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Arbeitslosigkeit

Hartz-IV-Empfänger erzählen von ihren erniedrigendsten Jobcenter-Erlebnissen

Einer fragte nach Essensmarken, und bekam eine Banane angeboten.

von Paul Schwenn
21 Januar 2019, 4:09pm

Foto vom Autor, Bearbeitung: VICE

"Mein Harz-IV-Regelsaz wurde gestrichen."

Markiere die fehlerhaften Wortendungen in diesem Satz.

Über solche Rechtschreibfragen denken normalerweise nur Grundschüler nach. Oder eben Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger bei Maßnahmen der Arbeitsagentur. Das soll jedenfalls ein Arbeitsblatt mit dem Titel "Wörter mit t und tz" belegen, das letzte Woche auf Twitter die Runde machte. Eine Tochter fotografierte das Papier, das ihre Mutter angeblich in einer Weiterbildungsmaßnahme des Jobcenters ausfüllen musste.

Erwachsene Menschen mit kinderleichten Rechtschreibübungen zu behelligen, sei erniedrigend, so der Tenor bei Twitter. Frust über den Umgang mit Sozialhilfeempfängern gibt es nicht nur im Netz, sondern vor allem bei den unmittelbar Betroffenen.

Ich wollte sie zu Wort kommen lassen, und habe zwei Tage vor dem Jobcenter in Berlin-Kreuzberg verbracht. Im Minutentakt betreten und verlassen ALG-II-Empfänger die Behörde: Frauen mit Kinderwagen, Rentner mit Krücken und Gruppen muslimischer Frauen. Was für Erfahrungen haben sie gemacht?


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Viele wollten nicht mit mir reden. Weil sie vor ihrem Termin wichtigere Sachen im Kopf hatten, als die Fragen eines Journalisten zu beantworten. Oder weil sie, wie sie sagen, einfach keine negativen Erfahrungen beim Jobcenter gesammelt haben. Einige konnten mir überhaupt nichts erzählen: Ich spreche ihre Sprache nicht. Die übrigen ALG-II-Empfänger habe ich nach ihren extremsten Erlebnissen befragt.

Markus, 37, fragte nach Lebensmittelmarken und wurde mit einer Banane abgespeist

"Bevor ich arbeitslos wurde, habe ich als Soldat bei der Bundeswehr gedient. Neukunden werden bei Bewerbungstrainings wie kleine Kinder behandelt. Da habe ich Sätze zu hören bekommen wie: 'So startest du einen Computer und so aktivierst du Word'.

Probleme habe ich aber nicht nur mit den Maßnahmen des Jobcenters. Als ich krank war, konnte ich zu mehreren Terminen nicht erscheinen. Daraufhin wurde mein Arbeitslosengeld trotz Krankschreibung um 30 Prozent gekürzt. Ein anderes Mal hat mir das Amt mehr als die Hälfte des Regelsatzes gestrichen. Mein Hartz IV reichte nicht mal mehr für Essen.

Mein Hartz IV reichte nicht mal mehr für Essen. Deshalb bin ich zum Amt gegangen und habe eine Sachbearbeiterin nach Lebensmittelmarken gefragt. Die Frau griff nur in ihre Schublade und legte eine Banane auf den Tisch: 'Jetzt haben sie was'."

Heike, 62, sollte nach jahrzehntelanger Büroarbeit an der Waffe ausgebildet werden

"Ich lasse mich nicht zermürben, das hat schon die Stasi nicht geschafft. Aber Hartz IV macht mich langsam psychisch krank. Ich habe jahrzehntelang als Bürokraft in großen Unternehmen wie der Stiftung Warentest gearbeitet. Nachdem ich meine Stelle verloren hatte, musste ich 1-Euro-Jobs erledigen. Vor zwei Jahren wollte mich das Jobcenter dann zur Concierge umschulen.

Das klingt vielleicht französisch chic, bedeutet aber im Klartext: Ich sollte als Pförtnerin arbeiten. Wie stellen die sich das vor? Tagsüber soll ich die Mietshäuser von reichen Arschlöchern beschützen, und wenn ich abends nach Hause komme, liegt ein Junkie bei mir im Hausflur?

In der Berufsbeschreibung hieß es, der Job sei für Soldaten geeignet und mit Waffengebrauch verbunden. Die wollten mich als alte Frau mit einer Knarre losschicken! Das nenne ich menschenverachtend. Einfach ablehnen konnte ich die Umschulung trotzdem nicht. Ich kann es mir nicht leisten, sanktioniert zu werden. Im Gegensatz zu den arabischen Clans habe ich keine Geldpakete zu Hause rumliegen.

Also habe ich einen Beschwerdebrief ans Berliner Abgeordnetenhaus geschickt. Die haben sogar höflich geantwortet. Danach wurde ich beim Jobcenter immerhin wieder wie ein Mensch behandelt.

Damit ist der Ärger aber noch nicht vorbei. Jetzt will mich mein Sachbearbeiter in die Rente schicken. Für mich bedeutet das: zehn Prozent weniger Hartz IV."

Josi, 19, musste aufgrund eines Bewerbungsgesprächs vier Monate auf ALG II verzichten

"Mir wurde der komplette Regelsatz gestrichen, nachdem ich einen Termin beim Jobcenter verpasst habe. Dabei habe ich ihn nicht einfach vergessen oder verpennt. Ich war bei einem Vorstellungsgespräch für einen Ausbildungsplatz.

Natürlich habe ich versucht, das Jobcenter auf ihren Fehler aufmerksam zu machen. Aber ohne Erfolg. Ohne Arbeitslosengeld musste ich vier Monate von 190 Euro Kindergeld leben. Mal habe ich bei meiner Oma und mal bei Freunden geschlafen. Bei meinen Eltern bin ich mit 17 Jahren ausgezogen.

Allein mit dem Kindergeld konnte ich mich kaum über Wasser halten. Von Feiern gehen oder neuen Klamotten ganz zu schweigen. Jetzt geht es bergauf, ich habe einen Ausbildungsplatz in einem Teegeschäft. Und das Geld, das mir vom Jobcenter zusteht, werde ich mir zurückholen."

Dana, 52, hat in den letzten drei Jahren in vier Obdachlosenheimen gelebt

"Ich habe 5.000 Euro Mietschulden beim Jobcenter, weil ich meine Wohnung angeblich untervermietet habe. In Wahrheit habe ich einen Freund aus meiner Heimat Polen bei mir aufgenommen. Geld habe ich natürlich nicht dafür kassiert.

Als der Gerichtsvollzieher bei mir klingelte, um mich aus der Wohnung zu schmeißen, hatte ich gerade eine Hüftoperation hinter mir. Ich saß im Rollstuhl und konnte mich kaum bewegen. Das war dem Gerichtsvollzieher aber völlig egal. Wenn mich mein damaliger Hausmeister nicht ins Obdachlosenheim gefahren hätte, wäre ich auf der Straße gelandet.

Seit drei Jahren ziehe ich jetzt von Heim zu Heim. Für mich ist das schrecklich, weil viele Obdachlose saufen und Drogen nehmen. Ich war selbst jahrelang alkoholabhängig und zur Entgiftung im Krankenhaus. Deshalb bräuchte ich unbedingt eine eigene Wohnung. Aber danach sieht es im Moment nicht aus."

Leon*, 20, ist abgesehen von den "ganzen Assis" mit der Arbeit des Jobcenters zufrieden

"Ich kann nichts Schlechtes sagen. Ich mache eine Ausbildung und kriege noch Geld vom Jobcenter obendrauf. Wie viel das genau ist, weiß ich noch nicht. Das einzige, was mich stört, sind die ganzen Assis da drinnen. Aber ansonsten ist alles gut."

Peter, 62, hat sein eigenes Gewerbe angemeldet, weil ihn keine Firma einstellen wollte. Und nun 10.000 Euro Schulden.

"Vor 30 Jahren bin ich an Krebs erkrankt. Seitdem stellt mich keine Firma mehr ein. Deshalb habe ich 1992 mein eigenes kleines Unternehmen gegründet. Ich arbeite als Hausmeister und Kurierfahrer, je nachdem, was meine Kunden gerade brauchen. Neben Hartz IV verdiene ich damit etwa 100 Euro im Monat, die ich nicht anrechnen muss.

In meiner kleinen Firma sind über die Jahre einige Kosten angefallen, vom Tank für Dienstfahrten bis zu einem neuen Computer. Die Ausgaben habe ich aus der Firmenkasse bezahlt.

Das Jobcenter hält die Anschaffungen für unnötig und will jetzt 10.000 Euro von mir haben. Als ob ich so viel Geld hätte. Ich habe bestimmt 30 Mal beim Sozialgericht geklagt, jede einzelne Klage habe ich selbst geschrieben.

Das Jobcenter wollte mich schon in die Rente schicken, aber ich will noch drei Jahre weiter arbeiten. Auch, wenn ich ohne meine Firma viel weniger Ärger hätte."

Martina*, 48, war mit Ende 30 zu alt für eine Computerfortbildung

"Hier beim Jobcenter gibt es doch viele Hartz-IV-Empfänger, die einfach zu faul sind und sich trotzdem beschweren. Mir ist in über zehn Jahren nur eine einzige schlechte Erfahrung mit den Mitarbeitern in Erinnerung geblieben.

Ich bin gelernte Schneiderin. Und weil ich keinen Job gefunden habe, wollte ich mich beruflich umorientieren. Meine Arbeitsvermittlerin war da anderer Meinung.

Als ich sie fragte, ob ich eine Computerfortbildung machen könnte, pampte sie mich an: 'Nein, dafür sind sie zu alt.' Damals war ich 38 und fand das ziemlich unverschämt. Ich habe mich aber auch nicht getraut, zu widersprechen.

Aber das ist lange her. Mittlerweile arbeite ich wieder in meinem Ausbildungsberuf. Für 1,50 Euro pro Stunde nähe ich Kostüme, zum Beispiel für Schulaufführungen. Aber immerhin tue ich etwas."

Tony, 33, wenn sein Erstantrag nicht bewilligt wird, geht er bald wieder schwarz arbeiten

"Vor zwei Monaten habe ich meinen Erstantrag gestellt und noch immer keinen Cent gesehen. Bei jedem Anruf oder Termin heißt es: 'Wir melden uns.' Langsam stecke ich richtig in der Klemme, bin zwei Monatsmieten hinten dran und habe noch zehn Euro in der Tasche. Zur Not arbeite ich halt wieder schwarz. Das ist in der Gastrobranche, in der ich normalerweise arbeite, eh üblich. Aber ich will gar nicht undankbar wirken. Meine Sippe kommt aus Sizilien. Da verreckst du, wenn du keinen Job findest. Also, alles gut!"

*Name von der Redaktion geändert

Update vom 23. Januar 2019 – 17:45: In einer früheren Version des Artikels haben wir Markus die Aussage zugeschrieben, er habe krankheitsbedingt Termine nicht wahrnehmen können, woraufhin das Jobcenter seinen Regelsatz um 60 Prozent gekürzt habe. Das ist nicht korrekt. Es handelte sich um zwei Kürzungen, von denen nur eine auf den verpassten Terminen basierte.

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