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Der Kampf der US-Regierung gegen einen Kaffeepilz in Lateinamerika

Seit 2012 wütet der tödliche Kaffeerostpilz auf lateinamerikanischen Plantagen und hat zu Ernteeinbußen und einem erheblichen Verlust von Arbeitsplätzen in der Kaffeeindustrie geführt. Da Kaffee sowohl auf die Politik als auch auf die Wirtschaft großen...
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Rost schläft nicht, meinte Neil Young 1979, und leider hat sich diese Aussage noch nie mehr bewahrheitet als in den letzten zwei Jahren für Kaffeebauern in Lateinamerika. Seit 2012 wütet ein tödlicher Pilz namens Kaffeerost auf Plantagen in El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua und hat zu einem Rückgang der Kaffeeernte in Höhe von 15 bis 40 Prozent in den betroffenen Regionen und zu einem Verlust von etwa 400.000 bis 500.000 Jobs geführt. Der Gesamtschaden beläuft sich auf rund 740 Millionen Euro.

Kaffeerost ist kein neues Phänomen—eine Anekdote besagt, dass der Schaden von Kaffeerost in Sri Lanka in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts so groß war, dass das Land kurzerhand Tee zu seinem Nationalgetränk machte—aber bis nach Lateinamerika hatte es der Pilz bis vor Kurzem noch nicht geschafft. Dort hat nun der Klimawandel dazu geführt, dass sich der Pilz in Lagen ausbreiten konnte, die für ihn zuvor nicht zu erreichen waren. Sobald eine Pflanze befallen ist, fallen ihre Blätter ab, was dazu führt, dass die Photosynthese behindert wird. Dies wiederum hemmt das Wachstum der alles entscheidenden Kaffeebeeren, der Früchte nämlich, die die Kaffeebohnen tragen. Obwohl Fungizide, Beschneidung und Düngung die Pflanzen vor dem Pilz schützen könnten, fehlt es den meisten lateinamerikanischen Kaffeebauern schlichtweg an dem nötigen Geld, um in solche Technologien zu investieren—außerdem sind sie mit der Situation überfordert, da Kaffeerost noch ein so neues Phänomen in der Region ist.

Wenn du nicht super wählerisch bist, was deine tägliche Koffeindosis betrifft, wirst du wahrscheinlich von der Krise nicht direkt betroffen sein, da nur hochwertige Arabica-Bohnen befallen sind und sich die Krise bisher auf Lateinamerika und die Karibik beschränkt hat—die Mehrheit der Kaffeekonsumenten auf der Welt trinkt intensiv bewirtschafteten 08-15-Kaffee, der überwiegend in Brasilien, Indonesien und Vietnam angebaut wird. Wenn du hingegen so wie ich bist und recht teure Mischungen bevorzugst, die auf Nachhaltigkeit und Transparenz setzen und Namen wie „Timbers 1975 Blend—Limited Gift Edition" tragen, dann wirst du womöglich schon bald der Realität ins Auge sehen müssen und zu deinem Entsetzen eine viel geringere Verfügbarkeit—und deutlich höhere Preise—bei deinen Lieblingsröstern feststellen.

Diese Information zu schlucken kann ähnlich kratzen, wie als wenn du aus Versehen eine Portion besonders grob gemahlenen Kaffee runtergewürgt hättest, aber deine Probleme sind nichts im Vergleich zu den Sorgen von den Leuten, die den Kaffee anbauen. Kaffeeanbau stellt schon seit Langem eine enorm wichtige Quelle für Beschäftigung und Einkommen im nördlichen Teil Lateinamerikas dar, wo die Kaffeebohnen fast die Hälfte der jährlichen Exporte in der Region ausmachen. Der Einfluss des Kaffees durchzieht nicht nur die jeweiligen Volkswirtschaften, sondern reicht auch weit in die politische Sphäre hinein: Wenn der Kaffeeanbau floriert, hilft das der Stabilität der Region; wenn er aber stockt, kann der daraus resultierende Verlust von Arbeitsplätzen zu Hungersnöten und Armut führen—was wiederum in Gewalt und Kriminalität umschlagen kann.

Genau das ist die Sorge der United States Agency for International Development, die im letzten Monat eine Initiative in Höhe von 3,7 Millionen Euro gegen die Zerstörung angekündigt hat. Die sieht vor, Kaffeesorten zu entwickeln, die gegen Kaffeerost resistent sind. Außerdem hat man lateinamerikanischen Kaffeeunternehmen Hilfe zugesichert. Das Programm, das unter Zusammenarbeit mit einer NGO der Texas A&M University („World Coffee Research") läuft, ist nur Teil einer zugesicherten Gesamtsumme in Höhe von knapp 10 Millionen Euro, die USAID in die Kaffeeproduktion in den betroffenen Gegenden stecken wird. Dies passiert vor dem Hintergrund, dass die USA Arbeitsplätze sichern und soziale Unruhen verhindern wollen, die sich laut Regierungsvertretern über die Grenzen in die USA ausweiten könnten, und zwar durch einen Zustrom von verbotenen Rauschmitteln im Zuge eines vermehrten Drogenhandels.

„Der Einfluss, den die Kaffeeknappheit auf den Kaffeepreis für den Durchschnittskonsumenten hat, ist zwar auch ein Thema, aber im Wesentlichen geht es darum, wie sehr Kaffeerost die wichtigste Erwerbsquelle kleinerer Anbauer in Lateinamerika gefährdet", so Mark Sieffert, Beobachter vom Bureau of Food Security der USAID für den Kaffeesektor. „Wir reden von einer Region in der Welt, in der schon jetzt die Leute mit weniger als 1,50 Euro pro Tag auskommen müssen. Der rapide Verlust von Arbeitsplätzen, den wir momentan als Ergebnis des Kaffeerostes beobachten, birgt die Gefahr, die Region zu destabilisieren. Und wir wollen nicht, dass Leute, die bisher vom Kaffeeanbau gelebt haben, auf die Idee kommen, ihren Lebensunterhalt auf andere Art zu bestreiten."

Die Förderung vonseiten der USAID und Texas A&M soll dazu dienen, Setzlinge zu entwickeln, die gegen Kaffeerost resistent sind. Außerdem soll erforscht werden, inwieweit solche Setzlinge auch in Gegenden gedeihen können, in denen sie eigentlich nicht natürlich vorkommen. Zusätzliche Interventionsstrategien—wie beispielsweise solche für Bioanbauer, die auf Fungizide verzichten—wurden auf der ersten Jahresversammlung zum Thema Kaffeerost, die in Guatemala Stadt im April abgehalten wurde, präsentiert. Auf der Website der Universität findest du Links zu PowerPoint-Präsentationen von der Konferenz, unter anderem auch eine mit dem Titel „Rust Never Sleeps" (Rost schläft nie). Gut zu wissen, dass die US-Regierung immer für einen abgedroschenen Witz zu haben ist—oder einfach nur Neil Young mag.

Oberstes Foto: _Paul Galow _|_ Flickr | CC BY 2.0_