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Kunst

Trefft den Künstler, der aus seinen großartigen Renaissance-GIFs ein Augmented-Reality-Buch gemacht hat

James Kerr, besser bekannt als Scorpion Dagger, verwandelt Renaissance-Gemälde in surreale Animationen. Seine besten Werke veröffentlicht er jetzt als Buch, das per Augmented-Reality-App erweitert werden kann.
17 September 2014, 11:06am

James Kerr, besser bekannt als Scorpion Dagger, hat in den letzten zwei Jahren Hunderte an GIFs kreiert, die Kunstwerke der Renaissance in surreale und ziemlich pietätlose Animationen verwandeln. Von Star Trek-Figuren, die das 15. Jahrhundert besuchen über heilige Apostel, die E-Gitarre spielen bis zu Jesus, der einen Roboter vermöbelt–Kerr ist definitiv einer der lustigsten GIF-Maker des Internets.

Aus seinen mittlerweile fast 1000 bizarren Bildkreationen hat der in Montreal lebende Künstler jetzt ein Buch zusammengestellt, das von Anteism veröffentlicht wird. Es umfasst über 100 farbige Seiten, prall gefüllt mit Kerrs brillanten Interpretation bekannter Kunstwerke. Und wie von einem Mann mit einem derart einzigartigen Sinn für Humor nicht anders zu erwarten war, ist die materielle Manifestation von Scorpion Dagger alles andere als ein traditionelles Buch.

Über Kickstarter sammelt Kerr gerade Geld, um eine App zu entwickeln, die jedes Bild im Buch mit Augmented Reality ausstattet und so zum Leben erweckt wie auf Kerrs Tumblr.

„Ich hoffe, ich kann noch ein paar kleine Überraschungen einbauen“, erzählt uns der Künstler. Die technologische Erweiterung seiner Arbeit werde „neue Veranstaltungsorte und Rezipienten erschließen. Ich denke, dass der Augmented-Reality-Part sehr lustig sein wird. Ich habe einige dieser Gemälde irgendwann mal aus Büchern gescannt, sie digital zweckentfremdet und stecke sie jetzt wieder zurück in ein Buch.“

Wir wollten von Scorpion Dagger mehr über die Arbeit an seinem ersten Buch wissen und haben mit ihm über die Anfänge seiner Manipulationen von Renaissance-Kunst gesprochen und ihn gefragt, was wohl die Originalkünstler zu seinen GIFS sagen würden.

The Creators Project: Was war das erste GIF, das du als Scorpion Dagger gemacht hast? Wie hat sich deine Arbeit, dein Style und vielleicht auch dein Humor in den letzten zwei Jahren GIF-Making entwickelt?

James Kerr (aka Scorpion Dagger): Es hat alles mit einem kleinen Projekt angefangen, das ich zusammen mit einem Freund gemacht habe. Wir bewegten ein Bild vor und zurück und fügten kleine Elemente hinzu. Er schickte mir diesen Typen mit sechs Augen und einer Sturmhaube. Ich hatte keine Ahnung, was ich damit machen sollte.

Zu dieser Zeit spielte ich mit diesen animierten Kurzfilm-Videos herum. Ich animierte einfach die Augen des Typen und schickte es meinem Freund zurück. Er meinte, als GIF würde es mehr Sinn machen. Das war letztendlich die grundlegende Idee für den Tumblr. Ich war auf der Suche nach etwas Neuem und GIFs zu machen war echt lustig. Meine ersten GIFs waren ziemlich einfach. Aber mit der Zeit lernte ich neue Animationstechniken und konnte so auch meinen Humor erweitern.

Es gibt so viele Dinge, die man remixen kann. Was interessierte dich so an der Bilderwelt der Renaissance und ihrer religiösen Ikonographie?

Eigentlich war ich nur auf der Suche nach Bildern ohne Copyright. Nach ein paar Monaten als Scorpion Dagger merkte ich, dass ich immer wieder auf Kunstwerke aus der Renaissance zurückgriff und dachte: Irgendwas haben sie.

Langsam entwickelte ich die Idee, mit diesen alten Gemälden eine Welt zu kreieren, in der die dargestellten Charaktere das Museum verlassen und nach Hause gehen an den Ort, den ich für sie geschaffen hatte. Es passt eigentlich gut zu mir, denn ich bin politisch ziemlich interessiert und das Wesen dieser Kunstwerke bietet einen Ansatz für Kritik an Religion und Moderne, mit dem ich mich gerne auseinandersetzen möchte.

Wie kam es zur Verwirklichung des Buches? Hast du versucht, es auf verschiedene Arten zu pushen oder kam Anteism einfach auf dich zu?

Es war lustig. Ich wollte ein kleines Buch mit einigen Drucken machen, um zu sehen, wozu das führen würde. Zwei Tage nachdem ich mir eine Software zum Bücherherstellen runtergeladen hatte, erzählte mir ein Freund, dass die Leute von Anteism mich treffen wollten, um eventuell ein Augmented-Reality-Buch zu machen. Die Typen sind echt nett und machen tolle Sachen, also fiel mir die Entscheidung nicht schwer.

Ich habe in einigen älteren Interviews gelesen, dass du nach einem Weg gesucht hast, das Medium GIF in neue Formate zu erweitern. Sowohl zur Monetarisierung als auch um Erfahrung zu sammeln. Ist ein Augmented-Reality-Buch jetzt die Erweiterung, die du dir vorgestellt hast?

Ich habe eine Augmented-Reality-Show hier in einem Museum in Montreal angefragt. Sie meinten, ich solle ihnen ein paar Beispiele geben. Also traf ich mich mit einigen Leuten aus der Tech-Branche, die mir aber zu teuer waren. Der Plan mit den Büchern ist es, unsere eigene Augmented-Reality-App zu entwickeln.

Es geht mir nicht so sehr darum, mit meiner Arbeit Geld zu verdienen, sondern eher neue Präsentationsorte und Publikum zu eröffnen. Ich denke, dass der Augmented-Reality-Part sehr lustig sein wird. Ich habe einige dieser Gemälde irgendwann mal aus Büchern gescannt, sie digital zweckentfremdet und stecke sie jetzt wieder zurück in ein Buch.

Wie viele neue Kunstwerke sind in dem Buch dabei? Gibt es viel Überschneidung mit deinem Tumblr?

Es gibt eine ganze Menge neues Zeug im Buch, das ich wahrscheinlich nicht auf der Seite veröffentlichen werde. Das meiste ist aber vom Tumblr. Viele von den Werken werden erweitert, verlängert und bereinigt. Das alte Upload-System von Tumblr war ziemlich frustrierend, weil es die Länge und Größe der GIFS stark einschränkte. Dementsprechend sahen viele GIFs auf der Seite nicht so aus, wie ich sie haben wollte. Jetzt kann ich sie so zeigen, wie sie ursprünglich beabsichtigt waren.

Kannst du etwas mehr über das Buch erzählen? Wie ist es kuratiert? Gibt es Kapitel, Themen oder Kategorien?

Es gibt keine Kapitel im formellen Sinn. Wir werden versuchen, es so anzulegen, dass es so etwas wie einen Dialog oder eine Kontinuität zwischen den Werken gibt.

Ich habe in älteren Interview gelesen, dass der Prozess des GIF-Makings ziemlich einfach ist. Kannst du ihn noch ausbauen?

Mittlerweile läuft alles digital. Manchmal scanne ich Bilder aus Kunstbüchern, die bei uns zuhause rumliegen. Aber das Schneiden, Kopieren und Animieren mache ich mit Photoshop. Normalerweise habe ich eine Idee für ein GIF und fange damit an die Charaktere zu basteln, indem ich Dinge wie Rumpf, Kopf, Arme und Beine aus verschiedenen Gemälden ausschneide. Für gewöhnlich muss ich die Farben der einzelnen Teile ausgleichen, damit alles zusammenpasst. Da kommt dann meine Freundin ins Spiel, ich bin nämlich farbenblind (was man merkt, wenn ich mal ein Körperteil falsch ansetze). Sobald die Charaktere fertig sind, mache ich den Hintergrund und andere kleine Details.

Der Animationsprozess ist ziemlich klar. Ich mache die Frame-Animationen in Photoshop. In jedem Bild wird irgendein Objekt ganz leicht bewegt. Es ist so ähnlich wie bei einer Animation mit Cels. In jedem Bild hebst du zum Beispiel den Arm etwas mehr an. Jede Armbewegung wird von einer Ebene repräsentiert, die abwechselnd aktiviert und deaktiviert wird, wenn du durch die einzelnen Bilder gehst. Es gibt einige wirklich gute Tutorialvideos auf YouTube von Leuten, die diese Dinge besser erklären können als ich.

Du meintest, du hast auf deinem Rechner Tonnen an Bildern aus dem Netz. Hast du auch eine Kollektion von Körperteilen?

Das ist jetzt vielleicht ein bisschen unheimlich, aber ja...

Was glaubst du, was die Originalkünstler zu deiner Arbeit sagen würden?

Ich denke, einige fänden sie gut. Der Maler Lucas Cranach der Ältere zum Beispiel scheint Spaß an seinen Bildern gehabt zu haben. Fast schon so, als würde er dafür sterben, die Motive seiner Arbeit zu zersetzen. Ich stelle mir einige dieser Maler als kleine Punkrocker vor. Sie riskierten, exkommuniziert zu werden oder Schlimmeres. Das ist vielleicht nur eine Interpretation, aber ich denke, man erkennt in ihren Werken manchmal so etwas wie Rebellion.

Wirst du nach der Veröffentlichung des Buchs als Scorpion Dagger weitermachen? Oder ist das jetzt der logische Schluss deines künstlerischen Alter Egos?

Gute Frage! Ich dachte, dass ich nach dem ersten Jahr fertig wäre, aber ich habe mich mehr und mehr ins GIF-Making verliebt. Wer weiß... Ich möchte es nicht ewig machen und denke, dass man aufhören sollte, so lange es die Leute noch gut finden. Aber zur Zeit macht es so viel Spaß und es gibt immer noch Dinge, die ich gerne sagen möchte.

>> Auf Kickstarter könnt ihr Scorpion Daggers Augmented-Reality-Buch unterstützen

>> Hier geht es zu James Kerrs großartigem Tumblr