Bundestagswahl 2017

Wir haben 5 Arme und 5 Reiche gefragt, wen sie wählen

"Ich will, dass Merkel Kanzlerin bleibt. Auch wenn ich das Menschenbild der CDU nicht ganz teile."

von VICE Staff
15 September 2017, 9:14am

Alle Fotos: VICE, sofern nicht anders angegeben

Glücklich, wer Christian Lindner SEINEN Spitzenkandidaten nennen darf. Die FDP-Wähler wählen nicht nur die Partei mit den hübschesten Porträtfotos Deutschlands, sie sind allgemein ziemlich überdurchschnittlich: überdurchschnittlich männlich, überdurchschnittlich arbeitsam und überdurchschnittlich reich. FDP-Wähler stehen an der Spitze der monatlichen Haushaltsnettoeinkommen, so das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das hat die Parteien auf ihre Wählerstruktur untersucht, Ergebnis: "Die monatlichen Haushaltsnettoeinkommen variieren erheblich nach der Parteienpräferenz."

Hinter der FDP liegen beim Gehalt die Grünen, die den höchsten Akademikeranteil haben. Dahinter: CDU/CSU. Leicht unterdurchschnittlich verdienen SPD-Wähler, dahinter folgen jene der AfD und der Linken. Aber wann sind Wähler überhaupt "arm" oder "reich"? Nach Definition der EU gilt als arm, wer alleinstehend weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens erhält. Das sind in Deutschland etwa 1.000 Euro. Die oberen zehn Prozent haben dreimal so viel, circa 3.000 Euro monatlich, auf dem Konto.

Wen Menschen wählen, hängt natürlich nicht nur vom Einkommen ab, sondern vor allem von persönlichen Idealen und Sorgen. Was ist für die Menschen auf der Straße wahlentscheidend? Wir haben fünf Arme und fünf Reiche gefragt, für wen sie ihr Kreuz machen werden.

Fünf Arme...

Bruno, 53, arbeitslos

VICE: Wie viel Geld hast du?
Bruno: Im Monat habe ich 500 Euro. Ich wohne momentan bei einem Freund in Berlin, weil ich hier operiert wurde. Ich bin zwar arm, aber ich komme über die Runden.

Wen wirst du wählen?
Die SPD.

Weil du dir erhoffst, dass es dann sozial gerechter zugeht?
Ja. Und weil Martin Schulz viel mehr Charakter hat als Merkel. Der macht viel konkretere Ansagen. Und ich bin mit Merkels Flüchtlingspolitik unzufrieden. Ich bin Spätaussiedler aus Polen, habe meine Heimat also auch zurückgelassen. Ich würde meine letzte Scheibe Brot für Flüchtlinge geben. Mein Problem ist, dass Merkel unkontrolliert alle reingelassen hat.

Links: Olivia, 24, rechts: Joy, 23, beide sind technische Assistentinnen für Produktdesign

VICE: Wie viel Geld habt ihr?
Olivia: Ich habe 1.000 Euro im Monat.
Joy: Ich habe 500 Euro.
Olivia: Wir machen beide unser Abitur nach und beantragen gerade BAföG.

Wen wählt ihr?
Olivia: Ich glaube tatsächlich, dass ich die CDU wählen werde. Ich will, dass Merkel Kanzlerin bleibt. Auch wenn ich das Menschenbild der Partei nicht ganz teile, ich halte Merkel für schlau und besonnen. Dann wähle ich noch die Grünen, deren Themen liegen mir sehr am Herzen. Damit kann ich mich im Gegensatz zu denen der CDU ganz identifizieren.

Joy: Ich kann Olivia gut verstehen. Obwohl ich links erzogen worden bin und aus der Hausbesetzerszene komme. Merkel ist skandalfrei und tritt außenpolitisch geschickt auf. Schulz dagegen erinnert mich an einen alten Lehrer.

Du wählst also auch CDU?
Joy: Nein, links oder grün. Ich will die Opposition stärken und außerdem sind beide Parteien für die Legalisierung von Cannabis. Sonst sind Arbeitsrechte, bezahlbare Wohnungen und ein höherer Mindestlohn wichtige Themen für mich.

Rachid, 39, Busfahrer

VICE: Mit wie viel Geld musst du auskommen?
Rachid: Das sind bei mir im Monat so um die 1.000 Euro.

Wen willst du wählen, damit sich das ändert?
Die Linke. Allerdings geht es mir nicht vordergründig darum, mehr Geld zu verdienen. Ich bin in Deutschland geboren, aber meine Familie stammt aus dem Libanon. Ich hab mal zwei Jahre dort bei meiner Oma gelebt. Das ist Kriegsgebiet. Ich wähle die Linke, weil das für mich die einzige Partei ist, die wirklich gegen Krieg ist und die Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien stoppen will.


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Laimonas, 37, Maurer

VICE: Wie viel Kohle kriegst du als Maurer?
Laimonas: Ich kriege 1.100 Euro netto.

Wonach entscheidest du, wen du wählst?
Ich hab keine wirkliche Meinung zu Politik, interessiert mich nicht. Mir ist nur wichtig, dass ich 'nen Job habe und dass die Wirtschaft gut läuft. Ich wähle Merkel, die macht das super. Sie ist die Beste und hat alles im Griff, vor allem in der Wirtschaftspolitik. Alles andere ist mir eigentlich egal.

Melissa, 18, frisch gebackene Abiturientin

VICE: Hast du einen Job?
Melissa: Ich engagiere mich gerade für Amnesty International.

Und wovon lebst du?
Ich kriege schon Geld von Amnesty. Gerade komme ich über die 1.000-Euro-Grenze ein bisschen drüber.

Wen wirst zu wählen, damit du mehr Geld bekommst?
Mir sind Menschenrechte wichtiger als Geld. Die Linke ist die einzige Partei, die diese Themen richtig aufgreift. Deswegen werde ich sie wählen. Außerdem: CDU-Wähler sind unsympathisch. Immer wenn ich mich mit denen unterhalte, merke ich, was für ein schlechtes Menschenbild die haben.

… und fünf Reiche

Verena, 38, Unternehmerin (verdient monatlich mehr als 3.500 netto, ihr genaues Gehalt möchte sie nicht angegeben)

Foto: privat

VICE: Deine Firma entwickelt und vermarktet Apps, wählst du die FDP?
Verena: Na ja, ich würde nicht bejahen, dass Unternehmer generell FDP wählen. Ich kenne viele, die andere Parteien unterstützen. Aber ja, ich wähle die FDP.

Warum?
Ich bin auch Mutter von vier Kindern. Bildung und Digitalisierung liegen mir für deren Zukunft sehr am Herzen. Und die FDP will diese Themen vorantreiben. Ich traue der Partei zu, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.

Florian, 29, Student und Millionär

VICE: Wie macht man das als Millionär? Hat man da ein Limit, das man monatlich ausgeben will?
Florian: Na ja, das Geld liegt nicht direkt voll verfügbar auf meinem Konto. Ich habe Immobilien geerbt und kriege dadurch jeden Monat Mieteinnahmen.

Und wie viel sind das?
Meistens mehr als 3.000 Euro im Monat.

Und wen wählst du, damit das so bleibt?
Weil ich wohlhabend bin, gehöre ich zu dem Teil der Bevölkerung, der sehr machtgeil ist, mit dem ich mich aber nicht identifiziere. Mir ist das unangenehm. Ich will soziale Gerechtigkeit und eine Gesellschaft, die geschwächte Menschen aus der Versenkung holt und stärkt. Ich bin normal bürgerlich aufgewachsen, bevor ich geerbt habe. Deswegen wähle ich links.

Susanne, 51, Apothekerin (verdient monatlich um die 3.500 netto, ihr genaues Gehalt möchte sie nicht angegeben)

Im Durchschnitt verdienen Apotheker 4.360 Euro brutto im Monat | Foto: privat (bearbeitet)

VICE: Wählt man als Apothekerin die Partei für Gesundheitsforschung?
Susanne: Nein, ich wähle die CDU. Und zwar weil sie sich als einzige Partei ausdrücklich gegen ein Versandhandelsverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel ausgesprochen hat.

Das ist ein ziemlich konkreter Grund. Gibt's noch andere?
Ich finde, Merkel macht ihre Sache ganz gut. Die Welt kommt mir in letzter Zeit ziemlich unruhig vor, sie gibt einem ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit.

Milo, 25, Sohn eines Unternehmers, studiert Wirtschaftsingenieurwesen (bekommt monatlich bis zu 2.000 Euro)

Foto: privat

VICE: Du hast mehr Geld als viele andere Studenten, spielt deine Finanzlage bei der Wahl eine Rolle für dich?
Milo: Nein, eigentlich nicht. Was mir wichtig ist, ist Bildung. Da besonders der IT-Bereich.

Wen willst du wählen?
Die FDP, weil ich von Herrn Lindner überzeugt bin. Ich finde ihn sehr eloquent. Was er sagt, hat Hand und Fuß. Außerdem will ich, dass Parteienvielfalt im Bundestag herrscht. Denn es gilt: Je mehr Parteien, desto mehr Meinungen und Ansichten.

Alexander, 50, Unternehmer (verdient monatlich mehr als 3.500 Euro netto, sein genaues Gehalt möchte er nicht angeben)

Foto: privat [bearbeitet]

VICE: Wen wählst du und warum?
Alexander: Ich werde die FDP wählen. Erstens, weil mir der Linder glaubhaft vorkommt. Zweitens, weil ich mit den Forderungen der Partei übereinstimme. Jeder soll sich das erarbeiten können, was er verdient, nachdem er bestmöglich ausgebildet worden ist.

Wählst du schon immer FDP?
Nein, bei den letzten Wahlen habe ich teilweise andere Parteien gewählt. Ich möchte aber keine Große Koalition mehr unterstützen. Vier weitere Jahre SPD und CDU würden die extremen Ränder mit Sicherheit stärken. Wir brauchen eine starke Opposition.

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