Illegale Fight Clubs, Stripperinnen und Steak für Hongkongs Elite

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Illegale Fight Clubs, Stripperinnen und Steak für Hongkongs Elite

Ich verbrachte einen Abend auf einem illegalen Bare-Knuckle-Boxkampf mit exklusivem Dinner. Dort kamen die schlimmsten (und reichsten) Expats in Hongkong zusammen und lechzten nach Blut und Stripperinnen.
12.11.14

Da macht man Karriere in China, verdient massenhaft Geld und trotzdem fällt einem nichts stilvolleres ein um zu feiern, als Boxer und Stipperinnen einfliegen zu lassen.

Es ist ein bizarrer Zufall, dass ich 24 Stunden vor den Morden eines britischen Bankers an zwei Frauen in Hongkong den Auftrag bekomme, das exklusive Nachtleben der Reichen aus dem Westen in Hongkong zu erforschen.

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Der Ton des Abends wird sehr früh gesetzt. Mark, der Fotograf, und ich haben uns gerade auf unseren Plätzen eingefunden, als zwei in Smoking gekleidete Herren anfangen, sich über die Vorteile, in Asien Geschäfte zu machen, auszutauschen.

„Es ist eines dieser Kabaretts, bei denen du ein Mädchen aussuchen musst. Aber ich kann mich nie nur für eines entscheiden, ich brauche eine ganze Entourage."

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„Ja. Stehst du eher auf geile Brüste oder einen tollen Arsch?"

Unser Ziel ist geheim. Als wir angekommen sind, werden uns Alkohol, Mädchen, „Erwachsenenunterhaltung", riesige, trocken gereifte Steaks und ein illegaler Underground-Bare-Knuckle-Boxkampf ohne Regeln und Kompromiss versprochen.

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Es sprach sich herum, dass das Event anscheinend von The Butcher's Club organisiert wird, einer der angesagtesten und übertriebensten Restaurants-Konzerne Hongkongs. Der Abend wurde unter dem Namen „Fight Club" vermarktet und ist auf 120 männliche Gäste beschränkt, die 30 000 Hongkong Dollar (das entspricht knapp 3100 Euro) für einen Tisch am Boxring hinlegten. Schwarze Fliege ist Pflicht und außer den Stripperinnen und den Nummerngirls sind keine Frauen erlaubt.

Auf einem Platz vor einer Lagerhalle laden chinesische Arbeiter Brotlaibe in Lastwägen ein. Auf dem Dach wurde ein richtiger Boxring unter einem weißen Zelt aufgestellt. Rundherum stehen runde, gedeckte Tische mit Wein-, Cognac- und Scotch-Flaschen.

Die Frauen—die Stripperinnen, die Nummerngirls und ihr Boss sowie die Zigarrengirls und eine weibliche Mitarbeiterin des Caterings—sitzen am Rand in ihren hautengen, aufreizenden Cocktailkleidern. Aber die Boxkämpfer selbst sind es—beworben als Bare-Knuckle-Boxer extra für das Event aus Großbritannien eingeflogen— die am meisten fehl am Platz wirken.

Schnell wird klar, dass die Boxkämpfer, neben den Köchen, mit Abstand die nettesten Leute hier sind. Der erste, Andy Cona aus Newcastle, spendet dieses Jahr seinen ganzen Gewinn an ein krebskrankes Mädchen und lässt deshalb einen Eimer für die freiwilligen Spenden der reichen Dinnergäste herumreichen.*

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Sein Gegner, Kevin Reed aus Wales, zeigt sich sehr ernst und anmutig, ohne den Augenkontakt zu verlieren. Später, nachdem er Andys Rippe gebrochen und seinen Wangenknochen zerschmettert hat, zeigt er—so scheint es—ehrliche Reue.

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Der Abend startet mit Appetizern und Stand-up-Comedy. Alle greifen zu—zu langsam gegartem Hasen, Foie Gras und Schweinebauch mit hausgemachten Brioche, Quittenmarmelade—und reißen unbeschwert Scherze darüber, wie reich sie sind. Sie recken den Hals in die Höhe und sehen sich um, als der Comedian auf den einzigen schwarzen Mann im Publikum zeigt—„Ich bin hier schon das dritte Jahr und du bist der erste, den ich hier gesehen habe"—und sind begeistert davon, wie wenige Chinesen anwesend sind—„muss sehr sicher sein!"

Aber so richtig fahren sie auf die Frauenwitze ab. Die Hände gehen in die Höhe, als der Comedian fragt, wie viele von ihnen verheiratet sind. Und die Hände bleiben auch oben, als er fragt, wie viele von ihnen es noch mit anderen Frauen treiben.

Zwischen den Auftritten der Comedians wird das Steak serviert: dicke, getreidegefütterte, 34 Tage dry-aged Rib-Eye-Steaks mit dreifach gekochtem Entenfett, Apfel-Estragon-Ketchup, Rettich-Biersenf und Sauce Béarnaise. Das Steak ist das beste in Hongkong. Es stammt von einer australischen Stierherde, die der Restaurant-Konzern selbst züchtet.

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Ich gehe nach unten, um zu pinkeln und meiner Seele eine kurze Verschnaufpause zu verschaffen. Als ich am Pissoir stehe, schwenkt plötzlich ein Kopf in einer schwarzen Fliege über die Trennwand zu mir herüber und sagt: „Schöner Schwanz."

Langsam aber sicher wird mir klar, dass ziemlich sicher alle Typen hier Arschlöcher sind.

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Mehr Comedy konnte ich nicht mehr ertragen, also schließe ich mich den Boxern an, die sich gerade auf den Kampf vorbereiten. Ich beobachte, wie zwei Männer nervös auf Andy zugehen und ihm die Hand schütteln, um ihm alles Gute zu wünschen. Sobald der Boxer ihnen den Rücken wieder zudreht, gratulieren sie sich gegenseitig zu ihrem Mut und lachen: „Das ist ja voll der Neandertaler."

Der Kampf verläuft nicht ganz nach Plan.

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„Schlag ihm eine in die Muschi!", schreit ein wankender Zuschauer mit dem Cognacglas in der Hand.

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Die erste Runde, in der mit Handschuhen gekämpft wird, verläuft relativ ereignisarm. Ständig unterbrechen Kommentare aus dem Publikum das Geschehen, man solle endlich Destiny, die Stripperin, herausbringen. Gleich Anfang der zweiten Runde wird Andy mit einem Haken im Oberkörper getroffen und fällt zu Boden. Die Menge fragt sich laut, ob er wohl nur vortäusche. Dann spuckt er Blut.

Sie stehen auf und geben ihm zaghaften Applaus, als er hinausgeführt wird. In ein paar Minuten war alles vorbei.

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Bald ist der Verletzte, der sich im unteren Stock erholt, vergessen und die Männer rufen wieder laut durchs Zelt: „Wo ist Destiny?".

Das Dessert wird serviert—reifer schottischer Cheddar und Gorgonzola mit Chutney und Apfel-Streuselkuchen mit Whiskey-Crème Anglaise—und die Stripperin betritt die Bühne. Sie tanzt und verdreht sich um einen Klappstuhl mitten im Ring und entblößt sich schnell bis auf ihre Nippel-Pasties.

Während sie tanzt, wird unten mit Andy verhandelt. Er hat sich mehrere Rippen gebrochen und kann kaum stehen, aber er will „den Leute eine Show bieten". Die Organisatoren stimmen zu, die beiden weiterkämpfen zu lassen, gegen die Empfehlung des Arztes und des Schiedsrichters, um den Leuten den versprochenen Kampf mit bloßen Fäusten zu bieten.

Der weitere Kampf verläuft wie erwartet: Bei jeder Anstrengung ächzt und stöhnt Andy. Innerhalb einer Minute bricht er zum zweiten Mal zusammen und liegt zusammengekrümmt am Rand am Boden und schreit vor Schmerz. Dieses Mal geht es mehrere Minuten, bis er sich überhaupt bewegen kann und als er schließlich aus dem Ring getragen wird, hinterlässt er eine Blutlache.

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Die Show ist vorbei.

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Die Dinnergäste trinken schnell noch allen Alkohol leer, der herumsteht, manche steigen in den Ring, springen von den Seilen herunter oder ringen mit ihren Freunden. Einige gehen ganz nah ran und betrachten benebelt die Blutlache.

Als wir gehen, rufen die Nachzügler im Lift nach unten immer noch „Destiny!". Vor der Lagerhalle versucht ein Betrunkener in Hemdsärmeln einen der Boxer zu einem Kampf anzustacheln.

Bevor ich mich auf den Nachhauseweg begebe, zeige ich einem Boxer, wie Dosenstechen geht. Als Dankeschön drückt er mir eine Pille in die Hand, die ich komplett vergessen hatte. Ich denke erst jetzt wieder daran, als ich diesen Artikel schreibe. Sie ist immer noch in meiner Tasche. Es ist Cialis, die Pille für den 48-Stunden-Ständer.

*Am Ende der Nacht schafft es Hongkongs Elite umgerechnet gerade mal ein bisschen mehr als 10 Euro pro Person zu spenden.