denn hier läuft eigentlich Ambient-Musik, die von einem Typen an einem Modular-Synthesizer gespielt wird. Sobald Fjaak aber anfangen, hört man nichts mehr von dieser Musik, denn wir sind nicht in einem extra Raum sondern wirklich in einer Ecke. Der Regieauftrag ist aber: "Tut so, als würde die 100 BPM Ambientmusik noch immer laufen, auch wenn Fjaak grad 130 BPM Techno brettern!"

Sich entgegen dem Rhythmus der Musik zu bewegen, ist schwieriger, als du vielleicht denken magst. Und was soll denn der VR-Zuschauer eigentlich davon halten? Ich muss doch aussehen als würde ich in irgendeiner esoterischen Sekte sein und okkulten Ritualen nachgehen.

Links im Bild ist unser Autor zu finden. Screenshot aus dem YouTube-Video "Boiler Room & Google Pixel - VR Dancefloors: Techno in Berlin 360 Film" von Boiler Room

Weil ich müde bin, entscheide ich mich gefühlt bei Take 392, von nun an einen auf Clubbesucher zu machen, der eine zu starke Pille erwischt hat.

Ich informiere George darüber, er spielt die Rolle perfekt und fragt mich zwischendurch immer wieder, wie es mir geht und bietet mir Wasser an. Ein Mädel will später in der Pause, auch eins dieser Teile haben, von denen ich "so drauf" war. Meine Antwort bringt sie in Verlegenheit. Was wird der VR-Zuschauer denken, wenn er mich da so pseudo-druff liegen sieht, gehen meine Gedanken. Wird er es mir auch abnehmen wie die junge Frau in der Pause? Wie sieht so ein fertiges VR-Video eigentlich auf Drogen aus?

Aber es gibt auch so komische Zufälle. Ein Typ mit so Schuhen, bei denen man jeden einzelnen Zeh sieht, schreit plötzlich einen Securityguy an: "Schlag mich doch! Schlag doch zu!" Im ersten Moment denke ich: Krass gute Performance, der kann ja richtig schauspielern. Und überhaupt, voll realistisch, dass die auch eine Szene einbauen, bei der jemand Stress macht und rausfliegt! Doch irgendwann merke ich: Das war nicht geplant und der Typ muss wirklich gehen. Hinterher gibt es zwei Erklärungen. Einer von Fjaak erzählt, dass der Stressmacher versucht habe, einen Handstand auf seinem Kickboard zu machen. Direkt hinter Fjaak. Was sehr gefährlich wäre. Eine andere Version, die ich aufschnappe: Der Typ wollte ein Poster aufhängen.

Beide Versionen passen doch gut zu Berlin, oder?

Aber gut, the show must go on! Vor dem letzten Take setzt sich ein Typ neben mich, der aussieht wie ein Punk. Er ist ebenso erschöpft wie ich es bin und erzählt, dass er schon öfter als Tänzer-Komparse für Videos gearbeitet hat. Wir fragen uns, wie sich das wohl später anfühlt, als VR-Nutzer. Denn die anwesenden Leute sind ja alles, nur nicht so wie im Club. Vielleicht noch beim ersten Take … aber danach? Und überhaupt, was soll VR sein? Wie läuft es mit Sex in der virtuellen Realität? Könnte irgendwann die gesamte reale Erfahrung in VR stattfinden? Zugegeben, das klingt etwas dystopisch. Oder utopisch, je nachdem wie man dazu steht.

Mein Sitznachbar macht einen interessanten Vergleich: Er stellt sich vor, dass er durch VR das machen könnte, was er immer in nächtlichen Träumen machen wollen würde. Nur, dass man in Träumen meistens keine Kontrolle über seine Handlungen hat.

Vor dem letzten Take gehe ich noch mal an die frische Luft. Das Mädchen, das mich nach einer Pille gefragt hat, unterhält sich mit einem Typen. Er faselt irgendwas von einer tollen Erfindung, die er sich SOEBEN ausgedacht habe: der Schuhlappen. Wenn du mal zu faul zum Putzen bist, kannst du den einfach anziehen und damit dein Wohnung putzen. Aha. Sie sagt, dass es so was schon gibt.

Zum Glück kann der VR-Zuschauer die Gespräche nicht hören.

Kann Virtual Reality das Versprechen der Nacht überhaupt einlösen?

Nach dem letzten Take schleppe ich meinen meine müden Beine raus. Klar, fertig ist man auch nach einer Clubnacht. Aber es ist im Idealfall eine glückliche Form der Erschöpfung und nicht eine, wie du sie nach einem Arbeitstag fühlst. Ob der VR-Zuschauer am Ende ein Cluberlebnis hat, das dem realen Gang in einen Club nahekommt? Nachprüfen lässt es sich nur, wenn mir jemand ein Brille und da fertige Video gibt. Wobei jetzt schon klar ist, dass der VR-Zuschauer im Boiler Room seinen Kopf lediglich nach links, rechts, oben und unten bewegen kann, also nicht frei herumlaufen kann, wie in manchen VR-Games. Aber wer weiß, vielleicht ist auch das bald möglich?

Bis dahin melde ich Zweifel an, dass die VR-Erfahrung dem gewöhnlichen Clubbing nahe kommt. Die Essenz eines Clubabends ist doch die gemeinsame Erfahrung, live und synchron. Sei es mit deinen Freunden, mit denen du gemeinsam in den Club gehst und/oder mit Leuten die du vorher noch nicht kanntest. In einer guten Clubnacht liegt auch immer ein unkalkulierbarer Faktor. Etwas, das man das Versprechen der Nacht nennen könnte. Kann Virtual Reality das überhaupt einlösen? Ich glaube nicht.

Vielleicht muss man die ganze Sache aber auch anders betrachten: Auch der gewöhnliche Boiler Room kann und will nicht wie ein gewöhnlicher Clubabend sein, er ist vor allem für die Leute hinter den Computern, die sich den Stream angucken. Menschen, denen diese Musik ansonsten vorenthalten werden würde. Weil sie an Orten leben, die von ihren Lieblings-DJs nie bereist werden. Oder stets von den Türstehern abgewiesen werden. All diese Menschen können durch Virtual Reality vermutlich eine ganz neue Erfahrung machen. Warten wir's also ab.

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