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Diese Frauen-Version von Childish Gambinos "This is America" tut körperlich weh

Wie es sich wohl anfühlt, zur falschen Zeit am falschen Ort das falsche YouTube-Video zum falschen Thema auf die falsche Art und Weise zu remaken?

Eine Woche nachdem Childish Gambinos "This is America" die Welt mit offener Kinnlade zurückließ, versucht sich die Kanadische Komikerin Nicole Arbour an einem Remake. Anstelle der Probleme von Schwarzen in den USA rücken in "This is America: Women’s Edit" die Hürden von Frauen in den Vordergrund. Ihr Song ist jedoch genauso sinnvoll, wie die "All Lives Matter"-Stimmen, die die "Black Lives Matter"-Bewegung unnötig von der Seite vollquatschen und relativieren wollen.

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"This is America" von Childish Gambino ist gerade auf Platz eins der US-Charts eingesteigen, das Video sammelte innerhalb einer Woche 116 Million Views auf YouTube. Die anhaltende Popularität ist wohl Grund genug für Nicole Arbour, eine eigene Version des Songs zu machen. Viel weiter dürfte sie nicht gedacht haben, als sie sich dazu entschied, als Weiße Frau einen Song zu remaken, der die Probleme von Schwarzen in den USA aufzeigt, wo Waffen- und Polizeigewalt zur Tagesordnung gehören. Klicks bringt es ja mit Sicherheit.

Neben Klicks hagelte es dann aber vor allem reichlich Scheiße. Das Video verzeichnet mittlerweile 78.000 Dislikes und nur 19.000 Likes. Kommentare wurden deaktiviert. Dafür häufen sich die Rants auf Twitter:

Diese Version würde selbst als eigenständiger Song versagen

Dabei ist die Message von "This is America: Women’s Edit" keinesfalls verkehrt. Und auch einige Symbole, die die Komikerin im Stil von "This is America" im Hintergrund auffährt, haben ihren Sinn und Zweck. Vom Shaming öffentlich stillender Mütter und ungleicher Bezahlung über Vergewaltigungsdrogen zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, dem Druck via Social Media und allgemeiner Sexualisierung: Arbour spricht viele Probleme an, mit denen Frauen täglich konfrontiert werden. Probleme, über die nicht geschwiegen werden sollte. Und sogar das obligatorische "this pussy grabs back"-Anti-Trump-Plakat kommt zum Einsatz.

All das ist vollkommen richtig und wichtig und muss in Diskussionen für eine gerechtere Gesellschaft einen rechtmäßigen Platz haben. Nur ist der eben nicht der aktuelle Thron von Childish Gambino. Vor allem nicht, wenn man in Sachen versteckte Referenzen und clevere Andeutungen nicht ansatzweise mit dem Rapper mithalten kann. Statt gekonnt platzierten Bildern und tieferen Bedeutungen, die sich erst nach und nach entpuppen wie ein bunter Sozialkritik-Schmetterling, knallt Nicole Arbour einem das komplette "Feminismus für Anfänger"-Paket direkt in die Fresse. Gleich in den Lyrics, wie etwa "This is America, got rape in my area, you got a drink, the roofies got into ya". Null Tiefgang, null versteckte Symbolik. Nur das Wortwörtliche. Das wäre selbst als eigenständiger Versuch einer Feminismus-Hymne daneben gegangen.

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Niemand sollte sich von diesem Video ablenken lassen

In der Beschreibung des Videos nimmt Nicole Arbour mittlerweile Stellung. Die Kanadierin richtet sich an alle, die sich von ihrer Parodie angegriffen fühlen und diese "falsch" interpretieren. Dabei handele es sich jedoch nur um eine Klarstellung, nicht um eine Entschuldigung. Einsicht sieht irgendwie anders aus. Und auch ansonsten scheint die YouTuberin ein Faible dafür zu haben, mit fragwürdigen Aussagen viral zu gehen: 2015 veröffentlichte sie einen "Satire"-Clip mit dem Titel "Dear Fat People", in dem sie ungeschönt über Übergewichtige herzieht. Jeder sollte schließlich über sich selbst lachen können, meint sie in einem darauf folgenden Video. Außerdem twitterte sie Anfang des Monats, dass Leute endlich aufhören sollten, sich über Sklaverei aufzuregen. Schließlich gehöre das längst der Vergangenheit an. Viel problematischer sei, dass wir alle Sklaven der Wirtschaft seien.

Von gewissen Themen lässt man eben einfach die Finger. Gerade, wenn es einen selbst nicht betrifft. In "This is America" wird kritisiert, wie sich viele lieber mit viralen Videos amüsieren, anstatt den Schmerz anzuerkennen, dem viele Schwarze in Amerika tagtäglich ausgesetzt sind. Childish Gambino hat ein symbolreiches, sozialkritisches Meisterwerk abgeliefert, dass ein lautes Echo erzeugt hat. Niemand sollte sich davon durch dieses unsägliche Remake ablenken lassen. Genausowenig von Memes oder "Call Me Maybe"-Versionen.

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