Alle Bilder von Andreas Papadimitriou, insofern nicht anders angegeben

Dieser Künstler verbindet Ölmalerei und digitales Arbeiten

Christopher Kieling erklärt uns, wie er es schafft, in unserer durch den digitalen Wandel geprägten Welt, seinen Weg in der Königsdisziplin der Malerei zu gehen.

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Okt. 18 2017, 10:08am

Alle Bilder von Andreas Papadimitriou, insofern nicht anders angegeben

Präsentiert von Montblanc

Die großformatigen Ölgemälde von Christopher Kieling stellen immer eine Spannung her, zum Beispiel zwischen Tradition und Moderne oder zwischen Popkultur und Zivilisationskritik. Ob giftig strahlende Milch oder ein surreal zerfließender Tupac, Christopher schafft nicht nur inhaltlich immer eine zusätzliche Ebene, sondern auch technisch. Er bezieht moderne Hilfsmittel wie das Montblanc Augmented Paper in seine künstlerische Arbeit ein und kann so Ideen auf Papier skizzieren und danach digital weiterbearbeiten, bevor es auf die große Leinwand geht. Nach seinem Studium am Central Saint Martins College for Art and Design in London zog Christopher zurück nach Berlin, gründete das Künstlerkollektiv Atzeton mit und merkte immer mehr, dass er vor allem das analoge Arbeiten liebt. Warum es trotzdem manchmal Sinn macht, auf digitale Hilfsmittel zurückzugreifen und warum das Montblanc Augmented Paper beide Welten vereint, erklärt er im Interview.

Wann hast du dein Talent zum Malen entdeckt?

Das mit dem Talent ist ja so eine Sache. Wenn ich nicht so viel Zeit meines Lebens mit malen und zeichnen verbracht hätte, würde das heute auch alles nicht so aussehen. Als ich etwa drei oder vier Jahre alt war, haben meine Eltern meinen zehn Jahre älteren Bruder die Innenseite unserer Garage besprühen lassen. Das war so um 1992 herum und die Graffiti-Kultur kam gerade nach Berlin. Ich hatte davon noch keine Ahnung, aber als ich meinen Bruder und seine Freunde beim Sprühen sah, war mir klar, dass Graffiti das Coolste auf der Welt ist. Ich saß auf dem Boden und habe versucht, die Sachen mit meiner Kreide auf dem Boden nachzumalen. Ob ich Talent habe, sollen die anderen entscheiden, aber ich habe ein sehr gutes Auge für Details durch viele Jahre Training.

Du hast dich für eine sehr klassische Form des Malerei entschieden. Wie kam es dazu?

Das hat lange gedauert. Ich habe viel herumexperimentiert, bis ich zu Ölfarben kam. In der Uni habe ich viel ausprobieren können. Damals lag mein Hauptfokus noch auf der Fotografie und verschiedenen Drucktechniken. Ich habe viele Radierungen gemacht und Linolschnitt. Dann war ich lange vom Siebdruck fasziniert. Zur Malerei kam ich eigentlich erst 2012, als ich angefangen habe, in Cafés und kleinen Urban-Art-Galerien auszustellen. Ich bin mit Stiften und Drucken irgendwann an Grenzen gestoßen und wollte herausfinden, was sich aus anderen Medien noch rausholen lässt. Aus Bequemlichkeit griff ich dann zuerst zu Acrylfarben. Doch auch da stieß ich relativ schnell wieder an Grenzen. Öl ist einfach nicht vergleichbar mit anderen Farben. Man muss ganz neu lernen, mit den Eigenschaften umzugehen, doch es ist besonders befriedigend, wenn es gelingt.

Welche Eigenschaften meinst du genau? Was ist das Besondere an Ölfarben?

Die Pigmentierung und die Konsistenz sind einfach einzigartig. Wenn man eine Weile damit gearbeitet hat, ist es auch schwer, sich mit etwas anderem zufriedenzugeben. Mittlerweile ist die Malerei aber mehr für mich als nur eine Technik. In Zeiten von stetig steigendem Leistungsdruck und einer sich immer schneller drehenden Welt ist es mein persönlicher Akt des Protests. Sicherlich könnte ich andere Medien nutzen, um schneller zu arbeiten oder um meine Arbeiten einfacher zu vervielfältigen und zu verkaufen, doch genau diesem Denken möchte ich entgegenwirken. Ich entziehe mich dieser Spirale, indem ich die Kopfhörer aufsetze und mich tagelang auf einen gespannten Stofflappen konzentriere. Es ist also eine sehr bewusste Entscheidung, eine so alte und geschichtsträchtige Technik für meine Zwecke zu nutzen.

Das klingt ziemlich meditativ. Ist es nicht manchmal auch frustrierend, so lange an etwas zu arbeiten?

Da Öl sehr langsam trocknet, kann man Fehler oder neue Ebenen erst nach mehreren Tagen, manchmal Wochen, bearbeiten. Ich habe mir schon oft ein „Apfel-Z" beim Malen gewünscht. Auch mit digitaler Malerei habe ich herumexperimentiert. Doch es fällt mir schwer, viel Zeit und Energie in Pixel zu investieren. Klar, man hat endlose Bearbeitungsmöglichkeiten in Photoshop und anderen Programmen. Man kann einzelne Ebenen bearbeiten und dabei so gut wie kein Risiko eingehen, doch letztendlich hat man nichts in der Hand. Das mag ich am Montblanc Augmented Paper. Da habe ich die Wahl, ob ich Zeit in eine detaillierte Zeichnung auf Papier stecke oder nur einen Scribble mache, den ich dann noch digital bearbeiten kann.

Christopher skizziert mit dem Montblanc Augmented Paper Ideen, die er später digital weiterbearbeiten wird.
Christopher entwickelt eine Skizze digital weiter, bevor er das Kunstwerk auf Leinwand umsetzt. Das Montblanc Augmented Paper ermöglicht es, zuvor auf Papier Gescribbeltes im Nachhinein am Rechner zu bearbeiten.
Toxic Cow, Oil on Canvas, 140 x 140 cm, 2017 – Detail | Mit freundlicher Genehmigung von Christopher Kieling

Durch die Arbeit an deinen Gemälden bist du ja fest an dein Atelier gebunden. Vermisst du manchmal die Flexibilität, die andere Künstler haben?

Nicht wirklich ... Natürlich habe ich dort meine Workstation und alles schön aufgebaut, sodass ich Tag und Nacht loslegen kann. Aber oft tun mir die Tage, an denen ich nicht ins Atelier gehe, auch gut. Das ist ja das Schöne als freier Künstler: Ich kann mir meine Zeit selber einteilen. Ich entscheide, wann ich arbeite. Wenn ich eine Blockade habe, habe ich die Freiheit, mit meinem Hund in den Wald zu fahren oder mit Freunden was trinken zu gehen. Das empfinde ich als großen Luxus. Allgemein würde ich behaupten, dass Kunst einen nicht bindet. Man kann sich mit einem Kuli und ein paar Papierfetzen schon wunderbar austoben.

Erzähle uns doch mal was von deinem Prozess von der kreativen Idee bis zum ersten Pinselstrich.

Das ist immer unterschiedlich, würde ich sagen. Manchmal kommen mir gedankenblitzartig Ideen, die ich dann unbedingt verwirklichen muss, oder ich beschäftige mich intensiver mit einem Thema und das wächst dann zu einem Bildnis. In der Regel starte ich mit sehr groben Skizzen. Die können bildlich, aber auch schriftlich sein. Ich habe kein besonders gutes Kurzzeitgedächtnis, deshalb schreibe ich immer gleich alles auf. Ich bin schon oft nachts aufgestanden, um etwas aufzuschreiben, bevor es wieder weg ist. Wenn sich eine Idee gefestigt hat, fange ich meistens mit detaillierten Skizzen und der Bildersuche an. Ich durchforste Bücher, Zeitungen und das Internet, bis ich die richtigen Vorlagen zusammenhabe, die ich dann für die finale Komposition auf der Leinwand benötige. Dann beginnt das Malen.

Kannst du deinen Zustand beim Malen beschreiben? Wie bist du drauf, wenn du ein neues Mammutprojekt anfängst, das wochenlang deine ganze Aufmerksamkeit verlangt?

Das kann ziemlich emotional werden. Entweder es ist ein erbitterter Kampf oder eine meditative Ruhe. Dafür habe ich noch keine Formel gefunden. Es spielt alles im Leben eine Rolle und wirkt sich auf meine Arbeit aus. Anfangs habe ich versucht, einen neutralen Gemütszustand herzustellen, bevor ich den Pinsel in die Hand nehme. Doch ich habe gelernt, dass auch die Arbeiten neutraler und irgendwie belangloser wurden. Mittlerweile glaube ich, dass ein gute Arbeit von verschiedenen Emotionen geprägt sein muss, um auch verschiedene Emotionen auf den Betrachter zu übertragen.

Was hat das Montblanc Augmented Paper in deinem Alltag als Künstler leichter gemacht?

Ich würde sagen, es hat mir geholfen, meine Gedanken zu strukturieren und besser zu ordnen. Davor war es immer sehr chaotisch mit losen Blättern und vielen Blöcken. Mit dem Montblanc Augmented Paper habe ich alles zusammen. Es ist sehr angenehm, die Haptik von echtem Papier zu haben und gleichzeitig die Sicherheit der digitalen Bearbeitung.

Unsere Gesellschaft wird zunehmend digitaler. Gibt es diesen Wandel auch in der Kunstszene?

Natürlich. Die Digitalisierung hat Einfluss auf uns alle. Die Kunst ist da keine Ausnahme. Digital Painting entwickelt sich stetig weiter, es ist beeindruckend was Leute wie Lorenz Hideyoshi Ruwwe oder Craig Sellars mit dem Tablet machen können. Doch trotz der Digitalisierung wird Malerei auch immer etwas Analoges bleiben. Ob mit Kohle an der Höhlenwand, Edding an der Bushaltestelle oder Pinsel auf der Leinwand – solange der Mensch vor die Tür geht, wird er immer Zeichen machen. Ich glaube, das liegt in unserer Natur. Eine zunehmende Digitalisierung ist wahrscheinlich unvermeidlich, aber ich persönlich bleibe lieber bei der analogen Leinwand – für den Fall eines Stromausfalls.

Mehr von Christophers Arbeiten findet ihr auf seiner Website und hier. Vom 6. bis 15.10.2017 könnt ihr seine Arbeiten außerdem in der Knotenpunkt-Ausstellung in der Affenfaust Galerie in Hamburg anschauen.

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