Deutsch-Türken

Wie deutsche Behörden verhindern, dass sich integrierte Menschen einbürgern

Atakan Acar wurde in Nordrhein-Westfalen geboren, ist aber trotzdem Ausländer. Rassismus und Bürokratie machen es bestens integrierten Menschen wie ihm fast unmöglich, den deutschen Pass zu bekommen.

von Jan Karon
05 Juni 2018, 3:59am

Foto: Hakki Topcu

Der erste Versuch von Atakan Acar, Deutscher zu werden, scheitert auf einer Landstraße bei Minden. Es ist der 7. Juni 2015 und er will mit seinem Auto wenden, als ihm ein silberner BMW mit 120 km/h in die Seite rast. Der damals 20-jährige Acar muss notoperiert werden und verbringt elf Tage auf der Intensivstation. Seit dem Unfall ist er zu 60 Prozent schwerbehindert, seine rechte Körperhälfte taub.

"Ich hatte Schiss, dass ich vielleicht sogar querschnittsgelähmt sein könnte", sagt Acar drei Jahre später. "Aber der Unfall war nicht nur für mich persönlich tragisch, sondern auch der Grund, warum ich damals nicht deutscher Staatsbürger werden konnte."

Er war gerade dabei, die nötigen Dokumente für den Antrag zu sammeln, als der Unfall passierte. Doch die Einbürgerungsbehörde im Rathaus der ostwestfälischen 12.000-Einwohner-Stadt Preußisch Oldendorf pochte auf einen handschriftlich verfassten Lebenslauf. Weil Acar durch seine Lähmung wochenlang nicht schreiben konnte, und das Rathaus einen getippten Lebenslauf nicht akzeptierte, blieben seine Unterlagen unvollständig. Acar konnte nicht Deutscher werden. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass er an den Behörden scheitert.

In Deutschland leben derzeit 1,5 Millionen türkische Staatsbürger. Im vergangenen Jahr ließen sich fast 15.000 von ihnen einbürgern. Laut Mikrozensus von 2015 haben zudem etwa 250.000 die doppelte Staatsbürgerschaft. Atakan Acars Geschichte zeigt, wie Ämter den Einbürgerungsprozess erschweren – mit bürokratischen Hürden und teils offenem Rassismus.

In Deutschland ging Acar zur Schule, verliebte er sich zum ersten Mal und zog in seine erste eigene Wohnung

Acar kam 1994 als Sohn türkischer Eltern in der Nähe von Bielefeld auf die Welt, lebte sein erstes Jahr in der Türkei und die restlichen 22 in Nordrhein-Westfalen. In Deutschland ging er zur Schule, in Deutschland verliebte er sich zum ersten Mal, in Deutschland zog er in seine erste eigene Wohnung. In der Schule lernte er über den Holocaust und den Mauerfall, er kann die deutsche Nationalhymne auswendig singen.


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Acar wollte ursprünglich Deutscher werden, um in die Bundeswehr einzutreten. Sein Traum: nach einer Ausbildung zum Sanitätsoffizier Medizin studieren. "Ich wollte schon immer Menschen helfen, aber ich wusste, dass ich auf Grund des NCs auf regulärem Wege keine Chance hatte", sagt Acar, der schwarze Tunnel im Ohr trägt, eine Silberkette um den Hals und eine eckige schwarze Brille.

Der erste Versuch: "Als Türke werden Sie ja keine bessere Note als eine Vier in Deutsch haben"

Dann kam das erste Beratungsgespräch im Rathaus Preußisch Oldendorf, drei Monate vor seinem Autounfall. "Als Türke werden Sie ja keine bessere Note als eine Vier in Deutsch haben", sagte ihm eine Sachbearbeiterin. Für die Einbürgerung brauche er aber eine bessere Note auf dem Schulzeugnis.

"Das war blanker Rassismus", sagt Acar heute, "als ob man als türkischstämmiger Mensch keine gute Note in Deutsch haben kann." Er reichte sein Zeugnis nach, auf dem im Fach Deutsch die Note "gut" stand – und beschwerte sich beim Vorgesetzten. Dieser entschuldigte sich, Acar war optimistisch, hatte fast alle Dokumente zusammen. Was fehlte, war der ausformulierte Lebenslauf.

Doch dann kam der Unfall. "Bis heute verstehe ich nicht, warum ich Dokumente in Handschrift und einen Stapel komplizierter Dokumente in Papierform einreichen muss", sagt er mit grimmigem Blick.

Atakan Acar ist nur einer von vielen, die am Einbürgerungsverfahren verzweifeln. "Es gibt in Deutschland noch keine Kultur, wo Einbürgerungen zum Einwanderungsprozess dazugehören", sagt Falk Lämmermann, Experte für Einbürgerungen von der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund. Das Verfahren müsse vereinfacht und beschleunigt werden. Ekrem Senol, leitender Redakteur des Migration in Germany-Magazins, der sich selbst vor mehr als 20 Jahren einbürgern ließ, sagt: "Viele Türken haben bei Behördengängen Diskriminierung erfahren". Ausländerbehörden seien darauf getrimmt, die Leute, wenn möglich, aus Deutschland fernzuhalten. "Diese Kultur hat sich über viele Jahrzehnte verfestigt."

Während der fast zweimonatigen Reha nach dem Unfall lernt Acar, seine rechte Körperhälfte wieder zu koordinieren und stabilisiert seinen Rücken mit Kraftübungen. Der Traum, Arzt zu werden, ist damit geplatzt, den Plan zum Bund zu gehen, verwirft er.

Mit den Folgen des Unfalls kämpft er aber noch lange. Er hat danach Angst vor Autos und hohen Geschwindigkeiten. "Ich ging durch depressive Phasen und musste Rechtsstreitigkeiten mit dem Unfallverursacher klären", sagt Acar. Er wiederholt die 12. Klasse, auf dem Halbjahreszeugnis der 13. Klasse fehlen ihm zwei der 200 benötigten Punkte, um sich für das Abitur zu qualifizieren. Im Moment absolviert er seinen Bundesfreiwilligendienst bei einem Verein für Menschen mit Behinderungen.

Der zweite Versuch: "Mit ihrem Lebenslauf haben Sie keine Chance, Deutscher zu werden"

Anfang 2018 der nächste Einbürgerungsversuch: Nach dem ersten Anlauf denkt Acar, dass es dieses Mal leichter werden würde. Doch im Rathaus in Bielefeld, das mittlerweile für ihn zuständig ist, sagt die Sachbearbeiterin, er hätte nach dem Unfall ja arbeiten können, statt sich krankschreiben zu lassen. Acar antwortet, dass er angesichts seines körperlichen und mentalen Zustands nicht in der Lage gewesen sei. Er hätte ja eine Ausbildung machen und Steuern zahlen können, statt sein Abitur nachzuholen, sagt sie. Acar antwortet, dass der Schulabschluss ihm neue Chancen eröffnet hätte.

Wie er sich vor diesem Hintergrund denn eine Wohnung leisten könne, fragt die Frau. Acar antwortet, er komme selbst für sie auf, etwa, indem er an freien Tagen jobbe. Wohngeld wolle er nicht beantragen, weil Sozialleistungen seine Einbürgerung zusätzlich erschweren würden – die "Lebensunterhaltssicherung" ist in Deutschland eine der wesentlichen Voraussetzungen, um Staatsbürger zu werden.

"Mit ihrem Lebenslauf haben Sie keine Chance, Deutscher zu werden", sagt die Sachbearbeiterin zum Ende des Gesprächs.

Das Rathaus Bielefeld widerspricht dieser Darstellung. "Die von Herrn Acar unterstellten Äußerungen sind so nicht gefallen. Sie werden von der Einbürgerungsstelle in aller Deutlichkeit zurückgewiesen", hieß es auf Anfrage von VICE.

Vergangenes Jahr ließen sich gerade mal ein Prozent der hierzulande lebenden Türken einbürgern. Mit 1,3 Einbürgerung pro 1.000 Einwohner 2015 hat Deutschland eine der niedrigsten Quoten der EU. "Die niedrigen Einbürgerungsraten sind Ergebnis einer Mischung aus widersprüchlicher Gesetzgebung, ungeeigneten Verwaltungsverfahren, wenig effizienten Verwaltungspraktiken, unzureichenden oder fehlerhaften Informationen bei den Betroffenen und auch bei Behördenmitarbeiter_innen", schreibt Dietrich Thränhardt, Professor für Migrationsforschung an der Universität Münster, in einem Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Staat nehme hin, "dass Menschen häufig über Jahrzehnte ohne deutsche Staatsangehörigkeit bleiben".

Würde soziales Engagement ein Kriterium für die Einbürgerung darstellen, Atakan Acar wäre ein Alman, wie ihn türkische Lexika nicht besser definieren könnten. Während seines Freiwilligendiensts kümmert er sich um Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Als Sprecher vertritt er Freiwilligendienstleistende aus seiner Region. Nebenbei leitet er eine Gruppe, in der er Menschen mit Behinderungen Theater beibringt. Er spendet Blutplasma, und will inzwischen Lehrer werden. "Ich bin heute der festen Überzeugung, dass ich ein Mensch sein will, der dazu beiträgt, dass unsere Gesellschaft eine bessere wird", sagt er.

Seinen ehemaligen Deutschlehrer Christian Wittenbreder macht das Vorgehen der Behörden fassungslos. "Es ist schon paradox: Oft wird ja von mangelndem Integrationswillen von ausländischen Mitbürgern gesprochen", schrieb er in einem Leserbrief an die Neue Westfälische, als diese im März über Acar berichtete. "Hier wird ein motivierter, integrierter junger Mann bei seinem Einbürgerungsbestreben aufgehalten, obwohl er schon längst in dieser Gesellschaft angekommen ist und sich mit diesem Land identifiziert."

"Ich finde es lächerlich, sich dermaßen von einem Politiker vereinnahmen zu lassen", sagt Atakan Acar über das Treffen von Gündoğan und Özil mit Erdoğan.

Als sich die deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündoğan im Mai mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fotografieren lassen, entbrennt mal wieder eine Debatte um die Einbürgerung von Türken und wie sehr sie sich mit Deutschland identifizieren sollten.

Acars Muttersprache ist Türkisch, er singt gerne türkische Lieder und hat Respekt vor Sitten wie der, alte Menschen mit Handkuss zu begrüßen. Doch er sieht sich als Gegenteil zu Özil und Gündogan: Die deutsche Staatsbürgerschaft habe er zwar nicht, seine Identifikation mit Deutschland schätze er aber umso höher ein. "Ich finde es lächerlich, sich dermaßen von einem Politiker vereinnahmen zu lassen", sagt er.

Im November 2015 schrieb er auf Facebook: "Eseldogan stiehlt die Stimmen und die Türkei guckt dumm und dümmer dabei zu." Daraufhin griffen ihn Landsleute in den Kommentaren an. Seine Kritik sei unverschämt, er habe sich zu sehr angepasst, sei ein "Alman".

Wer in Deutschland geboren wird, ist nicht automatisch Deutscher, er oder sie ist es nur, wenn mindestens einer der beiden Elternteile deutsch ist. Das sei ein Problem, erklärte der Politikwissenschaftler Rainer Bauböck gegenüber Zeit Online. Aktuell seien etwa sieben Prozent der deutschen Bevölkerung von Wahlausgängen betroffen, dürften aber selbst nicht wählen. Das wiederum verhindere, dass sich Menschen integrieren. "Wie soll ich Teil eines Kollektivs werden, wenn dieses mir notorisch das Gefühl vermittelt, nicht erwünscht zu sein?", so Atakan Acar.

Der dritte Versuch: In der Warteschleife

Eine Kollegin vom Bundesfreiwilligendienst nennt ihn "den deutschesten Türken, den ich kenne". Eine andere sagt: "Es ist unfassbar, dass jemand wie er die Staatsbürgerschaft verwehrt bekommt." Acar selbst sagt: "Ich stehe zwischen den Stühlen: Für die Deutschen bin ich der Türke, für die Türken der Deutsche."

Jetzt will er sich zum dritten Mal auf die deutsche Staatsbürgerschaft bewerben. Im Mai hat er im Rathaus Bielefeld angerufen, um einen neuen Termin zu bekommen. Erst hing er in Warteschleife, hörte der leiernde Musik zu. Als er endlich durchgestellt wurde, legte die Person am anderen Ende einfach auf.

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