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Sex

Fragen, die die Studie zum "Sexualverhalten der Deutschen" aufwirft

Deutschland, wir müssen reden.

von VICE Staff
24 August 2017, 1:26pm

Foto: Pixabay | Pexels | CC0

Männer haben deutlich mehr Sex als Frauen. Und der Großteil der Deutschen hatte schon mal Vaginalverkehr. Das sind die wenig überraschenden Ergebnisse einer im Ärzteblatt veröffentlichten Studie, die sich mit dem Sexualverhalten der Deutschen auseinandersetzt. Insgesamt 2.524 Leute im Alter zwischen 14 und 99 Jahren wurden dazu per Fragebogen zu ihrer sexuellen Ausrichtung, Verhütung und sexuellen Praktiken befragt.

Ziel der Studie der TU Braunschweig, des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens, der Uniklinik Jena und der Uni Hildesheim war es eigentlich herauszufinden, wie man sexuelle Krankheiten eindämmen und besser behandeln kann. Aber natürlich ist es interessant, was die Nachbarn im Bett treiben – oder zumindest Menschen, die theoretisch unsere Nachbarn, Freunde, Bekannte sein könnten. Und die Studie lässt einige interessante Rückschlüsse auf die Einstellung der Deutschen in Bezug auf Sexualität zu. Wir hätten da allerdings noch ein paar Fragen zu den Ergebnissen.

Haben Deutsche Angst davor, offen bisexuell zu sein?

Was vielen bei der Studie als Erstes auffallen dürfte: Sie ist wahnsinnig heterolastig. Bei der Frage nach ihrer sexuellen Orientierung gaben 84 Prozent an, heterosexuell zu sein, drei Prozent identifizierten sich als überwiegend heterosexuell und nur ein Prozent als jeweils homosexuell und bisexuell. Als überwiegend homosexuell sah sich keiner der Studienteilnehmer.

Die restlichen rund zehn Prozent waren womöglich genauso verwirrt wie wir: Vielleicht verstehen wir nichts von wissenschaftlichen Erhebungen, vielleicht hatte jemand zwei Spalten zu viel im Fragebogen angelegt und die mussten dann zwingend mit Antwortmöglichkeiten ausgefüllt werden, aber: Was soll "überwiegend heterosexuell" beziehungsweise "überwiegend homosexuell" überhaupt bedeuten? Wenn jemand nicht nur auf ein Geschlecht steht, warum dann nicht offen dazu stehen, bisexuell zu sein? Was sind dann die sexuellen Begegnungen mit dem nicht-bevorzugten Geschlecht? Ausrutscher?

"Grün ist Lila", ein feministisches Projekt der Grünen, formulierte es mal so: "Bisexuelle Männer sind nicht eigentlich schwul und bisexuelle Frauen nicht eigentlich hetero." Eine bisexuelle Frau bestätigte gegenüber VICE ebenfalls, dass ihre Sexualität "keine Unentschlossenheit, keine Phase" ist, aus der man irgendwann rauswächst. Womöglich sollte dieser Gedanke nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Wissenschaft ankommen.

Wieso konnten nur Männer angeben, aktiven Anal- oder Vaginalverkehr gehabt zu haben?

Ja, wir wissen, wie Penetration funktioniert und dass die meisten Menschen mit Penis sich als männlich identifizieren. Unsere Gesellschaft sollte mittlerweile allerdings auch aufgeklärt genug sein, um zu verstehen, dass es Personen gibt, die mit einem Penis geboren wurden (und somit aktiv andere Menschen penetrieren können), sich selbst aber als Frauen verstehen. Haben ausschließlich Cis-Menschen bei dieser Studie mitgemacht?

Gleichzeitig können auch Frauen mit Vagina aktiven penetrativen Sex haben. Sei es mit Umschnalldildo oder ihren Fingern. Sex geht auch ohne Penis, Leute!


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Ist es immer noch ein Tabu, sich in den Arsch ficken zu lassen?

Klar, Analvekehr ist insofern ein kontroverses Thema, als dass es viele Menschen gibt, die grundsätzlich kein Interesse daran haben. Und das ist OK. Nur weil eine Körperöffnung existiert, muss man nicht zwingend etwas in sie einführen.

Interessant an der Studie ist allerdings, dass sich vergleichsweise viele Menschen nicht dazu äußern wollten, ob sie schon mal anal penetriert wurden. Neun Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen wählten auf die Frage nach passivem Analverkehr die Antwort "keine Angabe". Mit Ja antworteten nur vier Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen.

Dass nur wenige Männer die Frage bejahten, mag auch damit zusammenhängen, dass sich allgemein sehr wenige der Teilnehmer als homosexuell identifizierten. Die Studie macht an anderer Stelle ja auch schon klar, dass Männer wohl nur von anderen Männern penetriert werden können. Bei den vergleichsweise vielen Enthaltungen kann allerdings davon ausgegangen werden, dass es eine gewisse Dunkelziffer an Männern gibt, die durchaus schon passive anale Erfahrungen gemacht haben – sie trauen sich nur nicht, es zuzugeben. Anderen, denen auffiel, dass man ihnen so trotzdem auf die Schliche kommen könnte, haben deswegen vielleicht lieber gleich "Nein" angekreuzt. Das Ganze nennt sich unter Forschern "soziale Erwünschtheit": Menschen sind geneigt, das zu antworten, was die Gesellschaft hören will. Und Studien sollten eigentlich so konzipiert werden, dass Menschen sich sicher fühlen, ehrlich zu antworten. Auch wenn es ihnen peinlich wäre, die Wahrheit laut vor ihren Nachbarn auszusprechen.

Und Analsex sollte 2017 eigentlich niemandem mehr peinlich sein. Wenn der Superheld Deadpool keine Angst davor haben muss, als unmännlich zu gelten, weil er auch mal was im Rektum stecken hat, müsst ihr es auch nicht. Interessante Randnotiz: Ab 30 scheint die Zahl der Männer, die offen dazu steht, sich anal penetrieren zu lassen, dramatisch abzunehmen (von 11,3 auf 6,7 Prozent).

Warum hat niemand nach Orgasmen gefragt?

OK, klar: Wenn es den Forschern nur darum ging, einen Überblick über die Häufigkeit von Sexualpraktiken zu bekommen, um die Verbreitungsmöglichkeiten von Krankheiten besser einschätzen zu können, spielen sexuelle Höhepunkte natürlich eine untergeordnete Rolle. Wäre es aber nicht trotzdem schön gewesen, den Leuten mitzugeben, dass nicht nur das rein Mechanische, sondern eben auch die Befriedigung irgendwie wichtig für ihre Sexualität ist? Gerade bei der Frage, wer wann wie häufig kommt, wäre der Vergleich zwischen Männern und Frauen spannend gewesen.

Schließlich gibt es genug Menschen, die nach wie vor glauben, dass reine Penetration ausreicht, um die meisten Frauen zum Orgasmus zu bringen. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass eine internationale Studie bereits zeigen konnten, dass Frauen beim Sex mit anderen Frauen häufiger kommen als beim Sex mit Männern. Laut derselben Studie gibt es übrigens auch eine "Orgasmus-Lücke" zwischen Männern und Frauen, nach der die Herren der Schöpfung öfter kommen als ihr weibliches Pendant. Das könnte auch die nächste und letzte Frage erklären.

Wieso haben Männer so viel häufiger Sex als Frauen?

Es ist immer ein bisschen traurig, wenn sich bestimmte Klischees bestätigen, aber: Laut der Befragung scheint das männliche Geschlecht wirklich auch das sexuellere zu sein. Rund 33 Prozent der Männer gaben an, im vergangenen Jahr Vaginalverkehr gehabt zu haben. Bei den Frauen waren es nur 25 Prozent. Auch heterosexuellen Oralverkehr hatten Männer deutlich häufiger als Frauen – sowohl aktiv (rund 13 Prozent gegenüber einem Prozent bei Frauen) als auch passiv (elf Prozent gegenüber einem Prozent).

Könnte das wirklich damit zusammenhängen, dass Männer generell einfacher zum Orgasmus kommen als Frauen und deswegen im Zweifelsfall einfach mehr vom Akt haben? Oder hat auch diese Antworthäufigkeit was mit sozialer Erwünschtheit zu tun? Schummeln Männer nicht nur bei der Länge, sondern auch bei Häufigkeit?

Männer haben übrigens nicht nur häufiger Sex verschiedenster Art als Frauen, sie sind insgesamt auch die Bevölkerungsgruppe, die überhaupt offener gegenüber verschiedenen Sexualpraktiken zu sein scheint. Es hatten nicht nur mehr Männer überhaupt schon einmal passiven (56 Prozent) oder aktiven (51 Prozent) Oralverkehr als Frauen (48 beziehungsweise 45 Prozent). Sie hatten laut Studie außerdem häufiger schon einmal aktiven Analverkehr (19 Prozent) als Frauen passiven (17 Prozent).

Bei all den offenen Fragen, bleibt uns zumindest eine Gewissheit: Die Deutschen haben quer durch alle Altersgruppen Sex – egal wie häufig das Bild der vermeintlich sexlosen Millennials beschworen wird.

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