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Broadly

Diese Frau hat ein Jahr "auf dem Mars" gelebt

Carmel Johnston verbrachte im Auftrag der NASA zwölf Monate in einer Art Weltraum-WG. Uns hat sie erzählt, ob sich das Auswandern auf andere Planeten lohnen könnte.

von Aimee Knight
03 März 2017, 11:35am

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Ein Jahr auf dem Mars. Was eigentlich wie ein reines Zukunftsszenario klingt, ist für Carmel Johnston zur Wirklichkeit geworden. Die Umweltforscherin kehrte jüngst von einem 365 Tage andauernden Experiment auf dem roten Planeten zurück. OK, zugegebenermaßen handelte es sich nicht direkt um den Mars, sondern um eine Art Nachbildung vor einem hawaiianischen Vulkan.

Das Ganze nennt sich "Hawai'i Space Exploration Analog and Simulation" (HI-SEAS) und ist eine Art psychologisches Experiment der NASA. Dabei werden langfristige "Missionen auf planetarischen Oberflächen" durchgeführt, um Gruppenkonstellationen zu untersuchen.

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Johnston leitete ein Team von sechs Ingenieuren, Physikern, Astrobiologen und Architekten. Zusammen lebten die Probanden in absoluter Isolation und jede noch so kleine Handlung wurde aufgezeichnet. So lieferte die Crew Daten zu den Themen Teamdynamik und Stressbewältigung. Ihr kleines Domizil war dabei eine Kuppel mit einer Wohn- und Arbeitsfläche von nur 111 Quadratmetern.

Wie schaffte es die eigentlich sehr abenteuerlustige Johnston, in einem geschlossenen und interplanetarischen Zuhause nicht den Verstand zu verlieren? Wie fühlt es sich an, zwölf Monate in der smartesten WG der Welt zu verbringen? Und was isst man dort eigentlich? Das und noch viel mehr hat uns die 27-Jährige im Interview verraten.

Broadly: Warum sollten wir den Mars überhaupt besiedeln?
Carmel Johnston: Wollen wir den Planeten wirklich besiedeln oder vorerst nur erforschen? Meiner Meinung nach sollten wir uns dort erstmal umsehen und etwas über den Planeten lernen, bevor wir uns dort niederlassen.

Wie hat es sich angefühlt, ein Jahr lang "auf dem Mars" zu leben?
Einsam. Wir konnten mit der Außenwelt nämlich nicht in Echtzeit kommunizieren. Die E-Mails kamen mit einer Verzögerung von 20 Minuten an. Das ist halt nicht das Gleiche wie Telefonieren. Oft hatten wir das Gefühl, dass es keine Menschen mehr auf der Erde gibt, weil uns niemand geantwortet hat. Wir wussten nicht, ob das nur die eben erwähnte Verzögerung war, oder ob wirklich etwas Schlimmes passiert ist.

Habt ihr die Zeit anders wahrgenommen?
Die Zeit ging für uns alle wie im Flug vorbei. Ich hatte oftmals das Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt. Das war nicht so schön. Deshalb dachte ich nur noch in Stunden und Tagen. Zum Glück hatten wir viel zu tun . Da konnte ich mich darauf fokussieren, was ich in einer Stunde alles schaffen konnte oder was am darauffolgenden Tag anstand.

Welche Aufgaben musstet ihr täglich erledigen?
Wir mussten jeden Tag zehn Fragebögen abarbeiten – zum Stress, zu unseren Interaktionen, zu unserem Essverhalten, zu unserem Schlafrhythmus und zu unserer sportlichen Betätigung. Es standen alle möglichen Forschungsaufgaben an. Dazu kamen noch verschiedene Teamübungen, bei denen wir entweder alle zusammen oder gegeneinander arbeiten mussten.

Wie war die Gruppendynamik?
An dieser Stelle darf ich nicht zu viel verraten, weil das ja Teil der Forschung ist. Im Grunde waren wir ein Haufen Nerds in einer Kuppel. Bei einigen Themen waren wir einer Meinung, bei anderen nicht. So ist das nun mal. Es gibt Leute, mit denen man sich gut versteht, und Leute, mit denen man sich nicht so gut versteht. Man lernt, damit umzugehen, und arbeitet dann zusammen auf ein gemeinsames Ziel hin.

Die Kuppel. Foto: hi-seas.org

Hattest du bestimmte Strategien, um mit Konflikten, der Einsamkeit und eventueller Angst zurechtzukommen?
Ich bin das Jahr ohne Erwartungen angegangen, deswegen hatte ich mir da auch keinen Plan zurechtgelegt. Ich habe dann sehr schnell gelernt, mit diesen Sachen umzugehen. Ich bin viel gelaufen, habe gestrickt und mich ab und an bei Freunden und meiner Familie ausgekotzt. Laufen hat mir immer am meisten weitergeholfen. Sport ist allgemein ein sehr wichtiges Hilfsmittel.

Sport und Ernährung gehen ja Hand in Hand. Was hast du in der Kuppel alles gegessen?
Wir haben immer frisch gekocht und uns standen alle Zutaten zur Verfügung, die man in jeder normalen Küche findet. Der einzige Unterschied: Das ganze Gemüse und Fleisch war vorgetrocknet. Wir mussten es also erst in Wasser aufweichen. Danach konnten wir aber alles zubereiten, auf das wir Lust hatten.

Ihr habt auch eigenes Gemüse angebaut, richtig?
Stimmt! Wir hatten ein eigenes Biolabor für unsere Salate, unseren Kohl, unseren Mangold, unsere Erbsen, unsere wenigen Tomaten, unsere Radieschen und unsere Sprösslinge. Eines meiner Ziele war es, die ganze Kuppel grün zu machen. Deshalb hatten wir überall Pflanzen stehen – auf den Schreibtischen, auf den Treppen und im Hinterzimmer.

Und das alles könnte man so auch auf dem Mars durchziehen?
Einige unserer Experimente zielten direkt darauf ab, Pflanzen auf dem Mars heranzuziehen. Es wird also auf jeden Fall Gemüse auf dem roten Planeten geben.

Was hast du in der Kuppel über Menschen gelernt?
Gruppenzwang ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits macht man dadurch nämlich richtig schlimme Sachen, andererseits ist er aber eine gute Motivation. Der menschliche Geist ist unglaublich interessant. Ich denke immer, dass ich schon alles gesehen habe, und dann überrascht mich irgendjemand doch immer wieder.

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Hat sich die Dynamik zwischen dir und deinem sozialen Umfeld verändert, als du wieder "zurück auf der Erde" warst?
Mit einigen Freunden hatte ich während des Jahres viel Kontakt, mit anderen eher weniger. Jeder hat nun mal sein eigenes Leben. Komischerweise waren es die Freunde, von denen ich es nicht erwartet hätte, die viel mit mir schrieben. Bei den anderen galt wohl eher: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Diese "Aus den Augen, aus dem Sinn"-Mentalität scheint das menschliche Verhalten stark zu beeinflussen. Wenn man die Konsequenzen seiner Handlungen nicht sieht, dann wird man sich auch nicht ändern.
Stimmt. Wenn wir überleben wollen, dann müssen wir unser Verhalten grundlegend überdenken.

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