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Intertoto-Cup: Wie die Wettindustrie das Stiefkind des europäischen Fußballs gründete

Der UI-Cup ist der letzte Titel des HSV, dabei gab es nicht mal ein Endspiel. 2008 wurde der „Cup der guten Hoffnung" eingestellt. Zeit, sich an eine beispiellose Gründungsgeschichte zu erinnern.

von Robert O'Connor
28 November 2016, 2:25pm

Marseille were one of three Intertoto Cup "winners" in 2005 // PA Images

„Der UEFA Intertoto Cup ist vielleicht einzigartig in seiner Sportart", hieß die Beschreibung auf der offiziellen Website, „insofern, dass es weder ein Endspiel, einen Pokal noch einen Gewinner gibt."

Hört sich tatsächlich einzigartig an. Nur besonders attraktiv war der Wettbewerb nicht. Weder bei den Zuschauern noch bei den Vereinen. Schließlich fand der Wettbewerb mitten in der Sommerpause statt. Und störte damit die Saisonvorbereitung der Teams. 2008 wurde der UI-Cup abgeschafft, erst ab 1995 bot er Clubs die Möglichkeit, über die Hintertür doch noch am zweitklassigen UEFA-Cup teilzunehmen. Sexy ist anders.

Dabei begann die Geschichte des Intertoto-Cups schon lange vor 1995. Und hat als Protagonisten zwei schillernde Fußball-Persönlichkeiten.

Der Wettbewerb wurde 1961 ins Leben gerufen. Jahrzehnte bevor der Fußball mit der Wettindustrie eng verzahnt sein sollte, hatten die Gründer des Intertoto Cups die Idee, auch in den Sommermonaten, wo die Ligen Pause hatten, Spiele austragen zu lassen. Doch es ging auch um den Gedanken einer europäischen Liga. Und hier ist vor allem der Name Karl Rappan zu nennen. Der Trainer der Schweizer Nationalmannschaft hatte schon lange von einem Turnier mit Mannschaften aus ganz Europa geträumt. Um das auf die Beine zu stellen, brauchte er Geld. Und Geld hatte schon damals die Wettindustrie. So entstand eine ungewöhnliche Dreierpartnerschaft.

Auf der einen Seite Ernst Thommen, der Direktor der Schweizer Toto-Gesellschaft, der ein Interesse daran hatte, dass auch in der Sommerpause Spiele stattfinden. Auf der anderen Seite der Schwede Eric Persson, ein bemerkenswerter Mann, der im zweiten Weltkrieg dänische Juden vor den Nazis gerettet hatte. Nachdem Rappan seine Idee einer europäischen Liga in Österreich, Deutschland und Schweden vorgestellt hatte, konnte er Persson überzeugen. Der war zu der Zeit Vereinsvorsitzender von Malmö FF und sollte später eine Schlüsselrolle einnehmen bei der Gründung des Inter-Cities Fairs Cup, dem Vorgänger des UEFA Cups und der Europa League. Doch dass der Intertoto Cup zustande kam, ging vor allem auf die Partnerschaft von Thommen und Rappan zurück.

Persson ist einer der Gründer des UI-Cups. Foto: via

Auch wenn das heute fast schon bizarr erscheint: Die UEFA distanzierte sich von den Plänen der drei Herrschaften aufgrund der Verbindung zur Wettindustrie. Trotzdem winkte man den Vorschlag durch, überließ die Finanzierung und Organisierung aber komplett Rappan, Persson und Thommen.

Es hat fast schon etwas Trauriges, dass ein Wettbewerb, der später als „Strohhalm-Cup", „Trost-Cup" oder „Cup der guten Hoffnung" auf die Schippe genommen wurde, das geistige Kind zweier Männer war, die so viel geleistet haben. So wird Persson in seiner Heimat nicht nur für seinen Mut während der Nazizeit verehrt, sondern auch für die Tatsache, dass er Malmö als Vereinsboss vom Zweitligisten zum Serienmeister geformt hat, der 1979 fast den europäischen Thron erklomm (im Finale des Europapokals der Landesmeister verlor Malmö gegen Nottingham Forest).

Und Rappan ist nicht nur der am meisten dekorierte Trainer der Schweiz, sondern er hat auch als Trainer von Servette Genf und den Grasshopper Zürich ein Defensivsystem, den „Schweizer Riegel", erfunden, der später als Blueprint für den berühmten Catenaccio diente.

Die Geschichte des Intertoto Cups ist hingegen nicht bar gewisser Widersprüche. Denn sechs Jahre nach seiner Gründung wurde beschlossen, die Finalrunde abzuschaffen. Wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, dass es die Mannschaften nicht mehr einsahen, ihre Sommerpause länger als nötig für ein Turnier zu opfern, das eh fast keinen keinen interessierte. Aber ohne Finale und die Chance auf einen Pokal war das Turnier jetzt noch bedeutungsloser als vorher. Trotzdem fand es in dieser Form zwischen 1967 und 1995 statt.

Erst 1995 bekam der Wettbewerb eine Aufwertung, als die UEFA eine grundlegende Reform beschloss. Ab jetzt hatten Klubs, die in der Meisterschaft die direkte Qualifikation für den Europapokal verpasst hatten, die Möglichkeit, doch noch am UEFA-Pokal teilzunehmen. So kam es dann auch, dass die Teilnehmer plötzlich wieder namhafte Vereine aus den großen europäischen Ligen waren. In den letzten zehn Jahren vor der Reform kamen die Gruppensieger aus so unterschiedlichen Ländern wie Schweden, der tschechischen Republik, Schweiz, Ungarn oder Bulgarien. Zwischen 1995 und 2005 kamen alle Vereine, die sich über den Umweg UI-Cup für den UEFA-Pokal qualifizieren konnten, aus England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich.

Marseille war einer der drei Intertoto-Cup-„Gewinner" in 2005 // PA Images

Der UI-Cup wird aber auch immer für einen Wettbewerb stehen, den eigentlich niemand wollte. Und bei dem so manch deutscher Verein auch genauso auftrat. Bestes Beispiel die Glanzleistung von Werder Bremen vor der Saison 2003/04. Im Halbfinale setzt es beim österreichischen Vertreter SV Pasching eine 0:4-Klatsche. Das Ergebnis wirkt umso lächerlicher, wenn man weiß, dass Pasching zu dem Zeitpunkt auf dem letzten Platz der Tabelle stand und vor allem, dass dieselbe Mannschaft—bei der Stars wie Micoud, Klasnic und Ailton mitspielten—nur wenige magische Monate später das Double holen sollten.

UI-Cup und UEFA-Pokal wurden in der Saison 2008/09 zum letzten Mal ausgetragen. Sein Nachfolge-Konzept, eine erweiterte Europa League, sollten den europäischen Fußball eigentlich streamlinen, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Der Umweg in die Europa League—deren Prestige noch unter dem des UEFA-Pokals anzusehen ist—ähnelt noch immer einer aufgeblähten Farce. Bis zu acht Spiele sind nötig, um in die erste Runde der EL einzuziehen. In diesem Sinne lebt der Geist des UI-Cups auch noch heute fort. Genauso wie Rappans „Schweizer Riegel" im Catenaccio und Perssons Amtszeit in den jüngsten Erfolgen von Malmö FF, die gerade erst wieder Meister geworden sind.

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