Spiel des Lebens

Deshalb sind Gamer auch nach 21 Jahren noch von 'Half-Life' besessen

Im Gegensatz zu Hochglanz-Spielen wie 'Call of Duty' oder 'Battlefield' ist 'Half Life' einfach hässlich. Trotzdem ist es für viele Gamer nach wie vor der ideale Shooter.

von Elena Schulz
11 Juli 2019, 8:56am

Bild: Press Kit | Half-Life | IGDB

Wer Steam sagt, muss auch Half-Life sagen, denn beides gehört eng zusammen. Steam ist eine digitale Vertriebsplattform, auf der Spiele zum Kauf angeboten werden. Half-Life ist ein Spiel, genauer gesagt ein Ego-Shooter. Beides stammt vom Entwickler Valve, der 1998 seine ersten Schritte in Sachen Spiele-Entwicklung mit Half-Life macht. Während in Deutschland Gerhard Schröder zum Kanzler wird und Berti Vogts die Fußball-Nationalmannschaft bei der WM trainiert, schafft der Shooter die Basis für den späteren Erfolg von Valve.

Half-Life erntete zum Release weltweit Traumwertungen von teils über 90 Punkten, wurde über 50 Mal Spiel des Jahres und wird auch jetzt noch auf der Webseite Metacritic mit 96 von 100 Kritikerpunkten belohnt. Selbst heute, 21 Jahre nach der Veröffentlichung, ist Half-Life nicht vergessen. Im Gegenteil: Der verschollene Nachfolger Half-Life 3 wird von vielen Gamern sehnlichst erwartet. Auf der Webseite Steam Charts spielen monatlich teilweise immer noch über 1.000 Gamer Half-Life. Einige Spieler verbessern Half-Life sogar selbst über Mods. Das sind von Fans erstellte Modifikationen für Spiele, die das Gameplay verändern können oder auch die Grafik verbessern.

Ein paar Modder gehen sogar noch einen Schritt weiter und entwickeln gleich eine zeitgemäße Version des Shooters: Mit Project Lamda und Black Mesa sind aktuell zwei Fan-Remakes in Arbeit, die man teilweise sogar schon spielen kann.

Wer spielt heute noch 'Half-Life'?

Aber warum kann Half-Life auch heute noch bestehen, wo andere, ebenfalls sehr gelobte Spiele, längst vergessen sind? Auf den ersten Blick ist Half-Life heute ein Pixel-Haufen, der neben fast schon realistisch anmutenden Spielen wie Call of Duty oder Battlefield hässlich aussieht. Ist das nicht eher was fürs Museum?

Was Half-Life trotzdem noch attraktiv macht, erzählt Christoph Bujlo. Er hat seine Kindheit in den 80er und 90er Jahren erlebt, wohnt im Herzen des Ruhrgebiets und ist seit dem Release ein riesiger Half-Life-Fan. Weil Half-Life und Retro-Spiele seine große Leidenschaft sind, erstellt er fleißig Mods für sein Lieblingsspiel und betreibt den Youtube-Kanal RETROtastisch rund um Retro-Gaming.

Aber warum ausgerechnet Half-Life? Der Reiz ist für Christoph der Schauplatz des Spiels, ein riesiger Komplex in der Wüste. Die Spielwelt ist verwinkelt, dunkel und voller Gefahren. Dann gibt es noch skurrile Charaktere, gleichförmige Sicherheitsmänner und idiotische Professoren, die dem Spieler ständig im Weg stehen. Und natürlich fiese Soldaten mit einem großen Waffenarsenal, die den Spieler ins Schwitzen bringen. Das Highlight für Christoph sind die bizarren Xen-Aliens. Die haben oft deformierte Körper mit riesigen Köpfen oder vielen Armen.

Ein Shooter für Denker

"Schon die Demo hat mich so geflasht, dass ich mir anschließend Half-Life gekauft habe", sagt Christoph. Davor sei er eher ein Strategie-Spieler gewesen, doch dann führte für ihn kein Weg mehr an Gordon Freeman vorbei.

Gordon Freeman ist der Protagonist in Half-Life. Der Physiker ist kein gewöhnlicher, muskelbepackter Shooter-Held. Als Forscher muss er das Kämpfen erst lernen, nachdem seine Forschungseinrichtung von Außerirdischen überfallen wird. Mit dieser winzigen Hintergrundstory setzt sich Half-Life damals bewusst von reinen Schießbuden wie Quake ab.

"Hallo?! Ich bin Gordon Freeman. Ich musst die Welt retten!"

Eine ernsthafte Story ohne Schnickschnack, Filmsequenzen und kinoreife Inszenierungen hat Half-Life für Christoph auch heute noch vielen Shootern voraus. Christoph erklärt, dass er völlig in die Welt eintauchen konnte, ohne störende Videos oder plötzliche Szenenwechsel. Aktuelle Shooter würden den Spieler viel zu sehr an die Hand nehmen. Half-Life sei anders. Es versuche auch nich, durch pseudo-coole Charaktere Tiefe zu erzeugen. Das Spiel sei sehr zugänglich und trotzdem eine Herausforderung.

"Sobald der Computer anging und ich Half-Life gestartet habe, wurde ich zu Gordon Freeman", erzählt Christoph. "Ich schlich durch Korridore, versteckte mich hinter Kisten und warf zielgenau Granaten." Er habe sich jedes Mal geärgert, wenn Gordon keine Lebenspunkte mehr hatte. Half-Life sei besonders knifflig gewesen, wenn man Horden von Gegnern vor sich hatte, die Lebensanzeige aber mal wieder ganz unten war. Um es noch dramatischer zu machen, erinnert dann eine freundlicher Computerstimme aus Gordons Sicherheitsanzug an die nahende Niederlage. "Meine Güte, manchmal hasste ich diesen Anzug", sagt Christoph.

Für ihn habe es sogar einen ganz besonderen Endgegner gegeben: seinen Computer. Der sei damals nicht besonders schnell gewesen, manche Spielabschnitte ruckelten so sehr, dass er sie kaum spielen konnte. Ein Level war besonders schlimm. Aber Christoph habe es damals unbedingt schaffen wollen. "Hallo?! Ich bin Gordon Freeman. Ich musst die Welt retten!" Zum Glück habe sein Vater irgendwann Mitleid gehabt und ihm eine neue Grafikkarte spendiert.

Mit Mods ist 'Half-Life' auch heute noch schick

Screenshot von Half-Life Escape
'Escape' baut auf dem Hauptspiel auf und fügt mehr Story hinzu | Bild: Mod DB

Natürlich muss auch Christoph zugeben, dass Half-Life heute optisch nicht mithalten kann. Das ist für ihn aber kein Hindernis. Er erzählt uns, dass die Grafik zwar mies sei und man sich das nicht mehr schön reden könne. Allerdings sei es erstaunlich, wie viel Mods aus der betagten Engine noch herauskitzeln können.

Spieler können die Mods aus eigenen Datenbanken wie Mod DB oder Nexusmods herunterladen und installieren. Es gibt online auch heute eine Menge Mods für Half-Life, wie zum Beispiel neue HD-Texturen. HD-Texturen sind Texturen mit HD-Auflösung, wie wir sie von heutigen Computerbildschirmen kennen. Weil die damaligen Texturen eine niedrigere Auflösung haben, wirken sie auf heutigen Geräten unscharf.

Christoph moddet übrigens selbst und ist damit nicht auf die Hilfe anderer angewiesen. Er kann sich Half-Life jederzeit hübscher und auch spielerisch interessanter machen. Für ihn war Modden schon immer ähnlich interessant wie Spielen. In Internetcafés hatte er sich als Jugendlicher fleißig Tutorials angeschaut und zu Hause weiter rumprobiert.


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Schnell war Christoph klar, dass er eine eigene Mod für Half-Life basteln wolle. Von 2001 bis 2003 hat er an "HL Escape 1" gearbeitet und von 2005 bis 2007 an "HL Escape 2", wie er erzählt. In den Mods hat er den Shooter um eine eigene Geschichte nach dem Hauptspiel erweitert. Die Spieler erwarten neue Rätsel und Gefahren, die Christoph ins Spiel integriert hat. Christophs Mods kann man heute immer noch auf Mod DB herunterladen. Das ist eine Datenbank, auf die Fans ihre Mod-Kreationen hochladen können. Spieler auf der ganzen Welt dürfen sie dann herunterladen, für ihre Version von Half-Life installieren und losspielen. Sie hat eine stolze Nutzer-Bewertung von 8,5. Doch Christoph hat sich noch an einem weiteren, noch ambitionierteren Projekt versucht. "Das hat riesigen Spaß gemacht. Haben die anderen gezockt, war ich am Basteln".

Die beliebteste Mod für 'Half-Life' ist selbst ein Shooter-Hit

Ab 2009 hat Christoph an der HL Tactical Espionage Action, gearbeitet, eine Third-Person-Schleich-Mod. "Grafisch habe ich versucht, da alles aus der Engine herauszuholen. Dank besserer Hardware konnte man die Grafikschraube gut nach oben drehen."

Christoph erzählt stolz von seiner Arbeit an Half-Life, wird dann aber etwas wehmütig. Es sei mit der Zeit still in der Community geworden. "Alle sind jetzt älter", sagt Christoph. Ist er der letzte Modder von Half-Life? Nicht ganz. Auch heute erscheinen noch Mods für den legendären Shooter.

Die Anzahl habe abgenommen, erzählt Christoph, aber die Qualität sei besser als früher. Die Modding-Community sei zwar kleiner, aber sehr fleißig. Und natürlich bewundert Christoph die berühmteste Half-Life-Mod aller Zeiten, die nach dem Erscheinen zu einem eigenständigen Spiele-Hit geworden ist: Counter-Strike. Was heute als Prototyp des taktischen Multiplayer-Shooters schlechthin gilt, war am Anfang nichts weiter als eine Half-Life-Modifikation. Wenn Christoph darüber nachdenkt, erzählt er, juckt es ihn schon in den Fingern, wieder zum Editor zu greifen.

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