Gumpendorf: Eine Tour durch Wiens älteste Vorstadtsiedlung

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Grätzltour

Gumpendorf: Eine Tour durch Wiens älteste Vorstadtsiedlung

Wir haben uns die Gumpendorfer Straße entlang gehantelt, eine FPÖ-Bezirksrätin in ihrem Stammbeisel getroffen, ein fast vergessenes Theater wiederentdeckt und die Geschichte über ein katzenfressendes Krokodil gehört. Oder war es eine Anakonda?

Von der Suchthilfe im Westen, bis zum einzigen Späti Wiens im Osten, von der Mahü im Norden, bis zur Rosa-Lila-Villa an der Wien im Süden, erstreckt sich das Gumpendorf und bildet so das größte Grätzl des 6. Wiener Gemeindebezirks.

Egal ob Jelinek oder Mill, Hafenjunge oder Raymond's, Tag- oder Nachasyl – das Gumpendorf gilt allgemein als zunehmend gentrifizierter Bobobezirk mit hohen Mieten, als grüne Hochburg und noch nicht vollständig renovierter Altbau von Neubau. Tatsächlich gibt es nur drei Bezirke in Wien, wo man für den Quadratmeter Wohnfläche mehr bezahlt als hier in Mariahilf: Die Innere Stadt, Wieden und die Donaustadt.

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Seit 1982 gibt es an der Wien das Lesben- Schwulen- und Transgenderzentrum "Rosa Lila Villa". Alle Fotos: Christopher Glanzl

Die älteste (ehemalige) Vorstadtsiedlung Wiens hat aber auch abseits von Chai-Latte, WLAN und grünen Nachbarn ihre Reize. So versteckt sich hinter dem dörflichen Charme und manchem vergilbten Vorhang ein Stück oftmals tragischer Lebensgeschichte, die viel über das Grätzl, aber auch Wien und seine Bewohner verrät.

Ich habe mich auf den Weg gemacht, um dieses Grätzl für euch zu erkunden und ein paar Geschichten vor den Vorhang zu holen, die sonst nur bei einer Tschik und einem Achterl Weiß erzählt werden: Ein Stück von diesem mythenumrankten "echten Wien", in dem die Menschen noch ins Tschocherl gingen, um den hart verdienten Flieder zu vertschechern, sich ein bisserl zu verlieben und am Ende des Tages vielleicht sogar noch mit einer schönen Dame oder einem kleinen Schlawiner zu buserieren.

Im kleinen Theater Brett in der Münzwardeingasse treffe ich Ludvik Kavin. Seit 1984 betreibt er hier gemeinsam mit seiner Frau Nika eine kleine Bühne, die heute bei vielen Grätzlbewohnern in Vergessenheit geraten ist. Die beiden waren in den 70ern aus der Tschechoslowakei geflüchtet. "Dort war es unmöglich sein Maul aufzumachen. Das hat sofort mit Verhaftung, Verhör und anderen Problemen geendet", erzählt Ludvik. Deshalb, und auch weil weder er noch seine Frau Nika anfangs Deutsch sprachen, haben sie das erste Wiener Tanz- und Bewegungstheater betrieben.

Bis Anfang der 2000er war das Theater Brett vor allem unter Studenten für seine progressiven Stücke bekannt. Dann kam 2003 die sogenannte Wiener Theaterreform, im Zuge derer dem  Theater Brett die Subventionen gestrichen wurden. "Wir haben uns damals gesagt, wir fallen nicht auf den Hintern und schon gar nicht auf die Knie. Wir werden weiter machen! Allerdings kämpfen wir heute noch ums Überleben, müssen das Theater vermieten und haben kaum Zeit und Geld für Eigenproduktionen", erzählt Ludvik.

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Trotz dieser für Ludvik und Nika persönlich negativen Veränderung, sieht er grundsätzlich eine positive Entwicklung im Grätzl. "Es ist hier heute viel lebendiger und hat mehr Farbe", sagt Ludvik. Als er in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre hierher gekommen ist, sei alles grau gewesen. "Überall war nur grau, grau, grau. Es gab noch kaum eine richtige Beislkultur." Außerdem durften auf den Wiesen nur die Hunde spielen – Kindern war das verboten. "Das hat sich zum Glück geändert", meint Ludvik.

Michi's Feinkost ist einer der letzten Kramerläden Wiens.

Entstanden ist das Gumpendorf bereits zirka 1000 nach Christus. Urkundlich erwähnt wurde es erstmals im Jahr 1130. Die Brückengasse bildete damals den Kern der mittelalterlichen Siedlung, woran heute noch ein Wachturm erinnert, der die Jahrhunderte überdauert hat.

Das Gumpendorf gehört außerdem zu den wenigen dörflichen Siedlungen Wiens, deren mittelalterlicher Grundriss noch heute erhalten ist – und das trotz der massiven Zerstörung während der Türkenbelagerungen 1529 und 1683. Der Name leitet sich übrigens vom Wort "Gumpe" ab, was soviel wie "Tümpel" bedeutet und an Zeiten erinnert, wo die Wien noch regelmäßig über die Ufer trat.

Im 19. Jahrhundert kam es dann zu einem sprunghaften Bevölkerungsanstieg im Zuge der beginnenden Industrialisierung. Neben dem Schottenfeld wurde das Gumpendorf zum Mittelpunkt der Wiener Industrie und damit auch zu einer Hochburg der sozialistischen Arbeiterbewegung. So wurde zum Beispiel am 24. Dezember 1869 die gesamte Führungsgarde des Arbeiterbildungsvereins Gumpendorf verhaftet und ein halbes Jahr später wegen Hochverrats verurteilt. Demonstrationen mit bis zu 20.000 Teilnehmern und tagelange Straßenschlachten waren die Folge.

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Die Bude der Burschenschaft Olympia am oberen Ende der Gumpendorfer Straße.

Straßenschlachten gab es im Gumpendorf schon länger nicht mehr. Heute fliegen höchstens von Zeit zu Zeit ein paar Farbbeutel auf die Außenfassade der Burschenschaft Olympia, deren Bude am oberen Ende der Gumpendorfer Straße – der Hauptschlagader dieses Grätzels – liegt. Die Gumpendorfer Straße hieß früher übrigens Große Kothgasse.

Gleich gegenüber des Burschenschafter-Bude steht ein Haus des antifaschistischen Künstlers Arik Brauer, das mit seiner eigenwilligen Gestaltung nicht nur den ehemaligen Bürgermeister Helmut Zilk erzürnte.

Heute regt aber ein anderes Haus so manche Anrainer auf: Wenige Meter von den beiden völlig konträren Gebäuden entfernt, direkt am Gürtel, steht seit 2012 das jedmayer – das Haus der Wiener Suchthilfe.

Schräg gegenüber der U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße liegt das Haus der Suchthilfe Wien.

Im jedmayer werden suchtkranke Menschen rund um die Uhr in einem Tageszentrum und einer Notschlafstelle betreut. "Den Klientinnen und Klienten steht an diesem Standort ein sehr breites Angebotsspektrum zur Verfügung. Ein zentrales Anliegen ist, dass der Zugang zu den benötigten Hilfs-, Beratungs-, Betreuungs- und Behandlungsangeboten so niedrigschwellig und einfach wie möglich ist", erklärt die Bereichsleiterin Margit Putre.

Nach dem Prinzip "alles unter einem Dach" wird hier ein interdisziplinäres Angebot bereitgestellt, um so mit der komplexen Problemlage, in der sich suchtkranke Menschen befinden, richtig umgehen zu können. Egal ob jemand Halsweh hat oder Stimmen hört, ein Bett für eine Nacht, Essen oder Kleidung braucht, oder auf Unterstützung bei Behördengängen angewiesen ist: Hier bekommt jeder Hilfe.

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500 bis 700 Menschen nehmen täglich das Angebot der Suchhilfe am Gumpendorfer Gürtel in Anspruch.

Die Anlaufstelle für die Giftler, wie die Klienten der Suchthilfe in den umliegenden Cafés, Espressos und Beisln genannt werden, gibt es an unterschiedlichen Standorten im Gumpendorf schon seit 1990. Und sie wird intesiv genutzt. "Die Einrichtung wird täglich von zirka 500 bis 700 Personen frequentiert", erzählt Margit Putre.

"Das bedeutet natürlich auch, dass vermehrt Menschen im Umfeld sichtbar sind, die von manchen Bewohnerinnen und Bewohnern aufgrund ihres Verhaltens, ihres äußeren Erscheinungsbildes, beziehungsweise den sichtbaren Folgen ihrer Erkrankung als störend oder beängstigend wahrgenommen werden."

Dass es im Bereich der Station Gumpendorfer Straße nicht immer nur leiwand zugeht, sondern auch mal unangenehm werden kann, weiß wahrscheinlich jeder, der dort mehrmals die Woche in die U-Bahn steigt. Die Suchthilfe Wien unternimmt aber viel, um einen möglichst konfliktfreien Raum für alle zu schaffen. So gibt es eine 24-Stunden-Hotline für Anrainerinnen und Anrainer, wo Fragen, Anliegen und Rückmeldungen eingebracht werden können. Außerdem gibt es ein Team von Sozialarbeitern, die täglich im Grätzl unterwegs und sowohl für Suchtkranke als auch für Bewohnerinnen und Bewohner Ansprechspersonen sind.

Im Café Jersey.

Doch nicht nur im jedmayer trifft man auf suchtkranke Menschen. Auch in manchen Beisln an der Gumpendorfer Straße dient der Alkoholkonsum wohl nicht mehr nur dem reinen Vergnügen.

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Im Café Jersey läuft ein Mix aus Marianne Rosenberg, den Toten Hosen und Snap!. Die Luft ist stickig. Peter rät unserem Fotografen Christopher und mir zu Flaschenbier. "I was ned, wie long des Fassl scho steht", erklärt er. Peter ist eigentlich Stammgast, aber seit er in Pension ist, steht er jeden Freitag hinter der Bar. "Damit i mit de Leit zom kim und wos zum doa hob", erzählt er.

Als zwei ältere Damen zum freitäglichen Kartenspiel ins Lokal kommen, werden Christopher und ich vom einzigen Tisch ins "Wohnzimmer" komplimentiert. Das "Wohnzimmer" besteht in erster Linie aus einer grünen Kunstledergarnitur, aus der ein bisschen Schaumstoff quillt. Abgerundet wird das Bild von einem mit Klebeband befestigtem Poster von Amy Winehouse.

Entstanden ist das "Wohnzimmer" erst durch einen Durchbruch in die benachbarte Frauenboutique. Vorgenommen wurde diese Erweiterung vom "schwulen Willi", einem der ehemaligen Vorbesitzer des Cafés. Seit einigen Jahren hat es nun eine Chinesin übernommen, die von den Stammgästen nur "Pupperl" genannt wird und keinen Tropfen Alkohol trinkt. Ganz im Gegensatz zu ihren Gästen.

Michi gesellt sich zu uns ins Wohnzimmer und blättert im Fernsehprogramm. "Den Fernsehapparat hob i söbst do installiert, weil sunst warat jo nix do gwesen", erzählt der gebürtige Steirer, den es nach einer "Famülienangelegenheit" nach Wien verschlagen hat. Jetzt im Winter wird meist gemeinsam Skifahren geschaut. Auch Krimis laufen manchmal. Heute steht aber etwas völlig anderes am Programm.

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"Geh Peter, drah in Fernseher auf!", ruf Michi in Richtung der Bar, "der dreckige Solariummensch wird glei angelobt". Gemeint ist Donald Trump.

Als Trump eine halbe Stunde später – Christopher hat mich mittlerweile mit Michi, Peter und drei mir noch unbekannten Stammgästen an der Bar alleine gelassen – die Bühne betritt, murmelt Michi: "So, jetzt hoff ma auf an Heckenschützen."

Der Heckenschütze kommt nicht, das Interesse an der Angelobung schwindet zunehmend und anstatt der amerikanischen Außenpolitik wird immer mehr die österreichische Innenpolitik zum Thema.

"Ich will die Parteimitgliedschaft!"

"Ans muaßt wissen, do herin gibts ois: Rote, Schworze, Blaue. Sie is überhaupt a Tiefblaue", sagt Peter und deutet auf Ilka, die zwischen Michi und mir sitzt und bisher verzweifelt versucht hat, ein gutes Wort für Trump bei Michi einzulegen. "Aber i hob a sogar an Anarchisten herin. Der wöht zwar noch die KPÖ, aber eigentlich tendiert der so richtig zum Anarchismus", erzählt Peter weiter.

Überhaupt scheint Politik im Café Jersey eine große Rolle zu spielen. "Ich komme aus einem Elternhaus, wo politisches Engagement sehr groß geschrieben wurde. Meine Eltern waren Demokraten durch und durch", erklärt Ilke ihren Einsatz für die Bezirksgruppe der FPÖ. Eigentlich wollte sie ja zur SPÖ gehen. "Aber dann hab ich mal vorgeschlagen, ein Grätzlfest zu machen. Und weißt du, was die damalige Bezirksvorsteherin Kaufmann gesagt hat? 'Das wäre sehr gut für die Partei', hat sie gesagt", erzählt Ilke.

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In der Gumpendorfer Straße finden sich viele Goldhändler. Auch gegenüber vom Café Jersey. Da würde es schon auch mal vorkommen, dass jemand mit einem Goldbarren ins Café käme, erzählt ein Stammgast.

Ilke wollte aber nicht für "die Partei" arbeiten, sondern für die Menschen im Grätzl. "Dann habe ich erfahren, dass es eine kleine Bezirksgruppe der freiheitlichen Partei gibt und bin dort öfter zu Vorträgen gegangen. Irgendwann habe ich dann – spontan wie ich bin – bei einem dieser Vorträge gerufen: 'Ich will die Parteimitgliedschaft!' Naja, und dann haben sie mich zur Bezirksrätin gemacht", so Ilke.

Seitdem sitzt sie für die FPÖ im Bezirksrat. Ilke wird mich an diesem Abend noch einige Male fragen, wie lange die derzeitige Legislaturperiode noch laufe. Sie hat Angst, danach keinen Job mehr zu bekommen. Als ich sie frage, was für sie eigentlich das Gumpendorf ausmacht, hat sie keine Antwort für mich. Fairerweise ist das aber auch ein paar rote Spritzer später.

Nicht alle hier stehen der FPÖ so wohlwollend gegenüber. Mehrfach wird Ilke in ihrer Erzählung von Michi unterbrochen. "I kann weder mit den Blauen noch mit den Grünen wos anfangen. Momentan gfoit mir überhaupt nur der Kurz. Da hoff i, dass der bei den nächsten Wahlen allen anderen mal ordenlich ane auf den Deckel haut", erzählt er mir. Früher hätte er für Politik überhaupt nichts übrig gehabt, aber seit er für eine "Todsünde ordenlich büßen" musste, habe er zur Demokratie gefunden. "Do hob i dann logisch viel Zeit gehabt zum Lesen. Vor allem der Platon und der Aristoteles haben's mir angetan. Durch die hob i erst richtig verstondn wos, und wia wichtig Demokratie eigentlich is", so Michi.

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Das Streitgespräch über die FPÖ nimmt immer mehr Fahrt auf. Mittlerweile sind es nicht mehr nur die Bezirksrätin Ilke, der Schmied Michi, der Wirt Peter und ich, die miteinander diskutieren. Auch ein ehemaliger Flugtechniker der AUA, ein Gemeindebediensteter und der 81-jähriger Herr Pecha mischen sich zunehmend ein.

Irgendwann wird Peter die Diskussion zu hitzig und er erzählt einen Witz über die Schambehaarung von Adolf Hitler. "Des is hoit a mei Aufgob. Siagst eh, dass monchmoi a weng a Sponnung in da Luft liegt. Do bin i mit meim Schmäh donn des ausgleichende Element des schaut, dass zu kana gröberen Raufarei kimmt", lacht Peter und stellt jedem ein Stamperl hin. "De Rundn geht aufs Haus", ruft er.

Kurz suche ich noch das Gespräch mit dem 81-jährigen Herrn Pecha, weil mir Peter vor Stunden gesteckt hat, dass der früher immer mit seinem Krokodil oder seiner Anakonda – was genau es war, war auch nach mehreren Litern Bier und einigen Stamperl Schnaps noch nicht klar – die Gumpendorfer Straße entlang spaziert ist. "Jo des woa a Hetz! Do is olle paar Monat des Veterinäramt vor meina Tür gstonden und hot gfogt ob des Viech die Kotz vom Nochbarn gfressen hot. I man, unter uns gsogt, sicha bin i ma do ned! Ob zu de hob i nur gsogt: 'Nix, davogrennt werds erm sei des depperte Viech!'", erzählt Herr Pecha und ich merke, dass ihm die Geschichte noch heute sichtlich Freude bereitet.

Dann verabschiede ich mich von der Runde. Ich solle bald mal wieder kommen, meint Michi und klopft mir zum Abschied freundschaftlich auf die Schulter. "So, i hoff du host gnuag Stoff für dei Gschicht", sagt Peter. Ich bejahe und wanke hinaus in die Kälte. Es ist Freitag, kurz nach 7 Uhr Abends.

Paul auf Twitter: @gewitterland

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