Wer betrunken ein Arschloch ist, ist es meist auch nüchtern

Keine Ausreden mehr.
18.5.17
Foto: Jo Jakeman​ | Flickr​ | CC BY 2.0

Jeder, der ein (oder zwei) Gin Tonic oder Tequila-Shots zuviel schonmal als Ausrede dafür benutzt hat, warum er sich letzte Nacht so komplett daneben benommen hat, kommt jetzt wahrscheinlich ziemlich in Erklärungsnot. Denn eine neue Studie legt nahe, dass Alkohol gar keinen so starken Einfluss auf eure Persönlichkeit hat, wie ihr kleinen Suffköpfe immer dachtet.

Forscher des Missouri Institute of Mental Health der Universität Missouri–St. Louis, berichten jetzt in der Fachzeitschrift Clinical Psychological Science, dass Alkoholkonsumenten zwar oft angeben, dass sich ihre Persönlichkeit nach dem Trinken drastisch verändert, für Außenstehende ist ihr Verhalten jedoch relativ gleichbleibend.

Das Forscherteam um Psychologin Rachel Winograd hat 156 Personen zunächst befragt, wie viel sie trinken und wie sie die Unterschiede zwischen ihrem nüchternen und ihrem betrunkenen Ich beschreiben würden.


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Danach kamen die Teilnehmer noch einmal in Gruppen zu drei oder vier Freunden ins Labor und sollten dort wieder trinken. Einige bekamen einfach nur Sprite, andere Mixgetränke aus Wodka und Sprite, die auf das Gewicht jedes Teilnehmers abgestimmt waren, um einen Blutalkoholwert von rund 0,9 Promille zu erreichen.

Nach 15 Minuten bekamen die Teilnehmer dann verschiedene Gruppenaktivitäten und Rätsel von den Forschern aufgetragen, die so ausgelegt waren, dass bestimmte wahrnehmbare Verhaltensweisen und Persönlichkeitseigenschaften zum Vorschein kommen. Währenddessen wurden die Teilnehmer gefilmt. Danach sollten die Teilnehmer sowie eine Gruppe Außenstehender, die sich die Aufnahmen ansahen, ihre Persönlichkeit sowie Veränderungen nach dem Alkoholkonsum einschätzen.

Durchweg alle Teilnehmer schätzten ihre Extraversion und ihre emotionale Stabilität nach dem Trinken höher ein, ihre Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit für Erfahrungen als niedriger. Die außenstehenden Beobachter fanden die Persönlichkeitsveränderungen jedoch nicht so gravierend wie die Teilnehmer. Für die Außenstehenden waren deutliche Veränderungen nur bei der Extraversion erkennbar (besonders in puncto Durchsetzungsfähigkeit, Aktivität und Geselligkeit), andere Persönlichkeitsmerkmale veränderten sich in der Wahrnehmung der Beobachter fast gar nicht.

"Diese Diskrepanz zwischen der Persönlichkeitswahrnehmung der Teilnehmer und der Beobachter hat uns überrascht", schreibt Rachel Winograd in einer Pressemitteilung. Sie merkt außerdem an, dass "Teilnehmer selbst Unterschiede bei allen Faktoren des Fünf-Faktoren-Modells beobachteten, jedoch wurde nur bei der Extraversion bei allen Teilnehmern ein Unterschied zwischen nüchternem und betrunkenem Zustand wahrgenommen."

Die Forscherin glaubt jedoch nicht, dass diese Wahrnehmungsunterschiede bedeuteten, dass alle Selbsteinschätzungen im betrunkenen Zustand komplett falsch sind. Für sie ist es eher ein Unterschied in der Wahrnehmung. "Die Teilnehmer haben eine innere Veränderung gespürt, die für sie real war, die die Beobachter jedoch nicht wahrnehmen konnten", meint sie.

Winograd meint zudem, dass sie und ihre Kollegen "diese Ergebnisse gern außerhalb des Labors überprüfen [würden] – in Bars, bei Partys und zu Hause, dort wo die Menschen eben wirklich trinken", um so besser zu verstehen, welchen Einfluss Alkohol auf unsere Persönlichkeit hat und inwiefern diese Ergebnisse dann auch praktisch genutzt werden kann, "um den negativen Einfluss von Alkohol zu minimieren."

Wenn ihr eure Jekyll-Hyde-Eskapaden also das nächste Mal auf die eine Runde Shots zu viel schieben wollt, denkt dran, dass euer betrunkenes Ich eurem nüchternen Ich möglicherweise mehr ähnelt, als euch lieb ist.