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Die 7 wichtigsten Architektur-Faktoren, damit ein Stadion richtig laut ist

Stadionatmosphäre hat nicht nur mit dem Brüll-Level der Fans zu tun, sondern auch mit baulichen Aspekten. Der Architekt des super lauten Lyon-Stadions hat uns erklärt, warum beim Westfalen-Stadion fast alles richtig gemacht wurde.

von Joe Lo
02 September 2016, 2:04pm

Peter Powell/EPA

Für viele Fußballfans ist die Frage „Welcher Verein hat das lauteste Stadion?" gleichbedeutend mit der Frage „Welcher Verein hat die lautesten Fans?". Doch die Sache ist bei Weitem nicht so einfach. Die Lautstärke eines Stadions hat genauso viel mit seinem Design wie den Fans in seinem Inneren zu tun. Eine gut konzipierte Arena kann auf Fangesänge verstärkend wirken, gleichzeitig kann eine schlecht konzipierte Arena einen genauso lauten Fangesang gewissermaßen dermaßen schlucken, dass er am anderen Ende des Stadions kaum noch zu hören ist.

Um mehr über den architektonischen Einfluss auf die Stadionatmosphäre zu verstehen, haben wir mit Garry Reeves gesprochen. Reeves ist ein Architekt, der für das renommierte Büro Populous arbeitet und der Lyons brandneues und extremem lautes Stadion entworfen hat. Dank Reeves wissen wir jetzt, welche sieben Kriterien es braucht, um die Stimmung im Stadion zu maximieren.

1. Eine Tribüne mit nur einem Rang

Die „Gelbe Wand" des BVB. Foto: Pascal Philp

Der Idealfall sieht so aus, dass sich Fans alle fühlen, sehen und hören können und als eine Einheit singen. Um das zu ermöglichen, ist es am besten, wenn die Fans in der Kurve in einer Ein-Rang-Tribüne stehen. Das bekannteste Beispiel in Europa ist wohl die Kop in Liverpool, wo 12.400 Fans singen und ihre Fahnen schwenken können und so für die „besonderen europäischen Nächte" in Anfield sorgen. Borussia Dortmund kann davon ein Lied singen. Stichwort Dortmund: Die „Süd" des BVB mit ihren knapp 25.000 Fans ist die größte einheitliche Stehplatz-Tribüne Europas.

Wenn man schon keine einheitliche Tribüne mit nur einem Rang realisieren kann, dann ist es wichtig, dass zwischen den beiden Rängen so wenig Überlappung wie möglich besteht. Reeves meint dazu: „Manchmal muss es einen Ober- und einen Unterring geben, aber solange sich auf ein und derselben Tribüne alle sehen können, ist schon viel geholfen."

Was man tunlichst vermeiden sollte, sind Tribünenkonstellationen wie im Stadion an der Stamford Bridge. Chelseas lauteste Tribünen—die Matthew Harding und die Shed—sind beide in einen Ober- und einen Unterring aufgeteilt mit einer ausgeprägten Tribünenüberlappung. Das verhindert, dass Fangesänge und die Atmosphäre organisch zwischen beiden Rängen transportiert werden—auf Kosten der allgemeinen Lautstärke.

2. Fans über den Spielern

In Portsmouth stehen die Fans extrem nah am Spielfeld. Fot: Mark Freeman

Je enger Spieler und Fans zusammengepfercht sind, desto lauter wird es im Stadion sein. Laut Reeves ist (bzw. war, weil nur noch viertklassig) das beste Beispiel dafür der Fratton Park, das Stadion von Portsmouth. Auch wenn nicht besonders viele Zuschauer reinpassen, war es zu seinen besten Zeiten ein echter Hexenkessel. „Die Atmosphäre war enorm aus dem einfachen Grund, dass alle sehr, sehr nah beieinander sind und der Lärm im Stadion bleibt." Als er Lyons Stadion entworfen hat, hat er genau diese Tatsache berücksichtigt. Und zwar, indem er zwischen der ersten Reihe und der Seitenlinie nur 10 Meter geplant hat. Weniger erlaubt die UEFA auch nicht.

Das ist auch einer der Gründe dafür, warum die Tribünen in West Hams Olympiastadion zum Teil die Laufbahn bedecken. Trotzdem beklagen sich viele Fans, dass sie—im Vergleich zum alten Upton Park—viel zu weit vom Spielgeschehen entfernt sitzen. Fußballfans in England sind eben keine Laufbahnen in Fußballstadien gewohnt, im Gegensatz zu den Anhängern von Hertha, Napoli oder den beiden Römer Vereinen. Dort kann zwar auch eine super Atmosphäre herrschen. Aber fest steht: Ohne die Laufbahnen wäre sie noch besser.

Übrigens geht es nicht nur darum, wie weit die erste Reihe vom Spielgeschehen entfernt ist, sondern auch die letzte. Und da kommt wiederum der Parameter Fußraum ins Spiel. Je mehr Abstand zwischen zwei Reihen besteht, desto weiter werden am Ende die obersten Reihen vom Spielfeld sein. In Old Trafford liegen zwischen der Rückenlehne eines Stuhls und der Rückenlehne des Stuhls davor 66 cm. In Twickenham sind es hingegen 84 cm. Mag auf den ersten Blick nach nicht besonders viel klingen, doch bei 30 Reihen sind das schon fünf Meter mehr Abstand zum Spielfeld.

Eine andere Methode, den Abstand zwischen letzter Reihe und dem Feld zu verringern, hat mit Winkeln zu tun.

3. Steile Tribünen

Das Mestalla in Valencia ist steiler als eine Skisprungschanze. Foto: Jose Saez

Auch der Neigungswinkel der Tribünen—wie steil diese also sind—spielt eine wichtige Rolle hinsichtlich der Atmosphäre. Je höher der Neigungswinkel, desto weniger kann die Stimmung nach oben „entweichen" und desto näher sitzen die Zuschauer am Spielfeldrand. Laut Reeves ist der Oberring in San Siro an einigen Stellen 40 Grad steil. Camp Nou, das Bernabeu, das Mestalla vom FC Valencia, das Juventus Stadium sind ähnlich steil. Auch in Sachen Neigungswinkel gilt die Dortmunder Süd mit 37 Grad als steilste Tribüne Deutschlands.

Wer sich wundert, warum das in Großbritannien, der Wiege des Fußballs, anders ist, dem sei nur ein Wort gesagt: Hillsborough-Katastrophe. Denn im Anschluss an das tragische Stadionunglück empfahlen Experten eine maximale Abschüssigkeit von 35 Grad, damit Zuschauern nicht schwindlig wird.

4. Ein geschlossenes Dach

Das Millenium Stadium ist eines der größten Stadien mit geschlossenem Dach weltweit. Foto: Nick Richards

Ein geschlossenes Dach verhindert, dass der Lärm nicht nach oben aus dem Stadion entweichen kann. Während verschließbare Dächer in der NFL nichts Besonderes sind, gibt es in der Bundesliga nur zwei Stadien, die man komplett schließen kann: die Schalker Veltins-Arena und die Frankfurter Commerzbank-Arena. Stadien im Ausland mit einem verschließbarem Dach sind unter anderem das Millennium Stadium im walisischen Cardiff sowie die Spielstätten von Galatasaray und Ajax.

Wenn man auf ein verschließbares Dach verzichtet, sollte man zumindest dafür sorgen, dass zwischen der obersten Reihe und dem Dach eine durchgängige Wand steht, damit die Atmosphäre dort nicht entweichen kann. Aber auch das Material des Dachs spielt eine Rolle und entscheidet darüber, wie der Lärm widerhallt.

5. Rundum-Bebauung

Das Böllenfalltor in Darmstadt gewinnt beim Charme aber nicht bei der Lautstärke. Foto: imago

Wichtig ist ebenso, dass auch die Ecken im Stadion durchgängig bebaut sind, damit seitlich der Lärm nicht entweichen kann. Bei modernen Arenen im Profifußball Standard, bei älteren Stadien gibt es aber auch noch Ausnahmen. Wie zum Beispiel Darmstadts Merck-Stadion am Böllenfalltor.

6. Auswärtsfans direkt am Geschehen

An der Stamford Bridge sitzen die Auswärtsfans direkt am Geschehen. Foto: Brian Minkoff

Ein lauter Auswärtsblock begünstigt die allgemeine Atmosphäre. Nicht nur, dass die Auswärtsfahrer an sich eine Menge Lärm erzeugen, ihre Anfeuerungen befeuern natürlich auch die Heimfans, was sich positiv auf die Gesamtstimmung auswirkt. Übrigens sollte der Auswärtsblock am besten auch so nah wie möglich am Spielfeld liegen. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. So sitzen die Auswärtsfans in der Münchener Allianz Arena direkt unter dem Dach—was zwar für die Fans und ihre Mannschaft ziemlich uncool ist, wodurch die Fangesänge aber lauten schallen.

7. Die Lage, die Lage und nochmal die Lage

Das Emirates—trotz all seiner Fehler—liegt zumindest im Herzen von Islington. Foto: Peter Mcdermott

Eine gute Stimmung im Stadion beginnt oft mit einer guten Stimmung vor dem Stadionbesuch. Die lässt sich aber nur schwer realisieren, wenn die Fans umständlich mit dem Auto zu einem Stadion irgendwo im Nirgendwo anreisen müssen (hat einer Sinsheim gesagt?). Im besten Fall fahren Fans gemeinsam mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Spiel und heben vor dem Spiel in Kneipen in Stadionnähe noch einen oder zwei.

Doch weil die Preise für zentral gelegene Grundstücke immer weiter steigen und Stadionkomplexe immer größer ausfallen, werden manche Vereine vor die schwere Entscheidung gestellt: Entweder ein größeres Stadion weiter außerhalb oder man bleibt in seiner traditionellen Umgebung, hat dafür aber weniger Platz zur Verfügung.

Oder um Reeves zu zitieren: „Wenn das Stadion nicht in der Community oder zentral gelegen ist, muss man extrem aufpassen, dass der Stadionbesuch nicht zu einem außerstädtischen Fahrerlebnis verkommt, bei dem du dein Auto auf dem Parkplatz abstellst und direkt ins Stadion gehst. Wenn das Stadion außerhalb liegt, musst du den öffentlichen Raum um das Stadion herum umso besser gestalten. Nur so wird dein Stadion zu einem Ort mit Charakter und nicht nur zu einer Spielstätte samt Parkplatz."