Wie junge Frauen mit Harry Potter und Draco Malfoy ihre Sexualität entdecken
Sex

Wie junge Frauen mit Harry Potter und Draco Malfoy ihre Sexualität entdecken

Und ihnen Fantasien über schwangere Bösewichte in Fandom-Foren helfen, selbstbestimmt ihr eigenes Begehren zu leben.

Dieser Artikel stammt aus der Privacy and Perception Issue des VICE Magazines, das in Zusammenarbeit mit Broadly produziert wurde. Mehr Geschichten aus dem Heft kannst du hier lesen.

Als nerdiger, sozial unbeholfener Teenager hatte ich meine ersten Sexfantasien in der Welt von Harry Potter. Und wie ich bald erfuhr, bin ich damit in meiner Generation nicht allein.

Schon mit zehn wurde Potter-Darsteller Daniel Radcliffe zu meinem ersten Promi-Schwarm. Mit zwölf entdeckte ich normale Fanfiction: lange Fortsetzungsgeschichten im Internet, in denen Fans der Romane sich zum Beispiel ausmalten, wie Hermine Grangers Leben während der Sommerferien aussieht. Mit 14 begegnete ich dann den verruchten Versionen dieser Storys, mit Titeln wie "Der Riesenkraken vögelt die Mauern von Hogwarts!" oder "Hagrid und Dobby werden intim".

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Ich lernte die Fachsprache: "Fluff" ist eine kurze, leichte Rom-Com. "Slashic" ist Fanfiction über homosexuelle Paare, im Potter-Universum oft zwischen Harry und seinem Erzfeind Draco Malfoy. "Mpreg" sind Fantasien über männliche Figuren, die schwanger werden. Bei Harry Potter drehten sich diese Geschichten meist um den arroganten Zaubertrank-Lehrer Snape. "Je maskuliner oder grüblerischer der Typ, desto besser ist er als Schwangerer", hieß es 2006 in einem Wired-Artikel zu Mpreg.


Auch bei VICE: Das mystische Universum von 'Magic: The Gathering'


Schon als Teenager war mir bewusst, dass sich die Amateur-Autorinnen (sie waren fast immer weiblich) wohl hauptsächlich mächtig fühlen wollten; sexuelle Erregung war eher Nebensache. Mit den seltsamen Prämissen der Fictions brachen sie bewusst Tabus. Die Romanzen zwischen Harry und Draco, die Schwangerschaften todernster Typen boten ihnen die seltene Gelegenheit, die Gefühls- und Körperwelten von Männern zu kontrollieren – auch wenn die Männer rein fiktiv waren.

Es gibt Fans, die sich zu unmenschlichen Bösewichten hingezogen fühlen, wie Pennywise, dem gruseligen Clown aus Stephen Kings Es, oder Venom, Spider-Mans Alien-Widersacher.

Meine Leidenschaft für erotische Fanfiction schwand mit den Jahren. Vor Kurzem bin ich dem Thema wiederbegegnet, weil Clickbait-Schlagzeilen auf neue Auswüchse der Subkultur aufmerksam machen: Es gibt Fans, die sich zu unmenschlichen Bösewichten hingezogen fühlen, wie Pennywise, dem gruseligen Clown aus Stephen Kings Es, oder Venom, Spider-Mans Alien-Widersacher. "Diese Menschen wollen Sex mit Venom", "Erschreckend viele haben einen Fetisch für den Clown aus Es" – und so weiter. Die Artikel beziehen sich dabei immer auf Fanseiten wie jene, die ich in meiner Jugend besuchte, wo Nutzerinnen anonyme Geschichten ihrer geheimsten Sexfantasien teilen.

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Die Geschichten ähneln einander, die Plattformen haben sich seit meiner Zeit aber geändert. Wo es Anfang der 2000er nur ein Netzwerk aus Fanfiction-Seiten wie MuggleNet und The Leaky Cauldron gab, und natürlich DeviantArt, regiert heute Tumblr. Dort tummeln sich normale Fandom-Communitys Seite an Seite mit den erotikfokussierten und decken ein unfassbares Themenspektrum ab, von der Serie Riverdale bis hin zu Teratophilie, der sexuellen Anziehung zu Monstern.

Die Fanfiction-Artikel brachten mich auf Community-Seiten wie "Pennywise Confessions", wo anonyme Nutzerinnen und Nutzer ihre Vorliebe für den Horror-Clown gestehen, und "m0nsterpiss", einen "Blog für Monster-/Roboter-/Alien-Sex". Manche Geschichten sind sehr ernst, die Fantasien zeigen vor allem ein Verlangen nach Intimität, viel stärker als jeder sexuelle Aspekt. Ein Pennywise-Fan träumt, der Clown würde "sanft lächeln, während er mir das Haar zurückstreicht und meine Stirn küsst". Andere Storys sind bewusst witzig und ungeniert sexuell gehalten.

In der echten Welt ist die Sexualität junger Frauen häufig noch immer fremdbestimmt oder -beeinflusst, die Fanfiction gibt ihnen Raum, ihr eigenes Begehren auszudrücken.

Im Trailer für den im Oktober erscheinenden Film Venom streckt das Monster seine lange, spitze Zunge aus dem scharfzahnigen Maul. Auf Fanseiten sorgt der Anblick für Erregung: "Auf die Zunge würde ich mich gern setzen", kommentiert eine Person. "Meine lieben Monster Fuckers", schreibt jemand anderes, "Venom hat Tentakeln, eine lange Zunge, er frisst Menschen. Er hat einfach alles."

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Solche Vorlieben mögen für manche schwer nachvollziehbar sein, für mich sind diese Posts aber erfreuliche Beweise dafür, dass erotische Fanfiction weiterlebt. In der echten Welt ist die Sexualität junger Frauen häufig noch immer fremdbestimmt oder -beeinflusst, die Fanfiction gibt ihnen Raum, ihr eigenes Begehren auszudrücken. Die lebhafte, grenzenlose Welt der Fanstorys – wir können sogar einen Riesenkraken sexualisieren! – ist ein Weg, aus den vielen Einschränkungen auszubrechen.

In ihrem Song "Screwed" singt Janelle Monáe: "Everything is sex / except sex, which is power". Die Dialoge, die auf Tumblr über ungewöhnliche sexuelle Vorlieben entstehen, handeln tatsächlich ebenso sehr von Macht wie von Sex. Junge Frauen positionieren sich als diejenigen, die schauen, um nicht immer nur die Angeschauten zu sein. Dass sie mit dem teils bizarren Material auch Tabus brechen, ist eine zusätzliche Form von Empowerment.

Ernste schwangere Männer, heiße Alien-Echsen und liebevolle Clown-Daddys verdeutlichen außerdem, dass sexuelle Begierde viel verwirrender und düsterer sein kann, als wir öffentlich eingestehen. Diese Geschichten sind eine Form von Rebellion gegen die Sexualität, die uns unsere Mainstream-Kultur vermittelt – weil sie uns nicht nur vorgibt, wen wir zu begehren haben, sondern auch wie.

Die Fangirl-Communitys von Tumblr stehen für eine sanftere, emanzipatorische Sexualpolitik, weil sie mehr auf innere Zufriedenheit abzielt als auf äußere Konformität.

Im Laufe der Jahre ließ ich meine Fantasiewelt im Internet hinter mir. Die Realität war ein böses Erwachen: Online hatte ich mir zielstrebig sexuelle Erfüllung gesucht, im echten Leben hatte ich keine sexuelle Selbstbestimmung. Als Teenager und in meinen frühen 20ern lebte ich mit der Vorgabe, ich müsse immer begehrenswert sein, ohne selbst zu begehren. Ich datete egozentrische Männer, die mich nicht als richtigen Menschen sahen, sondern vielmehr als ein Ventil für ihre sexuelle Unsicherheit. Wenn das Gefühl, nicht gut genug zu sein, besonders schlimm wurde, versuchte ich zwar, mich wieder aufzubauen, doch ich kannte nur eine Methode, hatte gelernt, dass es nur eine akzeptable Antwort gibt: Werde heißer, cooler, charmanter! Zeig niemals Schwäche.

Die Fangirl-Communitys von Tumblr stehen für eine sanftere, emanzipatorische Sexualpolitik, weil sie mehr auf innere Zufriedenheit abzielt als auf äußere Konformität. Unsere Hirne, Herzen und Lenden funktionieren nach viel individuelleren Regeln, als es die Gesellschaft gern hätte. Und selbst wenn die Suche nach Freiheit in Pennywises Kanalisation oder Hagrids Hütte führt–das geht nur dich und deine Gleichgesinnten etwas an.

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