Anzeige
Fußball

Die Nationalmannschaft hat schon seit Jahrzehnten ein Neonazi-Problem

Affenlaute, Hitlergrüße und "Sieg Heil"-Sprechchöre – Seit den 80ern tut der DFB zu wenig gegen seine braunen Fans.

von Benedikt Niessen
05 September 2017, 2:21pm

Deutsche Fans mit Hitlergruß bei der WM 1986 in Mexiko | Foto: imago | Pressefoto Baumann

Freitag in Prag: Deutschland hat das WM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien mit 2:1 gewonnen, die mitgereisten deutschen Fans feiern. Wie immer klatschen sie rhythmisch und rufen "Sieg". Diesmal aber schallt immer wieder ein "Heil" hinterher.

Die deutschen Nationalspieler feiern nicht mit, sie verlassen nach dem Abpfiff sofort das Feld. "Wenn Gesänge mit nationalsozialistischem Hintergrund kommen, gibt es keinen Grund, das noch zu unterstützen und in Kurve zu gehen", erklärte Nationalstürmer Julian Brandt. Die Geschehnisse sorgten für einen riesigen Aufschrei. Die Medienwelt sprach vom "Nazi-Eklat". Das Problem der deutschen Nationalmannschaft mit rechtsgesinnten Fans auf den Rängen ist nicht jedoch neu.

"Die Geschehnisse sind keine Überraschung", sagt Rechtsextremismus-Experte und Fanforscher Robert Claus von der Kompetenzgruppe Fankulturen & Sportbezogene Soziale Arbeit (KofaS) gegenüber VICE. Während die rechtsextremen Fans innerhalb der Liga Gegner sind, können sie sich bei der Nationalmannschaft vernetzen. "Rechte Hooligans fahren seit den 80er Jahren zu Spielen der Nationalmannschaft. Das hat leider Tradition", so Claus. "Reichskriegsflaggen oder Affenlaute gegen schwarze Spieler gehörten in den 90er Jahren in vielen Stadien zur Normalität."

Nach dem brutalen Angriff auf den französischen Polizisten Daniel Nivel bei der WM 1998 und dem erhöhten Sicherheitsinteresse vor der WM 2006 im eigenen Land wurde die rechtsradikale Hooliganszene aus den Stadien zurückgedrängt – ohne aber jemals zu verschwinden.

Noch heute werden Auswärtsfahrten mit der Nationalmannschaft gerne mit Metaphern belegt, die an den deutschen Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg erinnern. Da wird mal das sogenannte "U-Bahn"-Lied gesungen, welches dem Gegner droht, ihn nach Auschwitz zu schicken, oder es werden T-Shirts mit Schriftzügen wie "Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten" produziert. Seit 30 Jahren ertönt auch immer wieder der umstrittene Gassenhauer "Mexico" von der ehemaligen Rechtsrockband Böhse Onkelz bei Gastspielen der Nationalelf im Ausland.

"Auswärtsspiele bieten sich eher an, weil die Sicherheitskräfte das Publikum weniger kennen als bei Heimspielen", so Claus. Zudem werden die Tickets nicht personalisiert vom DFB verkauft, sondern sind einfacher auf dem Schwarzmarkt zu ergattern.

In Prag sollen am Wochenende 200 Hooligans aus Deutschland angereist sein. Sie saßen in einem Bereich neben dem Fanblock und mussten ihre Tickets so nicht über den DFB erwerben. Wie DFB-Präsident Reinhard Grindel erklärte, sei zudem "eine ganze Reihe dieser Leute gewaltsam ins Stadion gekommen, indem sie einen Blocksturm gemacht haben". Einige von ihnen sollen laut Bild-Zeitung zu den rechtsextremen Gruppierungen "Faust des Ostens" und "Hooligans Elbflorenz" gehören, die den Zweitligisten Dynamo Dresden unterstützen. Die sächsische Polizei bestätigte nach einer ersten Sichtung des Bildmaterials aus Prag gegenüber dem MDR, dass sie bislang mindestens 17 Angehörige der Dresdner Fanszene identifiziert hat.

In diesem Block machten sich "Sieg Heil"-Schreihälse breit | Foto: imago | MIS

"Es ist bekannt, dass es gerade im sächsischen Raum zwischen Dresden, Chemnitz und Zwickau eine Kombo von rechten Hooligans gibt, die gerne zur Nationalmannschaft fährt", so Fanexperte Claus. Laut eines von Opposition und Fußballfans kritisierten geheimen Datensatzes der sächsischen Polizei sind in dem Bundesland knapp 600 angeblich gewaltbereite Fußballfans registriert. Die meisten sollen zum Umfeld von Dynamo Dresden gehören, viele auch zum FSV Zwickau. Das stellte sich letztes Jahr nach Kleinen Anfragen an das sächsische Innenministerium heraus.

Auch als bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich deutsche Hooligans mit Reichskriegsflagge und Hitlergruß durch die Innenstadt von Lille zogen, handelte es sich laut sächsischem Innenministerium um Personen der gewaltbereiten Hooliganszene von Dynamo Dresden. Beamte stoppten einige von ihnen an der deutsch-französischen Grenze und erteilten ihnen ein Ausreiseverbot.

Genau diese festgesetzten Fans warnte die Dresdner Polizei auch vor dem Spiel gegen Tschechien mit einem sogenannten Gefährderanschreiben. In diesem Brief wurden insgesamt 27 Personen aus der gewalttätigen Fanszene der SG Dynamo Dresden persönlich aufgefordert, Straftaten beim Spiel in Prag zu unterlassen. Offensichtlich half die Einschüchterung der Polizei wenig. Das zeigte sich schon in der Vergangenheit.

Die 2010 – am 121. Geburtstag von Adolf Hitler – gegründete Gruppe besteht aus Kampfsportlern und begrüßt sich mit Hitlergruß, wie der Spiegel von Ermittlern erfuhr. Schon 2012 erfolgte eine Großrazzia, ein Jahr darauf klagte die Staatsanwaltschaft Dresden fünf mutmaßliche Anführer an. Der Vorwurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung. Doch weil Sachsens Justiz unter Personalmangel leidet, gab es bisher weder einen Prozess noch ein Urteil.

"Eine Gefährderansprache kann kaum wirken, wenn sie gleichzeitig wissen, dass ihr Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung bis heute nicht eröffnet ist", sagt Fanforscher Claus. "Hier gräbt sich der Staat selber das Wasser ab. Die Hooligans begehen weiter Straftaten und wurden bisher nicht belangt."

Allein gegen die in Dresden angeklagten Hooligans wurden seit 2013 mindestens zwölf neue Ermittlungsverfahren eingeleitet, wie die Dresdner Neuesten Nachrichten im Januar berichteten, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung. Ein Teil von FdO war 2016 beim Angriff auf den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz dabei sowie bei einem Überfall auf einen Migranten beim Dresdner Stadtfest, teilte Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) als Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen mit.


Auch bei VICE: Aufstand der Rechten – Unterwegs bei Europas größtem Nationalisten-Treffen


Zwei Tage nach dem Spiel in Prag sagte Bundestrainer Joachim Löw, dass die Hooligans "viel Schande über unser Land gebracht" hätten. Er sprach aber nicht von Neonazis, sondern lediglich von "Chaoten" und "sogenannten Fans". Nationalspieler Mats Hummels äußerte sich deutlicher: "Das sind keine Fans. Diese Leute machen den Fußball selbst kaputt. Deshalb muss man einfach schauen, dass man sie aus dem Stadion rauskriegt." Damit bezieht er sich aber auch auf die "Scheiß DFB"-Rufe der Fans in Prag. Sie geistern schon seit Wochen durch deutsche Fußballstadien.

Was wichtig ist: Zwischen den "Sieg Heil"-Rufen und den "Scheiß DFB"-Sprechchören muss differenziert werden. Auf der einen Seite stehen Neonazis, die seit Jahren die Spiele der Nationalmannschaft für ihre krude Gesinnung missbrauchen. Diese Gruppen haben jedoch nichts mit dem gemeinsamen Protest der deutschen Ultraszenen zu tun, die die stetige Kommerzialisierung des Profifußballs sowie Korruption und die willkürlichen Strafen des DFB kritisieren.

"Etwas mehr Differenzierung wäre schön gewesen, aber es ist gut, dass überhaupt mal ein Spieler etwas sagt", sagt Robert Claus zur Aussage von Hummels.

Aber wie will der DFB in Zukunft gegen das seit Jahrzehnten lodernde rechte Problem in der Fankurve vorgehen? Auf eine Anfrage von VICE reagierte der Verband nicht. DFB-Präsident Reinhard Grindel plädierte im Kicker jedoch dafür, dass europaweit die Ticketvergabe besser kontrolliert werden müsse.

Fan-Experte Robert Claus findet die Reaktion der DFB-Verantwortlich besser, als es noch vor 15 Jahren der Fall gewesen wäre. Im Jahr 2017 finanziert der Verband immerhin rund 60 sozialpädagogische Fanprojekte mit. Doch harsche Worte, die Forderung von personalisierten Tickets und Prävention werden nicht viel ändern. "Eine gut organisierte und teilweise kriminelle Gruppe aus Neonazis und Hooligans erreichst du mit Präventionsarbeit überhaupt nicht mehr", erklärt Claus. "Hier geht es eher darum, Fanszenen gegen Diskriminierung zu stärken und für rechte Symbole zu sensibilisieren."

Der Fußballweltverband FIFA wartet derzeit noch auf einen Bericht zum Spiel in Prag und will dann entscheiden, ob er eine Untersuchung einleitet.

Beim Qualifikationsspiel gegen Norwegen (6:0) am Montagabend in Stuttgart rollte der offizielle Fanclub der Nationalmannschaft ein 70-Meter-Plakat aus. "Gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung – der Fan Club ist bunt und steht hinter der Mannschaft", stand darauf. Ob das in Zukunft auch bei Auswärtsspielen das Motto sein wird, liegt besonders am DFB. Ein erstes Zwischenfazit wird der Verband bei der Weltmeisterschaft 2018 ziehen können. In Osteuropa, wo solche Vorfälle gerade bei Spielen der Nationalmannschaft eine lange Geschichte haben. Für das Turnier haben deutsche Neonazis schon Motto-Shirts mit Hakenkreuzen gedruckt.

Folge Benedikt auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.