Gewalt gegen Frauen

Diese Frauen trifft der Notstand in Frauenhäusern am härtesten

Wer Gewalt erfährt, braucht Schutz. Doch der ist nicht immer gesichert. Wenn du studierst, eine Behinderung hast oder transsexuell bist, lehnen Frauenhäuser dich eher ab.

von Maria Christoph
15 August 2018, 1:22pm

Wenn kein Platz ist, bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als weiterzuziehen | Foto: imago | Seeliger

"Wir haben keinen Platz!", diesen Satz hat Ruth Syren in ihren 20 Jahren in einem Mannheimer Frauenhaus oft gesagt. Sagen müssen. "Ein Polizeibeamter hat mir mal vorgeschlagen, ich könne die Frauen ja mit zu mir nach Hause nehmen", sagt Syren, "die Idee fand ich nicht wirklich gut." Die Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Heckertstift des Caritasverbands hat Frauen gesehen, die verprügelt worden sind, die Messerstiche am ganzen Körper hatten, deren Kinder die Gewalt miterlebt haben. Einer Frau abzusagen, sei nicht nur schwer mit dem Gewissen zu vereinbaren, "für die Frauen bedeutet das Vertrauensverlust, sie denken, ich glaube ihnen nicht". Eine misshandelte Frau werde von ihrer Umgebung nicht als solche wahrgenommen – eher übersehen. "Wenn dann noch jemand sagt 'Wir haben keinen Platz für Sie!', muss das unerträglich sein."

Viele Frauenhäuser in Deutschland sind voll besetzt, vor allem in ländlichen Regionen fehlen Plätze, Mitarbeiterinnen sind überfordert mit dem Andrang, haben wenig Zeit, sich um Alternativen für abgelehnte Frauen zu kümmern. Frauenhäuser sind Ländersache. Manche Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg haben sich aus der Finanzierung der Frauenhäuser zurückgezogen, diese sind dann angewiesen auf die sogenannte Einzelfallfinanzierung: Die Kosten werden zusammengerechnet und auf die Frauen aufgeteilt. Wer sich seinen Platz selbst nicht leisten kann, ist auf Sozialhilfe angewiesen. Die Anträge dafür zu stellen, ist kompliziert und dauert lange. Einige Häuser nehmen deshalb nur Frauen auf, deren finanzielle Situation klar geregelt ist.

Wer studiert – wird abgelehnt.
Wer ein mittleres Einkommen hat – wird abgelehnt.
Wer EU-Bürgerin ist und noch keine fünf Jahre in Deutschland lebt – wird abgelehnt.
Wer Asylbewerberin ist oder Migrantin, der Papiere fehlen – wird abgelehnt.

Auch in Ruth Syrens Frauenhaus ist die Finanzierung so geregelt. "Eigentlich muss ich immer zuerst fragen, wie sich eine Frau finanziert", sagt sie, "aber die Frage möchte ich nicht stellen." Das Frauenhaus ist nur abgesichert, wenn die Frau Betreuung, Essen und Unterbringung selbst bezahlen kann, oder so wenig Geld hat, dass der Staat dies übernimmt. Ein Tag im Frauenhaus kostet zwischen 30 und 100 Euro. Wenn es nur um die finanzielle Situation geht, versuchten ihre Mitarbeiterinnen, vieles möglich zu machen, Spenden zu sammeln oder Notquartiere in der Gemeinde zu finden, sagt sie. Doch die 18 Plätze für Frauen und ihre Kinder sind ohnehin fast dauerhaft belegt.

Hochbetten im Schlafzimmer und eine einfache Einrichtung im gemeinsamen Wohnzimmer
Hochbetten, eine einfache Einrichtung im Wohnzimmer. Notunterkünfte bieten Schutz, keinen Luxus | Fotos: Flora Rüegg

"Die Gruppe an Frauen, die wegen fehlender Finanzierung des Frauenhausaufenthalts abgelehnt werden, ist mittlerweile riesig", sagt Heike Herold, Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung, die die politischen Interessen von 260 Frauenhäusern und 220 Beratungsstellen für gewaltbetroffene Frauen vertritt. Wenn die Frauenhäuser voll sind, gibt es kaum sichere Alternativen, die sich mit der Prävention von Gewalt auskennen. Einmal habe eine Mitarbeiterin in einem Frauenhaus ihr von einer Frau berichtet, die vor dem Anruf bei ihr schon Absagen in sieben anderen Frauenhäusern bekommen hatte.

In Berlin läuft die Finanzierung über den Senat und ist nicht mit Zugangshürden für schutzsuchende Frauen durch die Finanzierung verbunden, doch dort gibt es eine lange Warteliste für Plätze. Und Personengruppen, die eher abgelehnt werden:

Wer süchtig ist oder psychisch krank – wird abgelehnt.
Wer behindert oder pflegebedürftig ist – wird abgelehnt.
Wer transsexuell ist oder lesbisch – wird abgelehnt.


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Was nach strenger Einlasskontrolle klingt, ist in der aktuellen Situation oft einfach nicht anders machbar: Frauenhäuser sind Kriseneinrichtungen, eine verletzte Frau würden die Mitarbeiterinnen nicht einfach gehen lassen. Aber sie versuchen auch, jeder Frau den für sie bestmöglichen Schutz zu gewähren – und das ist den Frauenhäusern nicht immer möglich.

"Für Personengruppen wie Frauen mit Behinderung, Suchtkranke oder psychisch kranke Frauen, lesbische oder transsexuelle Frauen ist es schwierig, geeignete Schutzplätze zu finden", sagt Koordinatorin Heike Herold. "Einrichtungen der Psychiatrie oder der Suchthilfe können den Schutz vor weiterer Gewalt und gewaltspezifische Beratung selten umsetzen", sagt Herold. Behinderte Frauen müssen ein barrierefreies Frauenhaus finden. Davon gibt es wenige, dabei werden überproportional viele behinderte Frauen geschlagen, misshandelt, von ihren Familien und der Gesellschaft verstoßen. Transsexuelle müssen erst gemustert werden. Sie könnten die anderen Frauen äußerlich zu sehr an einen Mann erinnern. Ist das der Fall, fühlen sich viele gestört, wollen sich dort nicht umziehen, fühlen sich nicht sicher.

Doch auch diese Menschen brauchen Schutz.

Jede dritte Frau in Deutschland hat laut einer EU-weiten Erhebung seit dem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren, viele davon beides. Für sie alle gibt es laut einem Gutachten der Bundesregierung von 2012 deutschlandweit etwa 350 Frauenhäuser und 40 Zufluchtswohnungen. Laut diesem Gutachten gibt es in Bremen verhältnismäßig viele Plätze: Auf rund 2.750 Frauen kommt ein Platz. Die wenigsten hat Bayern, dort gibt durchschnittlich einen Platz für knapp 18.770 Frauen. Das Gutachten bestätigt auch, dass vor allem Frauen abgelehnt werden, die eine Behinderung haben, psychisch krank oder suchtkrank sind, oder ohne sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland leben. Nach Angaben der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser können jährlich 18.000 Frauen mit ihren Kindern aufgenommen werden. Genauso viele müssen aber auch abgelehnt werden. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der Linkspartei von Januar 2018 hervor.

Auf einer Pinnwand hinterlassen Frauen ihre Botschaft an die Notunterkunft
Die Hoffnung der Frauen auf einem Stück Papier: "Nie wieder weggeschickt werden" | Fotos: Flora Rüegg

Die Situation spitzt sich mit der aktuellen Wohnungsmarktsituation weiter zu. Anfang des Jahres habe Ruth Syren auf die zentrale Liste der Frauenhäuser geschaut, die zeigt, wo ein Platz frei ist, und geschluckt: "Da stand in der Spalte für freie Plätze von oben bis unten die Zahl 0", sagt sie, "weder in Baden-Württemberg noch in Nordrhein Westfalen oder Hessen war ein Platz frei. Und wir können die Frauen ja auch nicht wie ein Paket hin- und herschicken." Die Plätze in pauschal finanzierten Zufluchtswohnungen werden geringer, "weil die Frauen länger in den Notunterkünften bleiben als gedacht", erklärt Syren. Weil es länger dauert, eine Wohnung für sie zu finden, damit sie nicht zurück zum Partner oder in die Nähe des Täters müssen.

Die meisten Frauen, die in einer Notunterkunft Schutz suchen, haben keinen Kontakt mehr zu Freunden und Familie, sagt Syren. Viele würden unterschiedlichste Probleme mitbringen wie Schulden, psychische Probleme, sie waren vom Partner sehr abhängig und benötigten deswegen mehr Betreuung und Zeit, die die Mitarbeiterinnen oft nicht haben. Oft habe der gewalttätige Partner dafür gesorgt, dass sie keine sozialen Kontakte mehr haben. Im schlimmsten Fall bleiben die Frauen dann in dessen Nähe oder ziehen so weit weg, dass sie Job und Kitaplatz verlieren. Das momentane Hilfesystem für Frauen, die Gewalt erlebt haben, nimmt nicht alle Frauen auf. Es existiert kein Rechtsanspruch auf Hilfe bei Gewalt, beklagt Gesa Birkmann von der Organisation Terre des Femmes. "Aufgrund von Victim Blaming wird in Deutschland Gewalt gegen Frauen zu oft nicht als Menschenrechtsverletzung und strafbare Handlung angesehen."

Was passiert mit den abgewiesenen Frauen?

Seit Februar ist die Istanbul-Konvention des Europarats in Kraft. Deutschland hat sich durch die Unterzeichnung auf europäischer Ebene verpflichtet, sich stärker für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen einzusetzen. Eine unabhängige Gruppe von Expertinnen und Experten soll überprüfen, ob das eingehalten wird. In der Konvention steht unter anderem, dass pro 10.000 Einwohnern ein Familienplatz im Frauenhaus bereit stehen muss. Bisher kommt im Schnitt auf 15.000 Einwohner ein solches Zimmer. Laut Familienministerium werden am 18. September Vertreterinnen der betreffenden Bundesministerien, kommunaler Verbände und NGOs zu einem Runden Tisch zusammenkommen, der über den Ausbau und die finanzielle Absicherung von Frauenhäusern diskutieren wird.

Mit dem Täter am Küchentisch der WG frühstücken zu müssen, kann man sich nur schwer vorstellen. Auch die Krisenberaterin Carola Klein konnte das nicht, als ihr eine asiatische Austauschstudentin von ihrem Problem erzählte. Klein arbeitet bei der Berliner Beratungsstelle LARA, im vergangenen Jahr haben sich über 3.500 Frauen bei ihr und ihren Kolleginnen gemeldet. Die Gewalt, die die Frauen erlebt haben, ist meist sexualisiert. Zehn bis zwanzig Frauen und Mädchen sitzen ihr jeden Tag gegenüber oder lassen sich am Telefon beraten. Seit der Reform des Sexualstrafrechts – Stichwort "Nein heißt Nein" – und durch Bewegungen wie #MeToo habe sich die Zahl derer, die sich bei Beratungsstellen wie LARA melden, linear gesteigert. "Das ist ein gutes Zeichen", sagt Klein, doch die Geschichten seien nicht weniger schlimm. Die meisten Betroffenen seien zwischen 25 und 48 Jahre alt und lassen sich in drei Gruppen einteilen: Es melden sich nicht nur Frauen, die von Fremden oder Partnern sexuell angegriffen worden sind, sondern auch jene, die sogenannte "Date-Rapes" durch Bekannte oder Menschen aus ihrem Berufsumfeld erlebt haben. "Wir wollten, dass der Täter umzieht. Das Studentenwerk wollte aber, dass die Austauschstudentin umzieht", erzählt Klein. "Das wollte sie nicht, natürlich, sie hatte sich gerade erst ihre sozialen Kontakte aufgebaut." Gerade Frauen und Studentinnen aus nicht-westlichen Ländern würden ihre Rechte in Deutschland nicht kennen, finden alternative Hilfsangebote oder einen sicheren Platz für die Nacht nur schwer.

So wie die Notunterkunft "Evas Obdach". Wenn keine andere Option mehr bleibt, öffnet Sozialarbeiterin Natalie Kulik die Tür. Bei "Evas Obdach" ist es egal, ob eine Frau Schulden hat oder ein psychisches Problem. Kulik fragt nicht, ob die Frauen anschaffen gehen, trans sind oder lesbisch, ob sie gerade aus dem Studentenwohnheim geflohen sind oder aus der Flüchtlingsunterkunft. "Bei einem aktuellen Fall ist die Vergewaltigung noch das geringste Problem", erzählt sie. Die Unterkunft finanziert sie durch Spenden. Um dort einen Platz für die Nacht, 14 Tage oder bei angefangener Therapie sogar für ein paar Monate zu bekommen, reicht es aus, Schutz zu suchen – niemand muss sich dafür rechtfertigen oder um die Kosten kümmern. Manchmal wird Natalie Kulik von Frauenhäusern kontaktiert, ob bei ihr noch Platz sei.

Natalie Kulik leitet die Notunterkunft
Natalie Kulik vermittelt einen Schlafplatz und Hoffnung an die Frauen | Fotos: Flora Rüegg

Notunterkünfte wie ihre sind zur notwendigen Alternative geworden – denn was bleibt, wenn alle Frauenhäuser voll sind? Gemischte Obdachlosenunterkünfte könnten Frauen keinen optimalen Schutz bieten, sagt auch Gesa Birkmann von Terre des Femmes. Wenn eine Frau den Weg zu einer Unterkunft auf sich nimmt, weil sie Gewalt erfahren hat, ist die Gefahr hoch, dass ihr wieder etwas passieren könnte, sagt Birkmann. Deswegen seien diese Schutzräume wie Frauenhäuser und eine rechtliche Garantie auf Hilfe so wichtig.

Von den Hochbetten in "Evas Obdach" schaut man direkt auf die blütenweißen Kopfkissen des Hotel de Rome. Die Notunterkunft für Frauen liegt schräg gegenüber dem Fünf-Sterne-Hotel in Berlin-Mitte, zwischen Staatsoper und Gendarmenmarkt. Während im Hotel de Rome teure Luxus-Suiten leer bleiben, muss die Sozialarbeiterin Natalie Kulik jeden Tag bis zu sechs Frauen wegschicken. Ihre zehn Betten waren zuletzt immer belegt.

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