Ich habe einen Monat lang auf Fleisch, Alkohol, Drogen, Gluten, Milch, Zucker und Orgasmen verzichtet

Durch meine Askese wollte ich zu einem besseren Menschen werden. Spoiler: Es hat nur bedingt geklappt.

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09 Juni 2017, 2:13pm

Alle Fotos: bereitgestellt vom Autor

Der Bergsteiger George Mallory hat mal gesagt, dass Menschen Berge wie den Mount Everest besteigen wollen, weil sie halt da sind. Leider haben Mallory und seine Kollegen damals Anfang des 20. Jahrhunderts schon alle natürlichen Herausforderungen gemeistert. Deshalb müssen wir uns als nachfolgende Generation eigene Hürden einfallen lassen, die es im Namen des menschlichen Geists zu überwinden gilt.

Eine moderne Willensprüfung, die sich immer größerer Beliebtheit erfreut, ist die 30-Tage-Detoxkur. Dabei geht es darum, einem bestimmten Laster (zum Beispiel Alkohol oder Zucker) temporär abzuschwören und zu schauen, wie sich das auf Gewicht, Energielevel und Stimmung auswirkt.

Auch ich will herausfinden, wie viel in mir steckt. Aber nur ein, zwei oder drei meiner Laster abzulegen, reicht mir nicht aus. Wenn ich meinen persönlichen Mount Everest bezwingen will, darf ich keine halben Sachen machen. Also entschließe ich mich, auf Fleisch, Milch, Gluten, (zugefügten) Zucker, Koffein, Alkohol, Drogen, Sex und Masturbation zu verzichten. So viele Einschränkungen erfordern viel Disziplin, aber ich bin bereit, mich der Herausforderung zu stellen.


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Bevor ich meine Reise antrete, informiere ich mich bei zwei Ernährungswissenschaftlerinnen, ob mein kalter Entzug irgendwelche Gesundheitsrisiken birgt. Luisa Sabogal sagt, dass ich nichts zu befürchten habe, wenn ich genügend von Hülsenfrüchten stammende Proteine, täglich eine Multivitamintablette und viele bunte Mahlzeiten einnehme. Außerdem weist sie mich an, viel zu trinken: "Ich bin ein großer Fan von ganz normalem Wasser", sagt Sabogal. "Mehr braucht man nicht, keine alkalischen Zusätze, Elektrolyten und so weiter." LeeAnn Weintraub, die zweite Ernährungswissenschaftlerin, hat diesen Ratschlägen nichts hinzuzufügen.

Am Abend vor meinem befristeten Lebenswandel decke ich mich mit Lebensmitteln ein, esse in einem BBQ-Restaurant und bringe mit meiner Freundin noch mal das Bett zum Wackeln. Ich komme mir vor wie ein Soldat, der am nächsten Tag in den Krieg zieht.

Mein letztes Mahl

Tag 1: Mein Tag beginnt auf der Waage (86,1 Kilogramm) und mit einem einfachen Obstfrühstück.

Die erste Welle des Unwohlseins trifft mich dann aber schneller und härter als erwartet. Mein Körper vermisst die tägliche Dosis Kaffee und Energy-Drinks. Als ich mich so durch den Tag schleppe, komme ich mir wegen meiner lustlosen und gereizten Stimmung vor wie ein großes Baby.

Abends bereite ich mir ein bisschen Gemüse mit Quinoa zu. Dabei werden mir zwei Dinge klar: Zum einen verbrauchen hungrige Typen wie ich schnell eine große Menge Grünzeug und zum anderen macht es auch mit einer Mission keinen Spaß, nur für eine Person zu kochen.

Ist pesto-ähnlicher Stuhl typisch für eine glutenfreie, vegane Ernährung?

Tag 2: Zwar läuft dieser Tag besser, aber durch meine mentale Müdigkeit kann ich mich auf nichts konzentrieren. Ich setze mich vor meinen Laptop und starre gefühlt stundenlang auf den Bildschirm, ohne auch nur ein einziges Wort einzutippen. Ich bin nicht mal in der Lage, mich durch meinen Twitter-Feed zu scrollen oder irgendwie anders zu prokrastinieren.

Übrigens: Es überrascht mich wirklich, wie schnell sich die Konsistenz meines Kots verändert. Ist pesto-ähnlicher Stuhl typisch für eine glutenfreie, vegane Ernährung?

Tag 3: Als ich das letzte Mal glutenfreies Brot probiert habe, war es noch nicht so lecker. Zum Glück kann ich mir mittlerweile morgens ein paar verdammt gute Avocado-Toasts zubereiten.

Tag 4: Mein Verlangen nach Koffein scheint sich gelegt zu haben. Ich wache mit mehr Energie auf denn je und schaffe es direkt aus dem Bett, anstatt wie sonst unzählige Male den Snooze-Button zu drücken und erstmal meine Social-Media-Feeds zu checken. Ich gehe zum ersten Mal seit Beginn meines Experiments einkaufen und bin tatsächlich weniger dazu verleitet, ungesundes Zeug in meinen Einkaufskorb zu legen.

Tag 5: Furzen eigentlich alle Veganer rund um die Uhr oder legt sich das irgendwann wieder?

Tag 6: Ich finde eine alte Packung Adderall in meinem Rucksack – ein Mittel zur Konzentrationsförderung, das für viele Autoren in den USA zur Standardausrüstung gehört. Ich muss mir für diesen Monat jedoch einen neuen Weg suchen, mit knappen Deadlines klarzukommen.

Eine örtliche Saftbar verkauft ein leistungssteigerndes Produkt namens "Brain Dust" und vermarktet das Ganze folgendermaßen: "Eine erleuchtende und essbare Mischung, die dich mit dem mächtigen kosmischen Flow in Einklang bringt". Ich kaufe eine Einzelpackung, um den Berg Arbeit angreifen zu können, der sich in den unproduktiven ersten Tagen ohne Koffein angesammelt hat.

Nachdem mir ein befreundeter Arzt die Harmlosigkeit von Brain Dust bestätigt hat ("pflanzlicher Hokus-Pokus, aber ungefährlich"), schütte ich das optisch und geschmacklich an Dreck erinnernde Pulver in Mineralwasser. Ich kann anschließend nicht wirklich sagen, ob Brain Dust nun noch etwas anderes getan hat, als mein Getränk zu ruinieren. Deshalb beschließe ich, die kommenden Wochen auf den Hirn-Booster zu verzichten.

Der Avocado-Dip macht mir Hoffnung.

Tag 7: Mein sexuelles Verlangen könnte mir zum Verhängnis werden. Vor meinem Verzicht holte ich mir früh morgens ab und zu verschlafen einen runter, um in den Tag zu starten. Jetzt wache ich jeden Tag mit einem immer steiferen Penis auf, der während des Schlafs irgendwie seinen Weg in meine Hand gefunden hat.

Besorgt setze ich alle Hebel in Bewegung, um jeglichen Anflug einer Erregung schon im Keim zu ersticken: Beim Duschen benutze ich nur noch einen rauen Schwamm, im Alltag trage ich nur noch kratzige Baumwollunterwäsche und ich achte aufmerksam darauf, dass meine Hände nicht aus Versehen auf meinem Schritt ruhen.

Tag 9: Es ist an der Zeit, den eigenen Kochlöffel links liegen zu lassen und außerhalb zu essen. Zum Glück wohne ich in Los Angeles, wo es kein Problem ist, ein Restaurant zu finden, das zu meinem neuen Lifestyle passt. Dabei wird mir bewusst, wie sehr sich die vegane und glutenfreie Ernährung weiterentwickelt hat, seitdem ich mich das letzte Mal damit beschäftigt habe.

Ach ja, ich nehme mir Steel Panthers Glamrock-Hymne "Eatin' Ain't Cheatin'" zu Herzen und entscheide, dass Cunnilingus nicht gegen die Regeln verstößt.

Tag 10: Ich bereite abgefahren leckere Guacamole zu, die ich mir mit Salsa und Maischips reinfahre. Wie im siebten Himmel! Ich war emotional nicht darauf vorbereitet, geliebte Speisen aus meiner alten Ernährungsweise einfach so übernehmen zu können. Der Avocado-Dip macht mir Hoffnung.

Tag 12: Zwar habe ich mich eine Weile frischer und gesünder gefühlt, aber damit scheint es vorbei zu sein. Heute falle ich zum zweiten Mal hintereinander in ein richtig tiefes Nachmittagsloch. Mein Essen kommt mir nur noch zweckmäßig vor, es schmeckt mir kaum mehr.

Tag 14: Die erste Woche war die Hölle, die zweite ging hingegen wie im Flug vorbei. Mit mehr Routine und weniger Anstrengung beim Zubereiten von zulässigen Gerichten und beim Kampf gegen die Versuchung dreht sich in meinem Leben nicht mehr alles nur noch um dieses Projekt. Nein, es gehört ab jetzt einfach dazu.

Tag 16: Ich will mich selbst auf die Probe stellen und gehe deswegen mit ein paar Freunden in eine Bar. Während sich der Rest mit Soju vergnügt, nippe ich an meinem Mineralwasser. Für meine Enthaltung ernte ich entweder Bewunderung oder Mitleid. Dabei verspüre ich gar kein Verlangen, ebenfalls Alkohol zu trinken. Ein Erfolg?

Zumindest oberflächlich verändert mich mein Verzicht zum Besseren, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dabei einen Teil meiner Persönlichkeit zu verlieren.

Tag 21: Wie zu erwarten war, denke ich immer öfter darüber nach, die Regeln zu brechen. OK, vielleicht eher auszureizen. Eine Mahlzeit ist an sich zwar glutenfrei, kann aufgrund der Herstellung oder Verpackung aber Spuren von Gluten enthalten? Ich habe keine Allergie, also immer her damit. Irgendjemand in der Runde kifft? Ich habe kein Problem mit etwas Passivrauch. Ich meine, es gibt in Israel ja auch eine ganze Industrie, die sich damit beschäftigt, die Regeln des Sabbath zu umgehen.

Tag 22: Eigentlich dachte ich, meine Libido unter Kontrolle zu haben. Diesen Morgen wache ich jedoch neben einem unmissverständlich eingesauten Taschentuch auf. Entweder sollte ich meine Türen mit neuen Schlössern ausstatten oder ich habe im Schlaf masturbiert. Ich werte die Sache mal nicht als Regelverstoß.

Tag 24: Beim Einbiegen auf die Zielgerade befinde ich mich im Autopilot-Modus. Ich ging eigentlich davon aus, dass mich der Gedanke an meine baldige Freiheit zu Jubelsprüngen animieren würde, aber an sich bin ich ziemlich entspannt.

Weil meine Liebe für Taco Bell kein Geheimnis ist, machen mich einige Bekannte auf die neue Tortilla-Chicken-Kreuzung aufmerksam und wollen wissen, ob das meine erste Mahlzeit im neuen Monat sein wird. Überraschenderweise kann ich das nicht sagen. Zumindest oberflächlich verändert mich mein Verzicht zum Besseren, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dabei einen Teil meiner Persönlichkeit zu verlieren.

Tag 27: Ich schau bei einem Kumpel vorbei und seine Freundin, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, sagt mir, dass ich sichtlich abgenommen habe. Die meisten Menschen hätten mich zwar schon vor diesem Monat als "fit" bezeichnet, aber nachdem sich die Jahre in L.A. doch etwas auf meinen Körper ausgewirkt haben, koste ich das Kompliment für den Rest des Tages voll aus.

Tag 29: Als ich den vergangenen Monat Revue passieren lasse, kann ich nicht verneinen, dass sich mein Körper agiler und mein Verstand schärfer anfühlt. Meine Kreativität, mein Charme und meine Eigenheiten scheinen jedoch abgenommen zu haben. Durch manche Antidepressiva fühlt man sich nur noch wie ein Schatten seiner selbst. So ähnlich hat mein neuer Lifestyle meine Persönlichkeit abgestumpft.

Tag 30: Das Ende ist gekommen. Ich dachte ja, mich wie am letzten Schultag vor den Sommerferien zu fühlen, aber stattdessen ist alles wie immer. Mir läuft beim Gedanken an meine zukünftigen Mahlzeiten und Alkoholexzesse nicht das Wasser im Mund zusammen. Abgesehen von der Sexregel habe ich nicht das Verlangen, endlich wieder in alte Muster zurückzufallen. Ich frage mich, ob George Mallory kurz vor dem Berggipfel ebenfalls eine solche Gleichgültigkeit verspürt hat.

Der Vorher-Nachher-Vergleich

Epilog: Wie lange ich meinen disziplinierten Lebensstil wohl weiterführen könnte? Mich weiterhin komplett vegan zu ernähren, kommt nicht in Frage. Was ich aber auf jeden Fall durchziehen kann: meinen Fleischkonsum einschränken und nur noch in Gesellschaft schwere Mahlzeiten essen. Solo-Fressgelage sind ab jetzt tabu.

Alkohol und Drogen wandern ab jetzt ebenfalls in die "Manchmal und auch nur in geselligen Runden"-Kategorie.

Mein Verlangen nach Süßigkeiten scheint komplett verflogen zu sein. Ich glaube aber, dass es in Zukunft ab und an zurückkommen wird.

Ach ja, Gluten steht ab jetzt wieder auf meinem Speiseplan. Wenn man keine Allergie hat, ist ein Verzicht nämlich sinnlos, ja vielleicht sogar schädlich.

Ich arbeite oft in Cafés und der Kaffee ist dort zum einen meine Bleibeberechtigung und zum anderen mein Treibstoff. Ohne Koffein zu leben, scheint mir deswegen eher unmöglich. Dennoch will ich mich ab jetzt auf zwei Tassen pro Tag beschränken. Energy-Drinks lasse ich in Zukunft links liegen.

Ein Blick auf die Waage verrät mir, dass ich durch meinen Verzicht knapp sieben Kilo verloren habe. Sehr gut. So wenig habe ich das letzte Mal während des Studiums gewogen.

Vielleicht war alles für die Katz. Vielleicht nehme ich wieder zu. Mir egal, ich bin mit allen möglichen Szenarien zufrieden.

Natürlich will ich einen solchen Erfolg auch gebührend feiern. Und wie kann ich besser herausfinden, ob meine Veränderungen bleibend sind, als meinen alten Versuchungen zu frönen?

Also lasse ich es an meinem ersten Tag in Freiheit richtig krachen. Ich kippe mir unzählige Wodka-Shots hinter die Binde, trinke ein Red Bull nach dem anderen, lasse die Bong blubbern und habe Sex mit meiner übermenschlich geduldigen und verständnisvollen Freundin. Und das alles noch vor dem Abendessen, das in einem fleischlastigen Restaurant stattfindet. Meine Bestellung gleicht einer sadistischen Rache gegen das Tierreich wegen des ganzen Grünzeugs, das ich mir in den vergangenen vier Wochen geben musste. Ich schlage wirklich über die Stränge: Foie gras, Kalbszunge und Rindermark füllen meinen Magen und ich wirke beim Essen immer weniger wie ein Mensch. Mein fleischfressender Mr. Hyde übernimmt die Kontrolle und ich glaube, dass meine Augen wie in einem Zombiefilm plötzlich blutunterlaufen sind. Aufgrund des Alkohols klappe ich irgendwann zusammen.

Als ich am darauffolgenden Morgen aufwache, muss ich feststellen, dass ich mich trotz des Hedonismus des vergangenen Abends nicht mehr nach meinem alten Lebensstil sehne. Im Laufe des Tages habe ich tatsächlich nur Lust auf einen herzhaften Salat. Selbst das dazu gereichte Brot rühre ich nicht an.

Die Zukunft wird zeigen, ob mein neues Konsum- und Ernährungsverhalten Bestand haben wird oder ob ich mich dem Druck von schnellen Mittagspausen und den Versuchungen meines Lifestyles wieder beugen werde. Vielleicht war alles für die Katz. Vielleicht nehme ich wieder zu. Mir egal, ich bin mit allen möglichen Szenarien zufrieden. Jetzt genieße ich erstmal, dass mir Fastfood-Werbungen und GIF-Rezepte nichts anhaben können und ich mich weniger wie ein Sklave meiner alten Gewohnheiten fühle.

Diese Tortilla-Chicken-Kreuzung von Taco Bell werde ich trotzdem bald probieren.

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