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Kunst

Kunst meets Wissenschaft: Vik Muniz und Tal Danino verwandeln lebendige Krebszellen in schöne Gemälde

Für ihre Fotoserie "Colonies" haben der Künstler Muniz und der synthetische Biologe Danino Bakterien und mit Viren infizierte Zellen als Ausgangsmaterial für beeindruckende Kunstwerke benutzt.
27.8.14

Flowers (2014), das letzte Bild aus der Colonies Serie. 

Das letzte, was der brasilianische Künstler Vik Muniz von seinem Treffen mit Tal Danino, Postdoktorand am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und selbst ernannter „Bakterien-Enthusiast“, erwartet hätte, war, dass der Prozess künstlerischer Kreation an Ort und Stelle beginnen würde.

Einige Monate nach diesem ersten Treffen haben Danino und Muniz nun Bild um Bild biogenerierter Schönheit erschaffen und dabei von gesunden Wangenzellen bis zu Krebszellen alles benutzt, was das Labor so hergab. Der 52-jährige Muniz, der auch gerne mal Gemälde von Schlössern per  Ionenfeinstrahlanlage auf winzig kleine Sandkörner ätzt, erklärt: „Ich liebes es, mit Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Ich habe dann immer die Idee, dass wir uns irgendwo in der Mitte treffen und ein perfektes Stück bedeutsamer Kunst kreieren können. Colonies ist so eine Zusammenarbeit zwischen Künstler und Wissenschaftler. Wir versuchen Bilder aus Lebewesen zu machen–winzig kleinen Lebewesen.“ Es war ein Experiment, bei dem viele Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft überschritten wurden. Eine strikte wissenschaftliche Methode wurde durch die Flüssigkeit des künstlerischen Prozesses ergänzt und umgekehrt.

Eine Katze aus Krebszellen

Danino schildert uns die drei Schritte, die für die Kreation des biologischen Kunstwerks notwendig waren:

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„Der erste Schritt ist das Erstellen eines Wafers mit einem Masterimage mit Hilfe eines fotolithografischen Verfahrens. Danach muss ein Stempel von diesem Wafer gemacht werden. Mit dem Stempel erzeugt man dann ein klebriges Bild auf einer Platte, an der Zellen oder Bakterien haften können. Der letzte Schritt besteht darin, Krebszellen oder Bakterien auf die Platte zu bringen, so dass sie sich an das klebrige Material binden. Unter einem Hochleistungsmikroskop kann man die einzelnen Bakterien in den Krebszellen erkennen. Zoomt man heraus, ist das Bild in seiner Vollständigkeit zu sehen.

Nachdem Muniz und Danilo ihren spezialisierten „Druckprozess“ entwickelt hatten, war auf einmal alles möglich: Die beiden verwendeten eine Reihe von Muniz' Fotografien als Inspiration und begannen Colonies zu erschaffen. Als nach einer steigenden Anzahl an Versuchen klar wurde, dass die Bakterien und Zellen den Bilderzeugungsprozess mitmachten, war das eine willkommene Herausforderung für Künstler und Forscher. Muniz gibt zu: „Ich hätte niemals erwartet, dass ich jemanden treffen würde, der auf einem derartigen Level an Komplexität arbeitet. Zu meiner Überraschung war er dazu in der Lage und zu seiner Überraschung war es härter, als er gedacht hätte.“

„Wir begannen mit sehr simplen Mustern, die etwas enthüllten, das in unseren Köpfen sehr chaotisch ist. und gingen dann zu etwas sehr Ordentlichem über, das vom menschlichen Geist kreiert wurde. Sobald wir angefangen hatten, spürten wir die Versuchung, verschiedene Muster auszuprobieren, wie Menschenmengen oder Sportveranstaltungen, Staus, Schaltplatten… Es ist so, als würde man Geist und Gegenstand zusammenbringen und sehen, was raus kommt.“

Trotz des gewaltigen Erfolges ihrer Bilder geben Künstler und Biologe zu, dass das Medium ihrer Bilderserie für die Rezipienten problematisch ein kann. Tatsächlich hatte Danino keinerlei Relation zu der Krankheit, bis seine Schwester direkt mit Krebs in Kontakt kam. Es ist eines dieser weltweit berührenden Themen, die nur die Kunst ästhetisch zu unterwandern in der Lage ist. „Es ist ziemlich schön, ein Bild aus Krebszellen zu haben. Sie sind etwas so Schreckliches, wie aus einer anderen Welt, aber man kann sie in etwas verwandeln, das Schönheit ausstrahlt. Um diese Dinge Teil des Lebens aller werden zu lassen, muss man sie abbilden. Man braucht einen Erfahrungsweg. Dafür können sich Künstler mit Wissenschaftlern zusammentun. Sie können eine Vision anbieten.“

Während einige ihrer Medien sich als eher schwieriges Gesprächsthema erweisen, hatte Muniz noch ein paar humorvolle Worte über die anderen gruseligen Krabbeltierchen, die zur Erschaffung von Colonies eingesetzt wurden: „Wir denken bei Bakterien an etwas Schlechtes, aber in Wirklichkeit beherrschen sie die Welt. Wir haben mehr Bakterien als Zellen in unseren Körpern. Wenn wir sie nicht hätten, wären wir tot. Es ist eine lebenslange Zusammenarbeit.“

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Die Kooperation von Muniz und Danino zeigt, wie weit die menschliche Wissenschaft gekommen ist. Danino erklärt: „In der synthetischen Biologie programmieren wir das Leben neu. Wir denken darüber nach, in welcher Weise die Natur das Leben entwirft. Und auf welche Weise wir uns vorstellen können, das Leben neu zu entwerfen, um Dinge zu tun, die das Leben normalerweise nicht tut.“ Dem großartigen Projekt fehlt übrigens nicht das hehre Ziel, wie Danino erklärt: „Hier am MIT habe ich Bakterien entwickelt, um Krebs festzustellen. Die zugrundeliegende Idee ist, dass Bakterien innerhalb eines Tumors wachsen können. Sobald sie in einem Tumor wachsen, kann man sie dazu kriegen, diese Umgebung zu spüren und ein Molekül zu produzieren, anhand dessen das Vorhandensein eines Tumors leicht festgestellt werden kann.“

Das ist das faszinierende Ergebnis dessen, was passiert, wenn die beiden getrennten Disziplinen Kunst und Wissenschaft in Einklang gebracht werden. Wir uns jetzt schon darauf, was diese beiden Creators als Nächstes züchten werden.

'HeLa cell Pattern 1.' 

Vik Muniz' Original-Bakterienporträt. 

Die Erlöse der 'Colonies' Serie gehen an Projekte der Krebsforschung. Erfahr mehr über das Projekt auf der Website vonTal Danino.