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Was passierte, als wir auf Facebook falsche Likes gegen Bezahlung verteilten

Wer kauft sich auf Facebook Likes und Kommentare? Um das herauszufinden, gab es nur eine Möglichkeit: Wir mussten uns selbst die Hände schmutzig machen.

von Johannes Hausen und Caspar Clemens Mierau
05 September 2017, 9:27am

Bild: Shutterstock

"Ha, endlich preiswerte Farbe – passend zum Umzug!" – in höchstens Tönen loben wir einen Baumarkt, den eigentlich niemand in unserer Redaktion kennt und der mitten in der Mecklenburger Provinz liegt. Unser wohlwollender Kommentar auf der Facebook-Seite des Ladens, den wir wohl nie betreten werden, verrät nicht, dass wir bis dato nicht mal von der Existenz des 4.500-Einwohner-Kaffs wussten, in dem der Baumarkt seine Hämmer verkauft.

Für unseren Kommentar werden uns umgehend 15 Punkte auf FacebookTausch24 gutgeschrieben. Punkte, die wir später in echtes Geld eintauschen können. Auf der Plattform kann sich jeder mit seinem Facebook-Account einloggen, um falsche Likes und Kommentare zu verteilen. Ein paar Klicks und schon mischen wir in der Welt der Fake-Follower und Desinformation mit. Kunde kann jeder werden, der dafür bezahlt: 100 Likes gibt es hier schon für 9,99 Euro, ein gefaketer Kommentar kostet den Auftraggeber 0,40 Euro.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Hinter der Seite steckt der Hamburger Unternehmer Maik Satzer. Neben FacebookTausch24 betreibt er auch die angeschlossenen Plattformen Fan Factory und social-sponsor.com – hier werden Likes, Bewertungen und Kommentare für Facebookseiten verkauft. Aus seinen Dienstleistungen macht Satzer dabei keinen Hehl. Im Gegenteil: In einem TV-Beitrag von ZDF Zoom wird er sogar mit der Aussage zitiert, selbst politische Parteien würden seine Dienste in Anspruch nehmen.

Wir wollen allerdings nicht einen Facebook-Auftritt mit gekauften Likes boosten, sondern mit einem Experiment die andere Seite kennenlernen: Wie ist es, selbst Like-Arbeiter zu sein und sich auf FacebookTausch24 die Hände schmutzig zu machen? Wie viel Geld verdient man mit diesem dubiosen Job, wie läuft die Arbeit und lohnt es sich wirklich, für Geld ein paar Klicks abzugeben?

FacebookTausch24 offenbart nicht nur, wie einfach es ist, sich gekaufte Likes zu besorgen – das Portal zeigt auch, dass es nicht immer automatisierte Programme sind, die falsche Likes und Kommentare abgeben. Auch menschliche Nutzer spielen eine Rolle. Ein Aspekt, der bei den Diskussionen um Fake News, Social Bots und falsche Follower oft übersehen wird.

Unsere Recherche hat noch ein weiteres Ziel: Wir wollen versuchen herauszufinden, wer sich überhaupt falsche Likes kauft. Bisher ist so ein Nachweis für Deutschland noch niemandem gelungen. Das Geschäft mit den falschen Likes läuft meist im Verborgenen ab.

Auch Mike Satzer hält als Betreiber des Facebooktausch-Diensts die Informationen über seine Kunden geheim – doch als Like-Arbeiter undercover könnten wir zumindest einsehen, welche Facebook-Präsenz mit gekauften Likes und Kommentaren verfälscht werden soll.

Liken gegen Bezahlung: Unser neuer Job beginnt


Screenshot: FacebookTausch24.de

Der Start ins Like-Business ist denkbar einfach: Einloggen können wir uns auf dem Portal ohne nervige Registrierung direkt mit den Daten unseres Facebook-Accounts. Für die Recherche hat unser Kollege Caspar Mierau vorher extra einen gefaketen Facebook-Account angelegt. Schon auf der Startseite springt uns ein verheißungsvoller Banner entgegen: "Jetzt mit Social Aktionen sofort Punkte verdienen". Als zusätzliche Motivationsspritze schreibt Satzer uns nur fürs Einloggen fünf Punkte gut. Das falsche Liken soll ja Spaß machen!

Im internen Bearbeitungssystem wird mir auf einer sehr spartanisch gestalteten Übersichtsseite wird uns eine kleine Auswahl an "Aktionen" angeboten: Wir können Posts, Videos, Fotos und Fanpages liken, Seiten bewerten, an Events teilnehmen, ab und an auch einen Kommentar hinterlassen.

Vom Intim-Chirurgen bis zur Auto-Partei: "Gefällt mir"-Klicken wie im Rausch

Screenshot: FacebookTausch24.de

Wir verteilen "Gefällt mir"-Angaben auf dem Profil einer Wahrsagerin, eines Bloggers und einer Prepper-Community. Anschließend sagen wir die Teilnahme an Veranstaltungen zu, um die ich im echten Leben wohl einen großen Bogen machen würde: Eine Flirt-Party in Norddeutschland, eine Karnevalsfete in der Eifel, eine 90er-Party in Bremervörde.

Für jede erfolgreiche Aktion wird jeweils eine vorher festgelegte Anzahl von Punkten gutgeschrieben. Warum sich diese auch bei gleichen Aktionen unterscheidet, wird uns nicht klar. Meistens sind es um die 10 bis 15 Punkte einer FacebookTausch24-eigenen Währung.

Diese können die Like-Arbeiter später in Geld umtauschen und sich auszahlen lassen. Wir denken uns: "Wow, 10 bis 15 Cent pro Aktion, das lohnt sich ja!". Wie sich später zeigen wird, hätten wir etwas genauer hinsehen sollen.

Leider kann man auf der Übersichtsseite nicht vorab sehen, welche Art von Inhalten wir liken oder kommentieren soll. Man muss zuerst einer Aktion zusagen und dann einen neuen Browser-Tab mit der entsprechenden Facebook-Seite öffnen.

Hier überraschen uns dann bisweilen skurrile bis unangenehme Inhalte: Eine Praxis für Intimchirurgie will einen Like, aber auch die Initiative "Schweiz zuerst", die von der rechtspopulistischen Schweizer Auto-Partei angelegt wurde. Uns schreit es auf der Seite entgegen: "Spätestens ab dem 20. Oktober 2019. Wir kämpfen dafür!". Da bisher kein weiterer Inhalt auf der Seite zu finden ist, bleibt uns das Ziel des Kampfs schleierhaft. Uns schwant nicht Gutes, aber Job ist Job.

Leider ist es nicht möglich, Inhalte vorab auszufiltern, die man – selbst gegen Bezahlung – nicht unterstützen möchte. Zwar sind unsere Likes nur ein Test, aber auch der hat moralische Grenzen. Wenn ein Thema zu unangenehm ist, lassen sich die hinter pseudonymen Nummern versteckten Anbieter bestimmter Aktionen für zukünftige Anfragen einfach sperren – zumindest in der Theorie. In der Praxis scheint das entweder nicht zuverlässig zu funktionieren, oder manche Anbieter haben mehrere Kundenkonten und tauchen nach einer Weile auch mit ungewollten Anfragen wieder in der Übersicht auf.

Wir tauschen Lebenszeit gegen virtuelle Goldtaler – und sind schnell genervt

Screenshot: FacebookTausch24.de

Sobald wir auf einer frisch geöffneten Facebook-Seite die Tätigkeit durchführen, der wir vorher zugestimmt haben, schließe wir den Tab wieder. Wir kehren zu FacebookTausch24 zurück und lassen die Teilnahme überprüfen. Ein paar Sekunden später meldet das System, dass es die Aktion erfolgreich nachvollziehen konnte und schreibt die Punkte gut.

Oder das System meldet einen Fehler. Das passiert hin und wieder. Manchmal können wir das Problem durch einen weiteren Versuch beheben, manchmal müssen wir aber auch auf die Punkte verzichten. Das nervt auf Dauer. Schließlich investiert man als Like-Arbeiter Zeit, um Geld zu verdienen.

FacebookTausch24 liefert dabei zwar mögliche Antworten, warum die Fehler auftreten, aber oft beschleicht uns das Gefühl, dass die Technik hinter der Webseite einfach nicht sehr ausgefeilt ist.

Unser Profil wird zur Like-Maschine und Facebook wird misstrauisch

Screenshot: FacebookTausch24.de

Trotz der kleinen Probleme und erzwungenen Pausen kann man locker einen ganzen Abend damit verbringen, sich durch die Aktionen zu klicken und Punkte zu sammeln. Nach kurzer Zeit beginnen wir, die eigentlichen Inhalte der Seiten immer weniger wahrzunehmen. Stattdessen verharren wir im konzentrierten Tunnelblick darauf, schnellstmöglich durch die Aktionen zu kommen.

Wir versuchen, so viele Likes wie möglich an einem Abend abzugeben. Doch unserem Optimismus wird ein Riegel vorgeschoben: Immer öfter schickt FacebookTausch24 uns bei unserer immer schneller werdenden Arbeitsroutine in eine Warteschleife: "Führe deine Teilnahmen langsamer durch. Bitte warte noch etwas bis zur nächsten Teilnahme", wird unser Facebooknutzer gebremst.

Das kostet uns jedes Mal wertvolle Sekunden und Nerven. Wir merken, wie wichtig es ist, dass bei einer Klick-Arbeit alles routiniert und störungsfrei abläuft, sonst verliert man wertvolle Zeit und Motivation.

Warum Satzers System aber so penibel darauf Acht gibt, dass die menschlichen Like-Arbeiter keine allzu hohe Geschwindigkeit an den Tag legen, wird uns ein paar Tage später klar: Unser Facebook-Nutzer wird benachrichtigt, dass die Art und Häufigkeit zu liken auffällig sei. Man habe die Likes der letzten 30 Tage gelöscht und der Account sei nun für die nächsten 30 Tage für das Liken von Seiten gesperrt. Anscheinend haben wir hier gerade eine Art Abmahnung erhalten, weil wir in Bot-artiger Geschwindigkeit Likes verteilten.

Screenshot: Facebook

Wir sind positiv überrascht, wie schnell Facebook unsere bezahlte Like-Tätigkeit enttarnt hat. Das passt zur Ankündigung des Unternehmens, das Problem gefälschter Likes ernst zu nehmen. Doch anders als in der Benachrichtigung angekündigt, hat Facebook nicht alle unsere Seiten-Likes der letzten Tage vollständig entfernt.

Von einer generellen "Gefällt mir"-Sperre, die uns am Arbeiten hindert, spüren wir sogar rein gar nichts. Da Facebooks Nachricht einen Rechtschreibfehler enthält ("Bachte"), erweckt die Funktion den Eindruck, etwas hastig gebaut worden zu sein. Wir können jedenfalls einfach munter weiter liken, müssen aber wenig später unsere Identität bei Facebook neu überprüfen lassen. Dass das trotz Fake-Profil erschreckend einfach ist, haben wir vor ein paar Monaten mit diesem Selbstversuch für Motherboard gezeigt.

Überzeugende Fakes sehen anders aus: "Posten Sie positiv und mehr als 6 Wörter"

Screenshot: FacebookTausch24.de

Neben dem bloßen Liken von Inhalten finden sich unter den "Aktionen" immer wieder Events, bei denen man entweder seine Teilnahme zusagen oder zumindest Interesse bekunden soll. Wir fragen uns, wie es eigentlich auf unsere Facebook-Freunde wirkt, wenn wir etwas wahllos in ganz Deutschland Partys zusage, bin aber froh, dass auch hier nur ein bis zwei Klicks notwendig sind und man nicht weiter nachdenken muss. Aber was versprechen sich Veranstalter eigentlich davon, Fake-Zusagen irgendwelcher Menschen zu zeigen?

Aufwändiger wird es, wenn man Posts kommentieren soll. Die Anweisungen dafür sind teilweise recht konkret. Manchmal werden Mindestlänge, der "positive" Tenor und der Hinweis, dass nichts wiederholt werden soll, vorgeben – manchmal aber auch der genaue Wortlaut. Den eingangs erwähnten Baumarkt-Kommentare durften wir sogar frei formulieren.

Unter den Posts merkt man den weiteren Kommentaren an, dass sie wohl größtenteils ebenfalls gekauft sind. Sie ähneln sich in Länge und Sprache und wirken einfach nicht natürlich.

Auf der mittlerweile gelöschten Facebookseite des Baumarkts ähnelten sich die Kommentare schon sehr.

Etwas absurd wird es auf einigen Posts, bei denen der Kommentar wörtlich vorgeschrieben wird, den man hinterlassen soll. Da wird dann immer und immer wieder derselbe Text geschrieben und man braucht keinen schlauen Algorithmus, um zu merken: Das ist Fake. Doch die Inhalte sind auch Wochen später noch da und wir fragen uns: Wem bringt das eigentlich was?

Die magische Marke von 1.000 Punkte ist geknackt und sorgt doch nur für Frust

Nach einigen Abenden nähern wir uns der Marke von 1.000 Punkten. Eigentlich rechnen wir mit knapp zehn Euro, merken aber: Wir haben uns um eine Nullstelle verschätzt. FacebookTausch24 rechnet 1.000 Punkte in gerade mal 1 Euro um. Moment mal, dann erhalte ich pro Aktion nur ein bis zwei Cent? Eine attraktive Bezahlung sieht anders aus. Die Motivation ist dahin.

Ob irgendjemand diese Tätigkeit länger als ein paar Abende aushält – für ein paar Cent und das Risiko, dass das Facebook-Profil geschlossen wird? Wir können es uns kaum vorstellen. Es sei denn, man versteht es als Facebook-Spiel. Im Gegensatz zu Farmville verdient man dann wenigstens noch ein wenig.

Doch vielleicht liegt der eigentliche Trick von FacebookTausch24 auch nicht im Geld verdienen, sondern im "Tausch". Denn die Punkte können nicht nur ausgezahlt, sondern auch gegen eine Like-Buchung getauscht werden. Erst ein paar Abende fleißig liken und kommentieren und dann eigene Inhalte pushen? Dafür wirken die Profile, die mitmachen, nicht professionell genug. Doch oft werden auch private Fotos zum Liken angeboten. Nicht selten mit jungen Männern, die vor Autos posieren.


Ebenfalls bei Motherboard: Totalüberwachung für 150 Euro


Für Satzer ergibt das ein interessantes Geschäftsmodell: Kunden buchen bei ihm Like-Kampagnen, doch diejenigen, die die Arbeit erledigen, verdienen dabei eher bescheiden, als dass sich ein Auszahlen im großen Stil lohnt. So ist die Versuchung für die Like-Arbeiter hoch, die virtuelle Währung gleich im System zu lassen. Für Satzer bedeutet das weniger Ausgaben und ein System, das sich selber trägt. Das wirkt schlau und wahrscheinlich ist Satzer der Einzige, der am Ende wirklich einen Vorteil von FacebookTausch24 hat.

Was am Ende übrigbleibt

Während wir noch überlegen, was wir mit unserem knappen Euro so anstellen, sperrt uns Facebook ein zweites Mal das Profil. Diesmal wohl final. Wir können uns weder bei Facebook, noch bei FacebookTausch24 einloggen. Das sauer verdiente Geld ist wohl dahin. Auch das noch.

Aber was sagt unser Experiment nun über die Diskussionen um gefälschten Like, Desinformation und Manipulation auf Social Media aus? Zunächst einmal zeigt sich, dass falsche Likes und heimliche Stimmungsmache durch Kommentare auf Facebook eben nicht immer durch automatisch gesteuerte Bots betrieben werden. Anders als bei Twitter sind auf Facebook selbst deutlich weniger Bots unterwegs – das liegt unter anderem an den strengeren und effizienteren Maßnahmen, die Facebook gegen Bots ergreift. Das wiederum führt dazu, dass es überhaupt einen Markt für Like-Arbeiter gibt, auf dem auch deutsche Anbieter mitmischen.

Wie groß ist der Markt der Like-Händler?

Wie viel Umsatz tatsächlich in den Geschäftsfeldern Like-Tausch und Like-Handel in Deutschland gemacht wird, lässt sich schwer sagen. Auch die Menge der Like-Käufer ist von außen schwer einsehbar. Mike Satzer behauptet Motherboard gegenüber zwar, mit seinen Diensten Marktführer in Deutschland zu sein und stetig steigende Zahlen sowohl bei Kunden als auch Like-Arbeitern zu verzeichnen – doch genaue Zahlen über Umsatz und die Anzahl der Kunden will er nicht nennen. Unabhängig überprüfen können wir seine Aussagen daher nicht. Klar ist, dass Satzer nicht der einzige Anbieter für gekaufte Likes auf dem deutschen Markt ist. Eine Google-Suche liefert schnell auch andere Unternehmen mit ganz ähnlichen Angeboten, auf denen einzelne User mit ihren Likes Geld verdienen können.

Auch angesprochen auf seine Aussage im ZDF Zoom-Beitrag, gibt Satzer sich bedeckt. Er könne weder bestätigen noch dementieren, dass deutsche Parteien sich über seine Dienste mit Likes oder Kommentaren versorgen. Uns ist während unseres mehrere Tage langen Experiments keine deutsche Partei über den Weg gelaufen.

Wie viel verdient man als Like-Arbeiter?

Aus Sicht des Likes-Arbeiters wird uns aber klar: Reich wird man mit dem Verteilen falscher Likes nicht. Die Klicks können höchstens ein kleines Zubrot sein – und das auch nur, wenn es einen nicht stört, dass die eigenen Freunde sehen können, dass man willkürlich Likes an Wildfremde verteilt und Gefahr läuft, zumindest vorübergehend auf Facebook gesperrt zu werden. Immerhin lernt man durch die Like-Arbeit aber Autofahrer-Parteien, C-Promis und Baumärkte in der mecklenburgischen Provinz kennen, von denen man sonst wohl nie erfahren hätte.