Wie es ist, mit einer bulimischen Mutter aufzuwachsen

Sie nahm von Süßem nie zu, ich schon. Irgendwann merkte ich, dass der gelbliche Film auf dem Klowasser etwas damit zu tun hatte.

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28 März 2019, 1:27pm

Illustration: Sarah Schmitt | VICE Media

Meine Mutter ist nicht die beste Köchin. Einer ihrer kulinarischen Tiefflüge war das Spanische Omelett. Statt aus Zwiebeln, Eiern und Kartoffeln bestand ihre Version aus Resten der letzten Woche, vermengt mit einem Ei. Meist ein bisschen zu stark angebraten. Meine Schwester und ich bedienten uns großzügig am Ketchup, was die ganze Kombination viel zu süß, aber irgendwie doch schmackhaft machte.

Meine Mama saß uns gegenüber und rührte in ihrem Schwarztee. Manchmal goss sie etwas Milch in die Tasse und ich sah dabei zu, wie eine Blume aus Milch in der schwarzen Flüssigkeit aufstieg, die sie langsam mit dem Löffel in der feinen Porzellantasse verrührte. "Isst du nichts davon?", fragte mal ich, mal meine Schwester.

"Nein, ich habe erst sehr spät zu Mittag gegessen", antwortete sie dann.

Oder: "Ich esse dann später mit eurem Vater."

Mein Papa hatte schon damals einen langen Arbeitsweg. Er kam meist erst nach Hause, wenn wir beiden Mädchen schon längst im Pyjama steckten.


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Wenn meine Eltern dann zusammen Abendbrot aßen, gab es meist "Café complet": Brot, Käse, Butter und Konfitüre. Während sich mein Vater Stullen mit Butter und Konfitüre schmierte, ein Stück Käse draufpackte und sein Konstrukt mit großen Bissen verschlang, strich meine Mutter etwas Butter auf eine Brotscheibe. Diese zerteilte sie dann in kleine Stücke, die sie in ihren Schwarztee tunkte und langsam aß. Ich verstand damals weder die Konfitüre-Käse-Kombination meines Vaters, noch die Butterbrot-Schwarztee-Kombination meiner Mutter. Ich fragte mich aber schon damals, wie sie von einem Stück Brot zum Abendessen satt wurde.

Diese Frage wurde mir beantwortet, als ich älter wurde und länger aufbleiben durfte. Wenn es mir in meinem Zimmer zu öde wurde, ging ich meist in die Küche, um aus Langeweile irgendwas von unserem üppigen Vorrat an Schokolade, Keksen und Kartoffelchips zu naschen. Dann saß Mama meist am Esstisch. Sie hatte immer irgendein Buch oder eine Zeitschrift vor sich liegen und daneben eine Packung Kekse oder eine Tafel Schokolade, die sie währenddessen Stück um Stück aufaß. Oft setzte ich mich dann zu ihr an den Tisch und wir aßen die Packung Kekse zusammen.

Meine Mama hat Bulimie. Wenn ich das Menschen, die ich kennenlerne, erzähle, reagieren die meisten mit Bestürzung. Und dann mit Mitgefühl. Ich winke dann ab und füge salopp hinzu: "Es ist nicht so schlimm. Das hat sie schon ganz lange."

Wo meine Rippen von Fettpolstern bedeckt waren, standen ihre hervor. Statt der einzelnen Wirbel sah man bei mir nur eine Kuhle, die die Wirbelsäule entlanglief.

Ich erinnere mich gerne daran, wie ich mit meiner Mama an einem Tisch saß, Süßigkeiten aß und plauderte. Als kleines Mädchen machte ich mir nie Gedanken darüber, dass die abendlichen Kalorienbomben etwas mit meinem Körper machen könnten. Ich war auch meist völlig ausgepowert von den Nachmittagen, die ich beim Fußballspielen auf der Wiese oder im Wald mit meinen Freunden verbrachte. Die waren auch immer begeistert davon, wie viele Süßigkeiten und Snacks wir zu Hause hatten.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich das erste Mal sah, wie sich meine Mama erbricht: Ich bin ungefähr sieben Jahre alt, und stoße hastig die Tür zum Bad auf, weil ich pinkeln muss. Aber die Tür wird vom Körper meiner Mutter gestoppt, die dicht bei der Kloschüssel steht. Hastig wischt sie sich mit einem Klopapier den Mund ab. In der Kloschüssel sehe ich Erbrochenes. Ich erschrecke und schaue sie an. Noch bevor ich sie fragen kann, ob sie krank ist, sagt sie: "Ich habe heute irgendwas Falsches gegessen."

Als ich älter wurde und die Hormone dazwischenfunkten, blieben auch für mich die Naschereien nicht mehr ohne Konsequenz. Ich nahm zu. Das störte mich. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Mein Körper fühlte sich fremd an. Vor allem, wenn ich mich mit meiner Mutter verglich. Ich hatte meine Mutter ein paar Mal in Unterwäsche gesehen. So wie sie sah ich gar nicht aus. Wo bei mir Fettpolster die Rippen bedeckten, standen ihre hervor. Statt der einzelnen Wirbel sah man bei mir nur eine Kuhle, die die Wirbelsäule entlang lief.

Aber ich wollte nicht weiblich sein. Ich wollte lieber zierlich und elfenhaft sein. Das waren die Attribute, mit denen meine Freunde meine Mama beschrieben.

Ich fragte mich damals, ob ich bei der Genlotterie einfach die Niete gezogen hatte. Erst als ich etwa vierzehn war, merkte ich, dass der helle gelbliche Film, der fast ständig auf dem Klowasser schwamm, etwas damit zu tun hatte.

Meine Mutter gab mir nie das Gefühl, dick zu sein. Sie bestätigte mir wiederholte Male, dass ich eine schöne Frau bin, eine schöne Figur habe. Ich glaube, sie benutzte das Wort "weiblich". Aber ich wollte nicht weiblich sein. Ich wollte lieber zierlich und elfenhaft sein. Das waren die Attribute, mit denen meine Freunde meine Mama beschrieben. Heute weiß ich, wie viel Schmerz hinter der elfenhaften Figur meiner Mama steckte.

Als Kind waren die häufigen Toilettenbesuche meiner Mutter nach dem Essen nie etwas, das ich als unnormal betrachtete oder das in meiner Erinnerung besonders präsent ist. Ich war damit beschäftigt, mit Freunden zu spielen, mich über die Hausaufgaben zu beschweren und mich mit meiner Schwester zu zanken: Kind sein eben. Erst als ich ungefähr fünfzehn war, und ich mich immer mehr um die Welt um mich herum interessierte, merkte ich, dass mit meiner Mama etwas nicht stimmt.

Ich konnte damals noch nicht benennen, was genau es ist. Das Wort "Bulimie" kam mir damals noch nicht in den Sinn. Und wenn, dann im Zusammenhang mit den mageren Frauen, die in den frühen 2000ern diskussions- und ausnahmslos auf Plakatwänden und in TV-Spots diverse Produkte bewarben. Aber bestimmt nicht in Zusammenhang mit meiner Mutter. Bis ich 16 war.

"Sie hat zugegeben, dass sie Bulimie hat." Ein Satz meiner Schwester, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Es ist die Erinnerung an einen schmerzvollen Abend. Mein Vater und meine Schwester suchten das Gespräch mit ihr, während ich mich in meinem Zimmer versteckte, um nicht an dieser Explosion teilnehmen zu müssen, deren Druckwelle mich aber einholte, als meine Schwester mit eben diesem Satz in mein Zimmer trat.

Ich wollte nur noch raus. Raus aus diesem Haus, raus aus dieser Familie. Ich packte mein Handy und meine Kopfhörer und stürmte an die frische Luft. Es war Nacht und ich konnte durch die Fenster der Nachbarn sehen, wie es sich andere Familien vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatten. Ich wünschte mir, Tochter in einer dieser Familien sein zu können. Ich wollte nicht zurück zu meiner Familie – in eine Welt, die für mich an diesem Abend kaputtgegangen war. Eine halbe Stunde lang heulte ich mir die Augen aus, dann kehrte ich doch zurück.

An die Stunden und Tage danach kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich weiß noch, dass relativ schnell Normalität ins Haus zurückkehrte. Meine Mama ging zum Arzt und anschließend zur Therapie. Aber die neue Realität, die Realität einer kranken Mutter, die ja eigentlich schon immer da gewesen war, blieb.

Meine schulischen Leistungen wurden schlechter. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Meine Gedanken waren bei der großen Lüge, die unsere Familie anscheinend jahrelang gelebt hatte. Einer meiner Klassenlehrer suchte das Gespräch mit mir und verwies mich zur Schulpsychologin. Doch selbst die schien – wie ich – mit der Situation irgendwie überfordert und leitete mich an eine befreundete Psychologin weiter.

Es folgten viele Jahre Therapie. Ich lernte, was eine "dysfunktionale Familie" ist und welche Rolle ich in diesem "kranken Familiensystem", wie es die Therapeutin nannte, einnahm. Vor allen Dingen aber sprach ich viel über meine Mutter und die damit verbundene Wut, Trauer und Scham.

Ich begann zu verstehen, dass sie sich die Bulimie eben nicht ausgesucht hatte. Dass sie selbst Opfer eines Systems war, einer kranken Welt, die in ihrer Jugend Models wie Twiggy gefeiert hatte. Dass sie sich selbst nie die Hilfe geholt hatte, die sie so dringend benötigt hätte. Ich lernte, Bulimie als Krankheit zu sehen, die meine Mama hat. Nicht als etwas, was sie definiert oder ausmacht. Sondern als Sucht, die meine Mutter über Jahre hinweg fest in ihrem Griff hatte.

In den ersten Jahren war ich oft wütend. Darüber, dass meine Mama sich selbst die Nahrung und somit ihre Lebensgrundlage entzieht. Darüber, dass sie sich nicht früher Hilfe geholt hat. Dass sie ihr emotionales Gepäck an mich weitergegeben hat. Auch heute kommt diese Wut ab und zu hoch. Klar, das ist gesund. Aber Wut ist ein mächtiges Gefühl, und manchmal frisst es mich auf. Dann versuche ich mich daran zu erinnern, dass es hier nicht nur um mich geht.

Anfangs fiel es mir schwer, mit meiner Mama darüber zu sprechen. Es waren für uns beide schmerzvolle Gespräche, die mit Scham belastet waren.

Dann rutschte ich selbst in die Magersucht.

Ich hatte Mühe herauszufinden, was gesundes Essverhalten ist. Ich hatte Angst zuzunehmen und hörte ungefähr mit 16 für einen Sommer auf zu essen. Es fühlte sich unbeschreiblich gut an, immer dünner und leichter zu werden.

Ich möchte dieses Selbstbild nicht weitergeben. Darum versuche ich mir ständig selbst zu sagen, dass ich liebenswert und schön bin, egal ob wie viel ich wiege.

Es dauerte Jahre, bis ich aufhörte, "dünn" mit "liebenswert" gleichzusetzen. Und auch heute noch habe ich Tage, an denen ich meinen Körper hasse. Ich kann nachvollziehen, wie sich meine Mama ihr ganzes Leben lang gefühlt haben muss. Ich möchte dieses Selbstbild nicht weitergeben. Darum versuche ich mir ständig selbst zu sagen, dass ich liebenswert und schön bin, egal wie viel ich wiege.

Vor einigen Wochen war ich beim Arzt. Eine Routineuntersuchung. Der Arzt wollte wissen, wie schwer ich bin. Ich hatte mich davor über fünf Jahre nicht mehr gewogen. Meine genaues Gewicht zu wissen, kann bei mir einen Rückfall auslösen. Ich war so schwer wie noch nie, aber ich mochte mich trotzdem noch, als ich die Praxis verließ. Ich fand mich weiterhin schön.

Meine Mama hat zwar Bulimie, aber sie ist auch eine sehr warme, liebevolle Frau, voller Verständnis und Mitgefühl für andere. Eine sehr schöne Eigenschaft, die sie auch mir mitgegeben hat. Deshalb kann ich heute verstehen, mit wie viel Schmerz sie gelebt haben muss und wie einsam sie sich fühlte.

Das sagte sie mir erst Jahre später. Ich weiß heute, dass sie nie wollte, dass wir herausfinden, dass sie Bulimie hat. Sie dachte, das sei ihre Sache. Ihr Ding, das sie unter Kontrolle hat. Damals hätte ich es für egoistisch gehalten, aber heute kann ich diese Denkweise verstehen.

Meine Mutter bekommt unterdessen die nötige Hilfe, sie ist aber auch heute noch bulimisch. Verändert hat sie sich trotzdem: Sie spricht offen mit mir darüber. Die Krankheit gehört zum Leben meiner Mutter, aber sie soll nicht das sein, was sie definiert.

Wenn ich meine Mama heute sehe, bin ich stolz auf sie. Weil sie weiter kämpft. Und weil sie so stark ist.

Erkennst du Anzeichen einer Essstörung bei dir oder einem nahestehenden Menschen? In Deutschland bekommst du Hilfe unter der Nummer 0221 89 20 31 und bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In der Schweiz informiert die Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen und bietet Hilfe an. In Österreich findest du Expertinnen und Experten über dieses Suchtportal.

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