Popkultur

Wie 'The Bad Batch' ein neues Style-Genre erfindet

Ana Lily Amirpour, die Regisseurin von 'A Girl Walks Home Alone at Night', schickt uns samt hochwertigem Hipster-Chic in die Wüste – zu Kannibalen, Kaninchen und Keanu Reeves.
24.3.17

Screenshot aus YouTube-Trailer von 'The-Bad-Batch' (c) Annapurna Pictures

Ich habe mir The Bad Batch angesehen und musste das Ganze erst einmal ein paar Minuten mit offenem Mund "verdauen" – und diese Formulierung bietet sich nicht nur aufgrund des beiläufigen Kannibalismus im Film an. Ana Lily Amirpour, die geborene Engländerin mit iranischen Eltern, die man spätestens seit A Girl Walks Home Alone At Night lieben sollte, wirft nämlich in ihrem neuesten Film auch mit Unmengen an nicht ganz einfach einzuordnender Symbolik um sich.

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US-Einwanderungspolitik wird zum entmoralisierten Handlungsfundament à la Escape from New York. Die Bewohner dieser ungewissen Zukunft in der Wüste behandeln einander wie Vieh und man erahnt einen Gesellschaftskommentar auf gewisse menschenverachtende Geisteshaltungen unserer Zeit. Schließlich wird in dieser Geschichte rund um obskure Charaktere in einer Welt der Ausgestoßenen sogar ein Kaninchen zum traurigen Symbol für Humanismus. Amirpour hat mit The Bad Batch so etwas wie ein neues Filmgenre ins Leben gerufen.

In The Bad Batch wird nicht viel erklärt, zunächst nur verstümmelt. Ein Mädchen mit stoischem Gesicht wird hinter einem Grenzzaun ausgesetzt, da sie wohl nicht der Norm irgendeiner dystopen Gesellschaft entspricht. Suki Waterhouse spielt diese von ihrem Abenteuer gruselig unbeeindruckte Heldin. Jason Momoa ist ein Verbannter unter den Verbannten mit sauschwer verständlichem Akzent. Er weiß, wie man Fleisch richtig gut grillt und seine Community aus Außenseitern, die permanent zu Die Antwoord-Playlists Gewichte stemmen und trainieren, braucht schließlich auch viel Protein.

Die Figuren in The Bad Batch sind wie meinem zukünftigen Lieblings-Comic entsprungen. Jim Carrey als postapokalyptischer Penner könnte auch direkt aus Tank Girl, Transmetropolitan oder Preacher stammen. Auch der Rest dieser anarchistischen Gesellschaft mit ihren Smiley-Hot-Pants und Pornobrillen könnten direkt diesen Graphic Novels entwachsen sein.

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Keanu Reeves als Hugh Hefner der Wüstenenklave hat einen dermaßen geilen Look, dass eigentlich jetzt schon entschieden ist, was wir alle nächstes Halloween und Fasching und in der Zeit dazwischen anziehen werden. Seine Figur hat ein Faible für gute Drogen, schlecht monologisierte Vergleiche über sanitäre Prinzipe und seinen hochschwangeren Harem.

Die Figuren in The Bad Batch sind wie meinem zukünftigen Lieblings-Comic entsprungen.

Was ist an dem Ganzen jetzt aber ein neues Filmgenre? Die amerikanische Filmindustrie des letzten Jahrhunderts konnte mit der Erfindung des "Zombie"-Films die nationale Angst vor nuklearer Bedrohung und kommunistischem Brainwashing versinnbildlichen. Die 80er und Reagans "'Murrica, Fuck Yeah"-Ideologie fanden in den Muskelberg-Helden und dem Action-Kino ihren Ausdruck. Diesen subversiven Archetypen nicht unähnlich scheint The Bad Batch – ohne Namen zu nennen oder simplistisch wertende Aussagen zu machen – den politischen und soziologischen Zustand unserer Zeit zu kommentieren.

Ich nenne das Genre von The Bad Batch jetzt einfach mal "Post-Trump-Core". Auch wenn der Dreh schon 2015 begann und die mexikanischen Mauern noch den Wahrheitsgehalt eines durchschnittlichen Trump-Tweets hatten: Der Rechtsruck und der altfaderische Nationalismus waren längst losgetreten. "Mexiko, Islam und Systemkritik, das muss alles raus." The Bad Batch lässt aktuelle politische Ängste und Entwicklungen erkennen, die in der Pop-Kunst von Amirpour neue Interpretationen erhalten. The Bad Batch ist voraussichtlich einer von vielen Filmen mit subversiv sozialkritischem Tenor dieser Form, die da noch folgen werden.

'The Bad Batch' (c) Annapourna Pictures

Einzeln und für sich betrachtet sind die klassischen Motive wie Hilbilly-Horror oder die post-postmoderne Inszenierung von Bild und Populärmusik in The Bad Batch nichts Neues. Aber Amirpour verdreht das Altbekannte, stilisiert es neu und vor allem wunderschön, ohne dass es beim reinen Eye Candy bliebe. Das wirklich Einzigartige ist ihr ruhiger Erzählstil. So wird (abgesehen von der allererste Minute, in der zwei Grenzbeamte keuchend von ihren Klimaanlagen schwärmen) während der ersten 20 Minuten des Films nichts gesprochen. Pure Liebe!

Auch wenn es prätentiös klingt, ist "Showing" statt "Telling" eine durch die Fernsehfizierung des Kinos eher selten gewordene Kunst – und nur wenige Filmemacher beherrschen diesen Trick, ohne dabei unheimlich langweilig oder ausschließlich bebildernd zu sein. The Bad Batch ist zwar großteils langsam, aber explodiert an manchen Stellen förmlich in anbetungswürdige Kameraeinstellungen. Brutal, direkt, unverwaschen; Technopartys, Muskelporno, Krähenjagen und Trips im Nachthimmel. Ein einziges sandiges Style-Stroboskop.

Brutal, direkt, unverwaschen; Technopartys, Muskelporno, Krähenjagen und Trips im Nachthimmel. Ein einziges sandiges Style-Stroboskop.

Auf IMDb und in der allgemeinen Vermarktung wird der Film ein wenig als "Romantik" kategorisiert, was ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Auch wenn es definitiv eine fragile und unterschwellige emotionale Komponente im Film gibt und diese völlig unerwartet auftaucht, ist das doch nur das letzte kleine Puzzle-Stück in einem eigenartigen, neuen und weitaus mehr umfassenden Typus von Film.

Kritiker ziehen bei Amirpour gerne Parallelen zu berühmten 90er-Regisseuren. Mir fallen bei ihr nicht Tarantino oder Burton ein, sondern wenn schon, dann am ehesten Terry Gilliam. Sobald in The Bad Batch eine als Freiheitstatue verkleidete Frau mit einem "Find the dream"-Schild in der Hand durch eine Gruppe schräger Komparsen wandelt, poppt mir Gilliams überzeichnete Art, Szenenbilder zu gestalten, in den Kopf. Die Figuren in The Bad Batch verhalten sich nicht annähernd so manisch wie jene in seinen Filmen, ganz im Gegenteil, aber die Bildwelten sind knallig, bunt und voller Bedeutung – sehr ähnlich wie in Twelve Monkeys oder Fear and Loathing in Las Vegas.

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Und wenn wir schon bei wirren Vergleichen zu anderen Regisseuren sind: Nicolas Winding Refn und sein "Style over matter"-Zugang sind auch gute Schlagwörter für jemanden, der sich etwas unter The Bad Batch vorstellen möchte (auch wenn die Vorstellung dem Film damit hinterher hinkt). Sorgsam aufgetischter und komplexer Plot sind unwichtig, stattdessen wird mit einnehmenden Erzählwelten und Kameraeinstellungen gezaubert, dass einem die Augäpfel Freudentränen ejakulieren.

Screenshot aus Youtube-Trailer von 'The-Bad-Batch' (c) Annapurna Pictures

Schon wie bei A Girl Walks Home Alone at Night war Musik ein essentielles Stilmittel für Amirpour. Guter Minimal Techno tuckert und schafft Gänsehaut in der Gesellschaft ausgestoßener Irrer. Lange Sequenzen, die die Geschichte der wortkargen Charaktere erzählen, werden von langsam aufbrodelnden Indie-Nummern getragen. Und die Szene mit "All that she wants" von Ace of Base wird sicherlich für viele das Erste sein, an das sie denken müssen, wenn jemand künftig The Bad Batch erwähnt.

Wenn du kein Fan von langsam schwelenden Slow-Burn-Filmen bist – oder von der Vorstellung, dass Spring Breakers und Mad Max ein Baby bekommen sollten –, dann wird The Bad Batch eher nichts für dich sein. Hier herrschen Hipster-Chic, Sozialkommentar und vielleicht sogar ein Anflug von Vegetarismus. Ein neuartiges Genre, eben. Und noch dazu ein ziemlich gutes.

Josef auf Twitter: @theZeffo