Anzeige
Abitur

Wie hunderte bayerische Schüler bei ihrem Deutsch-Abi betrogen haben könnten

Der Betreiber einer Homepage für Lehrermaterial entdeckte, dass am Tag der Prüfung plötzlich Seltsames auf seiner Seite vorging.

von Krsto Lazarević
08 Juni 2017, 9:44am

Imago: Ulmer

Wir haben diesen Artikel am 9. Juni, 13 Uhr, aktualisiert.

In diesem Jahr häuften sich die Abi-Fails. In Brandenburg mussten die Schüler Logarithmusfunktionen lösen, von denen die meisten in ihrem Unterricht noch nie etwas gehört hatten. In Baden-Württemberg datierten Pädagogen eine Kurzgeschichte falsch auf 1949, obwohl sie aus dem Jahr 1960 stammte, was die Interpretation natürlich komplett änderte. In Bayern war bislang der größte Abi-Fail, dass die CSU den Schülern viel Erfolg bei den Prüfungen wünschte – mit einem Foto aus Sachsen-Anhalt.

Nun weist der Gründer der Homepage Lehrermartkplatz darauf hin, dass das vielleicht doch nicht alles war. Sein Verdacht: Möglicherweise haben bayerische Abiturienten ihrem Erfolg bei der Deutschprüfung etwas nachgeholfen. Auf der Seite von Dominik Dresel können Lehrer Unterrichtsmaterialien anbieten und verkaufen.


Auch bei VICE: Die Motivation, jeden Tag zur Schule zu gehen


Dresel fiel auf, dass die Besucherzahlen am 9. Mai eine ungewöhnliche Spitze erreicht haben. Er wurde stutzig und fand heraus, dass die vielen neuen Besucher es alle auf einen bestimmten Beitrag abgesehen hatten: die Interpretation des Gedichts "Winternacht" des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller. Bei dem Gedicht geht es laut gängiger Interpretation darum, dass Gottfried Keller sich verliebt hat, aber nicht den Mut hat, es seiner Flamme mitzuteilen. Um das zu verarbeiten, lässt er das lyrische Ich eine stille Winternacht beschreiben, in der er eine Nixe sieht. Er kann aber nicht zu ihr, weil eine dünne Eisschicht ihn von der Nixe trennt.

Als sich Dominik Dresel die Zugriffe auf seiner Seite genauer anschaute, fiel ihm auf, dass die meisten Zugriffe auf die Gedichtinterpretation aus Bayern kamen. Der Hintergrund ist schnell erklärt: Am 9. Mai musste die Schülerinnen und Schüler in Bayer folgende Aufgabenstellung bearbeiten:

Interpretieren eines literarischen Textes

a) Interpretieren Sie das Gedicht Winternacht von Gottfried Keller (Text A)! Überprüfen Sie dabei, inwiefern die in Text B formulierte Aussage für die Interpretation des Gedichts ergiebig ist!

Hier liegt die Vermutung nahe, dass bayerische Schülerinnen und Schüler sich während der Prüfung nochmal per Smartphone vergewissert haben, ob ihre Interpretation stimmig ist. Oder aber sie haben die Version auf der Seite Lehrermarktplatz einfach abgeschrieben.

Ein Suchlauf mit Google Trends erhärtet den Verdacht. Das Begriffspaar "winternacht keller" wurde am 9. Mai besonders häufig gegoogelt. Fast alle Anfragen kamen aus Bayern. Allerdings lässt sich aus den Daten nicht zweifelsfrei feststellen, ob und wie viele Schüler während ihrer Abiturprüfungen in Deutsch betrogen haben. Bei Google Trends ist nur ersichtlich, an welchem Tag die Begriffe gesucht wurden, aber nicht zu welcher Uhrzeit. Diese Daten stellt Google nicht zur Verfügung, weil eine Veröffentlichung von Zeitpunkt, Suchanfrage und Ort, so das Unternehmen, die Anonymität der einzelnen Nutzer gefährden könne.

Wären die Anfragen kurz vor Beginn der Abi-Prüfung in die Suchmasken getippt worden, wäre das ein Hinweis darauf, dass Lehrerinnen und Lehrer nochmal die gängigen Interpretationen gecheckt haben. Suchanfragen nach der Prüfung sprächen dafür, dass die Schülerinnen und Schüler sich angeschaut haben, ob ihre eigene Interpretation stimmig ist.

Laut Dominik Dresel riefen 7,2 Prozent der Besucher die Gedichtinterpretation während der Prüfungszeit auf. Die meisten Schüler wollten sich also nach der Prüfung vergewissern, ob ihre Interpretation stimmig war, eine Praxis, von der wir aus Gründen des Selbstschutzes direkt nach der Prüfung abraten. Bei einer Minderheit flogen aber wohl die Finger auch heimlich unter dem Tisch über die Smartphone-Tastatur oder in einem abgeschlossenen Schulklo. Die Interpretation auf Dresels Seite ist nämlich nicht die einzige und auch nicht die erste, die bei einer Google-Suche angezeigt wird.

Ein bisschen verstehen können wir die Schüler ja schon. Richtig fair ist es nicht, dass noch heute junge Leute leiden müssen, nur weil Gottfried Keller nicht den Mumm hatte, seine "Nixe" anzusprechen und das auch noch maximal kompliziert formulierte.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat