Foto: imago | IPON

Rechtsextreme versuchen gerade verzweifelt, das Christchurch-Massaker umzudeuten

Dabei wissen sie genau, dass der Täter einer von ihnen war.

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19 März 2019, 1:07pm

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"Es sind die Geburtenraten", beginnt das Manifest des Mannes, der damit erklären wollte, warum er am Freitag in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 50 Menschen ermordet hat. "Wenn es eine Sache gibt, die ihr euch merken sollt, dann, dass die Geburtenraten sich ändern müssen."

Der Titel seines Manifests: Der Große Austausch.

Den gleichen Titel wählte 2011 der französische Autor und Rechtsdenker Renaud Camus für einen Essay, in dem er die alte Theorie vom "Rassenselbstmord" oder dem "White Genocide" aufgreift. Seitdem ist der Begriff – auch wenn er faktisch Unsinn ist – ein zentraler Glaubenssatz der Identitären Bewegung weltweit.

Doch mit genau dieser Befürchtung – dass die "Europäer" (womit er alle Weißen – außer Juden – meint) zur Minderheit werden, rechtfertigte der Terrorist von Christchurch seine Tat. "Es ist nie weise, zur Minderheit zu werden", schreibt er. Sein Massaker an unschuldigen Muslimen war die direkte Konsequenz aus den von Rechtsextremen wie den Identitären verbreiteten Theorien über den "großen Austausch".

Genau diesen Rechten ist das jetzt allerdings unangenehm – zumindest in der Öffentlichkeit. Deshalb versuchen sie im Moment alles, um diese Wahrheit zu verschleiern.

Die ersten Reaktionen: Das ist gar kein Rechter!

Direkt nach der Tat waren die Ablenkungsmanöver noch ziemlich … plump. So meldete einer der größten deutschen Islamhasser-Blogs, pi-news, kurz nach dem Angriff, der Täter sei ein "Umweltaktivist" – weil der sich in seinem Manifest selbst auch einen "Öko-Faschisten" nennt. Das "Faschist" haben sie allerdings weggelassen, genauso wie seine Erklärung, er wolle die Umwelt retten, indem er möglichst viele "Invasoren" töte. Und weil er sich dort nebenbei auch für "Arbeiterrechte" ausspricht, gehen die Autoren von pi-news gleich so weit und sprechen von einem "verwirrten (links-)extremen" Täter.


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Noch weiter trieb es der Berliner AfD-Abgeordnete Harald Laatsch, der auf Facebook schrieb, der Mörder habe seine Tat "durch Überbevölkerung und Klimaschutz" gerechtfertigt, deshalb trügen "die Klimapanikverbreiter" eine "Mitverantwortung an dieser Entwicklung". Der Post, den der Politiker mittlerweile wieder gelöscht hat, endete mit "#GretaThunberg" – es ist die vielleicht infamste Instrumentalisierung der Gewalttat, die es bisher gab.

In den nächsten Stunden und Tagen lernten entwickelten die Anhänger der Austausch-Theorie aber andere Strategien, um davon abzulenken, dass einer der ihren gerade 50 Unschuldige ermordet hatte.

Die Vordenker: Stellen sich dumm

Portraitfoto von Renaud Camus
Renaud Camus, wenn er gerade mal nicht wegschaut. Foto: imago | Leemage

Darauf angesprochen, dass ein Mann jetzt in Neuseeland genau diesen Titel gewählt hat, um seinen Massenmord zu begründen, reagierte Renaud Camus letzten Freitag eher ungehalten. "Ich sehe nicht ein, warum ich ihn dazu inspiriert haben sollte", sagte er dem Magazin Le Parisien. "Sein Verbrechen ähnelt doch vor allem den Terroranschlägen, die in den letzten Jahren in Frankreich verübt wurden." Soll heißen: Schuld sind nicht Camus' Ideen, sondern islamistische Anschläge. Camus Buch wird auf Deutsch übrigens von Götz Kubitschek vertrieben – der neurechte Netzwerker, bei dessen Akademien immer wieder AfD-Leute wie Björn Höcke mit den Aktivisten der Identitären Bewegung zusammentreffen.

Ähnlich sieht das der identitäre Autor und Camus-Übersetzer Martin Semlitsch, der sich selbst "Lichtmesz" nennt. Er leugnete zuerst, dass die Tat in Christchurch irgendwas mit den Ideen der Bewegung zu tun habe: "Weil der Versuch den 'großen Austausch' als 'Verschwörungstheorie' zu deckeln, nicht gelungen ist, versucht man ihn jetzt mit Breivik und Christchurch zu verlinken", schrieb er auf Twitter in einem mittlerweile offenbar gelöschten Tweet. Und tat dabei so, als hätten beide Massenmörder – Anders Breivik und der Schütze von Christchurch – nie ihre Taten nicht nur explizit mit der Austausch-Theorie "verlinkt", sondern sie auch nie damit begründet.

Ganz so sicher, dass das alles nichts miteinander zu tun haben soll, scheint sich Lichtmesz selbst eh nicht zu sein: In einem anderen Tweet schreibt er, Terroranschläge wie die von Breivik seien eben doch direkt auf das "historisch einzigartige Experiment", also den Austausch, zurückzuführen – und scheint damit anzudeuten, dass die Täter in gewisser Weise nur auf eine reale Entwicklung reagierten.

Die Influencer: Vergleichen sich plötzlich mit Muslimen

Martin Sellner und Pegida-Gründer Lutz Bachmann
Der Identitäre Martin Sellner (links), hier mit Pegida-Gründer Lutz Bachmann. Foto: imago | ZUMA Press

Wer im deutschen Sprachraum nach dem "großen Austausch" sucht, der stößt schnell auf ein Video des Identitären Patrick Lenart. Darin erklärt der junge Mann lächelnd, dass Österreich ein Problem mit seiner Geburtenrate habe. Zusammen mit der "Massenzuwanderung" führe das eben dazu, dass "die Österreicher zur Minderheit im eigenen Land" werden würden. Auffallend ist, wie ähnlich sich der Aufbau dieses Videos und der des Christchurch-Manifests sind.

Das ist möglicherweise auch Lenart selbst aufgefallen, denn er hat am Freitagmorgen sofort reagiert: Mit drei Tweets ins sehr schneller Folge, in denen er vor allem versucht, jede Verbindung zwischen ihm und seinem Gesinnungsgenossen zu kappen. Damit hat er so eilig, dass er sogar die übliche Trauerbekundung ganz vergisst. Er fängt an, indem er um 9:06 Uhr diesen Vergleich herausholt:

Was Lenart natürlich verkennt: Wenn man kein Rassist ist, der allen Muslimen die gleiche Gesinnung unterstellt, dann hinkt dieser Vergleich enorm. Im Islam gibt es unzählige ideologische Strömungen: Muslime können rechts, links, neoliberal oder antikapitalistisch sein. Rechtsextremismus dagegen ist, wie der Name schon sagt, rechtsextrem. Deshalb wirft man die Tat von Christchurch auch nicht "allen Rechten" vor – sondern nur den Rechtsextremen, die genau wie der Mörder tagaus, tagein vom "großen Austausch" faseln – also Patrick Lenart und seinen Konsorten.

Um 09.23 schießt Lenart – gerade offenbar fieberhaft das Manifest nach entlastenden Beweisen durchhetzend – den nächsten Tweet heraus:

Tatsächlich wurde zu all diesen Aspekten ziemlich viel in den Massenmedien geschrieben. Zum Beispiel in der New York Times oder auf Spiegel Online, wo relativ klar erklärt wird, dass solche Erwähnungen vor allem als "Shitposting" zu verstehen sind – also zynische Witze, die vor allem andere Rechte in Messageboards wie 8chan amüsieren sollen (dazu gehört auch die lapidare Aufforderung, dem YouTuber "Pewdiepie" zu folgen).

Im dritten Tweet, knapp zwanzig Minuten später, meldet Lenart erleichtert, dass sein Name und die Identitäre Bewegung in dem Manifest nicht erwähnt werden. Dass der Text ansonsten aber auf gruselige Weise seinem eigenen YouTube-Video gleicht – bis hin zur Erwähnung der Türkenbelagerung von Wien, von der Lenart ein schönes Bild eingebaut hat –, das erzählt Lenart lieber nicht.

Die Politiker: Hüllen sich in Schweigen

Genauso bemerkenswert waren die Reaktionen der prominenten AfDler: Die reagierten nämlich erst einmal überhaupt nicht. Politiker, die bei islamistischen Anschlägen (oder solchen, die danach aussahen) oft innerhalb von Minuten ihre Trauer bekundet oder gleich zynische Kommentare über die Einwanderungspolitik gemacht hatten, sagten zu diesem Massenmord eines Rechtsextremen lange nichts.

Erst vier Stunden danach veröffentlicht AfD-Parteichef Jörg Meuthen ein paar Zeilen, Spitzenkandidatin Alice Weidel wartet über einen Tag. Beatrix von Storch, die nach einer Amokfahrt in Münster im April 2018 mit mehreren Toten weniger als 10 Minuten gebraucht hatte, um ein zynisches "Wir schaffen das!" auf Twitter herauszuschleudern, hat sich bis heute nicht zu den 50 Toten von Christchurch geäußert. Vielleicht hat sie sich erinnert, dass sie selbst schon 2016 auf Twitter behauptet hatte, "die Pläne für den Massenaustausch der Bevölkerung" seien "längst geschrieben".

Genauso wenig wie der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke. Was in seinem Fall aber auch nur konsequent ist, denn Höcke repräsentiert wie kein anderer jenen Flügel der AfD, der enthusiastisch mit den Jungs von der Identitären Bewegung zusammenarbeitet, wenn es darum geht, die Narrative vom "Großen Austausch", die den Mörder von Christchurch motiviert hat, unter die Leute zu bringen. Und der ehemalige JU-Chef Markus Frohnmaier, der eine wichtige Scharnierfunktion zwischen seiner Partei und der IB spielt, weil er deren Parolen, wie zum Beispiel ein "Remigrationsministerium", gerne direkt in den Bundestag trägt, postet lieber irgendwas empörtes über den Hambacher Forst.

Alle zusammen: Das darf man nicht mit uns verknüpfen! Das ist gemein!

Ein interessantes Argument, dass sich jetzt in den Twitter-Feeds und Verlautbarungen vieler Rechter bis Rechtsextremer findet: Man dürfe jetzt das Manuskript nicht "instrumentalisieren", indem man auf seine Wurzeln im rechten Denken hinweist.

"Wer Debatte über bestimmte Ideen verhindern will, der wird den Anschlag eines rassistischen Anti-Demokraten und 'ethno-nationalistischen Öko-Faschisten' für seine Zwecke zurechtbiegen, und dessen Motivationen wie Anti-Imperialismus, Arbeiterrechte und Umweltschutz wird man unter den Tisch fallen lassen", schreibt Dushan Wegner zum Beispiel auf der Achse des Guten. "Wer Stücke aus dem 'Manifest' herausnimmt, um seinen politischen Gegner mit dem Terroristen gleichzusetzen, vollendet dessen Werk."

Der Witz ist natürlich, dass man sich bei dem Schreiben keine "Stücke herausnehmen" muss – das Ding heißt Der Große Austausch, sein Autor bekennt sich offen und mehrmals zu seinem Rechtsextremismus, Rassismus und Hass auf die Demokratie.

Die Überzeugungen des Täters von Christchurch sind mit denen der Identitären Bewegung und anderen Rechtsextremen faktisch identisch – der einzige Unterschied liegt in der Wahl der Mittel.

Der Witz ist natürlich, dass man sich bei dem Schreiben keine "Stücke herausnehmen" muss – das Ding heißt Der Große Austausch, sein Autor bekennt sich offen und mehrmals zu seinem Rechtsextremismus, Rassismus und Hass auf die Demokratie.

Martin Sellner, der Posterboy der Identitären, hat das auch im Prinzip verstanden. Und gerade deshalb weist er gerade immer wieder darauf hin, dass der Mörder von Christchurch selbst antizipiert und gehofft hatte, dass seine Tat auf alle seine Gesinnungsgenossen zurückfallen würde. Eines seiner Ziele, schreibt der Mörder, sei es, "die Feinde meiner Leute zum Handeln zu zwingen, damit sie sich dabei übernehmen".

Sellner identifiziert das ganz richtig als anarchistischen Akzelerationismus, wie ihn auch Linksextreme einsetzen wollten – also den Versuch, die bürgerliche Gesellschaft durch krasse Gewalttaten zu mehr Repression zu zwingen, was wiederum mehr Extremisten gebiert. Sellners, Lenarts und Lichtmesz' Vorschlag, um das zu vermeiden: Ignoriert jede ideologische Verbindung zwischen uns und dem Mörder, lasst uns einfach in Ruhe weiter unsere Theorien verbreiten – denn wenn ihr uns zur Verantwortung zieht, dann wird das leider in Gewalt enden.

Das mag stimmen. Nur gibt es natürlich eine Alternative: Dass die Demagogen und Hetzer, deren Worten nun jemand anderes hat Taten folgen lassen, selbst zu ihrer Verantwortung stehen. Dass sie sich überlegen, was ihr verlogenes Gerede bei beeinflussbaren, einsamen Männern auslösen kann. Denn wer ganze Bevölkerungsgruppen – wie Martin Sellner gerade wieder die 46.000 Muslime Neuseelands, die übrigens bloß 1,2 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen – indirekt als "Zeitbombe" bezeichnet, der muss sich nicht wundern, wenn ihn irgendwann jemand beim Wort nimmt.

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