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So ist es wirklich, einen bisexuellen Mann zu daten

Viele heterosexuelle Frauen können sich nach wie vor nicht vorstellen, mit jemandem zusammen zu sein, der auch mit Männern schläft. Zwei Forscherinnen sind dem Thema auf den Grund gegangen.

von Jessica Pan
05 April 2017, 10:35am

Illustration by Ben Thomson

Model und Aktivistin Amber Rose hat in der Vergangenheit keinen Hehl daraus gemacht, sowohl Männer als auch Frauen sexuell anziehend zu finden. Vor Kurzem sagte sie allerdings, sich nicht vorstellen zu können, mit einem bisexuellen Mann auszugehen. "Ich meine das nicht wertend, aber ich würde mich damit persönlich nicht wohl fühlen." Warum sie sich damit nicht wohlfühlen würde, konnte sie nicht erklären. Rose ist damit nicht allein: Im vergangenen Jahr hat eine Umfrage der Glamour ergeben, dass knapp zwei Drittel aller Frauen "mit keinem Mann ausgehen würden, der schon mal Sex mit einem anderen Mann hatte".

Interessanterweise wird auch kaum über die Erfahrungen gesprochen, die heterosexuelle Frauen in Beziehungen mit bisexuellen Männern machen. Das Buch Women in Relationships with Bisexual Men soll das nun ändern und sich dem Thema ganz ausführlich widmen. Die beiden Autorinnen Maria Pallotta-Chiarolli, Dozentin für soziale Diversität an der Deakin University, und Sara Lubowitz haben sich hierzu mit 79 australischen Frauen unterhalten, die in einer Beziehung mit einem bisexuellen Mann leben. Wir haben Pallota-Chiarolli gefragt, zu welchen Erkenntnissen sie und ihre Kollegin gekommen sind.

Mehr lesen: Wie man eine Beziehung mit mehreren Männern führt – und glücklich wird

Broadly: Wie seid ihr darauf gekommen, eine Studie über die Dynamik zwischen heterosexuellen Frauen und bisexuellen Männern durchzuführen?
Pallota-Chiarolli:
Ich beschäftige mich schon seit Langem mit sexueller und kultureller Diversität – sowohl als Autorin als auch als Wissenschaftlerin. In den vergangenen acht Jahren habe ich vor allem Fragen betrachtet, die sich aus der Beziehungsdiversität heraus ergeben. Dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass es viele Frauen gibt, die das Bedürfnis haben, über ihre Beziehung mit einem bisexuellen Mann zu sprechen. Schließlich findet das Thema bisher kaum Beachtung.

Gab es Erkenntnisse, die dich überrascht haben?
In manchen Unterhaltungen wurde deutlich, dass bisexuelle Männer, die offen mit ihren Partnerinnen umgehen und viel kommunizieren, bessere Väter, Liebhaber und Partner abgaben als heterosexuelle Männer. Es gab aber auch viele Menschen, die das schockierend fanden.

Was glaubst du, warum Frauen der Meinung sind, dass bisexuelle Männer bessere Liebhaber sind?
Die meisten Frauen haben uns erzählt, dass sie von ihren bisexuellen Partnern eher dazu ermutigt wurden, ihre Sexualität zu erforschen und Spaß zu haben. Außerdem waren bisexuelle Männer aufgeschlossener gegenüber BDSM und offenen Beziehungen. Die meisten Frauen führten das Ganze darauf zurück, dass ihr Partner aufgrund seiner sexuellen Orientierung gezwungen war, sich mit normativen Ansichten über Männlichkeit auseinanderzusetzen. Entsprechend hoch war auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Männer die gängigen und ziemlich frauenfeindlichen Vorstellungen von Männlichkeit abgelegt haben.

Wenn er mich betrügt, dann ist er ein schrecklicher Mensch – ganz unabhängig von seiner sexuellen Orientierung.

Welche Auswirkungen hatte ihre sexuelle Orientierung darauf, wie sie von ihren Partnerinnen in ihrer Rolle als Väter wahrgenommen wurden?
Die meisten Männer hatten das Gefühl, außerhalb der "Norm" zu sein, deswegen neigten sie auch eher dazu, traditionelle Vorstellungen infrage zu stellen. Außerdem wollten viele von ihnen genauso stark an der Kindererziehung teilhaben wie ihre Partnerinnen. Die meisten bisexuellen Männer waren also sehr engagierte Väter und deutlich aufmerksamere Lebenspartner. "Ich könnte nie wieder eine Beziehung mit einem heterosexuellen Mann führen, nachdem ich mit einem bisexuellen Mann zusammen war", war eine Aussage, die wir auch von einigen Frauen gehört haben. Sie haben bisexuelle Männer als sehr viel interessanter und aufgeschlossener wahrgenommen.

Gibt es besondere Herausforderungen, denen die Paare begegnen?
Frauen begegnen meist dem Vorurteil, bisexuelle Männer seien untreu und nicht vertrauenswürdig. Einer Aussage, der viele Frauen widersprochen haben. Schließlich kann ein heterosexueller Mann ja auch jemand anderen kennenlernen – in dem Fall eben eine Frau.

Wir haben festgestellt, dass viele der Frauen sehr viel glücklicher in ihren Beziehungen mit einem bisexuellen Mann waren und eine Art "geschlechtsspezifische Monogamie" praktizierten. Das heißt, dass ihr Partner mit anderen Männern schlafen darf, aber nicht mit anderen Frauen. Die meisten Frauen waren der Meinung: "Wenn er mich betrügt, dann ist er ein schrecklicher Mensch – ganz unabhängig von seiner sexuellen Orientierung."

Foto: Josh Willink | Pexels | CC0

Wie gingen die Frauen mit Vorurteilen um?
Wenn die Frauen mit Freunden und Paarberatern über ihre Beziehung sprechen, stoßen sie in der Regel auf Fragen wie: "Was ist falsch mit dir? Warum willst du mit einem bisexuellen Mann zusammen sein?", "Kannst du dir keinen normalen Mann suchen?", "Wurdest du in der Kindheit sexuell missbraucht?" oder "Wieso findest du solche Männer überhaupt attraktiv?"

In anderen Fällen wurde an der Weiblichkeit der Frauen gezweifelt: "Vielleicht bist du nicht gut genug?" oder "Mit dir kann etwas nicht stimmen, sonst würden dich bisexuelle Männer nicht attraktiv finden."

Wieder einmal wird das Problem bei den Frauen gesucht. Anstatt sich die Frage zu stellen, was mit der Gesellschaft nicht stimmt, werden Frauen gefragt, was mit ihnen falsch ist. Abgesehen davon möchte niemand, der Unterstützung bei einem Paartherapeut sucht – zum Beispiel, weil er mit einer Geschlechtskrankheit oder AIDS angesteckt wurde –, solche Fragen beantworten müssen wie: "Warum bist du überhaupt mit so jemanden zusammen?"

Wie stehen die Paare zu queeren Gesellschaftsgruppen?
Wir haben festgestellt, dass sich viele der Frauen ausgegrenzt fühlen – nicht nur von heterosexuellen, sondern auch von vorwiegend homosexuellen Gesellschaftsgruppen. Die meisten Frauen hatten den Eindruck, dass sie stärker stigmatisiert werden als ihre Partner, die wiederum das Gefühl hatten, sowieso nirgendwo dazuzugehören. Frauen bekamen häufig beleidigende und hämische Kommentare zu hören. Ihnen wird gesagt, dass sie ihren Partnern sowieso nicht vertrauen könnten oder Bisexualität an sich gar nicht existiere.

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Das geht vor allem jüngeren Frauen in städtischen Gegenden so, die viel Kontakt zu queeren Gesellschaftsgruppen haben. Viele von ihnen hatten "schwule beste Freunde", als sie sich in einen bisexuellen Mann verliebt haben, wurden sie aber auf einmal ausgegrenzt. Als hätten sie dem Dating-Markt einen schwulen Mann geklaut. Die meisten Frauen haben sehr frauenfeindliche Erfahrungen gemacht.

Welche Faktoren entschieden über den Erfolg der Beziehungen?
Die Zufriedenheit der Frauen in der Beziehung hatte meist damit zu tun, ob die Frau schon vor Beginn ihrer Beziehung wusste, dass ihr Partner bisexuell ist und ob ihr Partner schon geoutet war. Frauen, die von der bisexuellen Orientierung ihres Partner von Anfang an wussten, hatten eine viel bessere Ausgangssituation.

Männer, die nicht von Anfang an offen mit ihren Partnerinnen waren, wurden bedauerlicherweise gegenüber ihren Partnerinnenauch öfter gewalttätig – körperlich wie emotional.

Geh nicht davon aus, dass dein potenzieller Partner heterosexuell ist, nur weil er mit dir flirtet oder Sex mit dir hat.

Haben bisexuelle Männer im Vergleich zu homosexuellen Männern mehr Hemmungen, sich zu outen. Wenn ja, warum?
Die Zahl der verheirateten Männer, die sich outen, ist drastisch gesunken, nachdem Homosexualität in unserer Gesellschaft immer mehr akzeptiert wurde. So sollte es auch mit bisexuellen Männern sein. Unsere Gesellschaft sieht bisexuelle Männer oft als hinterhältig oder unzuverlässig. Bisexuelle Frauen hingegen gelten als sexy.

Frauen und Männer mit einem streng religiösen Hintergrund outen sich auch seltener [als bisexuell]. In vielen Fällen führt das im Verlauf ihres Lebens zu schwerwiegenden Problemen in ihrer Partnerschaft. Es gibt viele Männer, die ihre Frustration, ihren Ärger und ihre Scham auf die Frau projizieren, wenn es ihre Religion verbietet, sich zu outen.

Wie sind Frauen im Rahmen einer Beziehung mit dem Coming-out ihres Partners umgegangen?
Wie bei jedem Coming-out waren die Männer nicht die Einzigen, die sich outen müssen. Auch ihre Familien müssen sich outen und ihren Freunden und eventuell auch ihren Kindern davon erzählen. Viele Frauen haben sich die Frage gestellt: "Was sagen wir den Kindern? Werden sie uns fragen, ob ihr Papa bi ist? Wird ihr Vater irgendwann mal einen Freund haben?"

Mehr lesen: Sind Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen glücklicher?

Hatten die Frauen irgendeinen Rat für andere heterosexuelle Frauen?
Geh nicht davon aus, dass dein potenzieller Partner heterosexuell ist, nur weil er mit dir flirtet oder Sex mit dir hat. Geh am besten von gar nichts aus und frag ihn einfach geradeheraus nach seiner sexuellen Orientierung. Die Frauen, die letztendlich am meisten Schwierigkeiten in ihren Beziehungen mit bisexuellen Männern hatten, sind ursprünglich davon ausgegangen, dass sie eine Beziehung mit einem heterosexuellen Mann eingehen und haben erst später festgestellt, dass dem nicht so ist.

Letztendlich forderten so gut wie alle Befragten von der Gesellschaft mehr Offenheit gegenüber sexueller Diversität. Damit ist aber nicht nur sexuelle Binarität – also homo- oder heterosexuell – gemeint, sondern eine größere gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber allen sexuellen Orientierungen entlang des Spektrums.