Ein wahrscheinlich erstes und letztes Interview mit den Techno Sonntag Menschen
Foto von Techno Sonntag.
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Ein wahrscheinlich erstes und letztes Interview mit den Techno Sonntag Menschen

Inklusive Fotos der letzten fünf Jahre und der Antwort, ob Techno Sonntag für "richtigen" Techno steht.
2.6.17

Die Techno Sonntag Partys in Wien funktionieren seit fünf Jahren blendend. Nicht nur, dass die Veranstalter einen komplett neuen Tag für Wien erschlossen haben – richtig, den Sonntag – sondern die Besucherzahlen wuchsen auch jedes Jahr stetig. Klein waren die Partys somit nur am Anfang, Einlassstop-Postings in der Veranstaltung wurden bald zur Regel. Auch bezeichnend für die Feste: Die grafische und visuelle Aufarbeitung. Jeder hat schon einen Techno Sonntag-Movie, Flyer, Foto oder Sticker gesehen.

Das erste Aftermovie aus der Techno Sonntag-Schmiede.

Doch nicht alle waren restlos begeistert: Einige alte Veranstalterhasen und DJs meldeten sich auf Facebook und auf sonstigen Plattformen mutig zu Wort und schossen gegen das "Techno" in Techno Sonntag. Doch das Kollektiv reagierte kaum bis nie – eine gewisse Gelassenheit der Wiener Szene gegenüber, war der Techno Sonntag-Crew von Anfang an eigen. Nach fünf Jahren heißt es jetzt Schluss mit Mario Kart und Eintritten von maximal fünf bis zehn Euro. Sad-Reaction auf Facebook.

Wer am Sonntag feiern gehen will, kann das ab jetzt - laut Eigenaussage - wieder in der Fledermaus tun. Und das letzte mal wird Techno Sonntag diesen Sonntag stattfinden. Felix Kofler, Johannes Jelinek und Viktoria Nowicky sind drei der sechs Kernorganisatoren von Techno Sonntag. Ich habe ihnen ein paar abschließende Fragen gestellt.

Noisey: Wer ist nun aller Techno Sonntag? Woher kennt ihr euch? Seit wann gibt es euch?
Viktoria Nowicky: Das Kernteam besteht eigentlich aus sechs Leuten: Johannes, Richi, Laurenz, Felix, Martin und mir. Wir sechs sind sozusagen die Fadenzieher der Eventreihe. Aber eigentlich war unser Team in den letzten Jahren immer wesentlich größer. Unsere Freunde haben uns stets unterstützt und brav mitgeholfen und sind so Teil des Kollektivs geworden. Um ehrlich zu sein, hat sich die Crew erst bei den ersten Meetings wirklich kennengelernt. Und irgendwie hat's dann doch gefunkt.

Johannes Jelinek: Was Techno Sonntag so spannend gemacht hat, war eben, dass wir uns alle erst durch Techno Sonntag kennengelernt haben. Auf den ersten Partys sind so fünf Freundeskreise aufeinander gestoßen und haben einen großen geformt.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Techno Sonntag.

Wie läuft das Leben nach Techno Sonntag weiter?
Viktoria: Puh, ziemlich unterschiedlich eigentlich. Unsere Wege zerstreuen sich ein wenig. Ein Teil (Johannes und Laurenz) sind jetzt bei Heimlich, Richi organisiert, zumindest gefühlt, alle HipHop-Konzerte in Wien, Felix zieht es in die Architektur, Martin macht Werbung und Viki versinkt in der Modebranche.

Wie seid ihr eigentlich auf die damals bahnbrechende Idee gekommen am Sonntag zu veranstalten? Oder überhaupt Veranstaltungen zu machen?
Viktoria: Die Idee zu veranstalten entstand eigentlich aus Frustration und Langeweile. Wir waren frustriert über die Clubszene in Wien. Es gab nichts, was uns irgendwie noch zum Feiern animiert hat. Und mit Anfang 20 hat man noch viel Zeit und weiß nichts damit anzustellen und da dachten wir uns: Okay, dann machen wir halt eine Techno Party. Und weil wir vor allem Sonntags nix zu tun hatten und es auch vor allem Sonntags nichts gab, dass unsere Feierlust gestillt hat, haben wir uns dazu entschlossen,selbst eine Eventreihe aufzustellen.

Johannes: Geholfen hat wahrscheinlich auch Mitbegründer Lucas. Er ist ein verrückter Schauspieler, der einen sehr gut zu Blödsinn anstiften kann und mehr Tatendrang hat, als alle Menschen, die wir so kennen. Nach der dritten Party ist er auch schon nach New York abgehauen.

Aus der Szene gab es oft Stimmen, dass ihr gar kein richtiger Techno seid. Geäußert habt ihr euch nie dazu - wollt ihr jetzt was dazu sagen?
Viktoria: Haha, ja da haben die Leute schon recht. Unsere jungen Köpfe hatten eine ganz eigene Vorstellung von Techno. Anfangs war es auch wesentlich technolastiger.

Johannes: Eher Deep House.

Viktoria: Allerdings sind wir auf immer mehr junge Musiker gestoßen, die jetzt nicht nur strikt auf der Techno-Schiene unterwegs waren, und denen wollten wir auch einen Ort geben an dem sie sich austoben und präsentieren können.

Johannes: Wir wissen wahrscheinlich noch immer nicht, was "richtiger" Techno ist. Und das war uns auch immer egal. Die Musik sollte vor allem gut sein und die Stimmung ausgelassen. Das eigentliche Konzept von Techno Sonntag war nie "Techno Party" sondern eher "Homeparty für alle in einem Club". Wir waren einfach sehr einfallslos mit unserem Namen.

Felix Kofler: Ich denke, dass alle, die regelmäßig fortgehen, die Situation kennen, dass die Musik einen nicht so packt. Da steht man da, hat sich ur darauf gefreut und dann zieht die 130 BPM Nummer, die einen sonst ins Delirium katapultiert, einfach nicht. In den meisten Clubs, beziehungsweise bei den meisten Veranstaltungen, heißt es dann entweder: Durchhalten, nach Hause fahren oder – im Ernstfall – Location wechseln. Bei uns geht man halt in den Nebenraum.

Was genau waren oder sind eure Credos beim Veranstalten? Was ist wichtig für eine gute Techno Sonntag-Party?
Viktoria: Die gute Techno Sonntag-Party macht einfach die Auswahl an Angebot aus. Wenn man mal kein Bock auf Techno/Elektro hat, dann geht man halt zu einem anderen Floor und kann wieder was neues entdecken. Ich denke mal, dass genau diese Abwechslung und die Entdeckungsreise die Feier ausmacht.

Johannes: Es gibt drei wichtige Zutaten. Mindestens zwei Floors: Das Grundkonzept war ein Partyfloor und ein Chillout Floor. So musste man den Club eigentlich nie verlassen und konnte immer zwischen zwei Stimmungen hin- und herschwanken. Dann die Homeparty Atmosphäre: Keine Türpolitik & viel Blödeleien wie Mario Kart oder Brettspiele. Und zuletzt die musikalische Freiheit: Wir haben die DJs immer dazu aufgefordert sich auszuprobieren und Sachen zu spielen, die sie sich anderswo nicht trauen würden. Zusätzlich haben wir oft Nicht-Techno-Acts eingeladen die wir gut gefunden haben.

Wo seht ihr euer „Erfolgsgeheimnis"?
Viktoria: Wahrscheinlich liegt es genau darin, dass wir uns einfach nicht zu ernst nehmen. Ein gewisser Schmäh muss irgendwie einfach dabei sein, der den Kontrast zu der harten Techno-Szene liefert. Trotzdem stecken wir sehr viel Liebe in das Event. Wir sind sehr darum bemüht, dass alle liebevoll miteinander umgehen und zufrieden sind. Ich glaube dieser freundschaftliche und ehrliche Umgang ist irgendwo unser Geheimnis.

Johannes: Liebe und Humor!

Ihr seid immer sehr billig gewesen, was den Eintritt anbelangt. Wie habt ihr das alles geschafft? War viel Zittern dabei ?
Viktoria: Ja, durchaus. Unser Plan war es nie mit dem Event Geld zu verdienen, haben wir de facto auch nie. Und auch da waren Abende dabei, die gerade noch am Break-Even gekratzt haben. Wie wir das geschafft haben fragen wir uns teilweise noch immer.

Johannes: Einen Sommer lang hatten wir auch ziemliche Schulden, weil wir dachten es wäre eine gute Idee das Auto von Martins Großvater für 50 Cent zu kaufen. Im Endeffekt hat es uns fast in den Ruin getrieben.

Gab es eine Lieblingsvenue? Ihr habt ja im Badeschiff begonnen und seid jetzt in der Arena.
Viktoria: Das Badeschiff war auf jeden unter den Top 2. Es war einfach ein super-entspannter Ort zum Veranstalten. Die Lage war super und wir wollten den Club, der irgendwo auch unsere Jugend geprägt hat, wiederbeleben. In der alten Pratersauna hatten wir allerdings auch unendlich witzige Abende, den Laden und die Abende dort werden wir auch nicht vergessen.

Wird der Techno Sonntag in einer Form weiterleben?
Viktoria: Schauen wir mal. Das Kollektiv wird sicher in irgendeiner Form weiterleben. Es wäre irgendwie traurig den TS komplett sterben zu lassen. Aber für jetzt ist erstmal Schluss. Aber wer weiß was noch so kommt. Lassen wir uns mal überraschen.

Johannes: Jetzt sind wir erstmal froh, dass Schluss ist. Aber es tut sich gerade so viel in den Getrieben der Wiener Clublandschaft das man nichts ausschließen kann.

Gab es eine Lieblingsparty?
Viktoria: Puh. Ich glaube, eine der besten Partys war das erste Pool und Garten Opening am Badeschiff. Mit der unvergesslichen Afterhour vor dem Badeschiff. Da hat es wohl bei uns allen das erste Mal so richtig geknistert.

Johannes: Die erste Pool & Garten Opening Party ist für viele von uns noch immer die beste Party unseres Lebens. Der legendärste Moment war wahrscheinlich als Lucas - nach dem nächtlichen Schwimmen im Pool - nackt vor dem Dj Pult im Laderaum getanzt hat. Oder die Afterhour in der Frühlingssonne mit zwei Kisten Rotwein.

Was habt ihr in den letzten Jahren dazugelernt?
Viktoria: Das wissen wir alle nicht ganz, wo wir anfangen sollen. Es ist so unglaublich viel. Wir haben alle als unbeschriebene Blätter in dieser Szene angefangen und uns im Laufe der fünf Jahre persönlich – dank der Eventreihe – extrem weiterentwickelt. Vor allem haben wir wohl gelernt wie wichtig gutes Teamwork, eine gute Planung und helfende Hände sind. An dieser Stelle: Vielen Dank hier an all die Leute die uns so tatkräftig unterstützt haben!

Johannes: Eigentlich alles. Durch Techno Sonntag haben sich so viele Türen geöffnet und so viele Erfahrungen ergeben, dass wir gar nicht wissen, was wir jetzt machen würden, hätten wir diese Party nicht gestartet.

Wie genau läuft der Bookingprozess ab?
Viktoria: Eigentlich ist der recht trocken, es wird immer wieder nach neuen und frischen Acts gesucht, und danach wird abgestimmt.

Felix: Durch die geografische Distanz, die oft zwischen uns liegt, läuft der Großteil der Orga über eine Facebook-Gruppe. Das hat auch vieles komplizierter gemacht, als es vielleicht sein müsste.


Ein Einbruchsexperte hat uns verraten, wie man One Night Stands entfliehen kann:


Gab es eine nicht gelungene Party auch? Oder eine mit der ihr nicht so zufrieden seid?Viktoria: Da waren auf jeden Fall ein paar dabei, das müssen wir schon zugeben. Wir haben gelernt, dass vor allem die Events in den Sommerferien nie der Riesenerfolg waren. Es gab nicht nur rosige Zeiten bei uns.

Johannes: Wenn am nächsten Tag nicht frei war, war es immer schwierig. Im Endeffekt waren aber gerade die Partys, die für uns ein "Misserfolg" waren, für die Besucher die besten, weil es einfach nicht so voll war wie sonst.

Felix: Da finde ich schade, dass man jetzt sozusagen herausliest, dass Partys an 'echten' Sonntagen nicht funktionieren. Wir waren im Endeffekt einfach zu groß für solche Partys. Das ist ja auch der Grund warum wir uns auflösen, finde ich. Es gibt keine echten Ziele mehr für uns und seit die Pratersauna zu ist, haben wir auch unser Zuhause verloren.

Eine Viki-Frage: Wie ist es oder war es mit lauter Männer in so einer Männerdomäne zu arbeiten?
Viktoria: Puh, gute Frage. Es war anfangs echt nicht so easy als junges Mädel in der Szene ernst genommen zu werden. Vor allem von der älteren Männer-Veranstaltergeneration wird man da eher belächelt und angegafft. Dass ich als Frau Teil vom Kernteam bin, war für mich und das Team immer selbstverständlich und kein Thema, und so hatte auch ich von Anfang an immer dasselbe Stimm- und Mitspracherecht wie meine männlichen Kollegen. Allerdings bin auch ich immer wieder auf erstaunte Ohren gestoßen, wenn ich gesagt habe, dass ich zum Kernteam gehöre. Da habe ich mich letztendlich auch gefragt, ob das an mir als Person liegt, oder wirklich daran, dass mir kein Schwanz zwischen den Beinen hängt. Ich freue mich aber sagen zu können, dass bei uns im Kollektiv jegliche Gleichberechtigung echt groß geschrieben wird und mir meine Jungs da auch den nötigen Rückhalt gegeben haben.

Johannes: Wir hätten die Party Reihe echt "Viki und die starken Männer" nennen sollen.

Der letzte Techno Sonntag findet diesen Sonntag in der Arena statt.

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