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transferwahnsinn

Wie die Premier League die Bundesliga nicht leer kaufte

Verantwortliche und Fans bekommen beim Gedanken an die englischen TV-Millionen Schnappatmung. Dabei hat sich nach Transferschluss eigentlich kaum was getan, außer dass die Summen höher werden.

von Benedikt Niessen
01 September 2015, 2:45pm

Ruhe. So fühlt sich das also an, wenn man nicht gerade hört, dass ein 19-Jähriger zwischen 50 oder 80 Millionen Euro zu Manchester United wechselt, oder wenn ein Julian Draxler den Götze macht und für fast die gleiche Summe zu Wolfsburg geht. Die Welt steht noch, für einen kurzen Augenblick. Jetzt wird erst mal Fußball gespielt, obwohl die Engländer uns zugekotet haben mit ihrem TV-Geld. Im Doppelpass haben sie es schon ganz richtig auf den Punkt gebracht:

Und alle haben wir Schnappatmung. Edmund murmelt noch etwas über das fabelhafte „Made in Germany"-Etikett, der Welt-Journalist will einen Trainingsplatz ins Tor stellen, den Stadionausbau als Libero auflaufen lassen und mit neun Jugendtrainern in der Offensive angreifen und 1. FC Köln-Geschäftsführer Jörg Schmadtke faselt was von Bodenständigkeit. Merkt ihr nicht, die Bundesliga ist verloren!

Die Premier League hat insgesamt 1,04 Mrd. Euro im Sommer ausgegeben—bei einem Minus von 481,52 Mio. Euro. Auf dem zweiten Platz liegt die Serie A mit 576 Mio., die Bundesliga kriecht auf Platz vier mit 411 Mio. hinterher. Der normale Fan blickt schon seit Jahren mit großer Unverständnis auf diese immer größer werdenden Millionen-Summen, doch hat die Premier League die Bundesliga wirklich aufgekauft? Nein, hat sie nicht und wird sie auch nicht. Staunen kann die Bundesliga, aber sie soll aufhören zu quengeln.

Von einem Ausverkauf kann nicht die Rede sein, denn nur elf Spieler wechselten von der Bundesliga in die Premier League—Christian Fuchs sogar ablösefrei mit Kusshand. Diese Spieler waren vor allem Premium-Ware, die zu überteuerten Preisen herausgingen: Um die 207,3 Millionen Euro flossen durch die Ablösen der elf Spieler in die Bundesliga—ihr gemeinsamer Marktwert liegt bei nur 151 Millionen Euro. Doch bei all der Aufregung, die meisten Spieler konnten beziehungsweise können adäquat ersetzt werden. Das Interesse englischer Vereine für Spieler aus der Bundesliga ist nicht neu, sondern lediglich die riesigen Geldsummen. Im Jahr 2014—vor dem neuen TV-Vertrag—nahm die Bundesliga von der Premier League nur 14 Millionen Euro ein, aber es wechselten ebenfalls elf Spieler auf die Insel.

Auch Zweitligisten wie Union Berlin oder der SC Paderborn haben einen Geldregen erfahren, denn auch die zweite englische Liga wilderte in der zweiten deutschen Liga. Vier Spieler (Hünemeier, Polter, Hofmann und Hennings) gingen für insgesamt 10,5 Millionen Euro weg und machten Platz für junge und günstigere Spieler. Der Reiz für die England-Legionäre: Eine Auslandserfahrung und vor allem das viele Geld. „West Ham hat fast das Doppelte geboten. Aber wenn es nur nach der Kohle ginge, müsste jeder Bundesliga-Spieler in die Premiere League übersiedeln", gab Stefan Reinartz zu, der aber dann wegen der besseren Einsatzmöglichkeiten von Leverkusen nach Frankfurt wechselte.

Auf das Geld sind bis auf wenige Top- oder Retortenklubs alle deutschen Vereine angewiesen—vor allem in der zweiten Liga. Die hohen Transfererlöse tun der Liga gut, denn sie werden nur selten komplett in Spieler reinvestiert. Meistens helfen sie den Nachwuchs noch besser auszubilden. Die 17,5 Millionen Euro, die Augsburg für Abdul Rahman Baba von Chelsea erhielt, wanderten vor allem in die Verbesserung der Infrastruktur. Die elf Millionen Euro, die Mainz von Leicester für Angreifer Shinji Okazaki bekam, investierte der FSV in den Bau eines neuen Trainingsplatzes.

Die Premier League ist die größte und reichste Liga auf dem Planeten, das wird sich erstmal nicht ändern. Die Bundesliga kann jedoch versuchen den Rückstand durch eigene TV-Einnahmen zu verringern und mit der gewohnten finanziellen Vernunft und sportlichen Cleverness attraktiv für Fans und Sponsoren sein. Die Marke Bundesliga muss nicht kopieren, sondern mit modernem Fußball, tollen Stadien und der besten Atmosphäre punkten. Und vor allem sollten wir endlich aufhören zu heulen: In England stehen auch nur elf Spieler auf dem Platz. Und auch in England wollen die Spieler auf dem Platz stehen und Fußball spielen—im besten Fall auch international. Dort können wie in Deutschland auch nur vier Mannschaften in die Champions League kommen. Sonst wäre Javier Hernández wohl nicht von Manchester Uniteds Bank zu Bayer Leverkusen gewechselt.

Die Top-Spieler, ob das nun ein De Brunye für den FC Bayern oder der Kapitän der tschechischen U21-Nationalmannschaft für Hannover 96 ist, werden wohl eher nach England ziehen, wenn sie ähnliche Bedingungen vorfinden und nur das Geld entscheidet. Die englischen Vereine beweisen aber, dass das viele Geld es ihnen nicht unbedingt leichter macht an hervorragende Spieler zu kommen oder ein gutes Näschen für Talente zu haben. Auch die deutschen Vereine werden in Zukunft mit elf Spielern auf dem Platz stehen und weiterhin internationale Titel gewinnen können. Denn Geld schießt Tore aber viel Geld schießt nicht viel mehr Tore.