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Drogen

Was bringt manche Menschen im Pilzrausch dazu, aus dem Fenster zu springen?

Forscher versuchen zu verstehen, warum manche Menschen auf psychedelischen Drogen glauben, fliegen zu können. Vorab so viel: Es ist kompliziert.

von Daniel Oberhaus
05 Juni 2017, 8:00am

Foto: Erik Fenderson | Wikimedia Commons | gemeinfrei

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Anfang Mai ist auf Bali ein Student aus Singapur im Pilzrausch fünf Stockwerke tief in den Tod gesprungen. Die Nachricht erinnerte an den Fall eines 23-jährigen Analysten des renommierten Bankhauses Merrill Lynch, der vor einem Jahr nach dem Konsum von Zauberpilzen aus dem 26. Stock gesprungen war. Fast jeder hat schon mal von so einer tragischen Geschichten gehört oder kennt jemanden, der jemanden kennt, dessen Cousin, usw. ... Eine kurze Google-Recherche bringt allerdings tatsächlich diverse Meldungen dieser Art aus den letzten Jahren zu Tage – Meldungen, in denen die Droge gerne auch verteufelt wird. Auch der Rauschgiftexperte der New Yorker Polizei sagte anlässlich des Todes des Bankers: "Wenn man diese Pilze nimmt, bekommt man Halluzinationen. Und in manchen Fällen, wenn man genug nimmt, lassen sie einen glauben, man könnte fliegen wie Supermann."

Keine Frage, Zauberpilze können dich Dinge sehen lassen, die nicht da sind. Genauso steht außer Frage, dass Menschen unter Psilocybin-Einfluss – das ist der psychoaktive Bestandteil der Pilze – ums Leben gekommen sind oder sich schwer verletzt haben. Aber erst vergangene Woche zeigten die Ergebnisse der alljährlichen Global Drug Survey, dass Pilze die sicherste Freizeitdroge sind – jedenfalls, was die Zahl der medizinischen Notfälle angeht. Von den 120.000 Teilnehmern der Umfrage hatten 12.000 im letzten Jahr Magic Mushrooms genommen, aber lediglich 0,2 Prozent davon mussten deswegen medizinisch behandelt werden. Der Wert ist damit fünf- bis sechsmal niedriger als bei Substanzen wie LSD, Kokain, MDMA und Alkohol und dreimal niedriger als bei Marihuana.

Schicken Pilze dich also auf einen Trip, der so krass ist, dass du glaubst, fliegen zu können, und aus dem Fenster springst? Oder sind ein paar Psilos vielleicht sogar sicherer als ein Besuch in deiner Stammkneipe?

Die Antwort vorweg: Es hängt stark vom einzelnen Individuum und den speziellen Umständen ab, in denen das Halluzinogen konsumiert wird. Die meisten Wissenschaftler, die zu psychedelischen Drogen forschen, sind sich allerdings einig, dass Menschen mit Fällen von Schizophrenie oder manischen Depressionen in der Familie eher Gefahr laufen, eine ernstzunehmende negative Reaktion auf die Droge zu haben.


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Als Psychedelika in den 1950er und 60er Jahren zum ersten Mal eingehend untersucht wurden, waren die Wissenschaftler vor allem am Zusammenhang mit Schizophrenie und Psychosen interessiert. Dem Guardian zufolge wurden zwischen 1950 und 1965 etwa 40.000 Patienten, die unter Neurosen, Schizophrenie und Psychopathie litten, mit einer irgendwie gearteten LSD-Therapie behandelt.

Darrick May, ein Forscher der Johns Hopkins Universität, der sich mit dem psychiatrischen Einsatz von Psilocybin auseinandersetzt und sich im Bereich Harm Reduction – zu Deutsch: Schadensminderung – engagiert, weist darauf hin, dass man Halluzinogene wie LSD und DMT ursprünglich "Psychotomimetika" nannte, weil man dachte, dass sie die Effekte einer psychotischen oder schizophrenen Episode nachahmen könnten.

Laut May gilt diese Annahme inzwischen als widerlegt. Er und seine Kollegen an der Johns Hopkins Universität würden allerdings sehr große Vorsicht an den Tag legen, wenn sie Probanden für ihre Psilocybinforschung auswählen. Er fügte noch hinzu, dass es keine Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer Psychose und dem Konsum halluzinogener Substanzen geben würde. Außerdem seien die Interaktionen zwischen Psilocybin und Gehirn noch nicht gut genug verstanden, um den neuralen Mechanismen einer Psilocybin-induzierten psychotischen Episode auf den Grund zu gehen.

Das sieht auch Bob Jesse so, Co-Autor einer aktuellen Johns-Hopkins-Studie zu Psilocybin-Horrortrips. Bei der mit etwa 2.000 Teilnehmern größten Studie ihrer Art hatten Menschen mithilfe eines ausführlichen Online-Fragebogens Angaben zu ihren negativen Erfahrungen mit der Droge gemacht. Trotz aller Gründlichkeit konnte die Studie keinen Zusammenhang zwischen Horrortrips und demografischen Faktoren oder bestehenden psychischen Erkrankungen bei den Betroffenen oder deren Familie feststellen.

"Diese Vorfälle sind so selten, dass wir nicht wirklich wissen, welche Faktoren signifikant dazu beitragen", sagt May. "Es steht bislang nur fest, dass Menschen mit Schizophrenie längere Reaktionen und schlimmere Folgen haben können." Trotzdem zeigen die Erfahrungen, die er und andere Forscher gemacht haben, die in sogenannten Harm-Reduction-Anlaufstellen auf Musikfestivals arbeiten, dass man besser etwas zu vorsichtig an die Sache herangeht.

"In diesen Fällen kennen wir die Krankenakte eines Betroffenen nicht", sagt May. "Jemand, der entweder selbst an Schizophrenie erkrankt ist oder Fälle in der Familie hat, besucht so ein Festival, nimmt eine psychedelische Droge und durchlebt eine psychotische Episode, die nicht mehr aufhört. In unseren Studien sortieren wir dementsprechend Menschen aus, die in der Vergangenheit Psychosen oder Schizophrenie erlebt haben. Das ist mitunter das Wichtigste."

Leider wird der genaue Zusammenhang zwischen Pilztrips und psychischen Zusammenbrüchen auch in absehbarer Zeit ungeklärt bleiben. Wie es in der Global Drug Survey allerdings heißt, werden Konsumenten selten aufgrund bedrohlicher Psilocybinkonzentrationen im Blut ins Krankenhaus eingeliefert. Die meisten tödlichen Vorfälle scheinen viel mehr das Resultat einer gefährlichen Umwelt, negativer Reaktionen im Zusammenhang mit bestehenden psychischen Problemen oder des Mischkonsums von Psilocybin mit anderen Substanzen zu sein.

Darüber hinaus ist die Untersuchung solch negativer Reaktionen nach wissenschaftlichen und nicht zuletzt auch ethischen Maßstäben schwierig, da Laborbedingungen die Wahrscheinlichkeit eines Horrortrips signifikant verringern. "In modernen Laborstudien bekommen vorab gründlich untersuchte Freiwillige Psilocybin unter der ständigen Beobachtung geschulter "Helfer" oder "Aufpasser" verabreicht, die nur dafür da sind, die Patienten zu beruhigen oder ihnen zu helfen, wenn sie eine unangenehme Erfahrung durchmachen", sagt Jesse. "Nichtsdestotrotz weist der aktuelle Kenntnisstand darauf hin, dass jeder mit einer persönlichen Geschichte der Schizophrenie oder manischen Depressionen keine Psychedelika nehmen sollte."

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