Feminisme

Eine Ode an Lisa Simpson, die klügste und traurigste Zweitklässlerin der Welt

Sie war die Heldin unserer Kindheit, die uns gezeigt hat, dass man mehr vom Leben erwarten sollte. "Simpsons"-Produzent Al Jean verrät, warum es sie fast nie gegeben hätte.

von Sara David
24 April 2017, 8:57am

Art by Laura Horstmann

Vor 30 Jahren wurde das intelligenteste Mädchen der Welt geboren: Lisa Simpson. Die ewig Achtjährige wurde von Matt Groening, dem Erfinder der Simpsons, noch eilig gezeichnet, während er auf den Produzenten James L. Brooks wartete. In diesen wenigen wertvollen Minuten legte er den Grundstein für einen Charakter, der zur kindlichen Prophetin unserer Zeit werden sollte. Sie repräsentiert jedes ehrgeizige, unangepasste und einfühlsame Mädchen auf der Welt – wir sind Lisa Simpson.

Lisa und ihre Familie hatten ihren ersten Auftritt am 19. April 1987 als Einspieler in der Tracey Ullman Show. Nur zwei Jahre später bekamen die Simpsons dann ihre eigene Sendung beim US-Sender Fox. Ursprünglich war Lisas Rolle nur sehr abstrakt. Sie wurde als "weiblicher Bart" bezeichnet, der die Streiche ihres Bruders nachahmen sollte. Doch ihre Synchronsprecherin Yeardley Smith hauchte der Figur Leben ein, sodass sich Lisa nach und nach in einen immer komplexer werdenden Charakter verwandelte. Der leitende Produzent, Showrunner und Autor Al Jean erzählt Broadly, dass Brooks den Vorschlag machte, Lisa als die "überdurchschnittlich Intelligente in ihrer Familie" darzustellen. Erst so wurde Lisa zu der brillianten, passionierten Person, die wir kennen und lieben.

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Jean ist Vater von zwei Töchtern und erzählt, dass er selbst "die letzten 25 Jahre eine kleine Lisa im Haus hatte". Seine Töchter haben ihn immer daran erinnert, dass "auch eine Achtjährige schon ziemlich scharfsinnig sein kann". Egal, ob man sein Haustier nach ihr benennt, ihr ausschweifende Blogeinträge widmet oder sich ihren Namen tätowieren lässt: Frauen auf der ganzen Welt haben bereits bewiesen, wie sehr sie sich selbst in Lisa wiedererkennen können. Gleichzeitig zeigt uns die gelbe Zeichentrickfigur, wer wir selbst sind.

Die Vegetarierin, Umweltschützerin, Buddhistin, Feministin und LGBT-Aktivistin Lisa lebt in einer Stadt, in der wortwörtlich alle Alarmglocken läuten, wenn ein Schüler keinen Wurm sezieren möchte und setzt sich dennoch unbeirrbar für die Freiheit von Tibet und gegen die Apartheid ein. Mit ihrem bemerkenswerten Intellekt, ihrer liberalen politischen Haltung und ihrem Wissensdurst, hebt sich Lisa nicht nur vom Rest ihrer Familie, sondern auch von ihren Mitschülern und von ganz Springfield ab.

Ich glaube, sie ist traurig, weil sie das Gefühl hat, dass sie nicht dazugehört und auch keine Möglichkeit sieht, jemals so zu sein wie die anderen.

"Lisa ist immer auf der Suche nach etwas neuem", erklärt Jean. Indem sie verloren durch das Simpsons-Universum zieht, verkörpert sie ein Gefühl, das untrennbar mit der Erfahrung der meisten jungen Mädchen verbunden ist. Wenn ich mit anderen jungen Frauen über Lisa Simpson spreche, stelle ich fest, dass es vor allem diese eine Erfahrung ist, die wir mit ihr als Figur teilen: Vor allem dann überhört zu werden, wenn man wirklich etwas zu sagen hätte.

"Es ist leicht an etwas zu glauben, wenn jeder in deiner Umgebung einstimmig behauptet, dass es wahr ist", sagt die Singer-Songwriterin Mitski gegenüber Broadly. "Lisa erinnert uns daran, dass es die Welt um uns herum ist, die so absurd ist."

Bild: Laura Horstmann

Wenn sich eine Folge um Lisa dreht, dann geht es meist um eine moralische oder philosophische Fragestellung. "Diese Episoden stoßen immer auf sehr positive Resonanz", sagt Jean. Die erste Folge, bei der Lisa im Zentrum stand, war "Lisa bläst Trübsal" aus dem Jahr 1990. In der Folge geht darum, dass Lisa mit ihrer andauernden Traurigkeit zu kämpfen hat: Sie wacht traurig auf, macht sich traurig auf den Weg zur Schule ("Ich habe andere Sorgen, als diesen süßen Kram zu mampfen"), sitzt traurig in der Schulkantine ("Jeden Tag um Zwölf klingelt die Glocke und wir werden hereingetrieben zur Abfütterung. Wir hocken hier herum, wie das Rindvieh, das wiederkäut und auf den Schlachter wartet"), sitzt traurig im Musikunterricht ("Ich klage über die obdachlose Familie, die im Auto wohnen muss. Über den Farmer aus Iowa, dem herzlose Bürokraten das Land weggenommen haben. Über den Bergarbeiter der seine Lunge raushustet.") und ist sogar zu traurig, um Völkerball zu spielen.

Als Homer versucht sie aufzuheitern, zieht es an den Fäden der weiblichen Existenz, die er weder entwirren kann, noch vollständig versteht. Lisa gibt sich nachsichtig mit ihrem Vater, überfordert seine emotionale Aufnahmefähigkeit allerdings allein mit einem kurzen Einblick in ihr Seelenleben. "Ich frage mich, wozu das alles? Würde sich irgendetwas ändern, wenn es mich nicht gebe? Wie können wir nachts ruhig schlafen, wenn es so viel Leid in der Welt gibt?", fragt sie.

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An diesem Abend folgt Lisa der Musik vor ihrem Fenster und trifft den Saxophonisten "Zahnfleischbluter" Murphy. In ihm scheint Lisa einen Gleichgesinnten und einen Mentor gefunden zu haben. Während sie gemeinsam improvisieren, singt Lisa: "Ich bin das traurigste Mädchen in der zweiten Klasse." Statt sie in die Arme zu schließen, wie es sich die Zuschauer wünschen, sagte Murphy allerdings nur: "Weißt du, du spielst recht gut für jemanden, der keine Probleme hat."

Obwohl Lisa die Bemerkung einfach abzuschütteln scheint, ist die Enttäuschung in dieser Szene deutlich spürbar: Jedes Kind (und jedes Mädchen) kennt das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. "Ich glaube, sie ist traurig, weil sie das Gefühl hat, dass sie nicht dazugehört und auch keine Möglichkeit sieht, jemals so zu sein wie die anderen", sagt Jena. "Sie repräsentiert all die Menschen, die Sehnsüchte haben, die sie in ihrer aktuellen Situation nicht erfüllen können, dabei aber nie die Hoffnung verlieren, dass es eines Tages so weit sein wird."

Lisa wägt jede ihrer Entscheidungen und ihre Folgen für die Zukunft sorgfältig ab und es ist leicht, uns selbst so zu sehen, wie sie sich sieht: gefangen in einer Sendezeit, die uns nicht genug Zeit lässt, um jede mögliche Laufbahn ihres zukünftigen Lebens durchzuspielen. Die Tatsache, dass sie diese Misere schon in der zweiten Klasse begreift, macht sie umso nahbarer.

Lisa hat uns schon damals auf all die Enttäuschungen und Herausforderungen des Lebens vorbereitet.

"Es war etwas ganz besonderes mit einem Vorbild wie Lisa aufzuwachsen. Sie hat uns schon damals auf all die Enttäuschungen und Herausforderungen des Lebens vorbereitet", sagt Emily Oliveira, die als Künstlerin im New Yorker Stadtteil Brooklyn lebt. "Ich bin froh, dass ich schon in jungen Jahren gelernt habe, dass es sehr, sehr einsam sein kann, eine Lisa zu sein und dass man nur glücklich wird, wenn man der Welt mit Liebe und Feingefühl begegnet."

Lisa fordert uns nicht nur dazu auf, aufrichtig, liebevoll und großzügig zu sein, sondern auch mehr vom Leben zu erwarten – selbst wenn nichts so läuft, wie geplant. "Sie hat in mir den Wunsch geweckt, schlauer zu sein und alles über Blues und Das verräterische Herz zu lernen", sagt Victoria Setian, eine Videospielentwickelerin bei den Avalanche Studios, die früher bei Warner Brothers gearbeitet hat. "Das Erste, woran ich bei Lisa aber immer denken muss, ist die Folge, in der sie in die Zukunft sieht und Präsidentin ist. Das hat mich erkennen lassen, was die Zukunft für junge Mädchen wie mich bereithalten könnte."

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Wenn sich in Zukunft alle politischen Vorhersagen der Simpsons so detailgetreu bewahrheiten wie die Präsidentschaft von Trump, dann wird Präsidentin Lisa Simpson wohl das größte Vermächtnis der Sendung werden, davon ist Jean überzeugt. Die für ihn emotionalste Episode ist allerdings „Der Aushilfslehrer", erklärt er mir, als ich ihn nach seinem Lieblings-Lisa-Moment frage. In dieser Folge lernt Lisa einen passionierten, unorthodoxen Aushilfslehrer kennen, in den sie sich mit der Zeit verliebt. Allerdings endet das Ganze damit, dass er Springfield wieder verlassen muss.

"Eine Fußnote dazu: Die Folge wurde vor ihrer Ausstrahlung damit beworben, dass Bart als Klassensprecher kandidiert. Selbst in ihrer eigenen Sendung und ihrer eigenen Folge bekommt sie also keine Pause."

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